Kapitel 15

Die fehlende Abteilung

Es gibt Fragen, die sich beantworten lassen, und es gibt Fragen, die sich nicht beantworten lassen, und dann gibt es Fragen, die sich theoretisch beantworten ließen, bei denen aber die organisatorischen Strukturen, die zu ihrer Beantwortung nötig wären, so beschaffen sind, dass die Frage auf ihrem Weg zur Antwort allmählich den Verstand verliert. Die Frage nach Abteilung 6 gehörte zur dritten Kategorie.

Thomas Müller-Hinterberg begann seinen Tag mit einem Vorsatz: Er würde herausfinden, was es mit der leeren Zeile im Organigramm auf sich hatte. Er würde die zuständigen Stellen befragen. Er würde Aktenzeichen notieren, Formulare ausfüllen, Dienstwege einhalten. Er würde, mit anderen Worten, exakt das tun, wofür das System geschaffen worden war. Dass das System im vorliegenden Fall möglicherweise nicht geschaffen worden war, um Antworten zu liefern, sondern um Fragen zu absorbieren wie ein Schwamm das Wasser, ahnte Thomas zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Sein erster Gang führte ihn in die Personalabteilung, Abteilung 1, zweiter Stock, Zimmer 208. Die Personalabteilung wurde geleitet von Frau Dr. Terschüren, einer Frau, deren Titel auf eine juristische Dissertation über »Die Bemessungsgrundlage der Besoldungsgruppen unter besonderer Berücksichtigung der Stellenplanflexibilisierung« zurückging und die diesen Titel bei jeder Gelegenheit führte, einschließlich der Beschriftung ihres Kühlschrankfachs im Aufenthaltsraum.

Thomas klopfte. Eine Stimme rief herein. Er trat ein und schilderte sein Anliegen: Er sei auf eine Abteilung 6 gestoßen, die im Organigramm als leere Zeile erscheine, und er würde gerne wissen, was es damit auf sich habe.

Frau Dr. Terschüren betrachtete ihn über den Rand ihrer Brille — einer Brille, die so dünn war, dass sie weniger ein optisches Hilfsmittel darstellte als vielmehr ein Instrument der Einschüchterung, eine Art visueller Stimmgabel, die den Ton des Gesprächs vorgab.

»Abteilung 6«, wiederholte sie. »Das ist eine organisatorische Frage. Organisatorische Fragen bearbeitet die Organisationsabteilung. Das ist Abteilung 1b.«

»Aber Sie sind Abteilung 1.«

»Abteilung 1a. Personal. Abteilung 1b ist Organisation. Das sind zwei verschiedene Sachgebiete, Herr Müller-Hinterberg. Zimmer 210.«

Thomas bedankte sich und ging zwei Türen weiter, zu Zimmer 210. Dort saß Herr Fengler, ein Mann, dessen Schreibtisch so aufgeräumt war, dass er aussah wie eine Illustration in einem Büromöbelkatalog. Kein Blatt Papier, kein Stift, kein Hinweis darauf, dass hier jemals gearbeitet wurde. Nur ein Bildschirm, eine Tastatur, und eine Pflanze, die künstlich war, aber so überzeugend, dass Thomas zweimal hinsehen musste.

Thomas schilderte sein Anliegen erneut.

Herr Fengler nickte bedächtig. »Abteilung 6«, sagte er. »Das ist eine personalrelevante Frage. Wenn eine Abteilung aufgelöst wird, betrifft das die Personalzuweisung. Personalzuweisung ist Abteilung 1a. Frau Dr. Terschüren.«

»Ich komme gerade von Frau Dr. Terschüren. Sie hat mich zu Ihnen geschickt.«

»Ah«, sagte Herr Fengler, und in dieses »Ah« legte er eine Tonalität, die sowohl Verständnis als auch Distanzierung ausdrückte, als sei das Problem zwar real, aber nicht seines. »Dann liegt möglicherweise ein Zuständigkeitsproblem vor. Am besten gehen Sie noch einmal zu Frau Dr. Terschüren und klären die Zuständigkeit.«

Thomas ging zurück zu Zimmer 208.

»Herr Fengler sagt, es sei eine Personalfrage.«

»Herr Fengler«, sagte Frau Dr. Terschüren, und in der Art, wie sie den Namen aussprach, lag die gesamte Geschichte einer zwanzigjährigen Zuständigkeitsrivalität, die sich in Hunderten von Memos und Dutzenden von Dienstbesprechungen niedergeschlagen hatte und die niemand je würde beilegen können, weil beide Seiten recht hatten und gleichzeitig unrecht, was der Normalzustand von Zuständigkeitskonflikten ist.

»Gehen Sie zu Herrn Fengler und sagen Sie ihm, dass die organisatorische Einordnung aufgelöster oder ruhender Abteilungen gemäß Geschäftsverteilungsplan Abschnitt 3, Absatz 7, Unterabsatz b in den Zuständigkeitsbereich der Organisationsabteilung fällt.«

Thomas ging zurück zu Zimmer 210.

»Frau Dr. Terschüren verweist auf den Geschäftsverteilungsplan, Abschnitt 3, Absatz 7, Unterabsatz b.«

Herr Fengler zog eine Augenbraue hoch. »Abschnitt 3, Absatz 7, Unterabsatz b bezieht sich auf die organisatorische Einordnung bestehender Abteilungen. Aufgelöste Abteilungen fallen unter Absatz 8. Und Absatz 8 verweist ausdrücklich auf die Personalabteilung, sofern Personalversetzungen betroffen sind.«

Thomas ging zurück zu Zimmer 208.

»Herr Fengler sagt, Absatz 8.«

»Absatz 8 setzt voraus, dass Personalversetzungen dokumentiert sind. Sind sie dokumentiert?«

»Das weiß ich nicht. Ich versuche ja gerade, das herauszufinden.«

»Dann brauchen Sie zunächst eine Auskunft aus dem Personalarchiv. Dafür gibt es ein Formular. Formular PA-17. Bitte ausfüllen und einreichen.«

»Wo bekomme ich Formular PA-17?«

»Bei der Organisationsabteilung. Zimmer 210.«

Thomas ging zum dritten Mal zu Zimmer 210. Herr Fengler erwartete ihn bereits mit dem Ausdruck eines Mannes, der weiß, dass ein Kreislauf in Gang gesetzt wurde, und der dies weder bedauert noch begrüßt, sondern lediglich zur Kenntnis nimmt.

»Formular PA-17«, sagte Thomas.

»PA-17 ist ein Personalformular. Das führen wir nicht. Das hat Abteilung 1a.«

Thomas spürte, wie etwas in ihm leise nachgab — nicht Frustration, denn Frustration setzt die Erwartung voraus, dass Dinge funktionieren, und Thomas hatte diese Erwartung im Laufe des Vormittags sukzessive heruntergeschraubt, bis sie auf dem Niveau einer Zimmertemperatur angelangt war, die weder warm noch kalt ist, sondern einfach vorhanden. Er ging nicht zurück zu Zimmer 208. Stattdessen ging er in die Kantine.

Die Kantine des AAZ befand sich im Erdgeschoss und bot zu dieser Tageszeit — es war kurz nach zwölf — ein Mittagessen an, das heute aus Kartoffelsuppe und Brot bestand. Thomas holte sich eine Portion und einen Kaffee — der Kantinenkaffe war von jener anderen Qualität als der der BüroMatic 3000, nicht besser, nicht schlechter, nur anders schlecht — und setzte sich an einen Tisch am Fenster.

Er war müde. Nicht körperlich, sondern bürokratisch — eine Ermüdung, die nicht in den Muskeln sitzt, sondern in jenem Teil des Gehirns, der für die Verarbeitung zirkulärer Logik zuständig ist und der bei Thomas in den letzten Stunden seine Kapazitätsgrenze erreicht hatte.

Am Nebentisch saß ein älterer Mann, den Thomas nur vom Sehen kannte — einer jener Kollegen, die seit so vielen Jahren im Amt arbeiten, dass sie zu einem Teil des Gebäudes geworden sind, wie die Pinnwände oder die Brandschutztüren. Er hatte weißes Haar, einen Schnurrbart von jener gepflegten Sorte, die an die achtziger Jahre erinnert, und er aß seine Suppe mit der Gelassenheit eines Menschen, der nichts mehr zu beweisen hat.

Thomas wandte sich an ihn, weil er nichts zu verlieren hatte und weil die Kantine jener einzige Ort im Amt war, an dem die üblichen Zuständigkeitsgrenzen vorübergehend aufgehoben waren, ähnlich einer diplomatischen Immunität, nur mit Kartoffelsuppe.

»Entschuldigung. Kennen Sie zufällig eine Abteilung 6?«

Der alte Mann schaute auf. Er legte seinen Löffel ab. Er musterte Thomas mit einem Blick, der gleichzeitig scharf und wohlwollend war, wie der Blick eines Lehrers, der bemerkt, dass ein Schüler endlich die richtige Frage stellt.

»Abteilung 6«, sagte er. »Die gibt es noch. Man muss nur wissen, wo.«

Dann nahm er seinen Löffel wieder auf und aß weiter, als habe er nicht soeben den bedeutsamsten Satz ausgesprochen, den Thomas in seiner gesamten Laufbahn am AAZ gehört hatte.