Kapitel 80

Dienstag

Es war 17:00 Uhr.

Thomas Müller-Hinterberg stand am Fenster von Zimmer 312, obwohl er eigentlich schon in der Tür gestanden hatte, obwohl er eigentlich schon seine Jacke angezogen hatte, obwohl er eigentlich schon auf dem Weg nach Hause war. Aber er war noch einmal umgekehrt. Er musste noch einmal aus diesem Fenster schauen. Ein letztes Mal. Nicht weil er etwas suchte. Sondern weil er etwas fand.

Der Innenhof lag im Abendlicht.

Es war jenes Licht, das Gebäude, die den ganzen Tag grau und funktional aussehen, für eine kurze Stunde in etwas verwandelt, das man, wenn man großzügig war, als schön bezeichnen konnte. Die Fassaden leuchteten in einem warmen Ocker. Die Fenster spiegelten den Himmel. Die Schatten waren lang und weich, und sie fielen über den Rasen des Innenhofs wie Decken über ein schlafendes Kind.

Die drei kleinen Alpakas standen im Gras.

Sie hießen Aktenzeichen, Paragraph und Einhorn. Thomas wusste nicht, ob Schmied ihnen diese Namen gegeben hatte oder ob Herr Pflüger es getan hatte oder ob die Namen einfach entstanden waren, so wie Dinge in Behörden entstehen — nicht durch Beschluss, sondern durch Gewohnheit, durch Wiederholung, durch die stille Übereinkunft aller Beteiligten, dass die Dinge so heißen, wie sie heißen, und dass niemand nach dem Warum fragen sollte.

Aktenzeichen war der Größte der drei. Er stand vorne, den Kopf erhoben, und kaute mit der methodischen Gründlichkeit eines Alpakas, das seine Arbeit ernst nimmt. Paragraph stand daneben, etwas kleiner, etwas zerzauster, mit einem Fell, das aussah, als hätte jemand versucht, es zu bürsten, und nach der Hälfte aufgegeben. Und Einhorn — das Kleinste, das Sanfteste, das mit dem weißen Fleck auf der Stirn — lag im Gras und schaute in den Himmel, als gäbe es dort etwas zu sehen, das nur Alpakas sehen konnten.

Thomas schaute den dreien zu.

Er dachte an Schmied. An einen Mann in einem Cordsakko mit einer Einhornkrawatte, der fünfzehn Jahre lang in einem Büro im sechsten Stock gesessen hatte und auf ein Formular gewartet hatte. Nicht weil er verrückt war. Nicht weil er vergessen worden war. Sondern weil das System, in dem er lebte und arbeitete, ein Formular verlangte, das nur jemand ausfüllen konnte, der die Geduld hatte, durch Wochen von Umschlägen und Ordnern und Haikus zu navigieren und am Ende festzustellen, dass die Antwort ein einziger Satz war.

Bitte Formular 7b ausfüllen.

Thomas dachte an Frau Behrens-Goldbach. An eine Kollegin, die denselben Weg gegangen war und am Ende entschieden hatte, dass es wichtigere Dinge gab als die Lösung eines Rätsels, das kein Rätsel war. An eine Frau, die lachte, wenn man ihr von Formular 7b erzählte, und die dieses Lachen als Schutzschild und als Geschenk zugleich benutzte.

Er dachte an Formular 7b. An ein Stück Papier mit vierunddreißig Feldern, das einen Vorgang begonnen und beendet hatte, das eine Legende begründet und aufgelöst hatte, das einen Mann in den Nicht-Ruhestand geschickt und wieder herausgeholt hatte. Ein Formular. Nur ein Formular. Aber in der Verwaltung war nur ein Formular gleichbedeutend mit alles.

Er dachte an dreiundsiebzig Ordner. Grau, gleichförmig, mit handgeschriebenen Rückenschildern. Sie lagen jetzt im Archiv, im Keller, in Regal 14, Abschnitt B, Fach 2847. Dreiundsiebzig Ordner voller Dokumente, die nichts anderes dokumentierten als sich selbst. Sie würden dort bleiben, für Jahre, für Jahrzehnte, bis jemand das Archiv räumte und sich fragte, warum jemand dreiundsiebzig Ordner über einen Vorgang angelegt hatte, der nie etwas gewesen war. Und dann würde dieser Jemand die Ordner öffnen und lesen und am Ende feststellen, dass die Antwort lautete: weil es ein Formular gab.

Thomas dachte an Umschläge in Umschlägen. An dreifach verschachtelte Kuvertarchitektur, die keinen anderen Zweck hatte als den, Dingen Gewicht zu geben, die kein Gewicht hatten. An ein leeres Blatt mit dem Wort Dienstag. An das Gefühl, einen Umschlag zu öffnen und darin einen weiteren Umschlag zu finden und in diesem einen weiteren, wie eine Matroschka aus Papier und Erwartung.

Er dachte an einen Drucker, der Haikus schrieb. An eine Maschine im dritten Stock, die seit den Neunzigern Poesie produzierte, weil ein Praktikant einmal die Testseiten-Datei überschrieben hatte und niemand es rückgängig gemacht hatte. Der Drucker schrieb immer noch. Er würde immer schreiben. Solange es Papier gab und Strom und die stille Einsamkeit einer Maschine, die auf ihren nächsten Auftrag wartet.

Er dachte an eine Kaffeemaschine mit dem Fehlercode E-2847. An ein Gerät, das seit Wochen denselben Fehler anzeigte und trotzdem Kaffee produzierte, weil Kaffeemaschinen in Behörden nicht aufhören zu funktionieren, nur weil sie einen Fehler haben. Sie funktionieren trotzdem. Das war ihre Art von Trotz.

Er dachte an einen Bürostuhl, der eine Visitenkarte gehütet hatte. An einen alten, quietschenden Stuhl, der unter seinem Sitz ein Geheimnis verbarg — nicht weil er es verbergen wollte, sondern weil Visitenkarten unter Bürostühle rutschen und dort liegen bleiben, manchmal für Jahre, manchmal bis jemand kommt und sie findet.

Er dachte an Katzen. An Frau Möbius und Herrn Brinkmann, die standortgebundene Biomasse der Personalabteilung, die durch das Amt streiften wie Geister mit Fell und Schnurrhaaren und die eine Ermittlung sabotierten, nicht aus Bosheit, sondern weil Katzen Ermittlungen grundsätzlich als Einladung zum Spielen betrachten.

Er dachte an ein Einhorn auf einem Poster. An ein Bild, das ein Mann aufgehängt hatte, weil er Einhörner mochte, und das in einem Büro im sechsten Stock hing und leuchtete, wenn die Sonne durch das Fenster fiel.

Er dachte an einen Fahrstuhl, der nie das richtige Stockwerk fand. Der heute, zum Abschluss, sieben Mal korrekt gefahren war, als hätte er begriffen, dass die Geschichte zu Ende ging und dass es an der Zeit war, sich von seiner besten Seite zu zeigen.

Er dachte an einen Locher. Einen einzelnen, unscheinbaren Locher, der 1987 bestellt worden war und nicht-normgerechte Löcher gestanzt hatte. Der Locher, der alles ausgelöst hatte. Der Anfang. Das Ur-Formular. Das Alpha und Omega der Verwaltungsgeschichte des Amtes für Allgemeine Zuständigkeiten, und niemand wusste, wo er heute war. Vermutlich im Keller. Vermutlich in einem Karton. Vermutlich neben den dreiundsiebzig Ordnern, deren Existenz er verantwortete, ohne es zu wissen, weil Locher nichts wissen.

Er dachte an die Bürolegende 6a. An eine Geschichte, die von Mund zu Mund gegangen war, von Sachbearbeiter zu Sachbearbeiter, von Stockwerk zu Stockwerk, bis sie größer war als die Wahrheit, die sie erzählte. Die Legende eines Mannes, der versucht hatte, ein Formular auszufüllen, und daran gescheitert war. Nur dass er nicht gescheitert war. Er hatte nur gewartet. Fünfzehn Jahre lang. Und jetzt war er gegangen.

Und er dachte an einen Dienstag, der nie enden wollte.

Thomas lächelte.

Es war ein stilles Lächeln. Kein triumphales, kein trauriges, kein ironisches. Es war das Lächeln eines Mannes, der etwas erlebt hat, das er nicht erklären kann, und der beschlossen hat, es nicht erklären zu müssen. Manche Dinge sind, was sie sind. Manche Vorgänge sind abgeschlossen. Manche Dienstage gehen zu Ende.

Thomas nahm seine Jacke vom Haken. Er schloss die Tür von Zimmer 312. Der Schlüssel drehte sich im Schloss mit einem leisen Klicken, das klang wie ein Punkt am Ende eines Satzes.

Er ging den Flur entlang. Am Fahrstuhl vorbei — er nahm die Treppe, wie immer, weil man dem Fahrstuhl nie ganz trauen konnte und weil Treppen ehrlicher waren: Sie brachten einen immer genau dorthin, wo man hinwollte, und nirgendwo sonst.

An der Kaffeemaschine vorbei. Thomas warf einen Blick auf das Display. Es zeigte nicht mehr E-2847 an. Es zeigte E-0000 an. Alles gut. Kein Fehler. Zum ersten Mal seit Wochen war die Kaffeemaschine im Erdgeschoss fehlerfrei. Thomas wusste nicht, ob das ein Zufall war oder ob die Kaffeemaschine auf ihre eigene, mechanische Art beschlossen hatte, dass der Vorgang abgeschlossen war und dass es an der Zeit war, die Fehler loszulassen.

Am Drucker vorbei. Der Drucker im dritten Stock. Thomas hörte ihn leise surren, als er auf der Treppe an der richtigen Stelle vorbeiging. Ein sanftes, zufriedenes Surren. Kein Haiku. Kein Papierstau. Nur das Surren einer Maschine, die ihren Frieden gefunden hat.

Im Erdgeschoss grüßte der Nachtportier. „Schönen Feierabend, Herr Müller-Hinterberg."

„Schönen Feierabend", sagte Thomas.

Er trat durch die Drehtür. Die Drehtür drehte sich, wie Drehtüren es tun — gleichmäßig, vorhersehbar, ohne Überraschungen. Es war eine gute Tür. Eine verlässliche Tür. Eine Tür, die nie behaupten würde, dringend zu sein, oder ein Formular verlangen würde, oder eine Einhorn-Referenznummer.

Thomas trat in den Abend.

Die Luft war kühl und klar. Es war jene Stunde zwischen Tag und Nacht, in der die Stadt still wird und die Geräusche weicher, als hätte jemand den Lautstärkeregler der Welt um eine Stufe heruntergedreht. Die Straßenlaternen waren noch nicht an. Der Himmel war blau mit einem Hauch von Orange am Horizont.

Die Luft roch nach Frühling. Nach dem ersten Grün, das aus der Erde kam, nach dem letzten Regen, der die Straßen gewaschen hatte. Sie roch nach Papier — weil Thomas acht Stunden in einem Gebäude voller Papier verbracht hatte und der Geruch sich in seine Kleidung gesetzt hatte wie ein Parfum, das man nicht abbestellt hat. Und sie roch, ganz leicht, nach Alpaka.

Thomas ging die Straße hinunter. Seine Schritte waren gleichmäßig. Sein Atem war ruhig. Sein Laptop war geschlossen. Die E-Mail 2848/B wartete darin, geduldig, wie E-Mails es taten.

Sie konnte warten. Bis morgen. Oder bis nächste Woche. Oder bis zum nächsten Dienstag.

Thomas ging weiter. Er dachte an nichts Bestimmtes. Das war neu. In den vergangenen Wochen hatte er immer an etwas gedacht — an Vorgänge, an Formulare, an Ordner, an Alpakas. Jetzt dachte er an nichts, und das Nichts fühlte sich an wie etwas, und das Etwas fühlte sich an wie Frieden.

Er bog um die Ecke. Die Sonne verschwand hinter den Dächern.

Der Dienstag war vorbei.