Kapitel 3

Die Kollegin

Frau Behrens-Goldbach saß in Zimmer 314 und ordnete Büroklammern nach Größe.

Das war, soweit Thomas es beurteilen konnte, keine offizielle Dienstaufgabe. Frau Behrens-Goldbach war, laut Organigramm, zuständig für die »Koordination bereichsübergreifender Abstimmungsprozesse«, eine Stellenbeschreibung, die so viel und so wenig bedeutete, dass sie ebenso gut hätte lauten können: »Sitzt in Zimmer 314 und weiß Dinge.« Denn das war es, was Frau Behrens-Goldbach tat. Sie wusste Dinge. Nicht auf die Art, wie Menschen Dinge wissen, die sie in Büchern gelesen oder in Fortbildungen gelernt haben. Sie wusste Dinge auf die Art, wie ein altes Haus weiß, wo die Rohre verlaufen: nicht durch Ausbildung, sondern durch bloße Anwesenheit über einen unbestimmbar langen Zeitraum.

Niemand konnte mit Sicherheit sagen, wie lange Frau Behrens-Goldbach bereits im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten arbeitete. Es gab Hinweise darauf, dass sie bereits bei der Einweihung des Gebäudes zugegen gewesen war, aber auch Hinweise, die nahelegten, dass sie schon vor dem Gebäude da gewesen war, in einer Art metaphysischer Kontinuität, die Thomas lieber nicht zu Ende dachte.

Thomas klopfte an die offene Tür von Zimmer 314. Frau Behrens-Goldbach blickte auf. Ihre Lesebrille hing an einer Kette um ihren Hals, die bei jeder Bewegung ein leises, melodisches Klirren von sich gab, als trage sie ein sehr dezentes Windspiel.

»Frau Behrens-Goldbach«, sagte Thomas. »Hätten Sie einen Moment?«

Frau Behrens-Goldbach legte eine Büroklammer der Größe 3 zu den anderen Büroklammern der Größe 3 und musterte Thomas über den Rand einer Brille, die sie gar nicht trug, weil sie, wie bereits erwähnt, an der Kette hing.

»Herr Müller-Hinterberg«, sagte sie. »Nehmen Sie Platz.«

Thomas setzte sich auf den Besucherstuhl, der in Zimmer 314 eine andere Polsterung hatte als in allen anderen Büros der Etage — ein Detail, das Thomas seit Jahren beschäftigte, das er aber nie angesprochen hatte, weil er fürchtete, die Antwort könnte komplizierter sein als die Frage.

»Es geht um eine E-Mail«, begann Thomas.

»E-Mails«, sagte Frau Behrens-Goldbach und nickte, als hätte Thomas soeben das Wetter erwähnt.

»Eine bestimmte E-Mail«, präzisierte Thomas. »Vorgang 2847/B.«

Die Veränderung war minimal. Man hätte sie übersehen können, wenn man nicht genau hingeschaut hätte. Aber Thomas schaute genau hin — es war sein Beruf, genau hinzuschauen —, und er sah, wie Frau Behrens-Goldbachs linke Augenbraue sich um einen Millimeter hob. Nicht einmal einen ganzen Millimeter, wenn Thomas ehrlich war, eher einen halben, vielleicht sogar nur ein Viertel. Aber er sah es.

»2847/B«, wiederholte Frau Behrens-Goldbach. Sie sprach das Aktenzeichen aus, als koste sie ein Gericht, bei dem sie sich nicht sicher war, ob es verdorben war oder einfach nur ungewöhnlich gewürzt.

»Kennen Sie den Vorgang?«, fragte Thomas.

Frau Behrens-Goldbach lehnte sich zurück. Ihr Stuhl gab ein Quietschen von sich, das in seiner klanglichen Qualität dem Surren des Druckers nicht unähnlich war, wenn auch in einer höheren Tonlage.

»Kennen«, sagte sie, »ist ein großes Wort. Man kennt seinen Namen. Man kennt seine Adresse. Aber kennt man einen Vorgang? Wirklich kennen?«

Thomas blinzelte. »Ich meinte, ob Ihnen das Aktenzeichen etwas sagt.«

»Sagen«, erwiderte Frau Behrens-Goldbach, »tut es mir durchaus etwas. Die Frage ist eher, was genau.«

Thomas spürte, wie sich in seinem Hinterkopf jenes leichte Schwindelgefühl einstellte, das Gespräche mit Frau Behrens-Goldbach häufig auslösten — ein Schwindelgefühl, das nicht auf einen Mangel an Gleichgewicht zurückzuführen war, sondern auf einen Überschuss an Bedeutung, der sich weigerte, eine feste Form anzunehmen.

»Ich habe gestern eine E-Mail erhalten«, sagte Thomas, dieses Mal langsamer. »Betreff: ›DRINGEND: Vorgang 2847/B — Sofortige Bearbeitung erforderlich‹. Der Anhang lässt sich nicht öffnen. Die E-Mail hat keinen Absender.«

Frau Behrens-Goldbach nahm eine Büroklammer auf und drehte sie zwischen den Fingern. Es war eine silberne Büroklammer, und sie drehte sie mit einer Beiläufigkeit, die suggerierte, dass das Drehen von Büroklammern eine eigenständige Kunstform sei, in der Frau Behrens-Goldbach einen Meistergrad erreicht hatte.

»Kein Absender«, sagte sie. »Das kenne ich.«

Thomas beugte sich vor. »Sie kennen das?«

»Da war doch mal was«, sagte Frau Behrens-Goldbach, und ihr Blick wanderte zum Fenster, als suche sie in der Ferne nach einer Erinnerung, die sich dort irgendwo zwischen den Dächern versteckt hatte. »Vor ein paar Jahren. Oder war es vor ein paar Monaten? Die Zeit verschwimmt, wissen Sie. Ab einem gewissen Punkt verschwimmt die Zeit hier drinnen.«

»Was war da?«, fragte Thomas.

»Da war etwas«, bestätigte Frau Behrens-Goldbach. »Etwas mit einem Vorgang. Oder mehreren Vorgängen. Es hatte mit der Registratur zu tun. Oder mit der IT. Oder mit beidem. Es war jedenfalls …« Sie pausierte. Die Büroklammer drehte sich. »… bemerkenswert.«

»Bemerkenswert in welcher Hinsicht?«

»In der Hinsicht, dass man es bemerkt hat.«

Thomas atmete tief ein. Er hatte gelernt, dass Gespräche mit Frau Behrens-Goldbach einem bestimmten Muster folgten: Sie begannen vielversprechend, erreichten einen Punkt maximaler Andeutung und verflüchtigten sich dann wie Nebel über einem Feld, das man nie erreichte, weil der Weg dorthin sich als Sackgasse entpuppte. Das Muster war vorhersagbar. Sein Ergebnis war es nicht.

»Frau Behrens-Goldbach«, sagte Thomas mit der Geduld eines Mannes, der weiß, dass Ungeduld ihn keinen Schritt weiterbringen würde. »Was würden Sie mir empfehlen?«

Frau Behrens-Goldbach setzte ihre Brille auf — die, die vorher an der Kette gehangen hatte — und betrachtete Thomas, als sehe sie ihn zum ersten Mal. Oder als sehe sie ihn zum tausendsten Mal und bemerke dabei etwas, das ihr beim neunhundertneunundneunzigsten Mal entgangen war.

»Ich würde Ihnen empfehlen«, sagte sie, »den üblichen Dienstweg einzuhalten.«

»Den üblichen Dienstweg«, wiederholte Thomas.

»Den üblichen Dienstweg«, bestätigte Frau Behrens-Goldbach. »Formular. Antrag. Genehmigung. In dieser Reihenfolge. Das hat sich bewährt.« Sie nahm die Brille wieder ab. Die Kette klirrte. »Wobei sich natürlich die Frage stellt, welches Formular.«

»Das ist genau das Problem —«

»Aber das wissen Sie ja sicher selbst«, sagte Frau Behrens-Goldbach und widmete sich wieder ihren Büroklammern, als sei das Gespräch damit beendet, obwohl es nach Thomas’ Empfinden noch nicht einmal begonnen hatte.

Thomas stand auf. Er hatte das Gefühl, gleichzeitig mehr und weniger zu wissen als vorher, ein Zustand, der mathematisch unmöglich und dennoch präzise war.

Er war bereits an der Tür, als Frau Behrens-Goldbach noch etwas sagte. Sie sagte es leise, fast beiläufig, so wie man eine Bemerkung über das Wetter macht oder darüber, dass der Aufzug wieder summt.

»Fragen Sie mal nach Formular 7b.«

Thomas drehte sich um. Aber Frau Behrens-Goldbach hatte den Kopf gesenkt und sortierte Büroklammern, und ihr Gesicht trug jenen Ausdruck vollkommener Konzentration, der deutlich machte, dass sie kein weiteres Wort sagen würde, nicht jetzt und vermutlich auch nicht in den nächsten Stunden, und dass jeder Versuch, sie zum Reden zu bringen, so aussichtsreich wäre wie der Versuch, den Drucker im Flur zu einer Handlung zu bewegen, die im Einklang mit dem eigenen Wunsch stand.

Thomas ging zurück in sein Büro. Er setzte sich hin. Er starrte die Wand an. Dann öffnete er seinen Browser und tippte in die Suchleiste des Intranets: »Formular 7b«.

Das Intranet dachte nach. Lange. Sehr lange. So lange, dass Thomas bereits überlegte, ob das Intranet, genau wie Frau Behrens-Goldbach, lediglich den Anschein erweckte, eine Antwort zu formulieren, um dann doch nur eine Andeutung zu liefern.

Dann erschien das Ergebnis: »Ihre Suche nach ›Formular 7b‹ ergab keine Treffer. Meinten Sie: ›Formular 7a‹?«

Thomas schloss den Browser. Im Innenhof stand das Alpaka und schaute nach oben, mit jenem Ausdruck grenzenloser Geduld, den nur Tiere aufbringen, die an einem Ort leben, an dem sie nicht hingehören, und es trotzdem nicht eilig haben, ihn zu verlassen.