Für Chris,

der eines Tages — und es muss an dieser Stelle mit der gebotenen Deutlichkeit festgehalten werden, dass dieser Tag weder ein Dienstag war noch ein Tag von besonderer meteorologischer oder verwaltungstechnischer Bedeutung, sondern einer jener Tage, an denen Menschen Dinge sagen, die sie für beiläufig halten und die sich im Nachhinein als folgenschwer erweisen, wie etwa die Bemerkung „Man könnte ja mal ein Regal aufbauen" oder „Was wäre eigentlich, wenn wir einen Hund hätten" — die vollkommen berechtigte und in ihrer schlichten Eleganz kaum zu überbietende Frage stellte, wieviel Zeit man eigentlich haben müsse, um das alles zu lesen, was ich so schreibe.

Er fügte hinzu — nicht ohne einen Unterton, den man je nach Gemütslage als Beschwerde, als Kompliment oder als den verzweifelten Hilferuf eines Mannes deuten konnte, der in einem Stapel Manuskripte zu ertrinken drohte, die er nie bestellt hatte und die dennoch mit der Beharrlichkeit einer Behördenpost auf seinem Schreibtisch erschienen —, dass man die Bücher ja wenigstens zur Seite legen könnte, wenn sie langweilig wären, was sie aber nicht seien, was wiederum das eigentliche Problem darstelle, denn ein Buch, das man nicht zur Seite legen kann, ist kein Geschenk, sondern eine Zumutung, wenn auch — und das räumte Chris mit jener Fairness ein, die ihn als Menschen auszeichnet — eine durchaus unterhaltsame Zumutung.

Ich versprach ihm daraufhin, ein langweiliges Buch zu schreiben. Ein Buch von solch monumentaler, kristalliner, beinahe architektonischer Eintönigkeit, dass er es nach der dritten Seite zuklappen, auf den Nachttisch legen — neben das Glas Wasser, das man abends dort hinstellt und nachts nie trinkt — und endlich jenen Frieden finden könnte, den nur Menschen kennen, die ein Buch besitzen, das sie nicht lesen müssen, weil es sie nicht interessiert.

Ich schrieb. Achtzig Kapitel. Über einen Sachbearbeiter, der eine E-Mail erhält. Über Formulare, die Formulare erzeugen. Über einen Drucker, der Haikus schreibt. Über ein Alpaka, das Passwörter buchstabiert. Über dreiundsiebzig Ordner voller Nichts. Es war, und das muss hier mit Nachdruck festgestellt werden, das langweiligste Buch, das ich mir vorstellen konnte.

Ich schickte Chris das erste Kapitel.

Er schrieb zurück — und ich zitiere hier mit dem gebotenen Bedauern eines Autors, der sein Versprechen aufrichtig hatte einlösen wollen und dabei auf jene Weise gescheitert war, die man nur als erfolgreiches Scheitern bezeichnen kann —, dass es „soooo wunderbar" sei, und dass es „zu schade wäre, um diese Absurdität zu stoppen", und dass er „eine Menge Leute kenne, die genauso herzlich darüber lachen würden", und dass — und hier kam der Satz, der das Scheitern meines Vorhabens mit der Endgültigkeit eines Behördenstempels besiegelte — „beiseite legen auch hier nicht gehe."

Chris, es tut mir leid. Aufrichtig. Ich habe es versucht. Achtzig Kapitel lang habe ich versucht, ein Buch zu schreiben, das du zur Seite legen kannst. Es ist mir nicht gelungen. Es wird mir vermutlich nie gelingen, so wie es dem Amt für Allgemeine Zuständigkeiten nie gelingen wird, Vorgang 2847/B abzuschließen, und so wie es der Kaffeemaschine im dritten Stock nie gelingen wird, einen Kaffee zu produzieren, der diesen Namen verdient.

Nächstes Mal vielleicht.

(Aber wahrscheinlich nicht.)

Kairos