Die Aktensuche
Der Montag begann, wie Montage beginnen: mit der stillen Verzweiflung einer Welt, die sich weigert, Wochenende zu bleiben. Thomas Müller-Hinterberg hatte das Wochenende damit verbracht, nicht an den Vorgang 2847/B zu denken, was ihm ungefähr so gut gelungen war wie der Versuch, nicht an einen rosa Elefanten zu denken, nachdem jemand einen rosa Elefanten erwähnt hat, nur dass es in Thomas’ Fall kein rosa Elefant war, sondern ein leeres Blatt Papier mit dem Wort »Dienstag« darauf, was, wenn man darüber nachdachte, noch schwerer zu verdrängen war, weil es weniger Sinn ergab.
Er beschloss, systematisch vorzugehen. Die digitale Spur hatte ihn in eine Sackgasse geführt — die E-Mail war nicht zu entschlüsseln, der Anhang nicht zu öffnen, der Absender nicht zu ermitteln. Also musste er den analogen Weg einschlagen. Wenn es einen Vorgang 2847/B gab, dann musste es eine Akte geben. Und wenn es eine Akte gab, dann befand sie sich im Ablagesystem.
Das Ablagesystem des Amtes für Allgemeine Zuständigkeiten war ein Wunderwerk deutscher Verwaltungskultur. Es erstreckte sich über drei Räume im zweiten Stockwerk, die zusammen als »die Registratur« bekannt waren, obwohl dieser Begriff ihre tatsächliche Natur nur unvollkommen beschrieb. Die Registratur war weniger ein Archiv als ein Organismus, ein lebendes System aus Ordnern, Hängeregistern, Aktendeckeln und Karteikarten, das über Jahrzehnte gewachsen war und das niemand vollständig überblickte, einschließlich der Mitarbeiterin, die für es zuständig war.
Diese Mitarbeiterin war Frau Oppermann, eine Frau von unbestimmtem Alter und unbegrenzter Geduld, die seit einer Ewigkeit in der Registratur arbeitete und die die Akten behandelte wie eine Gärtnerin ihre Pflanzen — mit Sorgfalt, mit Zuwendung und mit dem unerschütterlichen Glauben, dass jede Akte einen Platz hatte und dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie ihn fand.
»Vorgang 2847/B«, sagte Thomas.
Frau Oppermann schob ihre Brille zurecht. »Einen Moment.« Sie verschwand zwischen den Regalen, die bis zur Decke reichten und die so dicht beieinanderstanden, dass man sich seitlich hindurchbewegen musste, wie durch eine sehr trockene, sehr staubige Schlucht.
Thomas wartete. Er betrachtete die Registratur. Die Ordner standen in Reihen, geordnet nach einem System, das auf den ersten Blick numerisch war, auf den zweiten Blick chronologisch und auf den dritten Blick überhaupt keinem erkennbaren Prinzip folgte, so als hätte jemand drei verschiedene Ordnungssysteme übereinandergelegt und dann beschlossen, keines von ihnen vollständig umzusetzen.
Frau Oppermann kehrte zurück. »2847/B«, sagte sie. »Das gibt es nicht.«
»Es muss es geben«, sagte Thomas.
»Es gibt 2846/A. Und es gibt 2848/C. Aber zwischen den beiden ist …« Sie machte eine Handbewegung, die die Leere beschrieb, wie ein Dirigent, der eine Pause dirigiert. »Nichts.«
»Kann ein Vorgang fehlen?«
»Ein Vorgang kann nicht fehlen«, sagte Frau Oppermann mit der Bestimmtheit einer Frau, die ihr gesamtes Berufsleben der Überzeugung gewidmet hatte, dass Akten nicht fehlen, sondern höchstens verlegt werden, vorübergehend, bis sie gefunden werden. »Ein Vorgang ist entweder da oder er wurde nie angelegt.«
»Und wenn er nie angelegt wurde?«
»Dann gibt es ihn nicht.«
»Aber ich habe eine E-Mail erhalten —«
»Herr Müller-Hinterberg«, sagte Frau Oppermann, und ihre Stimme hatte die sanfte Unerbittlichkeit einer Großmutter, die erklärt, warum es keinen Nachtisch gibt. »Wenn es den Vorgang in der Registratur nicht gibt, dann gibt es ihn nicht. Die Registratur ist die Registratur.«
Thomas akzeptierte diese Aussage, die in ihrer tautologischen Struktur nicht zu widerlegen war, und beschloss, selbst zu suchen. Frau Oppermann gestattete ihm den Zugang zu den Regalen, nicht ohne den Hinweis, dass er die Ordner »bitte in der richtigen Reihenfolge« zurückstellen möge, ein Hinweis, den sie mit einem Blick begleitete, der keinen Zweifel daran ließ, dass eine Missachtung dieser Bitte Konsequenzen haben würde, über deren Natur Thomas lieber nicht nachdachte.
Thomas begann zu suchen.
Er fand Vorgang 2846/A. Er stand dort, wo er stehen sollte, ein dicker Ordner in Dunkelblau, gefüllt mit Dokumenten zur Büromaterialbestellung, die sich über achtzehn Monate erstreckten und die Thomas’ Seele mit einer Mischung aus Vertrautheit und Langeweile erfüllten. Direkt neben ihm stand Vorgang 2848/C, ein dünner Ordner in Hellgrün, der den Locherantrag enthielt. Zwischen den beiden: eine Lücke. Keine breite Lücke. Gerade breit genug für einen Ordner. Als hätte dort einmal einer gestanden und wäre dann entfernt worden. Oder als hätte dort nie einer gestanden, aber der Platz sei freigehalten worden, für den Fall, dass einer kommen würde.
Thomas maß die Lücke mit den Augen. Sie war ungefähr vier Zentimeter breit. Vier Zentimeter Nichts. Vier Zentimeter Abwesenheit. Es war die eloquenteste Leere, die Thomas je gesehen hatte.
Er suchte weiter. Er durchsuchte die umliegenden Regale, die Nachbarfächer, die Schublade unter dem Regal, in der sich diverse lose Blätter befanden, die offenbar keinem Ordner zugeordnet waren und die dort lagen wie Waisenkinder, die auf Adoption warteten. Er fand nichts, was mit 2847/B zu tun hatte.
Dann, ganz hinten in der dritten Reihe, auf dem untersten Regalbrett, halb verdeckt von einem Karton mit der Aufschrift »Altakten 2017 — NICHT ENTSORGEN«, fand Thomas einen Ordner.
Der Ordner war alt. Das Plastik der Außenhülle war spröde und leicht vergilbt, die Farbe — ursprünglich vermutlich Rot — war zu einem müden Rosa verblasst, das an Sonnenuntergänge über Parkplätzen erinnerte. Auf dem Rücken des Ordners klebte ein Etikett. Auf dem Etikett stand, in einer Schrift, die Thomas als Schreibmaschinenschrift identifizierte: »2847«.
Thomas zog den Ordner heraus. Er war leicht. Zu leicht für einen Ordner, der etwas enthielt, und zu schwer für einen Ordner, der nichts enthielt. Thomas öffnete ihn.
Der Ordner war leer.
Keine Blätter, keine Dokumente, keine Aktennotizen. Nur die Metallklammer, die ins Nichts griff, und der Geruch von altem Papier, obwohl kein Papier da war, als habe der Ordner die Erinnerung an seinen ehemaligen Inhalt bewahrt, nicht aber den Inhalt selbst.
Thomas drehte den Ordner um. Auf der Rückseite, ganz unten, in der rechten Ecke, war ein Buchstabe. Er war mit Kugelschreiber geschrieben, in jener schnellen, fast flüchtigen Art, mit der man etwas notiert, das man nicht vergessen will, das aber auch niemand anderes sehen soll. Der Buchstabe war klein, kaum größer als ein Zentimeter.
Es war ein »S«.
Thomas starrte das »S« an. Ein einzelner Buchstabe. Neunzehnter Buchstabe des Alphabets. Form einer Schlange oder eines Flusses oder eines Weges, der sich windet, ohne sein Ziel zu kennen. »S« wie … was?
Durch das Fenster der Registratur fiel das Nachmittagslicht in den Raum. Thomas blickte auf. Draußen, im Innenhof, stand das Alpaka. Es stand genau in der Mitte des Hofes, als markiere es einen Punkt, und schaute zum Fenster der Registratur hinauf. Thomas hatte das Tier noch nie von diesem Stockwerk aus gesehen. Von hier wirkte es größer, präsenter, als hätte es an Bedeutung gewonnen, ohne an Größe zuzunehmen.
Thomas klappte den Ordner zu. Er stellte ihn zurück, exakt dorthin, wo er ihn gefunden hatte — hinter den Karton mit den Altakten, auf dem untersten Regalbrett, in der dritten Reihe. Er bedankte sich bei Frau Oppermann und ging zurück in den dritten Stock.
In Zimmer 312 setzte er sich an seinen Schreibtisch. Er nahm sein Notizbuch und schrieb:
»Ordner 2847 — leer. Rückseite: Buchstabe ›S‹. Handschriftlich. Kugelschreiber. Bedeutung unklar.«
Er legte den Stift ab. Er starrte die Notiz an. Dann fügte er hinzu:
»S — wie Schmied?«
Er strich den Zusatz wieder durch. Dann schrieb er ihn erneut. Dann strich er ihn erneut durch. Dann schrieb er ihn ein drittes Mal, diesmal mit einem Fragezeichen, und ließ ihn stehen, weil ein Fragezeichen alles erlaubte — Spekulation, Zweifel, Hoffnung — ohne etwas festzulegen.
Herr Schmied. Der Mann aus Abteilung 6. Eine Figur, die im Amt existierte wie eine Sage, wie eine Legende, die jeder kannte und die niemand je persönlich überprüft hatte. Thomas hatte den Namen gehört, in Flurgesprächen, in Andeutungen, in jenem halblauten Tonfall, den Menschen verwenden, wenn sie über etwas sprechen, das sie nicht vollständig verstehen. »Da müssten Sie Schmied fragen«, hatte einmal jemand gesagt, bei einer Besprechung, und alle hatten genickt, als wüssten sie, wer Schmied war, und Thomas hatte mitgenickt, obwohl er es nicht wusste.
Er schloss sein Notizbuch. Auf dem Bildschirm blinkte eine Benachrichtigung. Der Betreff der neuen E-Mail lautete: »DRINGEND: Vorgang 2847/B — Sofortige Bearbeitung dringend erforderlich (Frist beachten!) (2. Mahnung)«.
Thomas bemerkte die Änderungen. Das Ausrufezeichen nach »Frist beachten«. Die »2. Mahnung«. Die Dringlichkeit wuchs, wie ein Baum, der Ringe ansetzt, langsam, stetig und ohne erkennbaren Anlass.
Es war Montag. Auf dem Blatt in der Klarsichthülle stand immer noch »Dienstag«. Thomas zählte: noch ein Tag. Bis was, wusste er nicht. Aber das Zählen selbst gab ihm das Gefühl, dass es eine Richtung gab, auch wenn er nicht sehen konnte, wohin sie führte.