Formular 7b
Es gibt Formulare, die ausgefüllt werden, um etwas zu beantragen. Es gibt Formulare, die ausgefüllt werden, um zu dokumentieren, dass etwas beantragt wurde. Und es gibt Formulare, die ausgefüllt werden, um zu dokumentieren, dass das Formular, das hätte ausgefüllt werden müssen, nicht ausgefüllt werden konnte, weil das dafür erforderliche Formular nicht verfügbar war. Formular 7b gehörte, soweit Thomas Müller-Hinterberg dies beurteilen konnte, zu keiner dieser Kategorien und gleichzeitig zu allen dreien.
Es war Mittwochmorgen, und Thomas hatte einen Plan. Der Plan bestand aus drei Schritten, die er am Vorabend auf einen Notizzettel geschrieben hatte, den er neben sein Bett gelegt hatte, was er normalerweise nicht tat, was aber die Dringlichkeit unterstrich, die er dem Vorgang beimaß.
Schritt eins: Formular 7b im Intranet finden. Schritt zwei: Formular 7b ausfüllen. Schritt drei: Formular 7b an die zuständige Stelle senden. Der Plan war von bestechender Einfachheit, was Thomas hätte misstrauisch machen müssen, denn in der Verwaltung waren einfache Pläne in etwa so vertrauenswürdig wie ein Drucker, der behauptet, er sei bereit.
Schritt eins scheiterte bereits um acht Uhr sieben.
Das Intranet des Amtes für Allgemeine Zuständigkeiten war ein digitales Labyrinth, das über die Jahre gewachsen war wie ein Pilzgeflecht in einem feuchten Keller — ohne erkennbare Struktur, ohne Zentrum und mit der beunruhigenden Tendenz, Dinge zu enthalten, die dort nicht hingehörten, und Dinge nicht zu enthalten, die dort hätten sein sollen. Die Formulardatenbank, erreichbar über den Pfad Startseite > Verwaltung > Formulare > Allgemein > Sonstiges > Formulare (nochmal), listete einhundertdreiundzwanzig verschiedene Formulare auf, von Formular 1a (»Antrag auf Erteilung einer Zutrittsberechtigung für Gebäudeteile der Sicherheitsstufe II«) bis Formular 89c (»Meldung des Verbrauchs von Reinigungsmittelkonzentrat, quartalsweise«).
Formular 7a war vorhanden. Es trug den Titel »Antrag auf IT-Unterstützung bei technischen Störungen (Standard)«. Thomas kannte es. Er hatte es im Laufe seiner Karriere schätzungsweise dreißig Mal ausgefüllt, und in ungefähr der Hälfte der Fälle hatte die IT tatsächlich reagiert, was einer Erfolgsquote entsprach, die in anderen Behörden als herausragend gegolten hätte.
Formular 7b war nicht vorhanden. Es gab Formular 7a und Formular 8. Zwischen ihnen: nichts. Eine Lücke in der Nummerierung, die so unauffällig war, dass man sie jahrelang übersehen konnte, die aber, einmal bemerkt, nicht mehr zu ignorieren war, wie ein fehlendes Puzzlestück in einem ansonsten vollständigen Bild eines Sonnenuntergangs über einem See.
Thomas konsultierte den Formularindex. Der Formularindex war ein PDF-Dokument von einhundertsiebenundsechzig Seiten, das zuletzt im Jahr 2018 aktualisiert worden war und das alle im Amt verwendeten Formulare in alphabetischer Reihenfolge auflistete, wobei die alphabetische Reihenfolge sich auf die Nummerierung bezog, was streng genommen keine alphabetische, sondern eine numerische Reihenfolge war, ein Umstand, den der Verfasser des Index offenbar nicht als widersprüchlich empfunden hatte.
Auf Seite dreiundzwanzig fand Thomas den Eintrag: »Formular 7b — Antrag auf IT-Unterstützung bei technischen Störungen (Sonderfall). Nur in Papierform erhältlich. Abholung in Raum 001 (EG).«
Thomas notierte sich die Information und stand auf. Raum 001. Erdgeschoss. Vierzehn Schritte durch den Flur, siebenunddreißig Stufen hinunter, achtundzwanzig Schritte durch das Foyer, dann links — oder rechts? Thomas war sich nicht sicher, denn er war noch nie in Raum 001 gewesen, was insofern bemerkenswert war, als er seit über einem Jahrzehnt in diesem Gebäude arbeitete.
Der Weg ins Erdgeschoss verlief ereignislos, wenn man davon absah, dass der Drucker im Vorbeigehen ein einzelnes Blatt ausspuckte, das Thomas auffing und das sich als leere Seite entpuppte, woraufhin Thomas es in den Altpapiercontainer warf, wobei er einen kurzen Moment des Zweifels empfand, ob eine leere Seite nicht doch eine Information enthielt, nämlich die Information, dass sie leer war.
Im Erdgeschoss angekommen, orientierte sich Thomas. Die Räume im Erdgeschoss waren anders nummeriert als in den oberen Stockwerken. Während die oberen Stockwerke einem logischen System folgten — dritter Stock, Raum 312 —, schien das Erdgeschoss einer eigenen Logik zu gehorchen, deren Gesetze Thomas nicht durchschaute. Er passierte Raum 003, dann Raum 007, dann einen Raum ohne Nummer, dann Raum 002. Raum 001 befand sich am Ende eines Korridors, den Thomas nie zuvor betreten hatte, obwohl er direkt neben der Poststelle lag, die Thomas regelmäßig aufsuchte.
Die Tür von Raum 001 war verschlossen.
Nicht nur im übertragenen Sinne, nicht »im Moment leider nicht zugänglich« oder »bitte klingeln«, sondern verschlossen in jenem endgültigen, unnachgiebigen Sinne, der keinen Zweifel daran ließ, dass die Tür nicht die Absicht hatte, sich in absehbarer Zeit öffnen zu lassen. Es gab kein Schild, keinen Hinweis auf Öffnungszeiten, keinen Zettel mit einer Telefonnummer. Nur eine Tür, braun, aus Holz, und ein Schloss, das den Zustand der Verschlossenheit mit einer Überzeugung vertrat, die Thomas beinahe nötigte.
Thomas klopfte. Nichts geschah. Er klopfte erneut, diesmal energischer. Wieder nichts. Er legte sein Ohr an die Tür. Stille. Nicht die Stille eines leeren Raumes, sondern die Stille eines Raumes, der sich weigerte, Auskunft über seinen Inhalt zu geben.
Thomas stand vor der verschlossenen Tür und tat das, was ein Sachbearbeiter der Besoldungsgruppe A9 in einer solchen Situation tut: Er erstellte eine Rückfalloption. Er kehrte in sein Büro zurück, öffnete das Intranet und lud Formular 7a herunter. Wenn 7b nicht verfügbar war, dann musste 7a reichen. Die IT würde das verstehen. Die IT musste das verstehen.
Thomas füllte Formular 7a aus. Es war ein Formular von drei Seiten, und Thomas füllte es mit der Sorgfalt aus, die er jedem Formular angedeihen ließ, als sei es ein Testament oder eine Friedensvereinbarung. In das Feld »Art der technischen Störung« schrieb er: »E-Mail-Anhang im Format .7b lässt sich nicht öffnen.« In das Feld »Bereits durchgeführte Maßnahmen« schrieb er: »Doppelklick, Rechtsklick, Speichern unter, Neustart des Programms, Neustart des Computers, Konsultation einer Kollegin.« In das Feld »Priorität« kreuzte er »Hoch« an, überlegte dann kurz und kreuzte es wieder aus, weil »Hoch« übertrieben wirken könnte, und kreuzte stattdessen »Mittel« an, was ihm angemessener erschien, obwohl die E-Mail das Wort »DRINGEND« in Großbuchstaben trug.
Er druckte das Formular aus. Oder versuchte es. Der Drucker — Thomas hätte es wissen müssen — produzierte statt des Formulars eine Seite, die den Kantinenplan der kommenden Woche zeigte. Thomas las den Kantinenplan. Am Donnerstag gab es Kartoffelsuppe. Diese Information war nützlich, aber nicht die, die er gesucht hatte.
Beim zweiten Versuch gelang der Ausdruck. Thomas unterschrieb das Formular, scannte es ein, hängte den Scan an eine E-Mail an die IT-Abteilung und drückte auf »Senden«.
Die Bestätigungsmail der IT kam elf Minuten später. Thomas öffnete sie. Ihr Inhalt bestand aus einem einzigen Satz, der in seiner knappen Endgültigkeit an ein Haiku erinnerte, wenn auch ohne dessen poetische Ambition:
»Bitte verwenden Sie Formular 7b.«
Thomas starrte auf den Bildschirm. Dann auf das Formular 7a auf seinem Schreibtisch. Dann wieder auf den Bildschirm. Er überlegte, ob es möglich war, dass die gesamte Verwaltung einem geschlossenen Kreislauf folgte, einer bürokratischen Endlosschleife, in der jeder Schritt zum Ausgangspunkt zurückführte wie eine Treppe in einem Escher-Gemälde.
Er schloss die E-Mail. Er öffnete sie wieder. Er las den Satz noch einmal. »Bitte verwenden Sie Formular 7b.« Sechs Worte. Einunddreißig Buchstaben. Eine Anweisung von kristalliner Klarheit und absoluter Undurchführbarkeit.
In seinem Posteingang blinkte eine weitere neue Nachricht. Der Betreff lautete: »DRINGEND: Vorgang 2847/B — Sofortige Bearbeitung dringend erforderlich«.
Thomas bemerkte die Änderung sofort. Gestern hatte der Betreff gelautet: »Sofortige Bearbeitung erforderlich«. Heute: »Sofortige Bearbeitung dringend erforderlich«. Die Dringlichkeit war dringender geworden. Thomas fragte sich, ob morgen der Betreff »Sofortige Bearbeitung sehr dringend erforderlich« lauten würde, und wenn ja, wohin diese Eskalation führte und ob es eine Obergrenze der Dringlichkeit gab oder ob sie sich asymptotisch dem Unendlichen näherte, ohne es je zu erreichen.
Er lehnte sich zurück und schaute aus dem Fenster. Das Alpaka stand im Innenhof und kaute. Es schien die einzige Kreatur im gesamten Gebäude zu sein, die wusste, was sie tat.