Das Fenster
Thomas Müller-Hinterberg ging seit sieben Jahren denselben Weg durch den dritten Stock des AAZ. Er ging ihn morgens, wenn er von der Treppe zu seinem Büro lief. Er ging ihn mittags, wenn er die Kantine aufsuchte, sofern die Kantine offen war, was sie an jedem zweiten Dienstag und an allen Donnerstagen nach 14 Uhr nicht war, aus Gründen, die in einem Rundschreiben von 2018 erklärt wurden, das Thomas nie erhalten hatte. Er ging ihn abends, wenn er das Gebäude verließ, und gelegentlich ging er ihn zwischendurch, zum Kopierer, zur Toilette oder zu Frau Behrens-Goldbachs Büro, um eine Frage zu stellen, die stets unbeantwortet blieb.
In diesen sieben Jahren hatte Thomas den Flur geschätzt 5.460 Mal durchquert, wenn man von drei Durchquerungen pro Arbeitstag und 260 Arbeitstagen pro Jahr ausging, was Thomas soeben auf einem Notizzettel berechnet hatte, weil ihm derartige Berechnungen ein Gefühl von Kontrolle gaben. 5.460 Mal. Das waren rund 27 Kilometer Flur, wenn man die Strecke von der Treppe bis zu Zimmer 312 auf fünf Meter schätzte. Eine Distanz, die ausreichte, um einmal die Stadt zu durchqueren oder, alternativ, um 27.000 Mal den Abstand zwischen zwei Schreibtischbeinen zurückzulegen, was als Vergleich zugegebenermaßen wenig hilfreich war, Thomas aber dennoch befriedigte.
In all diesen 5.460 Durchquerungen hatte er das Fenster nie bemerkt.
Es befand sich auf der linken Seite des Flurs, zwischen der Tür zum Materialraum und einem Feuerlöscher, der laut Prüfplakette zuletzt 2019 gewartet worden war und seitdem vermutlich mit der stillen Würde eines pensionierten Beamten vor sich hin existierte. Das Fenster war nicht klein — es hatte die üblichen Maße eines Bürofensters, etwa achtzig mal hundertzwanzig Zentimeter, mit einem Aluminiumrahmen und einer einzelnen Scheibe, die weder besonders sauber noch besonders schmutzig war. Es war das unauffälligste Fenster der Welt. Es war so unauffällig, dass es gewissermaßen durch seine Unauffälligkeit auffiel, wie ein Spion, der sich so perfekt tarnt, dass die Perfektion der Tarnung selbst verdächtig wird.
Thomas bemerkte es an einem Montagmorgen, als er dem Kopierer auswich. Der OfficePro X7400 hatte am Morgen ein Geräusch von sich gegeben, das an eine Kettensäge erinnerte, und Thomas hatte beschlossen, einen Umweg zu machen, um dem Gerät nicht zu nahe zu kommen. So bog er links ab statt rechts, ging drei Schritte weiter als gewöhnlich, und da war es: das Fenster.
Er blieb stehen.
Er blieb nicht stehen, weil das Fenster überraschend war — es war ein Fenster, Fenster waren nicht überraschend —, sondern weil der Blick durch das Fenster überraschend war. Thomas’ Büro lag im dritten Obergeschoss, Nordseite. Der Flur, in dem er stand, befand sich ebenfalls im dritten Obergeschoss, Nordseite. Ein Fenster auf der Nordseite des dritten Obergeschosses sollte logischerweise nach Norden zeigen, auf den Parkplatz, die Bushaltestelle und die Rückseite eines Wohnblocks, dessen Bewohner Thomas gelegentlich beim Wäscheaufhängen beobachtete, wenn er aus seinem eigenen Bürofenster sah.
Dieses Fenster zeigte den Innenhof.
Der Innenhof war im Zentrum des Gebäudes, erreichbar nur von der Südseite. Ein Fenster auf der Nordseite konnte den Innenhof nicht zeigen. Das war keine Frage der Interpretation oder der Perspektive — es war eine Frage der Geometrie, und Geometrie war, anders als Fristen und Formulare, nicht verhandelbar.
Und doch: der Innenhof. Thomas sah die Rasenfläche, die Steinplatten, die einzelne Bank, auf der er noch nie jemanden hatte sitzen sehen. Er sah die beiden Birken, die von der Hausverwaltung gelegentlich beschnitten wurden, wobei „beschnitten" eine großzügige Umschreibung für die Art war, wie der Gärtner — ein Mann, der Bäume offensichtlich als persönliche Feinde betrachtete — die Äste entfernte. Er sah den kleinen Brunnen, der seit mindestens drei Jahren nicht mehr lief und dessen Becken als Friedhof für Herbstlaub diente.
Und er sah das Alpaka.
Aber er sah all dies von oben.
Thomas befand sich im dritten Stock. Der Innenhof befand sich ebenerdig, vier Stockwerke tiefer, wenn man das Erdgeschoss mitzählte. Die Perspektive aus dem dritten Stock sollte schräg nach unten sein — ein Blickwinkel von vielleicht dreißig oder vierzig Grad. Aber Thomas blickte fast senkrecht hinab, als befände er sich im siebten oder achten Stock. Die Birken sahen aus wie Blumenkohlröschen. Die Bank war ein dünner Strich. Und das Alpaka —
Das Alpaka stand mitten auf der Rasenfläche und schaute nach oben.
Es schaute direkt zu Thomas.
Thomas war kein Mann, der Blickkontakt mit Tieren pflegte. Er hatte keine Haustiere, er ging nicht in den Zoo, und wenn er auf der Straße einem Hund begegnete, vermied er Augenkontakt aus demselben Grund, aus dem er auch mit Vorgesetzten im Aufzug keinen Augenkontakt suchte: Es konnte nur in einer unangenehmen Interaktion enden.
Aber das Alpaka sah ihn an. Sein Kopf war nach oben gereckt, seine dunklen Augen waren direkt auf Thomas gerichtet, und sein Kiefer mahlte — Alpakas kauten stets, es war ihre Standardtätigkeit, ihr Ruhezustand, ihr Bildschirmschoner —, aber selbst das Kauen wirkte in diesem Moment zielgerichtet, als kaute das Tier nicht Heu, sondern Gedanken.
Thomas stand eine Weile vor dem Fenster. Dann tat er etwas, das die Situation nicht klärte, aber seinem Bedürfnis nach empirischer Überprüfung entsprach: Er ging zu seinem Büro, öffnete sein eigenes Fenster — das nach Norden zeigte, auf den Parkplatz — und sah hinaus. Parkplatz. Bushaltestelle. Wohnblock. Alles normal.
Er ging zurück zum Fenster im Flur. Innenhof. Alpaka. Blick von oben.
Er ging zu seinem Büro. Parkplatz.
Zurück zum Flur. Innenhof.
Er wiederholte dies vier Mal, bis eine Kollegin aus Zimmer 308, deren Namen er vergessen hatte und die ihn aus der Ferne beobachtet haben musste, fragte: „Alles in Ordnung, Herr Müller-Hinterberg?"
„Ja", sagte Thomas. „Nein. Ja."
Die Kollegin nickte so, wie man nickt, wenn jemand drei sich widersprechende Antworten auf eine Ja-Nein-Frage gibt, und verschwand in ihrem Büro.
Thomas kehrte zum Fenster zurück. Das Alpaka war noch da. Es hatte sich nicht bewegt. Es kaute noch immer. Es sah noch immer nach oben. Thomas hatte den irrationalen Gedanken, dass das Alpaka auf ihn gewartet hatte, und den noch irrationaleren Gedanken, dass es zufrieden war, ihn zu sehen.
Er versuchte, das Fenster zu öffnen. Vielleicht, wenn er den Kopf hinausstreckte, könnte er die Perspektive ändern, den Winkel korrigieren, die Geometrie wieder in Ordnung bringen. Er griff nach dem Fenstergriff.
Es gab keinen.
Thomas tastete über den Rahmen. Kein Griff. Kein Schloss. Keine Kippfunktion. Der Rahmen war glatt und geschlossen, als wäre das Fenster nie zum Öffnen gedacht gewesen. Es war ein Fenster, das ausschließlich zum Hindurchsehen existierte — ein Fenster in seiner philosophischen Essenz, befreit von der banalen Funktion der Belüftung.
Thomas trat einen Schritt zurück. Und dann fiel sein Blick auf etwas, das er sofort hätte bemerken sollen, das aber von der Unmöglichkeit der Perspektive und dem Anstarren des Alpakas in den Hintergrund gedrängt worden war.
Sein Spiegelbild.
Es war schwach sichtbar, wie Spiegelbilder in Fensterscheiben immer schwach sichtbar sind — ein Geist des Betrachters, überlagert auf die Außenwelt. Thomas sah seinen Umriss, seine Schultern, seinen Kopf. Er sah sein Hemd — hellblau, wie jeden Tag.
Und er sah seine Krawatte.
Thomas trug heute eine dunkelrote Krawatte. Er trug sie jeden Montag, so wie er dienstags die marineblaue trug, mittwochs die anthrazitfarbene, donnerstags die gestreifte und freitags die weinrote, die sich von der montagsroten durch einen Hauch von Violett unterschied, den nur Thomas selbst wahrnahm. Es war Montag. Die Krawatte war dunkelrot.
Sein Spiegelbild trug eine grüne Krawatte.
Thomas fasste sich an den Hals. Dunkelrot. Er sah in die Scheibe. Grün.
Er betrachtete sein Spiegelbild genauer. Es stand genauso da wie er — dieselbe Haltung, dieselbe Körperform, dasselbe leicht ratlose Gesicht. Aber die Krawatte war grün. Ein sattes, unverschämtes Grün, das im Farbrepertoire von Thomas’ Garderobe nicht existierte. Er besaß keine grüne Krawatte. Er hatte nie eine grüne Krawatte besessen. Grün war die Farbe der Korrektur, und Thomas korrigierte nicht — Thomas bearbeitete.
Das Spiegelbild bewegte sich, als Thomas sich bewegte. Es hob die Hand, als Thomas die Hand hob. Es blinzelte vermutlich, als Thomas blinzelte, auch wenn das in der schwachen Reflexion nicht zu erkennen war. Es war sein Spiegelbild in jeder Hinsicht — außer der Krawatte.
Thomas stand vor dem Fenster, das es nicht geben sollte, mit dem Blick, der unmöglich war, auf das Alpaka, das wartete, und betrachtete ein Spiegelbild, das seine eigene Garderobe besser kannte als er selbst — oder, beunruhigender noch, eine andere.
Im Innenhof, weit unten, kaute das Alpaka. Die Birken standen still. Der Brunnen war trocken. Und Thomas Müller-Hinterberg, Sachbearbeiter, Zimmer 312, begann sich zu fragen, ob das Amt für Allgemeine Zuständigkeiten vielleicht doch für mehr zuständig war, als allgemein angenommen.