Die zweite E-Mail
Thomas Müller-Hinterberg saß in seinem Büro und betrachtete eine E-Mail, die nicht existieren konnte.
Das heißt: Sie existierte offensichtlich. Sie war da. Sie hatte einen Absender (schmied@aaz.de), einen Betreff (RE: DRINGEND: Vorgang 2847/B), ein Empfangsdatum (heute, vor vier Minuten) und einen Inhalt (keinen). Sie befand sich in seinem Posteingang, zwischen einer Erinnerung an die Betriebsversammlung am Donnerstag und einem Newsletter der Personalvertretung, der das Wort „Teamgeist" achtzehn Mal auf einer Seite verwendete. Die E-Mail war so real wie alles andere auf seinem Bildschirm, und das Problem war nicht ihre Realität, sondern ihre Unmöglichkeit.
Thomas hatte den Computer in Zimmer 601 eingeschaltet. Er hatte drei Dateien angesehen. Er hatte den Computer heruntergefahren. Irgendwann in diesen Minuten — zwischen dem Einschalten und dem Herunterfahren, zwischen dem Einhorn-Bildschirmschoner und dem ordnungsgemäßen Beenden der Sitzung — hatte dieser Computer eine E-Mail gesendet.
Oder etwas hatte eine E-Mail gesendet.
Thomas betrachtete die E-Mail. Sie war leer. Kein Text, kein Anhang, keine Signatur, keine automatisch generierte Abwesenheitsnotiz (obwohl eine solche, bei einem seit fünfzehn Jahren abwesenden Sachbearbeiter, durchaus angemessen gewesen wäre). Nur „RE:" — die universelle Markierung für eine Antwort. Eine Antwort auf die ursprüngliche E-Mail, die Thomas vor Wochen erhalten hatte. Jene erste E-Mail, „DRINGEND: Vorgang 2847/B", die alles ausgelöst hatte — die Umschläge, das Formular, die Katzenfotos, den leeren Konferenzraum, das Alpaka, das Einhorn, die Frist, den Kopierer, das unmögliche Fenster, die Treppe, Zimmer 601.
Eine Antwort. Auf eine E-Mail, die fünfzehn Jahre alt war. Gesendet von einem Computer, der fünfzehn Jahre lang ausgeschaltet gewesen war. Und zwar — Thomas überprüfte die Zeitstempel erneut, dreimal, weil Gründlichkeit sein Lebensinhalt war — genau in dem Zeitfenster, in dem er, Thomas, den Computer eingeschaltet hatte.
Er hatte den Geist geweckt.
Thomas mochte das Wort „Geist" nicht. Es war unwissenschaftlich, unpräzise und in keinem Formular vorgesehen. Es gab kein Feld in keinem Antrag des AAZ, in dem man „Geist" als Ursache angeben konnte. Nicht unter „Beschreibung des Sachverhalts", nicht unter „Bemerkungen" und schon gar nicht unter „Art des Vorgangs (bitte ankreuzen)." Und doch — was war die Alternative? Ein Timer? Ein vorprogrammierter Sendebefehl, der seit fünfzehn Jahren in der Warteschlange hing und darauf wartete, dass jemand den Einschaltknopf drückte? Es war möglich. Es war sogar, in der Logik der EDV, denkbar. Ein Skript, eine Automatisierung, ein digitaler Mechanismus, der beim Systemstart ausgelöst wurde. Schmied — falls Schmied der war, der er zu sein schien — hätte so etwas einrichten können. „Wenn jemand diesen Computer einschaltet, sende diese E-Mail."
Aber wozu?
Thomas versuchte, sich in Schmied hineinzuversetzen. Ein Sachbearbeiter, der vor fünfzehn Jahren in einer Abteilung arbeitete, die es nicht mehr gab. Ein Mann, der ein Formular ausfüllte, eine E-Mail entwarf, eine Warnung hinterließ — „Ich habe Sie gewarnt" — und dann verschwand. Nicht dramatisch, nicht gewaltsam, nicht auf eine Weise, die Schlagzeilen machte. Einfach — weg. Wie ein Kugelschreiber, der aus der Schublade verschwindet. Wie ein Formular, das in der Ablage untergeht. Wie eine Abteilung, die aus dem Organigramm gestrichen wird, ohne dass jemand protestiert.
Schmied hatte gewusst, dass jemand kommen würde. Das war die einzige Erklärung für das Notizbuch, für die Dateien, für den Zettel im Fell des Alpakas, für das ganze elaborierte Schnitzeljagd-System aus Post-its, Wasserzeichen und geometrisch unmöglichen Fenstern. Schmied hatte vorbereitet. Schmied hatte gewartet.
Es braucht nur den Richtigen.
Thomas las den Satz in seiner Erinnerung. Er war der Richtige. Oder er war der Einzige, der dumm genug gewesen war, einer unleserlichen E-Mail mit einem unöffnenbaren Anhang nachzugehen, statt sie zu löschen und seinen Tag fortzusetzen, wie es jeder vernünftige Sachbearbeiter getan hätte.
Beides war möglich. Beides schloss sich nicht aus.
Thomas lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er quietschte — der Stuhl, nicht Thomas, obwohl Thomas in diesem Moment durchaus Grund gehabt hätte, ein Geräusch von sich zu geben, das Unbehagen ausdrückte. Der Stuhl in Zimmer 601 hatte nicht gequietscht. Es war ein kleines Detail, aber es nagte an Thomas. Warum quietschte jeder Stuhl im AAZ, aber nicht der in Zimmer 601? Hatte Schmied WD-40 besessen? Oder herrschten in der Abteilung 6 andere Regeln — nicht nur für Vorgänge und Fristen, sondern auch für die grundlegenden physikalischen Eigenschaften von Büromöbeln?
Thomas beschloss, rational zu bleiben. Rationalität war sein Anker, sein Kompass, sein Leitz-Ordner im Chaos der Welt. Er würde die Fakten ordnen, wie er alles ordnete: chronologisch, alphabetisch, nach Aktenzeichen.
Er nahm ein Blatt Papier — frisch aus dem Drucker, der heute gnädigerweise nur das druckte, was er sollte — und schrieb:
Fakten zu Vorgang 2847/B
1. Ursprüngliche E-Mail: Von schmied@aaz.de, Betreff „DRINGEND: Vorgang 2847/B", Anhang unöffnebar (.7b-Format)
2. Dreifach verschachtelte Umschläge mit leerem Blatt (Aufschrift: „Dienstag")
3. Drucker druckte ungefragt Tabelle „Zwischenstand 2847/B"
4. Visitenkarte H. Schmied unter Bürostuhl
5. Ordner mit Katzenfotos → Formular 7b unter Katze → „Meeting Raum 4, 14 Uhr"
6. Raum 4: Post-it „Geduld" + zweites Post-it „Formular 7b — dreifach"
7. Kopierer: 49 Kopien Seite 2, eine mit Einhorn-Wasserzeichen
8. Bildschirmschoner in leerem Büro: Einhorn
9. Frist: 14.03. (Jahr unbekannt)
10. Kettner kennt 2847/B, erwähnt „Ausschuss"
11. Fenster zeigt geometrisch unmöglichen Blick, Spiegelbild mit falscher Krawatte
12. Alpaka-Genehmigung: Abteilung 6
13. Zettel im Alpaka-Fell: „Zimmer 601"
14. Zimmer 601: Formular 7b (ausgefüllt, signiert Schmied, 15 Jahre alt)
15. Computer: NICHT_ÖFFNEN.txt („Ich habe Sie gewarnt"), Tabelle (= Druckerausdruck), E-Mail-Entwurf (= die ursprüngliche E-Mail)
16. Notizbuch: „Die Bearbeitung wird fortgesetzt. Es braucht nur den Richtigen."
17. Neue E-Mail: RE: DRINGEND: 2847/B — leer, gesendet 3 Min. nach Einschalten
Thomas betrachtete die Liste. Siebzehn Punkte. Siebzehn Fakten, von denen jeder einzelne für sich genommen merkwürdig war und die zusammen ein Bild ergaben, das Thomas nicht verstand, das aber — und das war das Irritierende — eine innere Logik zu haben schien. Es war wie ein Puzzle, dessen Teile ineinandergriffen, aber dessen Motiv unter der Oberfläche lag, verborgen wie ein Wasserzeichen.
Ein Wasserzeichen. Wie das Einhorn.
Thomas faltete das Blatt zusammen und legte es in seine Brusttasche, zu den Post-its und dem Zettel aus dem Alpaka-Fell und dem Bonbon, das inzwischen so alt war, dass es als archäologischer Fund durchgehen konnte. Dann wandte er sich seinem Bildschirm zu.
Die E-Mail war noch da. RE: DRINGEND: Vorgang 2847/B. Leer. Von schmied@aaz.de.
Thomas tat etwas, das er noch nie getan hatte. Er klickte auf „Antworten."
Das Antwortfenster öffnete sich. Der Cursor blinkte in einem leeren Textfeld. Thomas’ Finger schwebten über der Tastatur. Was schrieb man einem Mann, der seit fünfzehn Jahren verschwunden war? „Sehr geehrter Herr Schmied"? „Lieber Herr Schmied"? „Werter Geist"?
Thomas tippte:
Sehr geehrter Herr Schmied,
ich bin Thomas Müller-Hinterberg, Sachbearbeiter, Zimmer 312. Ich habe Ihre E-Mail erhalten. Ich habe Zimmer 601 gefunden. Ich habe das Formular 7b gelesen.
Was ist Vorgang 2847/B?
Mit freundlichen Grüßen,
T. Müller-Hinterberg
Er klickte auf „Senden." Die E-Mail verschwand in den Tiefen des Netzwerks, wie ein Papierboot, das man auf einen unterirdischen Fluss setzt.
Thomas wartete. Eine Minute. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Keine Antwort. Natürlich keine Antwort. schmied@aaz.de war eine Adresse, die seit fünfzehn Jahren keinem aktiven Postfach zugeordnet war. Die E-Mail würde ins Leere laufen, in einen digitalen Abgrund, in dem unzustellbare Nachrichten ein stilles Dasein führten.
Thomas wandte sich ab. Er hatte getan, was er konnte. Er hatte recherchiert, gesucht, gelesen, verglichen, geklopft, gefragt, gestreichelt (ein Alpaka), kopiert (neunundvierzig Mal Seite 2), und er hatte eine E-Mail in den Äther geschickt. Morgen war ein neuer Tag. Morgen würde er das Formular 7b in dreifacher Ausfertigung besorgen — irgendwie — und den Statusbericht aktualisieren und Herrn Kettner Bericht erstatten und auf den Ausschuss warten und das Fenster meiden und das Alpaka grüßen.
Er fuhr seinen Computer herunter, stellte seinen Stuhl unter den Schreibtisch, löschte das Licht und verließ Zimmer 312.
Auf dem Flur blieb er stehen. Links, zwischen der Materialraumtür und dem Feuerlöscher, war das Fenster. Das unmögliche Fenster. Thomas wollte nicht hinsehen. Er sah hin.
Der Innenhof. Das Alpaka. Die Birken. Der trockene Brunnen.
Und sein Spiegelbild.
Heute trug es keine Krawatte. Es trug — Thomas blinzelte, rieb sich die Augen, sah erneut hin — überhaupt keinen Anzug. Sein Spiegelbild trug ein einfaches Hemd, offener Kragen, die Ärmel hochgekrempelt. Es sah aus wie ein Mann, der nach Feierabend war. Oder wie ein Mann, der nie einen Anfang gehabt hatte. Es sah aus wie Thomas, nur entspannter. Gelöster. Freier.
Es sah aus wie jemand, der wusste, worum es bei Vorgang 2847/B ging.
Thomas ging nach Hause. Im Treppenhaus summte der Aufzug. Im Innenhof kaute das Alpaka. In Zimmer 601, einem Stockwerk über der Welt, stand ein Computer, der ausgeschaltet war und der, wenn man den Daten traute, gerade eine E-Mail empfangen hatte.
Und irgendwo in den Leitungen des Amtes für Allgemeine Zuständigkeiten, in den Kabeln und Servern und Routern, in den Bits und Bytes, die Herr Lohmann so gern als Erklärung für alles heranzog, wanderte eine Antwort auf eine Frage, die Thomas gestellt hatte und die vielleicht — vielleicht — beantwortet werden würde.
Oder auch nicht.
Im AAZ war beides immer möglich.