Der Stuhl
Es gibt Ereignisse, die die Welt verändern: Die Erfindung des Rades. Die Entdeckung der Elektrizität. Die Einführung des offenen Großraumbüros. Und es gibt Ereignisse, die nur die Welt eines einzelnen Menschen verändern, die aber in ihrer subjektiven Tragweite den großen historischen Zäsuren in nichts nachstehen. Für Thomas Müller-Hinterberg war der dritte Donnerstag im Monat ein solches Ereignis.
Die vierte wöchentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses UA-2847/B-1 hatte um neun Uhr begonnen. Tagesordnungspunkt: die Frage, ob der Ausschuss einen Unterausschuss gründen solle. Die Notwendigkeit eines Unterausschusses war von Dr. Winterkorn in einem fünfseitigen Memorandum dargelegt worden, das Thomas am Vorabend gelesen hatte und dessen zentrale These sich wie folgt zusammenfassen ließ: Der Ausschuss sei zu groß, um effizient zu arbeiten (fünf Personen), und benötige daher eine kleinere Einheit (drei Personen), die bestimmte Aspekte des Vorgangs unabhängig untersuche und dem Hauptausschuss Bericht erstatte. Der Unterausschuss solle aus Dr. Winterkorn, Thomas und einer „noch zu benennenden Person mit technischem Sachverstand" bestehen.
Herr Pflüger, der an diesem Morgen statt eines Apfels eine Birne mitgebracht hatte, fragte, ob er die „noch zu benennende Person mit technischem Sachverstand" sei.
Dr. Winterkorn sagte, das sei noch zu klären.
Pflüger sagte, er kenne sich mit Technik aus.
Dr. Winterkorn sagte, das bezweifle sie nicht.
Pflüger sagte, er habe einmal einen Drucker repariert.
Die Diskussion, die sich aus dieser Eröffnung entwickelte, war von jener Sorte, die in Besprechungsräumen auf der ganzen Welt geführt wird und die sich dadurch auszeichnet, dass sie kreisförmig verläuft, ohne dabei jemals ihren Ausgangspunkt zu verlassen — eine Art verbaler Kreisverkehr, in dem alle Teilnehmer mit gleichmäßiger Geschwindigkeit fahren und niemand eine Ausfahrt nimmt.
Kettner war dafür, den Unterausschuss zu gründen, sofern dies kein zusätzliches Budget erfordere. Dr. Winterkorn war dafür, den Unterausschuss zu gründen, unabhängig vom Budget. Frau Behrens-Goldbach trank Kaffee und machte gelegentlich Geräusche, die man als Zustimmung oder als Missbilligung interpretieren konnte, je nachdem, welche Interpretation man bevorzugte. Thomas war gegen die Gründung eines Unterausschusses, weil er befürchtete, dass der Unterausschuss einen Unter-Unterausschuss gründen würde, der einen Unter-Unter-Unterausschuss gründen würde, bis die gesamte Belegschaft des AAZ in verschachtelten Ausschüssen saß wie russische Matrjoschkas in einem Formular.
Es war Minute dreiundzwanzig der Diskussion, als es passierte.
Thomas hatte sich gerade nach vorn gebeugt, um einen Punkt zu machen — welchen Punkt genau, würde er später nicht mehr rekonstruieren können, da der Punkt durch das Folgende vollständig aus seinem Gedächtnis gelöscht wurde —, als aus der Region unter seinem Sitz ein Geräusch kam.
Es war kein Quietschen. Es war kein Knarzen. Es war ein Knacken. Laut. Definitiv. Final. Das Knacken eines Gegenstandes, der seine Bestimmung erreicht hatte — nämlich das Ende seiner Nutzungsdauer —, und der diesen Moment mit einer akustischen Entschiedenheit markierte, die Thomas an das Brechen eines Siegels erinnerte.
Was dann geschah, geschah in Zeitlupe. Nicht weil die Zeit sich tatsächlich verlangsamte — die Physik des AAZ war zwar gelegentlich fragwürdig, aber noch nicht so weit degeneriert —, sondern weil Thomas’ Wahrnehmung sich in jenem Moment so stark fokussierte, dass jede Millisekunde zu einer eigenen Epoche wurde.
Der rechte hintere Fuß des Bürostuhls — jener Fuß, der seit Wochen ein leichtes Schwanken aufwies, das Thomas durch strategisches Gegengewichtsverlagern kompensiert hatte — knickte ein. Nicht langsam, nicht graduell, sondern mit der Absolutheit eines Brückenpfeilers, der beschlossen hat, seine Karriere zu beenden.
Thomas kippte nach rechts. Sein Körper, von der plötzlichen Asymmetrie überrascht, versuchte eine Korrektur, die das Gewicht auf den linken hinteren Fuß verlagerte. Der linke hintere Fuß, der offenbar auf diesen Moment gewartet hatte, brach ebenfalls. Es war, als hätten die Stuhlbeine eine Verabredung getroffen.
Thomas fiel. Nicht schnell — sein Stuhl war nur fünfzig Zentimeter hoch, und der Fall dauerte weniger als eine Sekunde —, aber mit einer Würdelosigkeit, die kein Tagesordnungspunkt der Welt hätte vorhersagen können. Er fiel nach hinten, sein Rücken traf den Boden, seine Beine ragten kurz in die Luft wie die eines umgefallenen Käfers, und der Stuhl — oder das, was von ihm übrig war — zerbrach in einem finalen, mehrstimmigen Krachen in seine Einzelteile.
Stille.
Die Art von Stille, die nicht die Abwesenheit von Geräusch ist, sondern die Anwesenheit von Fassungslosigkeit. Fünf Menschen — oder vier, denn Pflüger hatte die Augen geschlossen und es war unklar, ob er den Vorfall bemerkt hatte — starrten auf Thomas, der auf dem Boden lag, umgeben von den Trümmern seines Bürostuhls wie ein Archäologe, der in eine Ausgrabungsstätte gefallen ist.
Pflüger öffnete ein Auge. Er betrachtete die Szene mit jener Ruhe, die Hausmeistern eigen ist, die alles gesehen haben und nichts mehr überraschen kann. „73 Prozent Abnutzung", sagte er. „Haben Sie gesagt."
Die Stille vertiefte sich. Thomas lag auf dem Boden und dachte an die Beurteilung, die Pflüger dem Stuhl vor Wochen gegeben hatte. 73 Prozent. Er hatte gewarnt. Der Stuhl hatte gewarnt. Das Quietschen — das monatelange, treue, unermüdliche Quietschen — war keine Marotte gewesen. Es war ein Hilferuf. Und Thomas hatte ihn ignoriert, wie man im AAZ alles ignorierte, das sich durch Geräusche bemerkbar machte, solange es keine E-Mail schickte.
Thomas stand auf. Er stand auf mit der Würde eines Mannes, der gerade öffentlich vom Stuhl gefallen war und der wusste, dass dieser Moment in die Annalen des AAZ eingehen würde, neben dem Vorfall mit dem Drucker in der dritten Etage (2019), dem Aufzugstillstand von 2012 und der Legende von der Topfpflanze, die angeblich dreimal das Büro gewechselt hatte.
Er bürstete seinen Anzug ab. „Wir können fortfahren", sagte er.
Kettner räusperte sich. „Möchten Sie einen Konferenzstuhl?"
Thomas blickte auf die Konferenzstühle — jene mittelalterlichen Folterinstrumente, vor denen er geflohen war — und setzte sich mit dem Stoizismus eines Mannes, der wusste, dass es schlimmer kommen konnte und vermutlich auch würde.
„Das Protokoll wird den Vorfall vermerken", sagte Dr. Winterkorn, und Thomas war sich nicht sicher, ob sie den Stuhlzusammenbruch meinte oder seine Haltung danach.
„Für den Ersatz benötigen Sie Formular 11d", sagte Kettner. „Antrag auf Ersatz eines dienstlichen Einrichtungsgegenstandes aufgrund von Abnutzung oder Beschädigung."
„Formular 11d erfordert eine Schadensdokumentation mit Lichtbild", ergänzte Dr. Winterkorn.
Thomas betrachtete die Trümmer seines Stuhls, die noch immer auf dem Boden lagen wie die Überreste einer kleinen, stillen Katastrophe. Er zog sein Handy heraus und machte ein Foto. Das Blitzlicht erleuchtete den Raum. Im Licht des Blitzes sah Thomas etwas.
Zwischen den Trümmern des Stuhls — genauer: in der Hohlkammer, die sich unter der Sitzfläche befand und die normalerweise durch eine Plastikabdeckung verborgen war, welche nun auf dem Boden lag wie der Deckel einer geöffneten Schatztruhe — lag etwas.
Ein USB-Stick.
Schwarz. Klein. Unbeschriftet.
Thomas hob ihn auf. Langsam. Als könnte er explodieren, was im AAZ zwar unwahrscheinlich, aber nach den Ereignissen der letzten Wochen nicht mehr auszuschließen war.
Kettner sah den Stick. Dr. Winterkorn sah den Stick. Frau Behrens-Goldbach verschluckte sich an ihrem Kaffee. Pflüger öffnete beide Augen.
„Das", sagte Thomas, den schwarzen USB-Stick zwischen Daumen und Zeigefinger haltend wie ein Juwelier einen Diamanten, „war in meinem Stuhl."
Die Sitzung wurde vertagt.
Das Formular für die Vertagung einer Sitzung — 12f, falls jemand fragte — wurde nicht ausgefüllt. Es gab Momente, selbst im AAZ, in denen die Bürokratie der Realität einen Schritt hinterherhinkte. Nicht weit. Nie weit. Aber einen Schritt.
Thomas ging zurück in sein Büro und legte den schwarzen USB-Stick neben den roten in seine Schublade. Zwei Sticks. Einer rot mit FINAL. Einer schwarz ohne Beschriftung. Wie ein Paar Schuhe, das jemand in zwei verschiedenen Verstecken hinterlassen hatte.
Sein Blick fiel auf das Foto der Stuhltrümmer auf seinem Handy. Das Formular 11d. Schadensdokumentation mit Lichtbild. Er würde den Stuhlzusammenbruch dokumentieren müssen, als sei er ein Verkehrsunfall und nicht das vorhersehbare Ende eines Möbelstücks, das seine besten Tage bereits hinter sich hatte, als Thomas seinen Dienst antrat.
Er setzte sich auf den Konferenzstuhl, den Pflüger ihm in sein Büro gebracht hatte. Der Konferenzstuhl war hart, unbequem und quietschte nicht. Thomas vermisste das Quietschen.