Die erste Sitzung
Die erste Sitzung des Untersuchungsausschusses UA-2847/B-1 fand am Donnerstag um vierzehn Uhr statt, in Besprechungsraum 7, der dafür reserviert worden war, obwohl Besprechungsraum 3 näher gelegen, besser belüftet und mit einer funktionierenden Uhr ausgestattet gewesen wäre. Die Reservierung von Besprechungsraum 7 war jedoch die einzige, die das Buchungssystem akzeptiert hatte, nachdem Herr Kettner zunächst Besprechungsraum 3 reserviert, die Reservierung storniert, Besprechungsraum 5 reserviert, festgestellt hatte, dass Besprechungsraum 5 kein Whiteboard besaß, die Reservierung storniert und schließlich Besprechungsraum 7 gebucht hatte, der zwar ein Whiteboard besaß, aber keine Stifte. Kettner hatte daraufhin Herrn Pflüger gebeten, Stifte zu beschaffen, was Herr Pflüger mit den Worten „Ich bin Hausmeister, kein Büromaterialbeauftragter" abgelehnt hatte, um dann dennoch drei Stifte zu bringen, von denen zwei leer waren.
Thomas war zehn Minuten zu früh erschienen, weil er zehn Minuten zu früh zu allem erschien. In seiner Aktentasche befand sich der Bericht — ein einzelner Absatz, mittlerweile auf anderthalb Absätze erweitert — sowie drei Exemplare des Formulars 7b, die er am Vorabend ausgefüllt hatte. Das Ausfüllen hatte insgesamt vier Stunden und siebzehn Minuten in Anspruch genommen, was bedeutete, dass jedes Exemplar etwa eine Stunde und vierundzwanzig Minuten erfordert hatte, wobei die verbleibende Zeit auf das Suchen des Formulars, das Fluchen über das Formular und das Starren auf Feld 14b entfiel, das nach dem „Gegenstandswert des zu untersuchenden Vorgangs" fragte und das Thomas mit „nicht bezifferbar" ausgefüllt hatte, was nicht ganz ehrlich war, aber ehrlicher als alles andere, das ihm eingefallen war.
Frau Behrens-Goldbach traf als Nächste ein. Sie setzte sich Thomas gegenüber, faltete die Hände und sagte: „Donnerstag." Thomas nickte. Es war Donnerstag. Mehr gab es dazu nicht zu sagen, und Frau Behrens-Goldbach sagte auch nicht mehr.
Herr Kettner erschien um Punkt vierzehn Uhr, was bei einem Mann, der Pünktlichkeit als moralische Kategorie betrachtete, zu erwarten war. Er trug eine Mappe unter dem Arm, die so dick war, dass sie entweder umfangreiche Unterlagen oder sehr viel leeres Papier enthielt. Thomas tippte auf Letzteres.
Frau Dr. Winterkorn betrat den Raum drei Minuten nach vierzehn Uhr, was Thomas überraschte, da er erwartet hatte, dass eine Frau, die E-Mails mit derartiger chirurgischer Präzision verfasste, auch zeitlich chirurgisch präzise sein würde. Frau Dr. Winterkorn war eine Frau Anfang fünfzig mit kurz geschnittenem grauem Haar, einer Brille mit dünnem Metallrahmen und einem Blick, der Thomas an den Moment erinnerte, in dem ein Scanner ein Dokument erfasst: gründlich, schnell und ohne jede emotionale Beteiligung. Sie setzte sich ans Kopfende des Tisches, obwohl das Kopfende des ovalen Tisches streng genommen nicht existierte, und legte einen einzelnen Aktenordner vor sich, der — Thomas bemerkte es mit einer Mischung aus Bewunderung und Furcht — mit farbigen Reitern versehen war.
Herr Pflüger kam zuletzt. Er kam sieben Minuten zu spät und trug einen Blaumann, der darauf hindeutete, dass er direkt von einer handwerklichen Tätigkeit kam, die ihm vermutlich sinnvoller erschienen war als das, was nun folgen würde.
„Warum bin ich hier?", fragte Herr Pflüger, noch bevor er sich gesetzt hatte.
Kettner räusperte sich. „Das wird im Verlauf der Sitzung deutlich werden."
„Kann ich das nicht im Verlauf der nächsten Sitzung erfahren? Ich hab einen Heizkörper in 208, der —"
„Pflüger. Bitte."
Herr Pflüger setzte sich. Er setzte sich mit der ostentativ langsamen Bewegung eines Mannes, der dokumentieren wollte, dass er unter Protest saß.
Kettner eröffnete die Sitzung. Er eröffnete sie, indem er feststellte, dass die Sitzung eröffnet sei, was strenggenommen eine Tautologie war, aber im AAZ als ordnungsgemäße Verfahrensweise galt. Dann verlas er die Tagesordnung. Die Tagesordnung bestand aus sechs Punkten: 1. Eröffnung der Sitzung. 2. Feststellung der Anwesenheit. 3. Festlegung des Termins für die nächste Sitzung. 4. Bericht des primären Sachverhaltsträgers. 5. Verschiedenes. 6. Schließung der Sitzung.
Punkt 1 war erledigt. Punkt 2 erforderte, dass Kettner die Namen aller Anwesenden vorlas, obwohl alle Anwesenden einander sehen konnten, und jeder mit „Anwesend" oder „Hier" antwortete, als befände man sich in einem Klassenzimmer und nicht in einem Besprechungsraum des öffentlichen Dienstes.
Dann kam Punkt 3.
„Die nächste Sitzung", sagte Kettner, „sollte zeitnah stattfinden. Ich schlage kommenden Montag vor."
„Montag bin ich beim Fortbildungsseminar", sagte Frau Behrens-Goldbach.
„Welches Fortbildungsseminar?"
„Digitale Aktenführung im Wandel."
Kettner notierte etwas. „Dienstag?"
„Dienstag habe ich den ganzen Tag Termine", sagte Frau Dr. Winterkorn, ohne zu spezifizieren, welcher Art diese Termine waren. Sie sagte es in einem Ton, der weitere Nachfragen nicht empfahl.
„Mittwoch?"
„Mittwoch ist mein Homeoffice-Tag", sagte Thomas.
„Seit wann haben Sie einen Homeoffice-Tag?"
„Seit der neuen Dienstvereinbarung."
Kettner schrieb erneut etwas auf. „Donnerstag?"
„Donnerstag kann ich", sagte Thomas.
„Donnerstag habe ich eine Dachinspektion", sagte Herr Pflüger. „Die Dachrinne über dem Westflügel —"
„Freitag?"
„Freitag macht niemand mehr etwas", sagte Frau Behrens-Goldbach. Es war unklar, ob dies eine Feststellung über das AAZ oder über die menschliche Zivilisation im Allgemeinen war.
Kettner schlug vor, ein Doodle zu erstellen. Ein Doodle, erklärte er für die Anwesenden, die es nicht wussten — was niemand war, aber Kettner erklärte Dinge grundsätzlich, unabhängig vom Wissensstand seines Publikums —, sei ein digitales Werkzeug zur Terminfindung. Er werde siebenundvierzig Zeitfenster für die kommenden drei Wochen eintragen.
„Siebenundvierzig?", fragte Thomas.
„Ich möchte alle Optionen abdecken."
Frau Dr. Winterkorn schob ihre Brille zurecht. Es war eine minimale Geste, aber Thomas hatte das Gefühl, dass sie damit mehr ausdrückte als andere Menschen mit einer ganzen Rede. „Können wir zu Punkt 4 kommen?"
„Punkt 4 ist der Bericht des primären Sachverhaltsträgers", sagte Kettner. „Müller-Hinterberg?"
Thomas öffnete seine Aktentasche. Er zog den Bericht heraus. Er legte ihn vor sich auf den Tisch. Es war ein einzelnes Blatt Papier. Es wirkte einsam.
„Am Dienstag", las Thomas vor, „erhielt der Unterzeichner eine E-Mail betreffend Vorgang 2847/B. Der Anhang war nicht zu öffnen. Weitere Ermittlungen führten zu Zimmer 601 im sechsten Stock, in dem sich ein Computer befand, der bei Einschaltung eine leere E-Mail an sämtliche Mitarbeiter versandte."
Stille.
„Das ist alles?", fragte Kettner.
„Das ist alles, was ich mit Gewissheit sagen kann."
„Es gibt Dinge, die Sie ohne Gewissheit sagen können?"
Thomas zögerte. Ja. Es gab eine Menge Dinge, die er ohne Gewissheit sagen konnte. Dreifach verschachtelte Umschläge. Katzenfotos in Ordnern. Ein Alpaka mit einem Zettel. Ein Einhorn-Poster. Formular 7b, ausgefüllt von einer Person, die seit fünfzehn Jahren im Ruhestand war. Aber all das klang, wenn man es laut aussprach, weniger nach einem Bericht und mehr nach dem Plot eines Fiebertraums.
„Ich möchte weitere Recherchen durchführen", sagte Thomas diplomatisch.
Frau Dr. Winterkorn machte eine Notiz. Sie machte sie mit einem Füllfederhalter, was Thomas als anachronistisch und gleichzeitig bedrohlich empfand.
„Punkt 5, Verschiedenes", sagte Kettner. „Hat jemand —"
„Warum bin ich hier?", fragte Herr Pflüger.
„Das steht auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung", sagte Kettner.
„Das steht nicht auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung. Es gibt noch keine Tagesordnung für die nächste Sitzung. Es gibt noch keinen Termin für die nächste Sitzung."
Kettner blinzelte. „Das ist korrekt. Wir werden den Termin per Doodle klären."
„Per Doodle", wiederholte Pflüger in einem Ton, der das Wort wie eine Diagnose klingen ließ.
Punkt 6: Schließung der Sitzung. Kettner erklärte die Sitzung für geschlossen. Die Sitzung hatte dreiunddreißig Minuten gedauert. Das Protokoll, das Kettner in den folgenden zwei Tagen anfertigen würde, umfasste — Thomas sollte es am Samstag per E-Mail erhalten — viereinhalb Seiten. Der inhaltliche Kern des Protokolls ließ sich in einem einzigen Satz zusammenfassen: „Es wurde beschlossen, einen Termin für die nächste Sitzung zu finden."
Thomas packte seine Unterlagen ein. Er stand auf. Frau Dr. Winterkorn stand ebenfalls auf und trat neben ihn, während die anderen den Raum verließen. Sie war einen halben Kopf kleiner als Thomas, aber sie hatte die Art von Präsenz, die Menschen größer wirken lässt, als sie sind — die Präsenz einer Person, die Aktenordner mit farbigen Reitern besitzt und weiß, was hinter jedem einzelnen steckt.
„Herr Müller-Hinterberg", sagte sie leise, während Kettner am anderen Ende des Raumes mit dem Zusammenklappen seiner Mappe beschäftigt war.
„Ja?"
Frau Dr. Winterkorn sah ihn an. Ihr Blick war von jener ruhigen Festigkeit, die Thomas an Betonwände erinnerte.
„Sie wissen, dass Schmied noch lebt, oder?"
Thomas öffnete den Mund. Er schloss ihn wieder. Er öffnete ihn erneut. Nichts kam heraus. Es war, als hätte jemand die Verbindung zwischen seinem Gehirn und seinen Stimmbändern unterbrochen, wie ein Netzwerkkabel, das aus einer Buchse gezogen wird.
Frau Dr. Winterkorn lächelte. Es war kein warmes Lächeln. Es war das Lächeln einer Person, die soeben eine Schachfigur gezogen hat und weiß, dass der Gegner die Konsequenz erst in drei Zügen begreifen wird.
Dann ging sie.