Kapitel 37

Der Anhang

Thomas Müller-Hinterberg saß in seiner Wohnung, auf seinem Sofa, mit einer Katze auf dem Schoß und einer Katze auf der Tastatur, und betrachtete ein Foto, das fünfzehn Jahre lang darauf gewartet hatte, betrachtet zu werden. Es hatte geduldig gewartet, eingesperrt in einem Dateiformat, das kein Betriebssystem der Welt hatte öffnen können, bis die Welt — oder zumindest die Softwareindustrie — endlich so weit gewesen war. Thomas fand das bemerkenswert. Er fand es auch beunruhigend. Und er fand, dass Herr Brinkmann seinen Verdienst an der Sache erheblich überschätzte, wenn man den Stolz in seinem Schnurren als Maßstab nahm.

Das Foto zeigte einen USB-Stick. Genauer: einen roten USB-Stick, der auf einem Schreibtisch lag. Der Schreibtisch war aus Holz, das jene spezifische Farbe von Behördenmöbeln hatte, die weder als „Buche" noch als „Eiche" noch als „hoffnungslos" klassifiziert werden konnte, die aber in jedem Amt der Republik zu finden war. Auf dem USB-Stick befand sich ein Etikett. Ein weißes Etikett, beschriftet mit schwarzem Filzstift, in einer Handschrift, die Thomas mittlerweile erkannte — der Handschrift eines Mannes, der Formulare als Kunstform betrachtete: klar, präzise, ohne Schnörkel.

„2847B — BACKUP."

Thomas zoomte in das Bild. Es war körnig — die Auflösung einer Kamera aus dem Jahr 2011 war nicht mit heutigen Standards vergleichbar, was Thomas an die Tatsache erinnerte, dass fünfzehn Jahre zwar nichts an der Bürokratie des AAZ geändert hatten, aber immerhin die Pixeldichte von Digitalfotos verbessert —, aber die Details waren erkennbar.

Im Hintergrund des Fotos: ein Fenster. Durch das Fenster: ein Blick nach unten, in einen Innenhof. In dem Innenhof: drei Büsche und ein Tier. Thomas kannte diesen Innenhof. Er kannte die Büsche. Und er kannte das Tier, obwohl es auf dem Foto nur als verschwommener heller Fleck zu erkennen war, der kaute.

Das Alpaka. Vor fünfzehn Jahren. Es stand im selben Innenhof, an derselben Stelle, und es kaute. Thomas fragte sich, ob es dasselbe Alpaka war oder ein anderes. Wie alt wurden Alpakas? Er wusste es nicht. Er hatte nie Anlass gehabt, die Lebenserwartung von Alpakas zu recherchieren, und er beschloss, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, damit anzufangen.

Thomas zoomte weiter. Der Schreibtisch. Neben dem USB-Stick lag ein Stift — ein Füllfederhalter, was Thomas auffiel, weil Füllfederhalter im AAZ selten waren; die meisten Mitarbeiter benutzten Kugelschreiber der Marke, die die Beschaffungsstelle in Großpackungen bestellte und die so zuverlässig schrieben wie sie unzuverlässig waren, das heißt: manchmal. Neben dem Stift: ein Blatt Papier, auf dem etwas geschrieben stand, das Thomas nicht entziffern konnte. Und hinter dem Schreibtisch, an der Wand: ein Poster.

Thomas kannte das Poster.

Ein Einhorn. Ein weißes Einhorn auf einer grünen Wiese, unter einem Regenbogen, in einem Stil, der an die Illustrationen von Kinderbüchern der achtziger Jahre erinnerte. Es war dasselbe Poster, das in Zimmer 601 an der Wand hing, dem Zimmer im nicht existierenden sechsten Stock, dem Zimmer, in dem Thomas vor Wochen den Computer eingeschaltet und damit eine leere E-Mail an die gesamte Belegschaft versendet hatte.

Das Foto war in Zimmer 601 aufgenommen worden. Und auf dem Schreibtisch in Zimmer 601 hatte ein roter USB-Stick gelegen, beschriftet mit „2847B — BACKUP."

Thomas musste diesen USB-Stick finden.

Er lehnte sich zurück und dachte nach. Frau Möbius nutzte die Verlagerung seines Schwerpunkts, um sich bequemer auf seinem Schoß einzurichten. Herr Brinkmann war von der Tastatur gesprungen und hatte sich auf dem Couchtisch zusammengerollt, wo er mit geschlossenen Augen den Anschein erweckte, die Lösung aller Rätsel bereits zu kennen und sie lediglich aus Desinteresse für sich zu behalten.

Thomas war vor einigen Wochen in Zimmer 601 gewesen. Er hatte den Schreibtisch gesehen, den Computer, das Einhorn-Poster, das ausgefüllte Formular 7b. Aber einen USB-Stick? Thomas durchsuchte seine Erinnerung mit der Gründlichkeit eines Menschen, der seinen Schlüssel sucht und dabei jede Manteltasche dreimal befühlt. Hatte er einen roten USB-Stick gesehen? Nein. Er war sich sicher. Der Schreibtisch war nahezu leer gewesen — Tastatur, Maus, Monitor, das Formular, und Staub. Kein USB-Stick.

Aber das Foto bewies, dass dort einmal ein USB-Stick gelegen hatte. Jemand musste ihn mitgenommen haben. Oder er war verlegt worden. Oder — und dieser Gedanke war der beunruhigendste — er war noch dort, nur nicht dort, wo Thomas geschaut hatte.

Thomas speicherte das Foto auf seinem Laptop. Dann speicherte er es auf einem USB-Stick — einem eigenen, blauen, der auf seinem Schreibtisch lag und der keine Geheimnisse enthielt, sondern lediglich die Steuererklärung des vergangenen Jahres —, weil er dem Laptop nicht traute, weil er niemandem traute, weil Vorgang 2847/B ihn zu einem Menschen gemacht hatte, der Kopien von Kopien anfertigte und sich dabei ertappte, über die Wand zu starren wie Frau Möbius.

Er schloss den Laptop. Herr Brinkmann öffnete ein Auge, als wolle er sich vergewissern, dass Thomas die richtigen Schlüsse zog, und schloss es wieder.

Thomas ging in die Küche und machte sich einen Tee. Während das Wasser kochte, stand er am Fenster und blickte in die Nacht. Seine Wohnung lag im dritten Stock, und von hier aus konnte er die Straße sehen, die Laternen, das Dach des gegenüberliegenden Hauses. Alles war ruhig. Alles war normal. Alles war, wie es immer war.

Und dennoch.

Der USB-Stick musste in Zimmer 601 sein. Oder er musste dort gewesen sein und war dann irgendwo anders hingekommen. Thomas musste zurück in den sechsten Stock, zurück in Schmieds altes Büro, und diesmal gründlicher suchen. Unter dem Schreibtisch. In den Schubladen, falls es Schubladen gab. Hinter dem Einhorn-Poster — denn wenn Thomas eines in den letzten Wochen gelernt hatte, dann, dass Dinge gerne hinter anderen Dingen versteckt waren, wie Post-its unter Post-its, wie Umschläge in Umschlägen, wie Wahrheiten in Bürokratie.

Er würde morgen gehen. Morgen früh, vor der Arbeit, bevor Kettner sein Budget-Meeting ansetzte, bevor Frau Dr. Winterkorn eine weitere chirurgisch präzise E-Mail schrieb, bevor der Untersuchungsausschuss seinen Untersuchungswillen zum Ausdruck brachte, indem er ein weiteres Meeting über Meetings abhielt.

Thomas trank seinen Tee. Er putzte sich die Zähne. Er legte sich ins Bett. Frau Möbius bezog Position auf dem Kopfkissen. Herr Brinkmann lag am Fußende.

Thomas lag im Dunkeln und dachte an einen roten USB-Stick in einem Zimmer, das es nicht gab, in einem Stockwerk, das nicht existierte, fotografiert von einem Mann, der seit fünfzehn Jahren im Ruhestand war.

Oder nicht im Ruhestand.

Versetzt.

Frau Möbius schnurrte. Es war kein beruhigendes Schnurren. Es klang, als wüsste sie etwas.

Aber das war natürlich Unsinn.

Oder?