Der leere Ordner
»S« konnte vieles bedeuten.
Thomas Müller-Hinterberg hatte eine Liste erstellt. Er hatte die Liste am Montagabend begonnen, auf liniertem Papier, mit seinem besten Kugelschreiber, einem Lamy Safari in Mattschwarz, den er sich vor fünf Jahren zum Geburtstag selbst geschenkt hatte, weil niemand sonst auf die Idee gekommen war, ihm einen Kugelschreiber zu schenken, obwohl er häufiger mit Kugelschreibern arbeitete als mit irgendeinem anderen Werkzeug, das Messer eingeschlossen, mit dem er abends sein Brot schnitt.
Die Liste hatte folgenden Inhalt:
S — mögliche Bedeutungen:
- Schmied (Person, Abteilung 6, unbestätigt)
- Sonstiges (Ablagebezeichnung)
- Stopp (Warnung?)
- Sachbearbeiter (allgemein)
- Sicherheitsstufe (klassifiziert?)
- Süd (Gebäudeteil?)
- September (Monat?)
- Sieben (Zahl? Formular 7b?)
- Subjekt (grammatisch)
- Signal (Hinweis auf Kommunikation)
- Stempel (fehlt auf dem Ordner)
- Schrank (Ablageort?)
- Schlüssel (Raum 001?)
- Sackgasse
Thomas betrachtete die Liste. Vierzehn Einträge. Vierzehn Möglichkeiten, von denen jede einzelne entweder alles oder nichts bedeuten konnte. Die Liste war, das musste Thomas zugeben, weniger eine Eingrenzung als eine Ausweitung des Problems. Vor der Liste hatte er eine ungeklärte Frage gehabt. Nach der Liste hatte er vierzehn.
Am Dienstagmorgen — dem Dienstag, dem Tag, den das Blatt angekündigt hatte, falls es etwas angekündigt hatte und nicht nur festgestellt, dass es einmal einen Dienstag gegeben hatte oder geben würde, was auf jeden beliebigen Dienstag zutraf und die Aussage damit so allgemeingültig machte, dass sie bedeutungslos wurde — nahm Thomas die Liste mit ins Büro.
Er legte sie auf den Schreibtisch, neben die Klarsichthülle mit dem Blatt, neben sein Notizbuch, neben die drei leeren Umschläge, neben den Formular-7b-Entwurf. Der Schreibtisch war mittlerweile weniger ein Arbeitsplatz als eine Gedenkstätte für die Ratlosigkeit seines Besitzers.
Um neun Uhr dreißig beschloss Thomas, den einzigen Punkt auf seiner Liste zu verfolgen, der einen konkreten Ansatzpunkt bot: Schmied.
Herr Schmied — wenn es ihn gab, und Thomas war sich dessen keineswegs sicher — arbeitete in Abteilung 6. Abteilung 6 war jene Abteilung des Amtes, über die am wenigsten bekannt war, was insofern bemerkenswert war, als über keine Abteilung des Amtes besonders viel bekannt war. Das Organigramm, das im Intranet einsehbar war und das Thomas bereits mehrfach konsultiert hatte, verzeichnete Abteilung 6 als »Abteilung für Sonderaufgaben und Grundsatzfragen«. Die Abteilung hatte, laut Organigramm, fünf Mitarbeiter. Ihre Namen waren aufgelistet: Frau Dr. Wendt, Herr Loos, Frau Stein, Herr Berger und — Thomas starrte den Bildschirm an — an der fünften Stelle stand kein Name. Dort stand nur: »N.N.«
N.N. — nomen nominandum. Name noch zu nennen. Ein Platzhalter. Ein Versprechen auf eine Person, die noch besetzt werden musste. Oder eine Person, deren Name aus Gründen nicht genannt wurde, die Thomas sich nicht vorstellen konnte, weil seine Vorstellungskraft in der Regel dort endete, wo die Dienstvorschrift begann.
Thomas beschloss, Frau Behrens-Goldbach aufzusuchen. Nicht, weil er erwartete, eine klare Antwort zu erhalten — diese Erwartung hatte er nach dem dritten Gespräch mit ihr aufgegeben, wie ein Wanderer, der den Gipfel eines Berges aufgibt und sich stattdessen an der Aussicht vom halben Weg erfreut —, sondern weil Frau Behrens-Goldbach die einzige Person war, die bisher reagiert hatte, als das Wort »2847/B« fiel, auch wenn ihre Reaktion darin bestanden hatte, nicht zu reagieren, was ebenfalls eine Reaktion war.
Frau Behrens-Goldbach saß in Zimmer 314. Sie trank Tee. Der Tee dampfte. Der Dampf stieg auf und löste sich in der Luft auf, wie die Andeutungen, die Frau Behrens-Goldbach regelmäßig machte.
»Frau Behrens-Goldbach«, sagte Thomas. »Kennen Sie einen Herrn Schmied?«
Frau Behrens-Goldbach führte die Teetasse an ihre Lippen. Sie trank. Sie stellte die Tasse ab. Sie betrachtete Thomas. Die Brillenkette klirrte.
»Schmied«, sagte sie. »Der Name sagt mir etwas.«
Thomas wartete. Er hatte gelernt, dass nach dieser Einleitung entweder eine Erweiterung kam oder ein Rückzug, und dass die Wahrscheinlichkeit des Rückzugs mit der Dauer der Pause zunahm, wie die Wahrscheinlichkeit eines Regenschauers mit der Dichte der Wolken.
»Er war früher hier«, sagte Frau Behrens-Goldbach. »Oder ist hier. Das ist schwer zu sagen. Bei manchen Menschen ist die Grenze zwischen Anwesenheit und Abwesenheit … durchlässig.«
»In Abteilung 6?«, fragte Thomas.
»Möglicherweise.«
»Im Organigramm steht an der fünften Stelle ›N.N.‹«
»Ja«, sagte Frau Behrens-Goldbach. »Das steht da.«
»Könnte das Herr Schmied sein?«
Frau Behrens-Goldbach öffnete den Mund. Thomas beugte sich vor. In diesem Moment klingelte das Telefon.
Es war kein gewöhnliches Klingeln. Es war jenes Klingeln, das Telefone in Behörden haben — ein nasaler, metallischer Ton, der weder Freude noch Alarm signalisierte, sondern lediglich die Tatsache, dass jemand anrief, was in einer Behörde an sich schon ungewöhnlich genug war, da die meisten Angelegenheiten per E-Mail, Formular oder persönlichem Vorbeikommen geregelt wurden und das Telefon hauptsächlich dazu diente, mitzuteilen, dass man gleich persönlich vorbeikommen werde.
Frau Behrens-Goldbach nahm ab. »Behrens-Goldbach«, sagte sie. Dann hörte sie zu. Ihr Gesicht verriet nichts. Ihr Gesicht verriet nie etwas. Es war ein Gesicht von professioneller Undurchdringlichkeit, ein Gesicht, das in einem Pokerturnier den ersten Platz belegt hätte, nicht weil es bluffte, sondern weil niemand hätte sagen können, ob es bluffte oder nicht.
»Ja«, sagte sie. »Nein. Ja. Ich verstehe. Ja.« Dann legte sie auf.
Thomas sah sie erwartungsvoll an.
»Wo waren wir?«, fragte Frau Behrens-Goldbach.
»Sie wollten mir sagen, ob Herr Schmied —«
»Ach ja«, sagte Frau Behrens-Goldbach. »Schmied.« Sie lächelte. Es war ein Lächeln, das nichts preisgab und alles versprach, ein Lächeln wie eine verschlossene Tür, hinter der Licht brennt. »Herr Müller-Hinterberg, haben Sie eigentlich schon systematisch vorgegangen?«
»Ich versuche gerade —«
»Einen Aktenplan. Sie sollten einen Aktenplan erstellen. Alles dokumentieren. In der richtigen Reihenfolge. Das hat sich bewährt.«
Thomas erkannte einen Rückzug, wenn er einen sah. Er bedankte sich und ging zurück in sein Büro, wo er sich hinsetzte und, mangels anderer Optionen, tatsächlich einen Aktenplan erstellte.
Der Aktenplan war ein Meisterwerk bürokratischer Ordnung. Thomas listete jeden Anhaltspunkt auf, den er bisher gesammelt hatte, in chronologischer Reihenfolge, mit Datum, Uhrzeit und Querverweis. Die E-Mail. Der Drucker. Das Gespräch mit Frau Behrens-Goldbach. Die Suche nach Formular 7b. Der Besuch bei der IT. Die drei Umschläge. Das leere Blatt. Das Wort »Dienstag«. Der leere Ordner. Das »S«. Die Veränderungen im E-Mail-Betreff. Er verband die Punkte mit Linien, die keine Verbindungen zeigten, sondern nur die Hoffnung auf Verbindungen, was ihm dennoch das Gefühl gab, Fortschritte zu machen.
Er wollte den Aktenplan ausdrucken. Er schickte den Auftrag an den Drucker. Er ging zum Drucker. Der Drucker zeigte »Bereit« an. Thomas wartete. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Der Drucker blieb bereit. Er blieb so bereit, dass seine Bereitschaft zur Untätigkeit wurde, zur Verweigerung, zum stillen Protest eines Geräts, das sich weigerte, seine einzige Aufgabe zu erfüllen, als habe es eine höhere Berufung erkannt, die darin bestand, nichts zu tun, und zwar mit Überzeugung.
Thomas gab auf und kehrte an seinen Schreibtisch zurück. Auf seinem Bildschirm blinkte eine neue Nachricht. Er öffnete sie.
Der Betreff lautete: »SEHR DRINGEND: Vorgang 2847/B — Sofortige Bearbeitung dringend erforderlich (Frist beachten!) (2. Mahnung) — Letzte Erinnerung«.
Die Dringlichkeit hatte sich verdoppelt. Nein, verdreifacht. Aus »DRINGEND« war »SEHR DRINGEND« geworden. Thomas betrachtete die Worte. Die Eskalation war da. Sie war real. Sie war messbar. Und sie bedeutete — genau wie alles andere in dieser Geschichte — absolut nichts, das Thomas hätte greifen können.
Er lehnte sich zurück. Er schloss die Augen. Morgen, dachte er. Morgen würde er systematisch vorgehen. Er hatte einen Aktenplan. Er hatte Anhaltspunkte. Er hatte vierzehn mögliche Bedeutungen für den Buchstaben »S«. Er hatte eine Kollegin, die alles wusste und nichts sagte. Er hatte einen Drucker, der nichts druckte und alles wusste. Er hatte ein Alpaka im Innenhof. Und er hatte, nach wie vor, keine Ahnung, was Vorgang 2847/B war.
Es war, wie das Blatt vorhergesagt hatte, Dienstag. Und nichts war passiert. Schon wieder.