Die Adresse
Frau Behrens-Goldbach betrat Zimmer 312 am Montagmorgen um 8:47 Uhr, was an sich bereits ein Ereignis war, da Frau Behrens-Goldbach gewöhnlich bis 9:15 Uhr eine Art vorbereitende Stille in Zimmer 314 pflegte, die sie als „Einstimmung auf den Arbeitstag" bezeichnete und die von uneingeweihten Beobachtern leicht mit Schlaf hätte verwechselt werden können. Dass sie dreißig Minuten vor ihrer üblichen Interaktionsbereitschaft erschien, versetzte Thomas in einen Zustand erhöhter Aufmerksamkeit.
Sie trug eine Weihnachtskarte.
Nicht irgendeinen Karton voller Weihnachtskarten, nicht die gesamte Sammlung seit 1989 — sondern eine einzelne Karte, die sie zwischen Daumen und Zeigefinger hielt wie ein Juwelier einen besonders wertvollen Stein, den er zugleich bewundert und fürchtet.
„Ich habe sie gefunden", sagte Frau Behrens-Goldbach.
Thomas stand auf. In der Choreographie ihrer dreißigjährigen Kollegialität — einer Kollegialität, die sich weniger durch Nähe als durch parallele Existenz auszeichnete, wie zwei Planeten, die dieselbe Sonne umkreisen, ohne sich je zu berühren — war dies ein beispielloser Moment.
Die Karte war alt. Das Papier hatte jene leicht gelbliche Verfärbung, die Papier annimmt, wenn es lange genug in einem Karton lag, um zu vergessen, dass es einmal weiß war. Das Motiv zeigte einen Weihnachtsmann, der auf einem Schlitten saß, der von — Thomas blinzelte — Alpakas gezogen wurde. Nicht von Rentieren. Von Alpakas. Der Weihnachtsmann trug eine Brille und hielt ein Formular in der Hand.
„Das ist keine normale Weihnachtskarte", sagte Thomas.
„Nein", sagte Frau Behrens-Goldbach. „Die hat er selbst gemacht. Er hat jedes Jahr welche gemacht. Hat sie an alle verteilt. Wir haben uns immer gefragt, wo er die drucken ließ. Wahrscheinlich…" Sie deutete vage in Richtung des Flurs, wo irgendwo in den Tiefen des Gebäudes der Drucker stand.
Thomas öffnete die Karte. Innen, in Schmieds Handschrift — dieser Handschrift, die Thomas mittlerweile kannte wie seine eigene, diese leicht nach rechts geneigte Schrift eines Mannes, der die Welt stets mit einem gewissen Vorwärtsdrall betrachtete:
Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr!
Ihr H. Schmied
Abteilung 6
Und darunter, mit Bleistift, fast wie ein Nachgedanke — oder wie etwas, das man hinschreibt, weil man weiß, dass es eines Tages jemand brauchen wird:
Dienstagstraße 7b
Am Stadtrand
Immer geradeaus
Thomas las die Adresse. Er las sie noch einmal. Dann ein drittes Mal, wobei jedes Wort langsam durch seinen Verstand sickerte wie Kaffee durch einen verstopften Filter.
Dienstagstraße.
7b.
Der Vorgang hieß 2847/B. Das Formular hieß 7b. Die Durchwahl endete auf 7B. Und Schmied wohnte in der Dienstagstraße 7b. In einem Universum, in dem Zufälle existierten, wäre dies ein bemerkenswerter Zufall gewesen. Im AAZ, wo Zufälle nicht existierten — nur Vorgänge, die noch nicht als zusammenhängend erkannt worden waren — war es ein Beweisstück.
Dienstagstraße. Wie „Dienstag" — jenes Wort, das auf dem allerersten leeren Blatt gestanden hatte, damals, in einem dreifachen Umschlag, am Anfang von allem.
„Kennen Sie die Dienstagstraße?", fragte Thomas.
Frau Behrens-Goldbach schüttelte den Kopf. „Ich war nie dort. Ich bin selten am Stadtrand. Am Stadtrand gibt es nichts als Stadtrand."
Thomas setzte sich an seinen Computer und öffnete die Kartensoftware. Er tippte: Dienstagstraße.
Die Karte lud. Langsam, weil das AAZ-Intranet alles verlangsamte, auch externe Anwendungen, als erstrecke sich die bürokratische Trägheit des Amtes auf die gesamte digitale Welt.
Die Dienstagstraße existierte.
Sie lag am Stadtrand, genau wie Schmied geschrieben hatte. Sie war eine kurze Straße — vielleicht zweihundert Meter lang, eine Sackgasse, die von der Hauptstraße abzweigte und in einer Wendeschleife endete. Die Häuser trugen die Nummern 1 bis 11. Nummer 7b — eine Adresse mit dem Zusatz „b", wie ein Anhang zu einem Formular — lag ungefähr in der Mitte der Straße.
Die Satellitenansicht zeigte ein kleines Haus. Garten. Hecke. Etwas im Garten, das Thomas für einen braunen Fleck hielt, bis er heranzoomte und feststellte, dass es — er schloss die Augen und öffnete sie wieder, um sicherzugehen — ein Alpaka war.
„Da steht ein Alpaka in seinem Garten", sagte Thomas.
„Natürlich steht ein Alpaka in seinem Garten", sagte Frau Behrens-Goldbach, als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt, was es, in Anbetracht der bisherigen Ermittlungen, wahrscheinlich auch war.
Thomas beschloss, Schmied zu besuchen. Es war der logische nächste Schritt. Es war der Schritt, den er seit fünfzehn Jahren hätte tun sollen — hinausgehen, das Amt verlassen, die Welt betreten und den Mann aufsuchen, der am Anfang von allem stand. Aber logische Schritte erforderten im AAZ Formulare, und Formulare erforderten Zeit, und Zeit erforderte Geduld, und Geduld war das Einzige, wovon Thomas im Überfluss besaß.
Er öffnete das Formularsystem und suchte nach Formular 12c: „Antrag auf Genehmigung eines dienstlichen Außentermins." Das Formular war sieben Seiten lang und verlangte unter anderem: den Grund des Termins (Thomas schrieb: „Ermittlung Vorgang 2847/B — Kontaktaufnahme mit ehemaligem Sachbearbeiter"), die voraussichtliche Dauer (Thomas schrieb: „unbekannt", was ehrlich war), das Verkehrsmittel (Thomas schrieb: „öffentlicher Nahverkehr", obwohl er sich nicht sicher war, ob die Buslinie bis zur Dienstagstraße fuhr), und — Feld 14 — die Genehmigung des Vorgesetzten.
Er ging zu Herrn Kettner. Herr Kettner unterschrieb, ohne zu lesen, was Thomas als Vertrauensbeweis interpretierte und was in Wirklichkeit darauf hindeutete, dass Herr Kettner gerade damit beschäftigt war, auf seinem Diensthandy ein Video der Alpaka-Babies anzusehen, das Frau Kellermann im Amt-Chat geteilt hatte.
Zurück in Zimmer 312 legte Thomas das genehmigte Formular in den grauen Ordner — jenen grauen Ordner, der das Ergebnis einer neunzigminütigen Farbdebatte war und dessen Ringmechanik noch immer klemmte, wenn die Löcher zwei Millimeter zu weit rechts saßen, was sie immer taten.
Er lehnte sich zurück. Er hatte eine Adresse. Er hatte eine Genehmigung. Er hatte — zum ersten Mal seit Beginn dieser Ermittlung — einen konkreten Ort, an den er gehen konnte, einen Menschen, den er finden konnte, eine Tür, an die er klopfen konnte.
Dienstagstraße 7b. Am Stadtrand. Immer geradeaus.
Aber bevor er ging — bevor er das Amt verließ, das für Thomas nicht nur ein Arbeitsplatz war, sondern ein Ökosystem, ein Biotop, ein natürlicher Lebensraum im gleichen Sinne, wie der Ozean der Lebensraum eines Tiefseefischs ist — musste er noch etwas erledigen.
Der Umschlag.
Jener Umschlag, den er am Freitag unter dem Alpaka-Stroh gefunden hatte. Drei Umschläge ineinander, darin ein Zettel: „Sie kommen." Thomas hatte den Zettel eingesteckt und vergessen — nein, nicht vergessen, verdrängt, was für einen Sachbearbeiter auf dasselbe hinauslief — den Umschlag genauer zu untersuchen.
Er holte die drei Umschläge aus seiner Schreibtischschublade. Der äußere, braune, trug den Zahnabdruck des Alpakas. Der mittlere, weiße, war unauffällig. Der innere, cremefarbene, war — Thomas hielt ihn gegen das Licht — leicht durchscheinend. Auf der Rückseite, kaum sichtbar, war etwas aufgestempelt. Ein Stempel. Rund. In der Mitte: ein Einhorn. Darunter, in winziger Schrift: „Abt. 6 — Geprüft und versiegelt."
Thomas legte die Umschläge in den Ordner. Der Ordner klemmte. Er drückte fester. Die Ringmechanik gab nach mit einem Klicken, das klang wie eine widerwillige Zustimmung.
Sein Blick fiel auf den Zettel mit Schmieds Botschaft. „Sie kommen." Wer war „sie"? War er gemeint — Thomas? War es eine Warnung an Schmied selbst, geschrieben vor Jahren, verloren im Stroh? Oder war es eine Botschaft an jemanden, der noch gar nicht wusste, dass er unterwegs war?
Thomas steckte den Zettel in seine Brusttasche. Neben dem Herzen. Neben dem Kugelschreiber. Er stand auf und ging zum Fenster.
Der Innenhof. Die Alpakas. Aktenzeichen, Paragraph und Einhorn tollten im Stroh. Die Mutter kaute. Das Wetter war grau, wie die Ordner, wie der Kompromiss, wie die Farbe dessen, was keine Farbe hat.
Morgen würde er fahren. Dienstagstraße 7b. Zum ersten Mal in fünfzehn Jahren würde Thomas Müller-Hinterberg das Amt für Allgemeine Zuständigkeiten für einen dienstlichen Zweck verlassen, der nicht der Beschaffung von Büromaterial diente.
Er ging nach Hause.
Er schloss die Wohnungstür auf. Er hängte seine Jacke an die Garderobe. Er ging ins Wohnzimmer.
Die Ermittlungstafel war umgeworfen.
Frau Möbius saß auf dem Sofa und leckte sich eine Pfote mit der Selbstgefälligkeit einer Katze, die etwas Bedeutsames getan hat und sich dessen vollkommen bewusst ist. Herr Brinkmann lag auf den Trümmern der Ermittlungstafel — auf den Fotos, Notizen, roten Fäden und Klebestreifen, die Thomas in wochenlanger Arbeit zu einem System geordnet hatte — und schnurrte.
Die roten Fäden, die einst Foto mit Foto, Hinweis mit Hinweis, Frage mit Frage verbunden hatten, lagen kreuz und quer auf dem Boden, als hätte jemand ein Wollknäuel in einen Ventilator geworfen. Die Fotos — das USB-Stick-Foto, das Einhorn-Poster-Foto, das Foto von Zimmer 601 — klebten an den unmöglichsten Stellen: auf dem Teppich, unter dem Couchtisch, an der Fensterscheibe.
Schmieds Visitenkarte lag neben Herrn Brinkmanns Futternapf. Sie war angeknabbert. Die rechte obere Ecke fehlte, vermutlich in Herrn Brinkmanns Verdauungssystem.
Thomas seufzte. Es war ein Seufzer, der die Schwere von fünfzehn Jahren Ermittlung und dreizehn Jahren Katzenhaltung in sich trug.
„Herr Brinkmann", sagte er.
Herr Brinkmann schnurrte lauter.
Thomas hob das erste Foto auf. Morgen würde er alles rekonstruieren. Heute war er müde. Heute wollte er nur noch eines: schlafen, und morgen — morgen würde er in die Dienstagstraße fahren, an eine Tür klopfen und fragen, warum. Warum die E-Mail. Warum der Locher. Warum das Formular. Warum alles.
Er legte sich aufs Sofa. Frau Möbius legte sich auf seinen Bauch. Herr Brinkmann legte sich auf seine Füße. Und Thomas schloss die Augen, während um ihn herum die Trümmer seiner Ermittlung lagen wie die Überreste einer Schlacht, die niemand geführt und niemand gewonnen hatte.