Kapitel 28

Zimmer 601

Das Amt für Allgemeine Zuständigkeiten hatte fünf Stockwerke. Dies war eine Tatsache, die sich auf vielfältige Weise belegen ließ: durch die Baupläne im Archiv der Stadt, durch den Grundriss im Foyer, durch die fünf Knöpfe im Aufzug, durch die Fensterreihen an der Fassade und durch den gesunden Menschenverstand, der einem sagte, dass ein Gebäude so viele Stockwerke hatte, wie es Stockwerke hatte, und nicht mehr.

Thomas Müller-Hinterberg wusste das alles. Er wusste auch, dass ein Zimmer mit der Nummer 601 — die erste Ziffer bezeichnete traditionsgemäß das Stockwerk — im sechsten Obergeschoss liegen musste, das nicht existierte. Er wusste, dass er dabei war, etwas zu tun, das zwischen „sinnlos" und „verrückt" angesiedelt war, mit einem kurzen Abstecher durch „merkwürdig" und einem längeren Aufenthalt in „warum tue ich das eigentlich".

Er tat es trotzdem.

Es war Mittwochmorgen, 09:17 Uhr, und Thomas hatte sich für die Treppe entschieden. Der Aufzug kam nicht in Frage — er hatte nur fünf Knöpfe, und Thomas brauchte sechs, und einen sechsten Knopf konnte man nicht einfach wollen, so wie man nicht einfach eine sechste Jahreszeit wollen konnte oder einen achten Wochentag. Der Aufzug gehorchte den Gesetzen der Architektur. Die Treppe hingegen gehorchte niemandem.

Thomas stieg.

Erdgeschoss. Erster Stock. Zweiter Stock. Die Treppe war breit und grau, aus einem Beton, der in den siebziger Jahren gegossen worden war und der die spezifische Ästhetik jener Ära ausstrahlte — eine Ästhetik, die man am besten als „funktional hässlich" bezeichnete, wobei selbst das „funktional" diskutabel war. Dritter Stock — Thomas’ Heimat, sein Territorium, der Ort, an dem er mehr Lebenszeit verbracht hatte als in seiner Wohnung. Vierter Stock — Kettners Reich, die Chefetage, sofern man bei einem Amt für Allgemeine Zuständigkeiten von einer Chefetage sprechen konnte. Fünfter Stock.

Thomas blieb stehen.

Der fünfte Stock war das Ende der bekannten Welt. Hier oben befanden sich die Archivräume, in denen Ordner standen, die seit Jahrzehnten niemand angerührt hatte, und ein Serverraum, der hinter einer Tür mit der Aufschrift „Serverraum — Zutritt nur für IT-Personal" lag, die ebenfalls nie abgeschlossen war. Die Treppe endete hier — theoretisch. Vor Thomas lag eine Wand, eine kahle Betonwand, und darüber die Decke, und darüber das Dach, und darüber der Himmel, und das war’s.

Aber links — Thomas hatte die Wand bisher nie genauer betrachtet, weil man Wände nicht genauer betrachtete, man ging an ihnen vorbei wie an Straßenlaternen oder Steuerberatern — links war eine Tür.

Sie war schmal, schmaler als die anderen Türen im Gebäude, und sie hatte eine Farbe, die man als „institutionelles Grau" bezeichnen konnte, ein Grau, das sich von der Betonwand nur durch einen Hauch von Dunkelheit unterschied. Wer nicht nach einer Tür suchte, würde sie nicht sehen. Thomas hatte sieben Jahre lang nicht nach einer Tür gesucht.

Auf der Tür war ein Schild: „Kein Zutritt — Haustechnik."

Thomas legte die Hand auf die Klinke. Er drückte.

Die Tür ging auf.

Dahinter lag eine Treppe. Nicht die breite, graue Betontreppe des regulären Gebäudes, sondern eine schmale, steile Holztreppe, deren Stufen bei jedem Schritt knarrten, als beschwerten sie sich über die Störung. Die Wände waren nicht betoniert, sondern verputzt, in einem Weiß, das vor langer Zeit weiß gewesen war und jetzt die Farbe alter Milch hatte. Eine einzelne Glühbirne — keine LED, keine Leuchtstoffröhre, eine Glühbirne, rund und warm und so anachronistisch wie eine Postkutsche — beleuchtete den Aufgang.

Thomas stieg hinauf. Zwölf Stufen. Dann ein kleiner Absatz. Dann noch sechs Stufen. Dann ein Flur.

Der Flur war kurz — vielleicht fünf Meter — und er enthielt eine einzige Tür. Die Tür hatte ein Schild, und auf dem Schild stand eine Zahl, und die Zahl war 601.

Thomas klopfte.

Er klopfte, weil er ein höflicher Mensch war und weil man an Türen klopfte, bevor man eintrat, auch wenn — oder gerade wenn — die Tür zu einem Raum gehörte, der in keinem Gebäudeplan verzeichnet war, in einem Stockwerk, das es nicht gab.

Keine Antwort.

Thomas klopfte erneut. Dreimal, das Standardklopfen des AAZ, das irgendwo zwischen „höflich" und „ich bin berechtigt, hier zu sein" angesiedelt war. Stille.

Er drückte die Klinke.

Das Büro hinter der Tür war klein. Nicht beengt — klein auf eine Art, die Absicht vermuten ließ, als hätte jemand beschlossen, dass ein Büro genau diese Größe haben sollte und keinen Quadratzentimeter mehr. Es enthielt einen Schreibtisch aus Holz — echtes Holz, nicht das Pressspanplattenimitat der unteren Stockwerke —, einen Stuhl mit Armlehnen und Polsterung, einen Computer, ein Fenster und eine Pflanze.

Die Pflanze war tot. Oder schlief. Bei Pflanzen war die Grenze fließend.

An der Wand hing ein Poster. Thomas erkannte es sofort, obwohl er es noch nie gesehen hatte, weil es zu dem Muster passte, das sich über die letzten Wochen wie ein Wasserzeichen durch sein Leben gezogen hatte: ein Einhorn. Es war kein schlechtes Poster — kein kitschiges Einhorn aus einem Kinderzimmer mit Glitzer und Regenbogen, sondern eine nüchterne Illustration, fast wie eine technische Zeichnung, als hätte jemand ein Einhorn für einen Katalog oder ein Lehrbuch gezeichnet. Das Horn war gerade, nicht gedreht. Die Mähne war ordentlich. Das Einhorn stand aufrecht und schaute den Betrachter an, als erwarte es eine Dienstanweisung.

Thomas ging zum Schreibtisch. Er war aufgeräumt — aufgeräumter als Thomas’ eigener Schreibtisch, was etwas hieß — und enthielt: eine Tastatur, eine Maus, einen Bildschirm (ausgeschaltet), einen Kugelschreiber (blau) und ein einzelnes Blatt Papier.

Thomas beugte sich über das Blatt.

Es war ein Formular. Formular 7b. Aber nicht das handkorrigierte Exemplar, das Thomas kannte — nicht das Formular 7a mit dem durchgestrichenen „a" und dem darübergeschriebenen „b". Dies war ein echtes, gedrucktes, offizielles Formular 7b, mit Briefkopf des AAZ und der Aufschrift „Formular 7b — Antrag auf Bearbeitung eines besonderen Vorgangs" in der oberen rechten Ecke.

Und es war ausgefüllt.

Thomas las:

Vorgangsbezeichnung: 2847/B
Zuständige Abteilung: Abt. 6 — Besondere Vorgänge
Antragsteller: H. Schmied
Datum: [ein Datum, das Thomas entziffern konnte: 14. März, vor fünfzehn Jahren]

Die Felder waren akkurat ausgefüllt, in der Handschrift, die Thomas inzwischen so gut kannte wie seine eigene. Unter dem Feld „Beschreibung des Vorgangs" stand, in kleiner, aber leserlicher Schrift:

Sicherstellung der Kontinuität des Verfahrens. Einleitung der Bearbeitung gemäß Dienstanweisung 7b/III, Abschnitt 4, Absatz 2. Besondere Berücksichtigung der zeitlichen Komponente. Frist: unbestimmt.

Thomas las den Absatz drei Mal. Er war, wie alles in dieser Angelegenheit, gleichzeitig präzise und völlig nichtssagend. „Sicherstellung der Kontinuität des Verfahrens" — welches Verfahren? „Zeitliche Komponente" — welche Zeit? „Frist: unbestimmt" — das erklärte immerhin die Sache mit der unleserlichen Frist.

Unter dem Formular, in der Zeile für die Unterschrift, stand ein Name: H. Schmied. Und daneben ein Stempel, rund, mit dem AAZ-Logo und der Aufschrift „Abteilung 6 — Für besondere Vorgänge genehmigt."

Thomas legte das Formular hin. Seine Hände zitterten nicht — Thomas’ Hände zitterten nie, sie waren so ruhig wie die Oberfläche eines Sees an einem windstillen Tag, was weniger an Tapferkeit lag als an einer grundsätzlichen Abwesenheit von motorischer Aufregung —, aber in seinem Inneren vibrierte etwas, das er als professionelle Erregung identifizierte.

Er wandte sich dem Computer zu. Es war kein alter Rechner wie der in Schmieds anderem Büro — dieser hier war modern, ein schlanker Desktop-PC mit Flachbildschirm. Thomas drückte den Einschaltknopf. Nichts geschah. Er drückte erneut. Ein Summen. Der Bildschirm flackerte.

Ein Startbildschirm erschien, und darauf — Thomas hatte es erwartet, und doch traf es ihn mit der Wucht des Vorhersehbaren — ein Einhorn. Es galoppierte über eine Wiese, genau wie auf dem alten Computer im leeren Büro. Aber dieses Einhorn war hochauflösend. Thomas konnte einzelne Haare in der Mähne erkennen. Er konnte die Grashalme zählen. Er konnte den Himmel sehen, in dem sich kleine Wölkchen türmten, die aussahen wie Aktenordner.

Der Bildschirmschoner verschwand nach einigen Sekunden und gab den Desktop frei. Das Betriebssystem war alt — nicht antik wie auf dem anderen Computer, aber alt genug, um Thomas an seine ersten Jahre im Amt zu erinnern. Auf dem Desktop befand sich ein einziger Ordner.

Er hieß „Vorgang 2847B".

Thomas klickte. Der Ordner öffnete sich. Er enthielt drei Dateien.

Thomas’ Herz klopfte. Es klopfte nicht im wörtlichen Sinne schneller — ein Sachbearbeiterherz beschleunigte nicht leichtfertig —, aber es klopfte mit einer Entschiedenheit, die Thomas normalerweise nur von der Kantinensuppe kannte, wenn sie zu heiß war.

Drei Dateien. In einem Ordner auf einem Computer in einem Raum, den es nicht geben konnte, in einem Stockwerk, das nicht existierte, mit einem Formular auf dem Tisch, das von einem Mann unterschrieben war, den es möglicherweise ebenfalls nicht mehr gab.

Die erste Datei hieß: „NICHT_ÖFFNEN.txt"

Thomas starrte auf den Dateinamen. Es war eine Warnung, klar und unmissverständlich. NICHT_ÖFFNEN. Drei Worte, die keiner Interpretation bedurften, die so eindeutig waren wie „Ausgang" über einer Tür oder „Nicht für den Verzehr geeignet" auf einem Reinigungsmittel.

Thomas hatte in seinem Leben noch nie eine Anweisung missachtet. Er war ein Mann, der bei Rot stehen blieb, auch wenn die Straße leer war. Er war ein Mann, der Bedienungsanleitungen las, bevor er Geräte einschaltete. Er war ein Mann, der Formulare vollständig ausfüllte, einschließlich der optionalen Felder.

Aber er war auch ein Mann, der seit Wochen einem Vorgang nachjagte, der sich jeder Logik entzog, und der gerade einen Computer in einem nicht existierenden Stockwerk eingeschaltet hatte.

Die zweite Datei war eine Tabelle: „Zwischenstand_2847B.xlsx"

Die dritte Datei war ein Textdokument: „Entwurf_E-Mail.doc"

Thomas’ Cursor schwebte über der ersten Datei. NICHT_ÖFFNEN.txt. Der Cursor blinkte geduldig, als hätte er alle Zeit der Welt, und Thomas vermutete, dass er sie auch hatte — denn in Zimmer 601 schien die Zeit ohnehin nach eigenen Regeln zu verlaufen.