Kapitel 7

Das leere Blatt

Thomas Müller-Hinterberg war nicht der Typ Mensch, der an Geheimnisse glaubte. Geheimnisse waren, nach seiner Auffassung, lediglich Informationen, die noch nicht korrekt abgelegt worden waren. Jedes Geheimnis war im Grunde ein Formular, das noch nicht ausgefüllt, ein Vorgang, der noch nicht bearbeitet, eine Akte, die noch nicht geschlossen worden war. Die Welt war nicht mysteriös. Sie war nur schlecht organisiert.

Diese Überzeugung wurde am Freitagmorgen auf eine Probe gestellt, die Thomas als unverhältnismäßig empfand.

Thomas hatte das leere Blatt — Beweisstück A — mit nach Hause genommen. Das war, streng genommen, ein Verstoß gegen die Dienstvorschrift, die besagte, dass dienstliche Unterlagen das Gebäude nicht verlassen durften, es sei denn, es lag eine Genehmigung nach Formular 12d vor. Ob ein leeres Blatt Papier allerdings als »dienstliche Unterlage« gelten konnte, war eine Frage, die Thomas bewusst nicht stellte, weil die Antwort möglicherweise weitere Formulare erfordert hätte.

Er hatte das Blatt am Abend auf seinem Küchentisch ausgebreitet und mit den Mitteln untersucht, die ihm zur Verfügung standen. Er hatte es gegen die Küchenlampe gehalten — nichts. Er hatte es mit der Lupe betrachtet, die er normalerweise zum Lesen von Beipackzetteln verwendete — nichts. Er hatte es mit dem Föhn bearbeitet, in der vagen Hoffnung, dass Wärme eine verborgene Schrift zum Vorschein bringen würde, eine Technik, die er aus einem Kriminalroman kannte, den er vor zwanzig Jahren gelesen hatte und dessen Titel ihm entfallen war — nichts. Das Blatt blieb leer. Es blieb leer mit einer Beharrlichkeit, die Thomas beinahe als Trotz empfand.

Er hatte das Blatt zurück in die Klarsichthülle gelegt und ins Schlafzimmer mitgenommen, wo er es auf den Nachttisch stellte, neben den Wecker und das Glas Wasser, das er jeden Abend dort platzierte, obwohl er nachts nie Wasser trank.

Am Freitagmorgen, um sechs Uhr dreiunddreißig, wachte Thomas auf. Er griff nach dem Wecker, um die Uhrzeit zu überprüfen — Thomas vertraute seinem Wecker nicht blind, sondern kontrollierte ihn, weil ein Wecker, wie jedes technische Gerät, theoretisch fehleranfällig war —, und sein Blick fiel auf die Klarsichthülle.

Das Blatt war nicht mehr leer.

Thomas setzte sich auf. Er nahm die Klarsichthülle in die Hand. Er hielt sie ins Licht der Nachttischlampe. Auf dem Blatt, das gestern Abend noch so leer gewesen war wie der Innenhof des Amtes bei Sonnenuntergang, stand ein Wort.

Es stand in der Mitte des Blattes, weder oben noch unten, weder links noch rechts, sondern genau in der geometrischen Mitte, als hätte jemand vor dem Schreiben sorgfältig ausgemessen, wo die exakte Mitte eines DIN-A5-Blattes liegt — was, nebenbei bemerkt, bei 105 mal 74,25 Millimetern der Fall ist, ein Wert, den Thomas kannte, weil er einmal die DIN-Norm für Papierformate gelesen hatte, an einem Nachmittag, an dem das Intranet ausgefallen war.

Das Wort lautete: »Dienstag.«

Thomas betrachtete das Wort. Es war in einer Schrift geschrieben, die weder gedruckt noch handschriftlich war, sondern irgendwo dazwischen — als hätte jemand mit der Hand geschrieben und dabei versucht, wie eine Maschine auszusehen, oder als hätte eine Maschine geschrieben und dabei versucht, wie eine Hand auszusehen. Die Buchstaben waren gleichmäßig, aber nicht perfekt. Das »D« war leicht nach rechts geneigt. Das »g« hatte eine Unterlänge, die etwas zu lang geraten war. Das »i« trug einen Punkt, der nicht exakt über dem Strich saß, sondern minimal versetzt, nach links, als sei er im letzten Moment unsicher geworden.

»Dienstag«, sagte Thomas laut. Das Wort hing in der Stille seines Schlafzimmers wie ein Staubkorn in einem Lichtstrahl. Es bedeutete etwas. Oder es bedeutete nichts. Oder es bedeutete etwas, das sich als nichts herausstellen würde, was es letztlich doch zu etwas machte, nämlich zu einer Enttäuschung.

Thomas duschte, frühstückte und fuhr zur Arbeit, wobei er die Klarsichthülle mit dem Blatt in seiner Aktentasche trug, die er neben sich auf den Beifahrersitz legte und gelegentlich ansah, als befürchte er, das Wort könnte verschwinden oder sich in ein anderes Wort verwandeln, was bei dem bisherigen Verhalten des Blattes nicht vollständig auszuschließen war.

In Zimmer 312 angekommen, legte Thomas die Klarsichthülle auf seinen Schreibtisch und betrachtete das Wort erneut. »Dienstag.« Der Tag, an dem die E-Mail eingetroffen war. Der Tag, an dem alles begonnen hatte, wobei »alles« möglicherweise ein zu großes Wort war für das, was tatsächlich geschehen war, nämlich: eine nicht öffenbare E-Mail, ein unkooperativer Drucker, ein kryptisches Gespräch, ein verschlossener Raum, eine nicht zu öffnende Datei und drei Umschläge mit einem leeren Blatt, das nicht mehr leer war. Im Grunde war nichts geschehen. Aber es war mit einer Intensität nichts geschehen, die Thomas zunehmend beunruhigte.

Um zehn Uhr vierzehn klopfte Frau Behrens-Goldbach an seine offene Tür.

Thomas hatte sie nicht gerufen. Frau Behrens-Goldbach kam nie ungerufen, jedenfalls nicht, soweit Thomas sich erinnern konnte. Ihr Erscheinen war deshalb bemerkenswert genug, um Thomas innehalten zu lassen, was er auch tat.

Frau Behrens-Goldbach trat ein. Ihr Blick wanderte durch den Raum — über den Schreibtisch, den Aktenschrank, das Fenster, die Klarsichthülle — und blieb an der Klarsichthülle hängen. Oder Thomas bildete sich das ein. Bei Frau Behrens-Goldbach war es schwer zu sagen, ob sie etwas ansah oder durch etwas hindurchsah oder an etwas vorbeisah, das sich hinter dem befand, was vor ihr lag.

»Ah«, sagte Frau Behrens-Goldbach. »Das Blatt.«

Thomas sah sie an. »Sie wissen davon?«

Frau Behrens-Goldbach setzte sich auf den Besucherstuhl, als hätte sie eine Einladung erhalten, die Thomas versehentlich nicht ausgesprochen hatte.

»Wissen ist ein starkes Wort«, sagte sie. Es war, wie Thomas auffiel, derselbe Einwand, den sie beim letzten Gespräch erhoben hatte, diesmal allerdings in Bezug auf ein anderes Wort, als habe sie eine Sammlung starker Wörter, die sie der Reihe nach in Frage stellte.

»Dann lassen Sie es mich anders formulieren«, sagte Thomas. »Haben Sie damit gerechnet, dass ich dieses Blatt erhalten würde?«

Frau Behrens-Goldbach betrachtete die Klarsichthülle. Dann betrachtete sie Thomas. Dann betrachtete sie die Klarsichthülle. Es war, als führe sie ein stilles Gespräch zwischen dem Blatt und Thomas, wobei sie als Übersetzerin fungierte.

»Gerechnet«, sagte sie. »Nein. Aber überrascht bin ich auch nicht.«

Sie stand auf, so unvermittelt, wie sie gekommen war, und ging zur Tür. Im Gehen sagte sie, ohne sich umzudrehen: »Haben Sie die E-Mail nochmal überprüft?«

Thomas öffnete den Mund, um zu antworten, aber Frau Behrens-Goldbach war bereits im Flur, und das leise Klirren ihrer Brillenkette verklang wie das Echo einer Frage, die nie vollständig gestellt worden war.

Thomas öffnete seine E-Mails. Er suchte die Nachricht zu Vorgang 2847/B. Er fand sie. Er betrachtete den Betreff.

Der Betreff lautete: »DRINGEND: Vorgang 2847/B — Sofortige Bearbeitung dringend erforderlich (Frist beachten)«.

Thomas las den Betreff dreimal. Beim ersten Mal fiel ihm die Ergänzung »Frist beachten« auf. Beim zweiten Mal fiel ihm auf, dass er den Betreff beim letzten Öffnen anders in Erinnerung hatte. Beim dritten Mal öffnete er sein Notizbuch und verglich. Ja, er hatte sich den Betreff notiert. In seinem Notizbuch stand: »DRINGEND: Vorgang 2847/B — Sofortige Bearbeitung dringend erforderlich«. Ohne »Frist beachten«. Der Betreff hatte sich verändert. Wieder.

Thomas notierte den neuen Betreff. Er notierte das Datum und die Uhrzeit. Er legte das Notizbuch neben die Klarsichthülle. Die Klarsichthülle lag neben den drei Umschlägen, die er aufbewahrt hatte. Die Umschläge lagen neben dem Formular 7b-Entwurf, den der Drucker ausgespuckt hatte. Sein Schreibtisch begann auszusehen wie der Tatort eines Verbrechens, das nie stattgefunden hatte.

Thomas stand auf und trat ans Fenster. Im Innenhof stand das Alpaka. Es kaute. Der Himmel war grau. Es war Freitag.

Auf dem Blatt in der Klarsichthülle stand »Dienstag«. Thomas fragte sich, ob das eine Erinnerung war, ein Hinweis oder ein Versprechen. Ob der kommende Dienstag gemeint war oder der vergangene. Ob überhaupt ein bestimmter Dienstag gemeint war oder der Dienstag an sich, als Konzept, als Idee, als Zustand.

Er schloss das Fenster. Das Alpaka schaute nach oben. Thomas schaute nach unten. Einen Moment lang teilten sie die Stille, und es war die ehrlichste Kommunikation, die Thomas in dieser Woche geführt hatte.