Der Fehlercode
Die Kaffeemaschine des Amtes für Allgemeine Zuständigkeiten trug den Namen BüroMatic 3000, was insofern bemerkenswert war, als es sich dabei weder um das dreitausendste Modell einer Serie handelte noch um eine Maschine, die irgendetwas dreitausendmal hätte tun können, ohne dabei den Geist aufzugeben. Die Zahl war, wie so vieles in der Welt der Bürogeräte, eine reine Behauptung — ein numerisches Versprechen, das niemand einzulösen gedachte, ähnlich den Lieferzeiten der Hauspost oder der angekündigten Modernisierung des Intranets.
Thomas Müller-Hinterberg stand vor besagter BüroMatic 3000 und betrachtete das Display. Dort leuchtete, in jener speziellen Schriftart, die Kaffeemaschinen-Displays eigen ist — zu klein zum komfortablen Lesen, zu groß zum würdevollen Ignorieren —, die Zeichenfolge E-2847.
E-2847. Dieselbe Nummer wie der Vorgang. Dieselbe Nummer wie der Ordner im Archiv. Dieselbe Nummer wie auf dem leeren Blatt, das jetzt die Aufschrift »Dienstag« trug. Thomas hatte in den vergangenen Tagen gelernt, dass die Zahl 2847 eine gewisse Anhänglichkeit entwickelt hatte, eine Art numerischer Treue, die unter anderen Umständen rührend gewesen wäre.
Er drückte die Taste »Info«. Das Display wechselte zu: »Fehlercode: E-2847. Bitte konsultieren Sie das Handbuch.«
Das Handbuch. Natürlich. Thomas ging zurück in sein Büro, öffnete den zweiten Schubfach seines Schreibtisches — in dem er neben drei Kugelschreibern, einer Rolle Tesafilm und einem Radiergummi, dessen Herkunft er sich nicht erklären konnte, auch sämtliche Handbücher der Gemeinschaftsgeräte aufbewahrte — und zog ein Heft hervor, das den Titel trug: »BüroMatic 3000 — Bedienungsanleitung und Fehlerbehebung. Modell BM-3000/S. Für den gewerblichen Einsatz. Nicht für den Hausgebrauch geeignet.«
Das Handbuch umfasste achtundvierzig Seiten, von denen siebenunddreißig der Sicherheitsbelehrung gewidmet waren. Thomas erfuhr, dass man die Maschine nicht in die Badewanne stellen, nicht im Freien bei Gewitter betreiben und keinesfalls zum Erhitzen von »nicht-kaffeebezogenen Flüssigkeiten« verwenden solle. Er erfuhr ferner, dass der Hersteller für Schäden durch unsachgemäßen Gebrauch nicht hafte, wobei »unsachgemäß« so weit gefasst war, dass es im Grunde jeden Gebrauch einschloss, der über das bloße Betrachten der Maschine hinausging.
Die Fehlercode-Tabelle befand sich auf Seite dreiundvierzig. Sie war alphabetisch-numerisch sortiert und umfasste die Codes E-0001 (»Gerät nicht eingeschaltet«) bis E-2846 (»Milchschaumdüse verklemmt — bitte Fachpersonal kontaktieren«). Thomas’ Finger wanderte die Liste hinunter. E-2844, E-2845, E-2846. Dann: nichts. Die nächste Zeile lautete E-2900 (»Allgemeiner Systemfehler«).
E-2847 existierte nicht.
Thomas schloss das Handbuch. Er öffnete es wieder. Er schloss es erneut. Die Information blieb dieselbe, wie Informationen das an sich haben, wenn man nicht bereit ist, sie zu akzeptieren. Thomas war nicht bereit, sie zu akzeptieren.
Er griff zum Telefon.
Die Kundendienstnummer der BüroMatic GmbH stand auf der Rückseite des Handbuchs, in einer Schriftgröße, die nahelegte, dass das Unternehmen zwar eine rechtliche Verpflichtung zur Erreichbarkeit anerkannte, diese aber nicht übermäßig ermutigen wollte. Thomas wählte die Nummer. Ein Freizeichen. Dann ein Klicken. Dann Vivaldi.
Es war der »Frühling« aus den Vier Jahreszeiten, gespielt in jener speziellen Arrangement-Version, die offenbar ausschließlich für Warteschleifen existierte — leicht synthetisch, minimal verstimmt, in einer Endlosschleife, die den Frühling weniger feierte als vielmehr in Geiselhaft nahm. Alle vier Minuten unterbrach eine Stimme das Konzert, um mitzuteilen: »Ihr Anruf ist uns wichtig. Bitte haben Sie noch einen Moment Geduld.« Die Betonung lag auf »Moment«, als handele es sich um eine physikalisch messbare Zeiteinheit und nicht um einen dehnbaren Begriff, der in der Praxis alles zwischen drei Sekunden und der Lebensdauer eines Sterns umfassen konnte.
Thomas legte das Telefon auf Lautsprecher und begann, während der Wartezeit seine reguläre Arbeit zu erledigen. Er bearbeitete einen Antrag auf Änderung der Postfachzuordnung für Zimmer 217 — ein Vorgang, der unter normalen Umständen zehn Minuten in Anspruch genommen hätte, den Thomas aber auf zwanzig Minuten streckte, weil er bei jedem zweiten Satz innehielt und sich fragte, ob die Kaffeemaschine ihm etwas mitteilen wollte.
Dann bearbeitete er einen Antrag auf Genehmigung eines Antrags — ein Vorgang, dessen ontologische Implikationen er normalerweise mied, der aber heute eine willkommene Ablenkung darstellte, weil er so absurd war, dass selbst die Kaffeemaschinen-Situation dagegen beinahe rational wirkte.
Vivaldi spielte weiter. Der Frühling hatte sich inzwischen in den Sommer verwandelt und war wieder zum Frühling zurückgekehrt. Thomas hatte aufgehört zu zählen, nach welchem Durchlauf.
Nach siebenundvierzig Minuten — Thomas wusste das, weil er, als die Warteschleife begonnen hatte, auf die Uhr geschaut hatte, in der vagen Hoffnung, dass das Bewusstsein der verstreichenden Zeit diese beschleunigen würde, was es nicht tat — klickte es erneut, und eine menschliche Stimme meldete sich. Sie gehörte einem Mann, der sich als »Herr Pröschl, technischer Kundendienst« vorstellte und dabei so klang, als habe er diesen Satz an diesem Tag bereits einhundertdreimal gesagt, was mathematisch möglich war, wenn man eine durchschnittliche Gesprächsdauer von vier Minuten zugrunde legte.
»BüroMatic Kundendienst, was kann ich für Sie tun?«
Thomas erklärte sein Anliegen. Er nannte das Modell, die Seriennummer, den Fehlercode. Herr Pröschl tippte. Man konnte das Tippen hören, ein Geräusch, das entfernt an Regen auf einem Blechdach erinnerte, wenn der Regen sehr vereinzelt fällt und das Dach nicht sonderlich groß ist.
»E-2847«, wiederholte Herr Pröschl. Pause. Weiteres Tippen. »E-2847 bedeutet…« Eine längere Pause. Thomas hielt den Atem an, was er sofort als lächerlich empfand und deshalb wieder ausatmete. »Wassertank prüfen.«
»Wassertank prüfen«, wiederholte Thomas.
»Jawohl. Der Wassertank sollte überprüft werden. Auf korrekten Sitz, ausreichenden Füllstand und Fremdkörper.«
»Fremdkörper?«
»Gelegentlich geraten Gegenstände in den Wassertank. Das kommt vor. Münzen, Büroklammern. Einmal ein Radiergummi.«
Thomas bedankte sich. Herr Pröschl wünschte ihm einen angenehmen Tag mit einer Routine, die nahelegte, dass er den Anruf bereits vergessen hatte, bevor er auflegte.
Wassertank prüfen. Thomas ging zurück zum Aufenthaltsraum. Die Kaffeemaschine stand da, wo Kaffeemaschinen stehen — auf der Anrichte zwischen dem Wasserkocher und einem Obstkorb, der seit Wochen dieselbe, zunehmend philosophisch wirkende Banane enthielt. Thomas öffnete die Klappe an der Seite und zog den Wassertank heraus.
Der Tank war ein transparentes Kunststoffbehältnis von etwa zwei Litern Fassungsvermögen. Er war zu drei Vierteln gefüllt. Das Wasser war klar. Keine Münzen. Keine Büroklammern. Kein Radiergummi.
Thomas wollte den Tank bereits zurückschieben, als ihm etwas auffiel. Am Boden des Tanks, direkt über dem Ablaufventil, lag ein kleines, flaches Objekt. Es war in transparente Folie eingeschweißt. Es war offensichtlich wasserdicht. Es war offensichtlich absichtlich dort platziert worden.
Thomas griff ins Wasser. Seine Hemdsärmel wurden nass. Er zog das Objekt heraus.
Es war ein Zettel. Einlaminiert. Etwa so groß wie eine Visitenkarte. Durch das Laminat hindurch konnte Thomas eine Handschrift erkennen — klein, akkurat, in blauer Tinte.
Er trocknete den Zettel mit einem Papiertuch ab und hielt ihn ins Licht.
Auf dem Zettel stand, in jener Handschrift, die zugleich sorgfältig und hastig wirkte, als habe jemand etwas Wichtiges aufgeschrieben und dabei gewusst, dass ihm nicht viel Zeit blieb:
»UG3 — Archiv«
Thomas starrte auf den Zettel. Er starrte auf die Kaffeemaschine. Er starrte auf den Zettel. Die Kaffeemaschine summte leise vor sich hin, als sei nichts geschehen. Das Display zeigte jetzt: »BEREIT«. Der Fehlercode war verschwunden.
Thomas steckte den Zettel in seine Hemdtasche, wo er einen feuchten Fleck hinterließ, der die ungefähre Form Italiens hatte.
UG3. Es gab ein UG3.