Kapitel 2

Der Drucker

Der Drucker auf dem Flur des dritten Stockwerks war ein Gerät der Marke Kyocera, Modell FS-4200DN, und er war — nach konservativer Schätzung — der meistgehasste Gegenstand im gesamten Amt für Allgemeine Zuständigkeiten, was insofern eine beachtliche Leistung war, als das Amt über eine beträchtliche Sammlung hassenswürdiger Gegenstände verfügte, darunter ein Locher, der nur jedes dritte Blatt lochte, ein Fenstergriff in Zimmer 308, der sich ausschließlich gegen den Uhrzeigersinn drehen ließ, und eine Mikrowelle im Aufenthaltsraum, die alles entweder auf die Temperatur geschmolzener Lava oder die eines arktischen Wintertages erhitzte, ohne Zwischenstufen.

Der Kyocera FS-4200DN stand in einer Nische am Ende des Flurs, einer Nische, die offenbar für diesen Zweck geschaffen worden war, obwohl die Architekturpläne des Gebäudes sie als »Putzraum« auswiesen. Er war der einzige Drucker für die gesamte dritte Etage, was bedeutete, dass vierundzwanzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus zwölf Büros sich dieses eine Gerät teilten, ein Umstand, der regelmäßig zu Konflikten führte, die in ihrer Intensität an geopolitische Auseinandersetzungen erinnerten, jedoch ohne die Möglichkeit einer diplomatischen Lösung.

Thomas Müller-Hinterberg stand vor diesem Drucker und drückte auf »Drucken«.

Er hatte beschlossen — nach einer schlaflosen Nacht, die er allerdings verschlafen hatte, weil Sachbearbeiter der Besoldungsgruppe A9 ihre Schlaflosigkeit effizient zu gestalten wissen —, dass er die mysteriöse E-Mail ausdrucken musste. Nicht den Anhang, der sich bekanntlich nicht öffnen ließ, sondern die E-Mail selbst: den Betreff, den leeren Absender, die zwei Worte des Textfeldes. Es war, das gab Thomas offen zu, kein übermäßig druckwürdiges Dokument. Aber Thomas gehörte zu jener Generation von Verwaltungsangestellten, die einem Problem erst dann wirklich ins Auge sehen konnten, wenn es auf Papier vor ihnen lag, idealerweise in einem Aktenordner, noch idealer mit einem farbigen Reiter am Rand.

Der Drucker nahm den Auftrag an. Das heißt: Er gab kein Geräusch von sich, das auf eine Ablehnung hätte schließen lassen. Sein Display zeigte »Bereit« an, was bei diesem Gerät allerdings ungefähr so viel bedeutete wie das »Gleich geht’s los!« auf dem Ladeschirm einer Behördensoftware — nämlich nichts Verbindliches.

Thomas wartete.

Dreißig Sekunden vergingen. Eine Minute. Anderthalb Minuten. Der Drucker war bereit. Er war so bereit, dass er vor lauter Bereitschaft offenbar vergessen hatte, auch tatsächlich etwas zu tun.

Thomas drückte erneut auf »Drucken«. Diesmal reagierte die Maschine. Sie begann zu surren, ein tiefes, zufriedenes Surren, das Thomas für einen Moment hoffen ließ. Dann setzte das Klacken ein, jenes rhythmische Klacken, das anzeigte, dass Papier durch das Gerät gezogen wurde. Das Papier erschien im Ausgabefach.

Thomas griff danach.

Es war eine Seite. Aber es war nicht seine Seite. Es war ein Dokument, das den Titel trug: »Protokoll der 47. Sitzung des Arbeitskreises Brandschutzverordnung Süd, 14. März 2024«. Thomas hatte dieses Protokoll weder verfasst noch angefordert noch jemals davon gehört. Es waren drei eng bedruckte Seiten über Feuerlöscherstandorte, Fluchtwegebeschilderung und die Frage, ob der Hinterausgang in Gebäudeteil C links oder rechts aufgehen sollte — eine Frage, die offenbar seit achtzehn Monaten ungeklärt war.

Thomas legte das Protokoll beiseite. Er drückte erneut auf »Drucken«.

Der Drucker produzierte eine weitere Seite. Diesmal war es ein Formular. Thomas betrachtete es. Es trug die Überschrift »Formular zur Beantragung von Verbrauchsmaterialien (Formular 7b — ENTWURF)«. Thomas stockte. Formular 7b. Jenes Formular, das er gestern im Intranet gesucht und nicht gefunden hatte, weil dort nur Version 7a verfügbar war. Und jetzt, hier, unvermittelt, aufdringlich und ungebeten, spuckte der Kyocera FS-4200DN einen Entwurf von Formular 7b aus, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Thomas betrachtete das Dokument genauer. Es war offensichtlich ein alter Entwurf — das Datum in der Fußzeile lautete auf den 23. September 2021. Diverse Felder waren mit handschriftlichen Anmerkungen versehen, die allerdings so klein geschrieben waren, dass Thomas sie nicht entziffern konnte. In der oberen rechten Ecke stand, ebenfalls handschriftlich, ein einzelner Buchstabe: ein »K«. Oder ein »R«. Oder möglicherweise der Anfang eines Wortes, dessen Autor den Stift abgesetzt hatte, bevor er es vollenden konnte.

Thomas faltete das Formular zusammen und steckte es in seine Brusttasche. Er wusste nicht, warum er das tat. Es fühlte sich richtig an, auf die Art, wie es sich richtig anfühlt, bei Gewitter vom Fenster zurückzutreten, auch wenn man sich im Erdgeschoss befindet.

Er wandte sich wieder dem Drucker zu. Ein weiterer Versuch. Diesmal erschien ein Balkendiagramm. Es zeigte den Papierverbrauch der Abteilung 3 aufgeschlüsselt nach Monaten, Quartal 2/2023. Thomas betrachtete die Balken. Sie waren violett. Thomas hatte noch nie ein violettes Balkendiagramm gesehen. Er legte es zu dem Brandschutzprotokoll.

Vierter Versuch. Eine Seite in einer Sprache, die Thomas nicht sofort identifizieren konnte. Möglicherweise Portugiesisch. Möglicherweise auch nicht. Es enthielt das Wort »obrigado«, was Thomas’ Hypothese stützte, und das Wort »Aktenvermerk«, was sie wieder untergrub.

Fünfter Versuch. Nichts. Der Drucker zeigte wieder »Bereit« an und verfiel in jenen Zustand meditativer Untätigkeit, den Thomas mittlerweile als seine Grundhaltung erkannt hatte.

Thomas beschloss, systematisch vorzugehen. Er kehrte in sein Büro zurück, öffnete die Druckwarteschlange und stellte fest, dass sich darin siebzehn Druckaufträge befanden, von denen keiner sein eigener war. Die Aufträge stammten aus verschiedenen Epochen der jüngeren Amtsgeschichte: einer vom vergangenen Freitag, zwei vom Dezember des Vorjahres, einer, dessen Datum der Computer als »01.01.1970« auswies, was entweder auf einen Softwarefehler oder auf die Existenz von Druckaufträgen hindeutete, die älter waren als das Internet.

Thomas löschte alle siebzehn Aufträge. Er schickte seinen eigenen Auftrag erneut. Er ging zurück zum Drucker. Er wartete.

Der Drucker gab ein Geräusch von sich, das Thomas noch nie gehört hatte. Es klang wie das Schnurren einer sehr alten Katze, die gerade erfahren hat, dass der Tierarzt in den Ruhestand gegangen ist. Dann verstummte er.

Im Display erschien eine neue Meldung: »Papierstau in Schacht 2«.

Thomas öffnete Schacht 2. Es gab keinen Papierstau. Die Meldung verschwand. Thomas schloss Schacht 2. Die Meldung erschien erneut. Thomas öffnete Schacht 2. Keine Spur von einem Stau. Er schloss ihn. Die Meldung erschien. Öffnen. Schließen. Öffnen. Schließen. Thomas kam sich vor wie ein Teilnehmer eines absurden Rituals, dessen Bedeutung sich ihm entzog, das er aber aus Pflichtgefühl nicht unterbrechen konnte.

Nach dem siebten Öffnen und Schließen gab der Drucker nach. Die Fehlermeldung verschwand. Das Surren setzte wieder ein. Aber statt zu drucken, zog der Drucker ein einzelnes Blatt ein und gab es unbedruckt wieder aus. Thomas starrte das leere Blatt an. Das leere Blatt starrte zurück, soweit ein Blatt Papier dies zu tun vermag, nämlich mit der unerschütterlichen Gleichgültigkeit eines Objekts, das sich seiner eigenen Nutzlosigkeit nicht bewusst ist.

Thomas kapitulierte. Vorläufig.

Es war inzwischen vierzehn Uhr dreißig. Thomas hatte den gesamten Vormittag mit dem Drucker verbracht. Er hatte in dieser Zeit weder die mysteriöse E-Mail bearbeitet noch seine regulären Vorgänge noch sein Mittagessen zu sich genommen, obwohl letzteres — ein Käsebrötchen, vorsorglich eingepackt — seit elf Uhr in seiner Schreibtischschublade auf ihn wartete.

Thomas aß das Käsebrötchen am Schreibtisch. Er kaute langsam und nachdenklich. Er überlegte, ob er die IT-Abteilung informieren sollte, verwarf den Gedanken jedoch, da die IT-Abteilung erfahrungsgemäß auf Druckerprobleme mit dem Hinweis reagierte, man möge den Drucker aus- und wieder einschalten, ein Ratschlag, dessen Nutzlosigkeit durch seine Allgegenwärtigkeit nicht geschmälert wurde.

Um siebzehn Uhr dreißig packte Thomas seine Tasche. Er hatte beschlossen, den Tag als Verlust zu verbuchen und morgen einen neuen Anlauf zu nehmen. Er schloss seinen Computer herunter, zog seinen Mantel an und machte sich auf den Weg zum Ausgang.

Als er am Drucker vorbeikam, hielt er inne.

Der Drucker druckte.

Es war siebzehn Uhr vierunddreißig, und der Kyocera FS-4200DN druckte. Aus eigenem Antrieb, ohne Auftrag, ohne erkennbaren Anlass. Das Surren war gleichmäßig und beinahe feierlich, als vollziehe die Maschine einen Akt von großer Bedeutung.

Thomas trat näher. Eine Seite erschien im Ausgabefach. Dann eine zweite. Eine dritte. Thomas nahm die Blätter.

Es waren seine E-Mails. Aber nicht die E-Mail, die er hatte drucken wollen. Es waren sämtliche E-Mails, die er in den letzten drei Monaten erhalten hatte, in chronologischer Reihenfolge, sauber formatiert, mit Datum und Uhrzeit. Alle — außer einer.

Die E-Mail zu Vorgang 2847/B war nicht dabei.

Thomas stand im Flur, die Blätter in der Hand, und lauschte dem Drucker, der nun verstummt war, so plötzlich, wie er begonnen hatte. Im Gebäude war es still. Die Neonröhren summten. Irgendwo, zwei Stockwerke tiefer, fiel eine Tür ins Schloss.

Auf dem Weg nach draußen hätte Thomas schwören können, dass er den Drucker leise klicken hörte — einmal, kurz, zufrieden —, als hätte er eine Aufgabe erledigt, die ihm sehr am Herzen gelegen hatte.