Der Umschlag
Am Donnerstag, um neun Uhr zwölf, fand Thomas Müller-Hinterberg einen braunen Umschlag in seinem Postfach.
Die Postfächer der dritten Etage befanden sich im Flur neben dem Drucker, in einem Holzregal, das wie eine Bienenwabe aussah, wenn Bienenwaben von einem Schreiner gefertigt würden, der seine beste Zeit hinter sich hat. Jedes Fach war mit dem Namen des jeweiligen Mitarbeiters beschriftet, wobei die Beschriftungen aus verschiedenen Epochen stammten — einige waren getippt, einige handschriftlich, eine war mit Prägegerät erstellt worden, das seit Jahren verschollen war. Thomas’ Fach trug seinen Namen in einer Handschrift, die er als die von Frau Lindemann aus der Personalabteilung identifiziert hatte, einer Frau, die seit vier Jahren pensioniert war und deren Handschrift dennoch fortfuhr, in diesem Gebäude präsent zu sein, wie das Licht eines Sterns, der bereits erloschen ist.
Der Umschlag war braun. Er war von jener Sorte Braun, die die Bundesverwaltung als »naturfarbig« bezeichnete, obwohl die Natur selten Umschläge dieser Farbe hervorbrachte. Er war weder groß noch klein, weder dick noch dünn. Er war, in jeder messbaren Hinsicht, gewöhnlich.
Er trug keine Briefmarke. Er trug keinen Absender. Er trug keine Adresse. Das Einzige, was auf dem Umschlag stand, war Thomas’ Name, geschrieben in Druckbuchstaben, die so gleichmäßig waren, dass sie entweder von einer Person mit außergewöhnlicher Handschrift oder von einer Maschine stammten, die versuchte, menschliche Handschrift zu imitieren, ohne dabei jene Unregelmäßigkeiten einzubauen, die Handschrift erst menschlich machen.
Thomas nahm den Umschlag mit in sein Büro. Er legte ihn auf seinen Schreibtisch. Er betrachtete ihn. Der Umschlag lag auf dem Schreibtisch und wurde betrachtet, was, wenn man darüber nachdachte, die einzige Tätigkeit war, die ein Umschlag ausführen konnte, solange er nicht geöffnet wurde — nämlich gar keine.
Thomas beschloss, den Umschlag zu öffnen.
Diese Entscheidung war weniger trivial, als sie klingt. In der Verwaltung werden Umschläge nicht einfach aufgerissen. Sie werden geöffnet. Das Öffnen eines Umschlags folgt Regeln, die nirgends niedergeschrieben sind, die aber jeder Verwaltungsangestellte kennt, so wie jeder Mensch weiß, dass man in einem Aufzug nach vorne schaut und nicht die anderen Fahrgäste anstarrt.
Thomas holte seinen Brieföffner. Es war ein Brieföffner aus Metall, den er von seinem Vater geerbt hatte, einem Finanzbeamten a.D., der den Brieföffner seinerseits von seinem Vater geerbt hatte, ebenfalls einem Finanzbeamten a.D., was die bemerkenswerte Kontinuität illustrierte, mit der die Familie Müller-Hinterberg seit Generationen Umschläge öffnete und Formulare ausfüllte. Thomas führte die Klinge unter die Lasche. Ein sauberer Schnitt. Der Umschlag gab nach.
Thomas schaute hinein.
Im Inneren des braunen Umschlags befand sich ein weißer Umschlag.
Thomas zog den weißen Umschlag heraus. Er war etwas kleiner als der braune, was in der Natur der Sache lag, da ein Umschlag, der in einem anderen Umschlag steckt, notwendigerweise kleiner sein muss als dieser, es sei denn, die Gesetze der Physik hätten eine Ausnahme gemacht, was sie, nach Thomas’ Erfahrung, im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten gelegentlich taten, wenn auch nur in Bezug auf die Zeitmessung.
Der weiße Umschlag trug ebenfalls keine Beschriftung. Er war verschlossen. Thomas öffnete ihn mit seinem Brieföffner. Ein zweiter sauberer Schnitt.
Im Inneren des weißen Umschlags befand sich ein grauer Umschlag.
Thomas betrachtete den grauen Umschlag. Er war kleiner als der weiße, der kleiner war als der braune. Die Umschläge hatten, wie eine Matrjoschka, ein Prinzip: Jeder enthielt eine kleinere Version seiner selbst, wobei die Version nicht seiner selbst war, sondern eines anderen Umschlags, der sich nur durch Farbe und Format unterschied. Die Farbfolge — braun, weiß, grau — folgte keinem erkennbaren Muster, es sei denn, man betrachtete es als Farbverlauf der Hoffnung: von warm über neutral zu kühl.
Thomas öffnete den grauen Umschlag. Ein dritter Schnitt, der aufgrund der geringeren Größe des Umschlags mehr Präzision erforderte und den Thomas dennoch mit jener ruhigen Sicherheit ausführte, die nur jahrzehntelange Übung im Umgang mit papierenen Behältnissen verleiht.
Im Inneren des grauen Umschlags befand sich ein Blatt Papier.
Thomas zog es heraus. Es war ein DIN-A5-Blatt, gefaltetes weißes Papier, von jener Grammatur, die die Verwaltung als »Standardgewicht« bezeichnete — achtzig Gramm pro Quadratmeter, das Papier, auf dem Bescheide geschrieben, Anträge gestellt und Vorgänge dokumentiert wurden, das Papier, das die Grundlage der Bürokratie bildete wie der Stein das Fundament einer Kathedrale.
Thomas faltete das Blatt auseinander.
Es war leer.
Thomas drehte das Blatt um. Auch die Rückseite war leer. Er hielt es gegen das Licht des Fensters. Nichts. Keine Schrift, kein Druck, kein Wasserzeichen. Ein Blatt Papier, das vollkommen und gänzlich leer war und das dennoch in drei verschachtelten Umschlägen an ihn zugestellt worden war, als wäre es ein Dokument von höchster Wichtigkeit.
Thomas legte das Blatt auf seinen Schreibtisch, neben die drei geöffneten Umschläge. Er arrangierte sie in der Reihenfolge ihrer Entnahme: braun, weiß, grau, Blatt. Es sah aus wie eine Ausstellung, eine Installation zeitgenössischer Kunst zum Thema »Leere als Botschaft«, was es, wenn Thomas ehrlich war, möglicherweise auch war.
Er wusste nicht, was er empfand. Enttäuschung wäre zu einfach. Verwirrung traf es besser, aber auch nicht ganz. Es war eher ein Zustand des Staunens, ein Staunen über die Tatsache, dass jemand sich die Mühe gemacht hatte, drei Umschläge ineinander zu stecken, um ihm ein leeres Blatt zukommen zu lassen, ein Aufwand, der in keinem Verhältnis zum Ergebnis stand, was wiederum bedeutete, dass entweder der Aufwand übertrieben oder das Ergebnis nicht das war, was es zu sein schien.
Thomas stand auf. Er ging in den Aufenthaltsraum. Er brauchte Kaffee. Nicht den wässrigen, halbherzigen Kaffee, den die Maschine an normalen Tagen produzierte, sondern einen starken, klaren Kaffee, der ihm helfen würde, die Situation einzuordnen. Die Kaffeemaschine gab ein Zischen von sich und lieferte etwas, das Thomas wohlwollend als »Kaffee« akzeptierte, obwohl es genau genommen eher eine kaffeeförmige Substanz war, die mit tatsächlichem Kaffee in etwa so viel gemeinsam hatte wie ein Organigramm mit der Realität einer Organisation.
Thomas trank den Kaffee und dachte nach. Er dachte an den braunen Umschlag. An den weißen Umschlag. An den grauen Umschlag. An das leere Blatt. An die E-Mail ohne Absender. An den Anhang im Format .7b. An Formular 7b, das in Raum 001 lag, hinter einer Tür, die verschlossen war. An Frau Behrens-Goldbachs Andeutungen. An den Drucker, der druckte, was er wollte, aber nicht, was Thomas wollte.
Es gab, so begann Thomas zu ahnen, ein Muster. Ein Muster, das er nicht sehen konnte, weil er zu nah daran stand, oder weil das Muster sich weigerte, gesehen zu werden, oder weil es gar kein Muster war, sondern nur die Illusion eines Musters, die sein ordnungssüchtiger Verstand aus dem Chaos herauslesen wollte, weil das Chaos als solches unerträglich war.
Thomas kehrte in sein Büro zurück. Das leere Blatt lag auf dem Schreibtisch. Er nahm es in die Hand. Er roch daran.
Es roch nach Kaffee.
Thomas setzte sich. Er hielt das Blatt vor sich und roch erneut. Ja, unverkennbar: Kaffee. Nicht der Kaffee der Maschine im Aufenthaltsraum, der nach verbranntem Plastik und enttäuschten Erwartungen roch, sondern ein anderer Kaffee, ein tieferer, reicherer Geruch, wie ihn guter Kaffee verströmt, frisch gemahlen, von Hand aufgegossen, Kaffee, wie er in diesem Gebäude nicht existierte und möglicherweise nie existiert hatte.
Thomas legte das Blatt in eine Klarsichthülle. Er beschriftete die Hülle mit einem Edding: »Beweisstück A — Leeres Blatt, Kaffeeduft, erhalten am [Datum], drei verschachtelte Umschläge.«
Er war sich nicht sicher, was er bewies. Aber das Beweisen selbst gab ihm ein Gefühl der Kontrolle, das er in den letzten Tagen vermisst hatte, und das war, vorläufig, genug.
Er legte die Klarsichthülle in seine Schreibtischschublade, unter den Aktenordner für Vorgang 2846/A und neben das Käsebrötchen von gestern, das er vergessen hatte, und schloss die Schublade mit jener Bestimmtheit, mit der man ein Kapitel abschließt, bevor man das nächste aufschlägt, noch nicht wissend, was darin steht, aber sicher, dass es etwas enthält, und sei es nur ein weiterer Umschlag.