Buerolegende 6a
Jedes Amt hat seine Legenden. Das Finanzamt hat die Geschichte von dem Steuerbescheid, der dreimal um die Welt ging, bevor er zugestellt wurde. Das Einwohnermeldeamt hat die Sage vom Mann, der sich selbst abgemeldet hat und dann nicht mehr existierte. Und das Amt für Allgemeine Zuständigkeiten hat Bürolegende 6a.
Thomas hatte den Begriff zum ersten Mal vor etwa fünf Jahren gehört, in der Kantinenschlange, als zwei Kollegen aus der Poststelle — Herr Winkler und Frau Tamm — sich halblaut unterhielten, in jenem Tonfall, den Menschen annehmen, wenn sie über Dinge sprechen, die zu bedeutsam für normale Lautstärke sind, aber zu interessant, um sie für sich zu behalten. „Bürolegende 6a", hatte Herr Winkler gesagt und dabei den Kopf geschüttelt, als spräche er über ein Naturwunder, dessen Existenz er zwar nicht bezweifelte, das aber sein Weltbild in einer Weise erschütterte, die er nicht ganz verarbeitet hatte.
Thomas hatte damals nicht weiter nachgefragt. Man fragte im AAZ nicht nach Legenden, so wie man in einer Kirche nicht nach dem Auferstehungsmechanismus fragte — man nahm sie hin, nickte wissend und wechselte das Thema.
Aber jetzt, nach dem Gespräch mit Frau Behrens-Goldbach, nach Frau Dr. Winterkorns Bemerkung, nach allem, was mit Vorgang 2847/B zusammenhing oder zusammenzuhängen schien oder zusammenzuhängen behauptete, beschloss Thomas, dass es an der Zeit war, die Bürolegende 6a zu ergründen.
Er begann bei Herrn Winkler, der in der Poststelle saß und Pakete sortierte, eine Tätigkeit, die er mit einer Mischung aus Routine und Resignation verrichtete, die Thomas an einen Fährmann erinnerte, der seit Jahrhunderten Seelen über einen Fluss beförderte und sich längst nicht mehr fragte, wohin.
„Bürolegende 6a?", sagte Herr Winkler und hielt inne. Er stellte ein Paket ab, stützte sich darauf und senkte die Stimme, obwohl niemand sonst im Raum war. „Da geht es um das Formular."
„Welches Formular?"
Herr Winkler sah Thomas an, als hätte dieser gefragt, welches Wasser nass sei. „Das Formular. Das Formular, das durchging."
Thomas wartete. Herr Winkler räusperte sich.
„Es heißt, dass einmal — genau einmal in der gesamten Geschichte des AAZ — jemand ein Formular beim ersten Versuch korrekt ausgefüllt hat."
Er ließ die Worte wirken. Sie wirkten. Thomas spürte, wie sich in seinem Inneren etwas zusammenzog, eine Art ehrfürchtiges Staunen, das er normalerweise für Naturphänomene reservierte, wie etwa den Umstand, dass die Kantinen-Currywurst seit zwanzig Jahren exakt gleich schmeckte.
„Ohne Rückfragen", fuhr Herr Winkler fort. „Ohne Nachbesserung. Ohne den Vermerk ‚Bitte in Feld 14b den Gegenstandswert eintragen’. Ohne den Stempel ‚Unvollständig — zurück an Absender’. Das Formular ging durch die Sachbearbeitung, durch die Prüfstelle, durch die Vorgesetztengenehmigung, durch die Endkontrolle und durch das Archiv. In einem Durchgang. Ohne Beanstandung."
Thomas schwieg. Es war eine Stille der Fassungslosigkeit, vergleichbar mit dem Moment, in dem ein Mathematiker eine Gleichung löst, die seit Jahrhunderten als unlösbar galt, und feststellt, dass die Lösung eine Eins ist.
„Und das Formular?", fragte Thomas.
Herr Winkler beugte sich vor. „Formular 7b."
Thomas schloss die Augen. Natürlich. Natürlich war es Formular 7b.
„Und der Ausfüller?"
Herr Winkler lächelte. Es war das Lächeln eines Mannes, der eine Pointe aufspart und sie nun mit der Genugtuung eines Gastgebers servierte, der den besten Gang für den Schluss aufgehoben hat.
„H. Schmied. Abteilung 6."
Thomas bedankte sich bei Herrn Winkler und ging. Er ging nicht in sein Büro. Er ging in die Kantine, wo Frau Tamm gerade ihren Nachmittagskaffee trank, und fragte sie nach Bürolegende 6a. Frau Tamms Version unterschied sich von Herrn Winklers in einigen Details: In ihrer Erzählung war es nicht Formular 7b, sondern Formular 7a. Und der Ausfüller war nicht Schmied aus Abteilung 6, sondern „irgend so ein Typ aus dem sechsten Stock, der Name fällt mir nicht ein, aber er war ein bisschen seltsam".
Thomas konsultierte als Nächstes Herrn Graupner aus der Buchhaltung, der in der Variante, die er kannte, behauptete, das Formular sei zwar korrekt ausgefüllt worden, dann aber auf dem Postweg verloren gegangen und nie tatsächlich angekommen, was die Legende seiner Meinung nach eher tragisch als triumphierend machte. Frau Liebknecht aus der Personalabteilung hingegen bestritt die gesamte Existenz der Legende und sagte, sie habe noch nie davon gehört, was Thomas als den stärksten Beweis für deren Wahrhaftigkeit wertete, da Frau Liebknecht grundsätzlich alles bestritt, was sie nicht persönlich genehmigt hatte.
Herr Pflüger, den Thomas auf dem Flur abfing, erzählte eine Version, in der es nicht um ein Formular ging, sondern um einen Antrag auf Genehmigung eines Antrags, der genehmigt wurde, ohne dass der ursprüngliche Antrag je gestellt wurde, was — so Pflüger — „das eigentlich Bemerkenswerte an der ganzen Sache" sei.
Allen Versionen gemein war jedoch eines: Es gab einen Menschen, der das System überwunden hatte. Der die Formulare nicht nur ausgefüllt, sondern gemeistert hatte. Der die Bürokratie nicht als Feind betrachtete, sondern als Sprache, die man fließend sprechen konnte. Und dieser Mensch war, in den meisten Versionen, Schmied.
Am späten Nachmittag ging Thomas ins Archiv. Das Archiv des AAZ befand sich im Kellergeschoss — nicht im alten Archiv, das Thomas bereits besucht hatte und das eher einer archäologischen Ausgrabungsstätte glich, sondern im offiziellen Archiv, einem Raum mit Neonbeleuchtung, Metallregalen und der trockenen Kühle eines Mausoleums, in dem statt Verstorbener Aktenordner ruhten.
Thomas suchte nicht nach Akten. Er suchte nach der Mitarbeiterzeitung. Das AAZ hatte eine Mitarbeiterzeitung, die einmal im Quartal erschien, auf Recyclingpapier gedruckt wurde und die niemand las, weshalb sie mit der Beharrlichkeit einer Institution weitererschien, die ihre Existenz längst überlebt hatte. Irgendwo in den Ausgaben der letzten fünfzehn bis zwanzig Jahre musste es einen Hinweis geben.
Er fand ihn in der Ausgabe 3/2011, zwischen einem Beitrag über die Renovierung der Herrentoiletten im Erdgeschoss und einer Ankündigung des Betriebsausflugs nach Bad Wimpfen.
Der Artikel war klein. Drei Absätze, kein Foto. Die Überschrift lautete: „Sachbearbeiter schafft Unmögliches — Formular 7b in einem Durchgang bewilligt."
Thomas las den Artikel. Er las ihn langsam, weil jedes Wort wog.
In einer bemerkenswerten Begebenheit hat der langjährige Mitarbeiter H. Schmied aus der Abteilung 6 ein Formular 7b eingereicht, das alle Prüfinstanzen ohne Beanstandung passierte. Wie die Verwaltungsleitung bestätigte, handelt es sich um den ersten dokumentierten Fall dieser Art in der Geschichte des Amtes. Schmied, der seit über zwanzig Jahren im Amt tätig ist, zeigte sich bescheiden: „Ich habe einfach die Anleitung gelesen." Wir gratulieren herzlich.
Thomas las den letzten Absatz.
Nachtrag der Redaktion: Herr Schmied wurde nach diesem Vorfall in den wohlverdienten Ruhestand versetzt. Wir wünschen ihm alles Gute für den neuen Lebensabschnitt.
Thomas las den Satz noch einmal. Dann noch einmal. Er legte den Zeitungsausschnitt auf den Tisch und betrachtete ihn, als könnte er durch Anstarren eine verborgene Botschaft freilegen, wie ein Stereogramm, das man lange genug ansehen muss.
Versetzt.
Nicht: „ging in den Ruhestand." Nicht: „trat seinen Ruhestand an." Nicht: „verabschiedete sich in den Ruhestand."
Versetzt.
Man wurde in eine andere Abteilung versetzt. Man wurde an einen anderen Standort versetzt. Aber in den Ruhestand? In den Ruhestand ging man. In den Ruhestand trat man. Man wurde nicht in den Ruhestand versetzt, es sei denn, der Ruhestand war kein Zustand, sondern ein Ort.
Thomas faltete die Zeitungsseite zusammen und steckte sie in seine Brusttasche, neben die beiden Post-its und das Bonbon, das mittlerweile vermutlich mit dem Stoff verwachsen war.
Draußen wurde es dunkel. Im Archiv summte die Neonröhre. Irgendwo über ihm, in einem Innenhof, kaute ein Alpaka.
Und irgendwo — versetzt, aber nicht gegangen — war Schmied.