Die E-Mail
Es war ein Dienstag.
Das muss an dieser Stelle mit der gebotenen Deutlichkeit festgehalten werden, denn es war nicht irgendein Dienstag, sondern ein Dienstag von jener vollkommenen Gewöhnlichkeit, die bereits an sich bemerkenswert ist — wenn auch nur deshalb, weil sich später niemand an ihn erinnern würde. Der Himmel über der Stadt zeigte jenes unentschlossene Grau, das weder Regen versprach noch Sonne in Aussicht stellte, sondern sich vielmehr jeder meteorologischen Festlegung mit der Beharrlichkeit eines Beamten entzog, der kurz vor der Pensionierung steht.
Thomas Müller-Hinterberg, Sachbearbeiter der Besoldungsgruppe A9, Zimmer 312, Amt für Allgemeine Zuständigkeiten — im hausinternen Sprachgebrauch kurz AAZ genannt, wobei niemand mit Sicherheit sagen konnte, wofür das Amt im Einzelnen zuständig war, was seiner allgemeinen Zuständigkeit allerdings keinen Abbruch tat — betrat das Gebäude um Punkt sieben Uhr dreiundfünfzig. Nicht um sieben Uhr fünfzig, was nachlässig gewesen wäre, und nicht um acht Uhr, was zwar korrekt, aber auch nicht mehr als das gewesen wäre. Sieben Uhr dreiundfünfzig war die Zeit, die Thomas Müller-Hinterberg nach jahrelanger empirischer Forschung als optimal ermittelt hatte: früh genug, um die Kaffeemaschine im Aufenthaltsraum noch mit frischem Wasser befüllt vorzufinden, und spät genug, um Herrn Winkler aus der Poststelle zu vermeiden, der die Angewohnheit hatte, jeden Morgen ausführlich über die Verkehrslage auf der B27 zu referieren.
Der Weg von der Eingangstür zu Zimmer 312 betrug exakt hundertdreiunddreißig Schritte. Thomas wusste das, weil er sie einmal gezählt hatte, an einem Donnerstag im vergangenen November, als die Heizung ausgefallen war und er sich durch Ablenkung warm halten wollte. Seither zählte er nicht mehr, aber die Zahl hatte sich in seinem Bewusstsein festgesetzt wie ein Ohrwurm, der sich weigert, das Gehör zu verlassen.
Die Schritte verteilten sich wie folgt: vierzehn Schritte durch das Foyer, wobei man den leichten Linksbogen um den Informationstresen berücksichtigen musste, an dem seit drei Jahren niemand mehr saß, der aber dennoch jeden Freitag von der Reinigungskraft poliert wurde; dann achtundzwanzig Schritte den Flur entlang bis zum Treppenhaus, vorbei an der Pinnwand mit den vergilbten Aushängen, von denen der älteste ein Betriebsausflug aus dem Jahr 2019 war, an dem Thomas nicht teilgenommen hatte, weil er an jenem Tag ein Formular hatte fertigstellen müssen; siebenunddreißig Stufen in den dritten Stock, wobei Thomas grundsätzlich die Treppe nahm, nicht aus gesundheitlichen Erwägungen, sondern weil der Aufzug seit einer Modernisierungsmaßnahme im Herbst mit einem leisen, aber durchdringenden Summen behaftet war, das Thomas an eine Wespe erinnerte; und schließlich vierundfünfzig Schritte den Flur des dritten Stockwerks entlang bis zu seiner Bürotür, an der ein Schild hing, das seinen Namen in jener Schriftart trug, die die Verwaltung für alle Türschilder verwendete — einer Schriftart, die aussah, als hätte jemand versucht, Arial Mut zu machen, und dabei kläglich gescheitert wäre.
Thomas schloss die Tür auf — sie klemmte leicht, was er im vergangenen März der Hausverwaltung gemeldet hatte, woraufhin man ihm mitteilte, dass die Bearbeitung seines Anliegens zeitnah erfolgen werde, ein Versprechen, das in seiner Vagheit kaum zu überbieten war — und betrat sein Büro.
Zimmer 312 war ein Raum von jener funktionalen Trostlosigkeit, die nur öffentliche Gebäude hervorzubringen imstande sind. Ein Schreibtisch, ein Drehstuhl, ein Aktenschrank, ein Fenster mit Blick auf den Innenhof. Der Innenhof war von jener Sorte, die in Architekturzeichnungen als »begrünt« bezeichnet wird, was in der Praxis bedeutete, dass dort drei Büsche standen, die seit Jahren um ihr Überleben kämpften, und ein Tier, das Thomas als Alpaka identifiziert hatte, obwohl er sich dieser Klassifizierung nicht vollständig sicher war. Das Tier stand dort, kaute, und schaute gelegentlich nach oben, als erwarte es eine Erklärung für seine Existenz, die ihm jedoch niemand gab, weil sich auch niemand eine solche Erklärung geben konnte.
Thomas hängte seine Jacke an den Haken, setzte sich, und fuhr den Computer hoch. Das Hochfahren dauerte vier Minuten und zwölf Sekunden. Thomas wusste auch das, obwohl er es sich lieber nicht gemerkt hätte.
Während der Computer seine morgendlichen Rituale vollzog — Systemprüfung, Netzwerkanmeldung, das Laden diverser Sicherheitsupdates, die sich über Nacht angesammelt hatten wie Staub auf einem Aktenschrank —, ging Thomas in den Aufenthaltsraum, um Kaffee zu holen. Die Kaffeemaschine, ein Gerät der Marke Saeco, das die Verwaltung vor vier Jahren angeschafft hatte und das seither mehr Fehlermeldungen produziert hatte als Kaffee, war heute gnädig gestimmt. Sie produzierte ein Geräusch, das entfernt an Mahlwerk erinnerte, und lieferte dann eine Flüssigkeit, die zumindest die richtige Farbe hatte. Thomas nahm seine Tasse — die weiße, ohne Aufdruck, die er sich vor drei Jahren gekauft hatte, weil die Tassen mit den motivierenden Sprüchen, die die Personalabteilung zum Firmenjubiläum verteilt hatte, ihn nervten — und kehrte in sein Büro zurück.
Der Computer war bereit. Thomas öffnete sein E-Mail-Postfach.
Dreizehn neue Nachrichten. Zwölf davon waren von der Sorte, die Thomas als »administratives Rauschen« bezeichnete: Mitteilungen über geänderte Parkplatzregelungen, Erinnerungen an die korrekte Mülltrennung in den Büroküchen, ein Hinweis auf einen Vortrag über »Digitalisierung im öffentlichen Dienst«, der bereits vor zwei Wochen stattgefunden hatte. Thomas markierte sie als gelesen, ohne sie gelesen zu haben, eine Handlung, die er mit einem Übermaß an schlechtem Gewissen vollzog, das in keinem Verhältnis zu ihrem Inhalt stand.
Die dreizehnte E-Mail war anders.
Sie war anders nicht in der Art, wie gewöhnliche E-Mails anders sind — nicht durch eine ungewöhnliche Formatierung oder einen auffälligen Betreff, obwohl ihr Betreff durchaus auffällig war. Sie war anders in der Art, wie ein einzelner schiefer Bilderrahmen in einer Reihe gerader Bilderrahmen anders ist: Ihre bloße Existenz suggerierte, dass etwas nicht stimmte, ohne dass man sofort hätte sagen können, was es war.
Der Betreff lautete: »DRINGEND: Vorgang 2847/B — Sofortige Bearbeitung erforderlich«.
Thomas las den Betreff dreimal. Er kannte keinen Vorgang 2847/B. Er kannte Vorgang 2846/A, der sich mit der Neuordnung der Büromaterialbestellung befasste und seit acht Monaten in der Abstimmungsschleife hing, und er kannte Vorgang 2848/C, einen Antrag auf Ersatzbeschaffung eines Lochers, der aus Gründen, die Thomas nie vollständig verstanden hatte, über seinen Schreibtisch gelaufen war. Aber 2847/B? Dieses Aktenzeichen existierte nicht. Oder es hätte nicht existieren sollen.
Thomas klickte die E-Mail an.
Der Text war knapp. Er lautete: »Siehe Anhang.«
Thomas klickte auf den Anhang. Ein Fenster erschien: »Die Datei kann nicht geöffnet werden. Nicht unterstütztes Format.«
Thomas versuchte es erneut. Dasselbe Fenster. Er klickte mit der rechten Maustaste. »Speichern unter.« Die Datei hieß »Vorgang_2847B.7b«. Thomas kannte viele Dateiformate. Er kannte .pdf und .doc und .xlsx und sogar .odt, weil die Verwaltung einmal drei Monate lang versucht hatte, auf Open-Source-Software umzusteigen, bevor man das Vorhaben aus Gründen der »mangelnden Kompatibilität mit bestehenden Prozessen« wieder aufgab. Aber .7b? Das war kein Format. Das war eine Zumutung.
Thomas lehnte sich zurück. Er trank einen Schluck Kaffee. Der Kaffee war lauwarm geworden, was bei dieser Maschine entweder sofort oder gar nicht passierte. Er starrte auf den Bildschirm. Dann tat er, was jeder gewissenhafte Sachbearbeiter in seiner Situation getan hätte: Er schaute nach dem Absender.
Das Feld »Von« war leer.
Thomas schaute genauer hin. Er klickte auf »Details anzeigen«. Er klickte auf »Vollständigen Header anzeigen«. Er klickte auf alles, worauf man klicken konnte. Das Ergebnis blieb dasselbe: Die E-Mail hatte keinen Absender. Sie war, soweit das E-Mail-System des Amtes für Allgemeine Zuständigkeiten dies beurteilen konnte, aus dem Nichts erschienen — wie das Alpaka im Innenhof, nur digitaler und mit deutlich mehr Dringlichkeit.
Thomas stellte seine Kaffeetasse ab. Er richtete seinen Blick auf die gegenüberliegende Wand, an der ein Kalender hing, der noch den Februar zeigte, obwohl bereits April war.
Es war, und das muss hier mit Nachdruck festgestellt werden, immer noch Dienstag.