Kapitel 62

Die To-Do-Liste

Die To-Do-Liste ist, wenn man es recht bedenkt, die reinste Form menschlicher Selbsttäuschung. Sie verwandelt Chaos in Ordnung, Angst in Struktur und die fundamentale Unfähigkeit, irgendetwas zu tun, in das befriedigende Gefühl, immerhin schon einmal aufgeschrieben zu haben, was man tun sollte. In den richtigen Händen — den Händen eines Sachbearbeiters, der fünfzehn Jahre damit verbracht hat, einen Vorgang zu bearbeiten, dessen Natur er nicht kennt — wird die To-Do-Liste zu etwas, das man nur als Kunstform bezeichnen kann.

Thomas Müller-Hinterberg saß an seinem Schreibtisch in Zimmer 312, und vor ihm lag ein leeres Blatt Papier. Oben stand, in Thomas’ sorgfältiger Handschrift: To-Do-Liste: Besuch bei Schmied (Dienstagstraße 7b). Darunter die Zahl „1." und eine Leere, die Thomas als Einladung empfand.

Er begann.

1. Roten USB-Stick mitnehmen (Schreibtischschublade, links oben).

Das war offensichtlich. Der rote USB-Stick — passwortgeschützt, beschriftet mit „FINAL" — war einer der zentralen Beweisstücke des Vorgangs 2847/B. Oder Nicht-Beweisstücke. Oder Beweisstücke dafür, dass es keine Beweisstücke gab. Thomas war sich da nicht mehr sicher, aber er war sich sicher, dass der Stick mitkommen musste.

2. Schwarzen USB-Stick mitnehmen (ehemals im Bürostuhl versteckt, jetzt in der mittleren Schublade, hinten rechts, unter dem Hefter).

3. Schlüssel 601b mitnehmen (Schlüsselbund, dritter Ring von links).

4. Schmieds Visitenkarte mitnehmen (gefunden unter dem alten Bürostuhl, jetzt in der Klarsichthülle im Schnellhefter „Schmied-Materialien").

5. Formular 7b (Original) — zur Vorlage bei Schmied.

6. Formular 7b-revised-2 — zur Vorlage bei Schmied (zum Vergleich).

7. Fragen vorbereiten (siehe Unterliste A).

Thomas hielt inne. Unterliste A existierte noch nicht. Er nahm ein zweites Blatt Papier.

Unterliste A: Fragen an Schmied.

A.1. Was ist Vorgang 2847/B?

A.2. Warum haben Sie 73 Bände darüber geschrieben?

A.3. Was bedeutet „Dieser Vorgang handelt von nichts"?

A.4. Warum ist Ihre Abwesenheitsnotiz nach 15 Jahren noch aktiv?

A.5. Warum steht ein Alpaka in Ihrem Vorgarten? (Falls Google Street View aktuell ist.)

A.6. Was ist das Passwort für den roten USB-Stick?

A.7. Was ist das Passwort für die Datei „2847B_FINAL_v2_WIRKLICH_FINAL.doc"?

A.8. Wo ist der gute Kaffee? (Im Auftrag von Herrn Kettner.)

Thomas betrachtete die Liste. Acht Fragen. Das war unzureichend. Ein Besuch bei einem Mann, der seit fünfzehn Jahren verschwunden war, erforderte mehr als acht Fragen. Er brauchte Unterkategorien.

A.1.a. Was ist Vorgang 2847/B im formalen Sinne?

A.1.b. Was ist Vorgang 2847/B im inhaltlichen Sinne?

A.1.c. Hat Vorgang 2847/B einen inhaltlichen Sinn?

A.1.d. Falls nein: Warum nicht?

A.1.e. Falls ja: Welchen?

A.1.f. Falls unklar: Siehe Unterliste A-1.

Thomas nahm ein drittes Blatt Papier. Unterliste A-1: Ergänzende Fragen zu Frage A.1, falls die Antwort unklar ist. Er starrte auf das Blatt. Dann legte er es beiseite und kehrte zur Hauptliste zurück.

8. Unterliste A vorbereiten (erledigt, siehe oben).

9. Unterliste für Unterliste A erstellen (erledigt, siehe Unterliste A-1, noch leer).

10. Krawatte auswählen.

Thomas öffnete die unterste Schublade seines Schreibtischs, in der er eine Ersatzkrawatte aufbewahrte. Sie war dunkelblau mit einem Muster, das entweder kleine Anker oder kleine Fragezeichen darstellte — Thomas hatte sich nie entscheiden können. Er legte sie neben die aktuelle Krawatte, die grau war und das Muster „keine Meinung" trug. Neben Punkt 10 schrieb er in Klammern: (seriös, aber zugänglich. Dunkelblau? Oder grau? Pro-/Contra-Liste erstellen → Unterliste B.)

11. Aktentasche packen.

12. Packliste für Aktentasche erstellen (siehe Unterliste C).

13. Wetter prüfen (Regenschirm? Sonnenbrille? Beides?).

14. Busfahrplan ausdrucken (Bus 47, Linie Stadtmitte → Stadtrand).

15. Alternativroute recherchieren (falls Bus 47 ausfällt).

16. Ausfallwahrscheinlichkeit von Bus 47 recherchieren.

17. Statistische Grundlagen der Ausfallwahrscheinlichkeitsberechnung recherchieren (optional).

Thomas strich Punkt 17 durch. Dann schrieb er ihn wieder hin. Dann strich er ihn erneut durch und schrieb daneben: (verschoben auf Unterliste D: Optionale Vorbereitungen.) Er nahm ein viertes Blatt Papier.

18. Alpaka füttern (vor Abfahrt).

Das war wichtig. Das Alpaka — jenes Alpaka, das im Innenhof des AAZ lebte und dessen Existenz niemand je offiziell zur Kenntnis genommen hatte — musste gefüttert werden. Seine drei Babies, Aktenzeichen, Paragraph und Einhorn, ebenfalls. Thomas notierte in Klammern: (Futter: Heu, Küchenreste, ggf. Formular 3a-Durchschlag — die fressen alles.)

19. Frau Behrens-Goldbach informieren.

20. Ausschuss informieren (E-Mail an Frau Dr. Winterkorn, CC: alle Mitglieder, BCC: Pflüger — warum eigentlich?).

21. Pflüger informieren (mündlich, beim Füttern des Alpakas).

22. Abwesenheitsnotiz einrichten (für den Fall, dass der Besuch länger dauert als geplant).

Thomas dachte über den Wortlaut nach. „Ich bin derzeit nicht im Büro" — nein, das war Schmieds Text. „Ich befinde mich auf dienstlichem Außentermin" — ja, das war angemessen. „Für dringende Angelegenheiten wenden Sie sich bitte an—" An wen? Thomas hatte keine Vertretung. Er hatte nie eine gebraucht. In fünfzehn Jahren hatte nie jemand etwas Dringendes von ihm gewollt, abgesehen von einer E-Mail mit dem Betreff „DRINGEND", die sich als der am wenigsten dringende Vorgang der Verwaltungsgeschichte erwiesen hatte.

23. Vertretungsregelung klären.

24. Formular 14b (Vertretungsantrag) ausfüllen.

25. Vertreter finden.

26. Prüfen, ob Punkt 25 vor Punkt 24 hätte stehen müssen.

27. Reihenfolge der To-Do-Liste überprüfen.

28. Priorisierung einführen (A = dringend, B = wichtig, C = unklar).

29. Priorisierungssystem dokumentieren (siehe Unterliste E).

Thomas legte den Stift nieder und betrachtete sein Werk. Vier Blätter Papier, und er war erst bei Punkt 29. Er hatte noch nicht einmal angefangen, über die eigentliche Durchführung des Besuchs nachzudenken. Was, wenn Schmied nicht zu Hause war? Was, wenn er zu Hause war, aber nicht öffnete? Was, wenn er öffnete, aber nicht sprechen wollte? Was, wenn er sprechen wollte, aber nur über Alpakas?

30. Szenarien durchspielen (siehe Unterliste F: Mögliche Reaktionen Schmieds).

31. Gesprächsleitfaden erstellen.

32. Backup-Gesprächsleitfaden erstellen (falls Szenario F.4 eintritt: „Schmied spricht nur in Haikus").

33. Notizblock mitnehmen.

34. Ersatzstift mitnehmen.

35. Prüfen, ob der Ersatzstift funktioniert.

36. Zweiten Ersatzstift mitnehmen (Redundanz).

37. Handy aufladen.

38. Handynummer von Schmied mitnehmen (gefunden auf der Notiz in 601).

39. Prüfen, ob die Handynummer noch aktuell ist (NICHT anrufen — Überraschungseffekt bewahren).

40. Nervosität bewältigen (Atemübungen? Tee? Formular ausfüllen?).

41. Frau Möbius und Herrn Brinkmann Futter hinstellen (Katzen).

42. Schlüssel zu Zimmer 312 einstecken (für die Rückkehr).

43. Prüfen, ob Rückkehr geplant ist.

Thomas stutzte bei Punkt 43. Selbstverständlich war die Rückkehr geplant. Er besuchte einen ehemaligen Kollegen, nicht die Unterwelt. Obwohl, wenn er es recht bedachte, war der Unterschied zwischen der Dienstagstraße und der Unterwelt möglicherweise geringer, als man annehmen würde.

44. Farbcodierung der Liste durchführen (Rot = sofort, Gelb = vor Abfahrt, Grün = kann warten).

45. Farbstifte besorgen.

46. Farbstiftbestellung über Formular 3a einreichen (dreifache Ausfertigung).

Thomas erkannte, dass er ein Formular ausfüllen musste, um die To-Do-Liste farblich zu codieren, die er erstellt hatte, um sich auf den Besuch vorzubereiten, der ein Formular erfordert hatte. Der Kreis schloss sich wie ein bürokratisches Ouroboros, eine Schlange, die ihren eigenen Durchschlag fraß.

Er schrieb den letzten Punkt.

47. Herausfinden, was Vorgang 2847/B eigentlich ist.

Thomas legte den Stift nieder.

Er las die Liste von oben bis unten. Siebenundvierzig Punkte. Drei Seiten Hauptliste, sechs Unterlisten (A bis F, wobei B, C, D, E und F noch leer waren), ein Priorisierungssystem, das noch nicht angewendet worden war, und eine Farbcodierung, die an der Beschaffung von Farbstiften scheiterte.

Dann tat Thomas etwas, das selbst ihn überraschte. Er nahm ein neues Blatt Papier und schrieb:

To-Do-Liste: Erstellung der To-Do-Liste „Besuch bei Schmied".

1. Leeres Blatt Papier nehmen.

2. Überschrift schreiben.

3. Punkte 1-47 aufschreiben.

4. Unterlisten A-F erstellen.

5. Prüfen, ob alle Unterlisten erstellt wurden.

6. Meta-To-Do-Liste erstellen.

Er hielt inne. Punkt 6 war der Punkt, an dem er sich gerade befand. Er hatte eine To-Do-Liste für die Erstellung einer To-Do-Liste erstellt. Dies war entweder ein Zeichen von außergewöhnlicher Gründlichkeit oder ein Hilferuf. Thomas war sich nicht sicher. Er war sich nur sicher, dass Punkt 47 — ganz unten, ganz am Ende, nach den Farbstiften und der Nervositätsbewältigung und der Katzenversorgung — der einzige Punkt war, der wirklich zählte.

Herausfinden, was Vorgang 2847/B eigentlich ist.

Thomas faltete die Listen zusammen, legte sie in die Klarsichtmappe und die Klarsichtmappe in den Schnellhefter und den Schnellhefter in die Aktentasche. Dann schaltete er den Computer aus, zog seinen Mantel an und ging nach Hause.

Morgen würde er beginnen, die Liste abzuarbeiten. Punkt für Punkt. In der richtigen Reihenfolge. Nach Priorität. Mit Farbcodierung.

Oder auch ohne. Denn die Farbstifte, das wusste er bereits, würden frühestens in drei bis sechs Wochen geliefert werden.