Kapitel 16

Der Ausdruck

Der Drucker im Flur des dritten Stocks war ein Gerät der Marke Kyocera, Modell FS-4200DN, und er hatte, wie Thomas Müller-Hinterberg am Mittwochmorgen feststellte, die Nacht nicht untätig verbracht.

Thomas bemerkte es, als er um sieben Uhr dreiundfünfzig — seine übliche Zeit — den Flur entlangging und aus dem Augenwinkel registrierte, dass das Papierausgabefach des Druckers nicht leer war. Das war an sich nichts Ungewöhnliches; Kollegen vergaßen häufig ihre Ausdrucke, und manchmal lag dort den ganzen Tag ein vergessenes Protokoll oder eine Tischvorlage für eine Besprechung, die bereits stattgefunden hatte. Was Thomas stutzen ließ, war die Menge. Das Ausgabefach war voll. Nicht randvoll, aber voll genug, um zu suggerieren, dass jemand — oder etwas — einen Druckauftrag von erheblichem Umfang erteilt hatte.

Thomas zog den Stapel heraus. Siebenundvierzig Seiten. Er wusste das, weil er sie zählte, und er zählte sie, weil siebenundvierzig die Zahl war, die ihm in letzter Zeit mit einer gewissen Hartnäckigkeit begegnete: siebenundvierzig Minuten Warteschleife beim Kundendienst der BüroMatic GmbH, und jetzt siebenundvierzig Seiten Ausdruck. Es war keine runde Zahl, keine offensichtlich bedeutsame Zahl, sondern eine Zahl von jener unauffälligen Sorte, die erst dann auffällt, wenn sie sich wiederholt.

Er betrachtete die erste Seite. Es war eine E-Mail. Genauer gesagt: der Ausdruck einer E-Mail, die vor drei Wochen an den Verteiler »Alle Mitarbeiter AAZ« gesendet worden war. Thomas kannte die E-Mail; er hatte sie seinerzeit als Teil des »administrativen Rauschens« markiert und ungelesen archiviert. Der Betreff lautete: »Einladung zur Weihnachtsfeier 2025 — Bitte um Rückmeldung bis 15. März.«

Es war März. Die Weihnachtsfeier hatte im Dezember stattgefunden. Die Einladung war also im März verschickt worden, für eine Feier, die drei Monate zuvor gewesen war — ein Umstand, den offenbar niemand bemerkt oder, falls doch, niemand kommentiert hatte, was bei einer Verwaltung, die noch Aushänge von 2019 an der Pinnwand führte, nicht weiter verwunderte.

Thomas blätterte durch die Seiten. Seite eins bis sechsundvierzig waren identisch: dieselbe E-Mail, sechsundvierzig Mal gedruckt, als habe der Drucker sich nicht entscheiden können, ob einmal reicht, und sicherheitshalber sechsundvierzig Wiederholungen angefertigt. Thomas kannte dieses Verhalten von Druckern. Es trat auf, wenn ein Druckauftrag in der Warteschlange hing und das Gerät beim Neustart sämtliche angestauten Aufträge auf einmal abarbeitete. Es war ärgerlich, aber erklärbar. Es war bürokratisch trivial.

Die siebenundvierzigste Seite war nicht identisch.

Thomas sah es nicht sofort, weil er die Seiten als Stapel durchblätterte und das menschliche Auge bei Wiederholung dazu neigt, die Aufmerksamkeit zu senken — ein Effekt, den die Verwaltungswissenschaft als »Formularblindheit« bezeichnet und der erklärt, warum niemand das Kleingedruckte in Dienstanweisungen liest. Aber die letzte Seite hatte ein anderes Format. Keine E-Mail. Kein Fließtext. Eine Tabelle.

Die Tabelle hatte vier Spalten: eine Spalte mit Datumsangaben, eine mit Nummern, eine mit Abkürzungen und eine mit Dezimalzahlen. Sie war sauber formatiert, in einer Schrift, die Thomas als Courier identifizierte — jener Schriftart, die an Schreibmaschinen erinnert und die in der modernen Bürowelt nur noch in zwei Kontexten verwendet wird: Programmcode und Dokumente, die älter aussehen sollen, als sie sind.

Am unteren Rand der Tabelle stand, in fetter Schrift:

»Vorg. 2847/B — Zwischenstand«

Thomas setzte sich auf den Stuhl neben dem Drucker — einen jener Stühle, die in Fluren stehen, ohne dass jemand je gesehen hätte, wie sie dorthin gelangt sind, und die auch nie jemand benutzt, weil es gesellschaftlich nicht akzeptiert ist, in einem Flur zu sitzen, es sei denn, man wartet auf einen Termin, und selbst dann steht man lieber. Thomas saß jetzt. Die gesellschaftlichen Konventionen des Flursitzens waren ihm in diesem Moment gleichgültig.

Er studierte die Tabelle.

Die Datumsangaben lagen zwischen dem 3. Januar und dem 28. Februar dieses Jahres. Die Nummern waren fünfstellig und folgten keinem erkennbaren Muster. Die Abkürzungen — »BV«, »AKT«, »SV«, »REF« — sagten Thomas nichts. Die Dezimalzahlen hatten zwei Nachkommastellen und lagen zwischen 0,01 und 99,73.

Thomas versuchte, ein System zu erkennen. Er addierte die Zahlen. Er suchte nach Primzahlen. Er las die Abkürzungen rückwärts. Er hielt die Tabelle gegen das Licht, für den Fall, dass ein Wasserzeichen verborgen war. Es war keines verborgen. Die Zahlen ergaben keinen Sinn. Sie waren, soweit Thomas dies beurteilen konnte, entweder ein Code, dessen Schlüssel ihm fehlte, oder ein Datensatz aus einem Zusammenhang, den er nicht kannte — was im Grunde dasselbe war, nur mit unterschiedlicher Aussicht auf Entschlüsselung.

Thomas faltete die Seite sorgfältig zusammen — zweimal horizontal, einmal vertikal — und legte sie in seine Jackentasche. Die restlichen sechsundvierzig Seiten Weihnachtsfeiereinladung legte er auf den Stapel für Altpapier, der neben dem Drucker stand und der bereits so hoch war, dass er eine gewisse strukturelle Labilität aufwies.

Dann betrachtete er den Drucker.

Der Kyocera FS-4200DN hatte ein kleines LCD-Display, das normalerweise den Status anzeigte — »BEREIT« in grüner Schrift, oder »FEHLER: PAPIERSTAU« in roter, oder gelegentlich »TONER BESTELLEN«, was niemand tat, bis der Toner tatsächlich leer war, weil die Verwaltung zwischen »bestellen« und »ersetzen« einen Zeitraum von drei bis sechs Wochen veranschlagte.

Das Display zeigte heute weder »BEREIT« noch »FEHLER«. Es zeigte:

»BEREIT — Schmied, H.«

Thomas las es zweimal. Er blinzelte. Er las es ein drittes Mal. Die Anzeige blieb. »BEREIT — Schmied, H.« Als sei der Drucker einem Benutzer zugeordnet. Als warte er auf einen Druckauftrag von Herrn Schmied. Von einem Mann, der in einer Abteilung gearbeitet hatte, die nicht existierte, in einem Zimmer, das sich in einem Stockwerk befand, das es nicht gab.

Thomas drückte eine Taste am Drucker. Das Display wechselte zu: »BEREIT«. Nur »BEREIT«. Kein Name. Kein Schmied, H. Thomas drückte die Taste erneut. »BEREIT.« Er drückte sie noch einmal, mehrfach, schnell hintereinander, in einer Art, die unter anderen Umständen als Misshandlung eines Dienstgeräts hätte gewertet werden können.

»BEREIT.«

Nur »BEREIT«.

Thomas nahm die Hand vom Drucker. Hinter ihm, im Flur, gingen Kollegen vorbei, auf dem Weg zu ihren Büros, mit Kaffeetassen und Aktenmappen und jenem Gesichtsausdruck, der signalisiert, dass ein neuer Arbeitstag begonnen hat und man sich damit abgefunden hat. Niemand sah den Drucker an. Niemand sah Thomas an. Niemand schien bemerkt zu haben, dass ein Gerät, das zur Vervielfältigung von Dokumenten dient, soeben den Namen eines Mannes angezeigt hatte, der möglicherweise nie existiert hatte.

Thomas ging in sein Büro. Er setzte sich auf seinen Stuhl, der heute nicht quietschte, was er als schlechtes Zeichen wertete. Er legte die Tabelle in die Schublade der Seltsamkeiten, die inzwischen so voll war, dass er sie reorganisieren musste — ein Vorhaben, das er auf später verschob, wobei »später« in diesem Fall jenen unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft bezeichnete, an dem alles einen Sinn ergeben würde, was Thomas ebenso inbrünstig hoffte wie er es bezweifelte.

Er betrachtete die Tabelle noch einmal. »Vorg. 2847/B — Zwischenstand.«

Zwischenstand. Das Wort implizierte, dass es einen Anfang gab und ein Ende geben würde. Dass das, was hier geschah, ein Prozess war, ein Vorgang — im wörtlichsten Sinne des Wortes. Etwas, das bearbeitet wurde. Von jemandem. Irgendwo.

Der Drucker im Flur summte leise vor sich hin, als warte er auf den nächsten Auftrag.