Der Fahrstuhl
Das Amt für Allgemeine Zuständigkeiten verfügte über einen Fahrstuhl. Diese Feststellung mag banal erscheinen — die meisten Gebäude mit mehr als zwei Stockwerken verfügen über einen Fahrstuhl, und manche mit weniger als zwei Stockwerken ebenfalls, was dann allerdings eher eine architektonische Meinungsäußerung darstellt als eine praktische Notwendigkeit. Der Fahrstuhl des AAZ aber war insofern bemerkenswert, als er ein Gerät von ausgeprägter Eigenwilligkeit war — eine Eigenschaft, die Thomas Müller-Hinterberg bisher erfolgreich ignoriert hatte, indem er grundsätzlich die Treppe nahm.
Heute würde er den Fahrstuhl nehmen müssen.
UG3 — Archiv. So stand es auf dem laminierten Zettel, der in Thomas’ Hemdtasche einen Fleck in Form Italiens hinterlassen hatte und jetzt, sorgfältig getrocknet und glattgestrichen, auf seinem Schreibtisch lag, neben dem leeren Blatt mit der Aufschrift »Dienstag« und dem Ordner mit dem »S« auf der Rückseite. Thomas’ Sammlung rätselhafter Objekte wuchs stetig, und er hatte begonnen, sie in einer Schublade zu verwahren, die er im Stillen als »Schublade der Seltsamkeiten« bezeichnete, was er niemals laut ausgesprochen hätte, weil es albern klang, und Thomas Müller-Hinterberg war vieles, aber nicht albern.
Das Problem mit UG3 war ein topografisches. Thomas kannte das Gebäude seit sieben Jahren. Es hatte fünf Obergeschosse, ein Erdgeschoss und zwei Untergeschosse: UG1, in dem sich die Tiefgarage und diverse Lagerräume befanden, und UG2, in dem das aktuelle Archiv untergebracht war — jenes Archiv, in dem Thomas bereits nach dem Ordner 2847 gesucht und lediglich einen leeren Ordner mit einem »S« auf der Rückseite gefunden hatte. Ein UG3 war in keinem Gebäudeplan verzeichnet, den Thomas je gesehen hatte.
Aber der Zettel war eindeutig. Und er war laminiert, was dem Ganzen eine gewisse Offiziellität verlieh, denn niemand laminiert etwas, das nicht wichtig ist. Das ist eine der ungeschriebenen Regeln der Bürowelt: Laminierung bedeutet Verbindlichkeit. Ein laminiertes Schild darf nicht entfernt werden. Ein laminierter Aushang ist Gesetz. Ein laminierter Zettel in einem Wassertank ist folglich ein Hinweis von institutionellem Gewicht.
Thomas stand vor dem Fahrstuhl im Erdgeschoss. Die Metalltüren waren von jenem matten Silbergrau, das einmal glänzend gewesen sein mochte, bevor Generationen von Aktenwagen, Lieferkisten und gelegentlichen Regenschirmspitzen ihm seinen Glanz genommen hatten. Darüber leuchtete eine Anzeige: ein roter Pfeil, der nach oben zeigte. Der Fahrstuhl war offenbar unterwegs. Thomas drückte den Knopf.
Er wartete. Die Anzeige wechselte von Pfeil-nach-oben zu einer Zahl: 4. Dann 3. Dann 4. Dann 2. Dann 4. Der Fahrstuhl schien sich nicht entscheiden zu können, was bei einem Fahrstuhl eine beunruhigende Eigenschaft ist. Schließlich zeigte die Anzeige: E. Die Türen öffneten sich.
Die Kabine war leer, was Thomas erleichterte, weil Fahrstuhlfahrten mit Kollegen jene spezielle Art von Intimität erzwangen, die weder von der Gesellschaft noch von der Arbeitsstättenverordnung vorgesehen war. Thomas trat ein. Die Kabine roch nach jenem unbestimmbaren Geruch, der allen Fahrstühlen eigen ist — eine Mischung aus Metallpolitur, altem Teppich und der Erinnerung an zu viele Menschen auf zu wenig Quadratmetern.
Das Bedienfeld zeigte die erwarteten Knöpfe: UG2, UG1, EG, 1 bis 5. Keinen Knopf für UG3. Thomas drückte auf UG2. Der tiefste Punkt, den die offizielle Knopfarchitektur zuließ.
Die Türen schlossen sich. Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung.
Nach oben.
Thomas spürte es deutlich: jenes leichte Ziehen im Magen, das ankündigt, dass man sich in vertikaler Richtung bewegt, und zwar in der falschen. Er hatte UG2 gedrückt — unten — und der Fahrstuhl fuhr nach oben. Die Anzeige bestätigte es: 1. Dann 2. Dann 3. Die Türen öffneten sich.
Dritter Stock. Thomas’ eigener Stock. Der Flur lag vor ihm, vertraut und unbeeindruckt. Zimmer 312 war zu seiner Linken. Frau Behrens-Goldbachs Zimmer 314 zu seiner Rechten. Der Fahrstuhl hatte ihn, statt zwei Stockwerke nach unten, drei Stockwerke nach oben befördert — ein Fehler von insgesamt fünf Stockwerken, was selbst für ein Gerät mit Persönlichkeitsstörung beachtlich war.
Thomas stieg aus. Er überlegte kurz, ob er den Vorfall der Hausverwaltung melden sollte, entschied sich aber dagegen, weil das Formular für Fahrstuhlbeschwerden sieben Seiten umfasste und unter Punkt 4.3 die Angabe des »genauen Abweichungsgrads in Stockwerken und Zentimetern« verlangte, was eine Präzision voraussetzte, über die Thomas nicht verfügte.
Er ging zurück zum Erdgeschoss — über die Treppe — und stellte sich erneut vor den Fahrstuhl. Diesmal drückte er UG1. Wenn das Gerät schon nicht dorthin fuhr, wohin man wollte, dann konnte man immerhin versuchen, es durch eine angepasste Zielvorgabe auszutricksen.
Die Türen öffneten sich. Thomas stieg ein. Drückte UG1. Die Türen schlossen sich. Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung.
Nach unten.
Thomas registrierte die Richtung mit einer Erleichterung, die in keinem vernünftigen Verhältnis zum Anlass stand. Die Anzeige zeigte: UG1. Die Türen öffneten sich. Tiefgarage. Betonboden, Neonlicht, der Geruch von kaltem Beton und Motoröl. Thomas stieg aus.
Von UG1 nach UG2 führte eine Treppe am Ende des Parkdecks, hinter einer Brandschutztür, die ein Schild trug: »Archiv — Nur für befugtes Personal«. Thomas war sich nicht sicher, ob er befugtes Personal war, aber er war Sachbearbeiter der Besoldungsgruppe A9, und das musste für den Moment genügen.
Er öffnete die Tür und stieg die Treppe hinunter. UG2. Das Archiv. Thomas kannte es — die Reihen grauer Regale, die Aktenordner, die Nummern an den Stirnseiten der Gänge. Er ging am bekannten Teil vorbei, immer weiter nach hinten, dorthin, wo die Neonröhren seltener wurden und die Abstände zwischen den Regalen größer.
Am Ende des letzten Ganges, hinter einer Reihe von Regalen, die nur noch leere Ordnerhüllen enthielten, fand Thomas eine weitere Tür. Sie war aus Holz — nicht aus Metall wie die anderen Türen hier unten, sondern aus echtem, altem Holz, das einmal lasiert gewesen war und jetzt die Farbe von starkem Tee hatte. Kein Schild. Kein Hinweis. Nur ein Türknauf aus Messing, der von vielen Händen blankgegriffen war.
Thomas drückte den Knauf. Die Tür ging auf. Dahinter lag eine Treppe, die weiter nach unten führte. Die Stufen waren aus Stein — nicht aus Beton wie die oberen, sondern aus grauem Naturstein, abgetreten und leicht ausgehöhlt in der Mitte, wie Stufen es werden, wenn viele Füße über sie gegangen sind, über einen langen Zeitraum hinweg.
Thomas stieg hinunter.
Vierzehn Stufen. Er zählte sie, aus einer Gewohnheit heraus, die er seit jenem Donnerstag im November nicht mehr hatte ablegen können. Am Fuß der Treppe befand sich ein Raum. Und in diesem Raum brannte Licht.
Nicht das kalte, bläuliche Licht der Neonröhren, die im Rest des Gebäudes verbaut waren. Warmes Licht. Gelblich. Es kam von einer Schreibtischlampe, die auf einem Tisch stand, der an der hinteren Wand des Raumes platziert war. Der Tisch war aufgeräumt, aber er war nicht leer: Ein Stift lag dort, ein Notizblock, ein halb gefülltes Wasserglas.
Jemand war vor kurzem hier gewesen. Und, so schien es, jemand erwartete, zurückzukehren.