Kapitel 36

Die Katzen

Es gibt eine Theorie — keine wissenschaftliche, sondern eine jener Theorien, die in Internetforen gedeihen und sich gegen Widerlegung mit derselben Sturheit wehren wie Efeu gegen Hausfassaden —, der zufolge Katzen über ein tieferes Verständnis der Wirklichkeit verfügen als Menschen. Diese Theorie stützt sich auf die Beobachtung, dass Katzen häufig auf Stellen an der Wand starren, an denen sich nachweislich nichts befindet, und auf die daraus abgeleitete Schlussfolgerung, dass dort sehr wohl etwas sein muss, das Menschen bloß nicht sehen können.

Thomas Müller-Hinterberg hatte diese Theorie stets für Unsinn gehalten. Frau Möbius starrte die Wand an, weil sie eine Katze war, und Katzen starrten Wände an, so wie Sachbearbeiter Formulare ausfüllten: weil es in ihrer Natur lag und weil es keine Alternative gab, die ihnen als sinnvoller erschien.

Aber an diesem Abend — einem Mittwochabend, Thomas’ Homeoffice-Tag, an dem er nicht zu Hause gearbeitet, sondern im Büro drei Exemplare von Formular 7b ausgefüllt hatte, was eine völlig andere Art von Arbeit war — begann Thomas, seine Einstellung zu überdenken.

Er kam um kurz nach achtzehn Uhr nach Hause. Seine Wohnung war eine Zwei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock eines Altbaus, der in einem früheren Leben vielleicht elegant gewesen war und jetzt jene Art von Würde ausstrahlte, die Dinge ausstrahlen, die zu müde sind, um sich zu schämen. Die Wohnung war ordentlich. Thomas war ein ordentlicher Mensch. Alles hatte seinen Platz: die Schuhe im Schuhregal, die Jacke am Haken, die Schlüssel in der Schlüsselschale, die Bücher im Regal, alphabetisch sortiert nach Autor, eine Praxis, die er von niemandem gelernt hatte und die ihm so selbstverständlich erschien wie das Atmen.

Frau Möbius erwartete ihn an der Tür. Sie saß aufrecht da, die Vorderpfoten parallel, den Schwanz um die Füße gelegt, und blickte ihn an mit jenem Ausdruck, den Katzenbesitzer als „vorwurfsvoll" deuten und Nichtkatzenbesitzer als „leer" bezeichnen würden. Herr Brinkmann war nicht zu sehen, was entweder bedeutete, dass er schlief, fraß oder etwas tat, das Thomas erst in einigen Minuten bemerken würde.

Thomas bemerkte es nach drei Minuten.

Er hatte seine Jacke aufgehängt, die Schuhe ausgezogen und war ins Wohnzimmer gegangen, als er den Gegenstand auf dem Boden sah. Er lag neben dem Bücherregal, in einer kleinen Trümmerlandschaft aus heruntergefallenen Büchern — Kafka, Kleist und ein Ratgeber über Steuererklärungen, den Thomas nie gelesen hatte und der vermutlich als Strafe dafür nun auf dem Boden lag.

Herr Brinkmann saß auf dem Regal und betrachtete sein Werk mit der gelassenen Zufriedenheit eines Künstlers, der ein Statement gesetzt hat.

Der Gegenstand auf dem Boden war eine externe Festplatte. Sie war klein, schwarz, und hatte einen USB-Anschluss, der in jener Ära verbreitet gewesen war, als USB-Stecker noch in genau eine Richtung passten und man grundsätzlich erst beim dritten Versuch die richtige fand. Thomas hob sie auf. Sie war staubig. Ein Aufkleber auf der Rückseite, vergilbt und an den Ecken eingerissen, trug in Thomas’ eigener Handschrift die Aufschrift: „Backup — Arbeit — 2014."

Thomas betrachtete die Festplatte. Er hatte sie seit Jahren nicht gesehen. Er hatte vergessen, dass sie existierte, was angesichts der Tatsache, dass sie hinter einer Reihe Bücher stand, die Thomas nicht las, durchaus verzeihlich war. Dass Herr Brinkmann sie ausgerechnet jetzt vom Regal gestoßen hatte, konnte Zufall sein. Es konnte auch etwas anderes sein, etwas, das Thomas nicht benennen wollte, weil es bedeutet hätte, der Theorie der katzenhaften Allwissenheit einen Schritt näherzukommen, und Thomas war ein rationaler Mensch.

Herr Brinkmann maunzte. Es klang nicht zufällig.

Thomas schloss die Festplatte an seinen Laptop an. Der Laptop — nicht der Dienstlaptop, den er im Büro gelassen hatte, sondern sein privater, ein Gerät, das er vor allem zum Lesen von Nachrichten und zum Betrachten von Katzenvideos verwendete — erkannte die Festplatte nach kurzem Zögern. Ein Laufwerk erschien. Thomas öffnete es.

Ordner. Dutzende von Ordnern, benannt mit der kryptischen Systematik, die Thomas in seinen frühen Berufsjahren verwendet hatte: „Projekte_2014_Q1", „Korrespondenz_allg", „Formulare_Vorlagen", „E-Mail_Backup_Okt2014". Thomas klickte sich durch die Ordner. Es war wie eine archäologische Ausgrabung seiner eigenen Vergangenheit — jede Datei ein Artefakt, jeder Ordnername eine Erinnerung an eine Zeit, in der Thomas noch geglaubt hatte, dass sein Beruf einen Zweck hatte, der über die Perpetuierung seiner selbst hinausging.

Im Ordner „E-Mail_Backup_Okt2014" fand er 847 E-Mails, exportiert als einzelne Dateien. Thomas scrollte durch die Liste. Zwischen einer E-Mail über die Weihnachtsfeierplanung und einer Rundmail zur Mülltrennung — die Mülltrennung war offenbar ein zeitloses Thema im AAZ, eine Konstante in einer Welt des Wandels — fand er sie.

Die E-Mail hatte den Betreff: „FW: FW: FW: Vorgang 2847/B."

Thomas’ Hand zitterte nicht. Das muss an dieser Stelle festgehalten werden, denn in einem Roman hätte seine Hand gezittert, und ein Filmregisseur hätte auf ein Zittern bestanden. Aber Thomas’ Hand zitterte nicht. Sie klickte, ruhig und methodisch, und die E-Mail öffnete sich.

Der sichtbare Teil der E-Mail war schlicht: Jemand — Thomas konnte den Absender nicht mehr zuordnen, es war eine interne Adresse, die es nicht mehr gab — hatte ihm eine E-Mail weitergeleitet, ohne Kommentar, ohne Erklärung, einfach weitergeleitet, als werfe man einen Brief über einen Zaun, ohne sich darum zu kümmern, auf welcher Seite er landete.

Die weitergeleitete Kette ging tief. Thomas scrollte. FW: FW: FW: FW: Vorgang 2847/B. Jedes „FW:" eine weitere Schicht, eine weitere Weiterleitung, ein weiterer Mensch, der diese E-Mail erhalten, nicht verstanden und weitergeleitet hatte, als wäre sie ein Kettenbrief, dessen Fluch man durch Weiterleitung abwenden konnte.

Sieben Ebenen. Sieben Weiterleitungen. Sieben Menschen, die beschlossen hatten, dass dieses Problem nicht ihres war, und es an den Nächsten weitergereicht hatten wie eine heiße Kartoffel in einem besonders langen Spiel.

Thomas scrollte bis zum Anfang der Kette. Der ursprüngliche Absender.

schmied@aaz.de

Thomas lehnte sich zurück. Frau Möbius sprang auf seinen Schoß und begann zu schnurren, als wolle sie ihm eine Art akustisches Beruhigungsmittel verabreichen. Herr Brinkmann, der mittlerweile vom Regal herabgestiegen war, lief über die Tastatur des Laptops.

Buchstaben erschienen auf dem Bildschirm: „ffffffghjjjjjk." Es war Unsinn, oder es war ein Code, den Thomas nicht entschlüsseln konnte, was auf dasselbe hinauslief.

Dann geschah etwas.

Herr Brinkmanns rechte Hinterpfote traf die Eingabetaste, während seine linke Vorderpfote auf einem Dateianhang ruhte. Der Anhang — eine .7b-Datei, die Thomas vor zwölf Jahren nicht hatte öffnen können und seither nie wieder versucht hatte — begann sich zu öffnen.

Thomas starrte auf den Bildschirm. Das Betriebssystem — ein modernes, das er erst vor zwei Monaten aktualisiert hatte — öffnete die Datei ohne Fehlermeldung. Ohne „Nicht unterstütztes Format." Ohne „Die Datei kann nicht geöffnet werden." Es öffnete die Datei, als wäre .7b das normalste Format der Welt, als hätte die Technik zwölf Jahre gebraucht, um zu dem aufzuschließen, was Schmied vor fünfzehn Jahren erstellt hatte.

Ein Fenster erschien auf dem Bildschirm. In dem Fenster war ein Bild.

Herr Brinkmann schnurrte auf der Tastatur.

Frau Möbius schnurrte auf Thomas’ Schoß.

Und Thomas starrte auf das Bild und vergaß, für einen Moment, zu atmen — metaphorisch, selbstverständlich, denn das tatsächliche Vergessen des Atmens hätte medizinische Konsequenzen gehabt, die den Fortgang dieser Geschichte erheblich beeinträchtigt hätten.

Auf dem Bildschirm war ein Foto. Von einem USB-Stick. Einem roten USB-Stick.