Kapitel 13

Das alte Archiv

Thomas Müller-Hinterberg stand in einem Raum, den es nicht geben sollte, und betrachtete einen Schreibtisch, den niemand hier hätte aufstellen dürfen. Das Licht der Schreibtischlampe warf einen warmen Kreis auf die Tischplatte und ließ den Rest des Raumes in einem Halbdunkel, das mehr andeutete als zeigte — Regale, so viel war klar, Regale an allen Wänden, vollgestellt mit Aktenordnern jener Art, die man seit mindestens zwei Jahrzehnten nicht mehr herstellte. Sie waren dunkelbraun, nicht grau wie die modernen, und trugen Etiketten, die von Hand beschriftet waren, in einer Tinte, die einmal schwarz gewesen sein mochte und jetzt die Farbe von altem Kaffee hatte.

Dies war, soweit Thomas es beurteilen konnte, das alte Archiv. UG3. Der Ort, den der laminierte Zettel ihm genannt hatte, der laminierte Zettel, der im Wassertank der Kaffeemaschine gelegen hatte, der Kaffeemaschine, die einen Fehlercode angezeigt hatte, der nicht im Handbuch stand. Thomas hatte aufgehört, die Kausalkette dieser Ereignisse nachvollziehen zu wollen. Sie war weniger eine Kette als vielmehr ein Knäuel — eines jener Knäuel, die entstehen, wenn man eine Schublade mit diversen Kabeln öffnet und feststellt, dass sie sich über Nacht zu einem Organismus verbunden haben, dessen Auflösung mehr Geduld erfordert, als ein einzelner Mensch aufzubringen imstande ist.

Thomas näherte sich dem Schreibtisch. Der Notizblock war leer — die erste Seite jedenfalls. Thomas blätterte nicht weiter, weil er das Gefühl hatte, dass man fremde Notizblöcke nicht durchblättert, auch nicht in Räumen, die nicht existieren. Das Wasserglas war halb voll. Oder halb leer, je nach philosophischer Grundhaltung, die Thomas zu diesem Zeitpunkt nicht festzulegen bereit war. Der Stift war ein gewöhnlicher Kugelschreiber, blau, mit dem Aufdruck einer Versicherungsgesellschaft, die Thomas nicht kannte.

Er wandte sich den Regalen zu.

Das alte Archiv war größer, als er zunächst vermutet hatte. Hinter dem Bereich mit dem Schreibtisch erstreckten sich Regalreihen in die Tiefe des Raumes, vielleicht zehn, vielleicht zwölf Reihen, jede davon vier Meter lang und bis zur Decke gefüllt. Die Ordner waren nach Nummern geordnet, aufsteigend, beginnend bei 0001 und endend — soweit Thomas in der Dunkelheit erkennen konnte — irgendwo im fünfstelligen Bereich. Es roch nach Papier. Nicht nach frischem Papier, das riecht nach nichts, sondern nach altem Papier, das riecht nach allem, was je auf ihm geschrieben wurde, und nach der Zeit, die seither vergangen ist.

Thomas suchte nach 2847.

Er ging die Reihen ab, las die Nummern auf den Regalenden — 0001 bis 0500, 0501 bis 1000, 1001 bis 1500 — und fand schließlich die Reihe 2501 bis 3000. Er schob sich seitlich zwischen die Regale, die enger standen als die modernen im UG2, so eng, dass man den Bauch einziehen musste, falls man einen Bauch hatte, was Thomas in moderatem Maße hatte, und begann, die Ordnerrücken abzulesen.

Thomas las die Zahlen noch einmal. 2846. Dann 2848. Dazwischen: eine Lücke. Kein leerer Platz, sondern gar kein Platz — die Ordner standen dicht an dicht, als sei zwischen 2846 und 2848 nie ein Ordner gewesen, als habe die Nummerierung diesen Sprung schon immer gemacht, als sei 2847 eine Zahl, die man überspringt wie die 13 in manchen Aufzügen, wobei Thomas’ Aufzug, wie sich gezeigt hatte, mit Zahlen ohnehin ein eher kreatives Verhältnis pflegte.

Thomas zog den Ordner 2846 heraus. Er enthielt eine Akte über die Beschaffung von Büroklammern, datiert auf den 14. März 1987. Er zog 2848 heraus. Genehmigung eines Dienstreiseantrags nach Wuppertal, 1987. Beide Akten waren vollständig, unauffällig, von jener bürokratischen Banalität, die beruhigt und zugleich irritiert, weil sie die Frage aufwirft, warum man sie überhaupt aufbewahrt hat.

Aber 2847 — nichts.

Thomas ging zurück zum Schreibtisch. Neben der Lampe, halb verdeckt von einem Stapel leerer Mappen, fand er etwas, das er zunächst für ein weiteres Regal hielt: ein Kreuzregister. Es war ein großformatiges Buch, gebunden in jenes hässliche Grün, das die Verwaltung für offizielle Verzeichnisse reservierte, und trug den Titel »Kreuzreferenz-Verzeichnis — Vorgänge A bis Z — Nur für den Dienstgebrauch«.

Thomas schlug es auf. Die Seiten waren in Spalten unterteilt: Vorgangsnummer, Betreff, Datum, Querverweise. Er blätterte zu 2847. Da stand es:

»2847/B — Betreff: [unleserlich] — Datum: [unleserlich] — Querverweise: 1923/A, 3661/C, 4412/D, 7703/F«

Die Tinte war so verblasst, dass Betreff und Datum nicht mehr zu entziffern waren, aber die Querverweise waren lesbar. Thomas notierte sie auf dem Notizblock — er benutzte den fremden Stift, was er als geringfügigen Normverstoß wertete, den die Umstände jedoch rechtfertigten — und ging die entsprechenden Regalreihen ab.

Vorgang 1923/A: nicht vorhanden. Lücke zwischen 1922 und 1924.
Vorgang 3661/C: nicht vorhanden. Lücke zwischen 3660 und 3662.
Vorgang 4412/D: nicht vorhanden.
Vorgang 7703/F: nicht vorhanden.

Sämtliche Querverweise führten ins Nichts. Jeder verwiesene Vorgang fehlte mit derselben Präzision wie 2847 selbst — nicht herausgenommen, nicht entfernt, sondern einfach nie dagewesen. Als hätte jemand nicht nur die Akten verschwinden lassen, sondern den Raum, den sie eingenommen hatten, gleich mit.

Thomas ließ sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch sinken. Er hatte nicht um Erlaubnis gefragt, aber der Stuhl stand dort, und Thomas war müde, nicht körperlich, sondern intellektuell, in jener speziellen Art, wie man müde wird, wenn man Fragen stellt und die Antworten daraus bestehen, dass es noch mehr Fragen gibt.

Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte geradeaus. Dabei fiel sein Blick auf ein kleines Kellerfenster an der gegenüberliegenden Wand. Es lag auf Bodenniveau des Innenhofs, so dass man von hier unten nur den Grund sehen konnte — ein Streifen Erde, ein Büschel Gras.

Und zwei Hufe.

Zwei wollige, weiße, unverkennbare Alpakahufe, die gemächlich über den Boden schritten, stehenblieben, weiterschritten. Thomas sah, wie sie sich drehten, als suche das Tier nach etwas, und dann stehenblieben, direkt vor dem Fenster. Ein Moment der Stille. Dann kaute das Alpaka weiter, und die Hufe bewegten sich davon.

Thomas schüttelte den Kopf — nicht über das Alpaka, das er inzwischen als unvermeidlichen Bestandteil seines Alltags akzeptiert hatte, sondern über sich selbst, der in einem Kellerraum saß, der in keinem Gebäudeplan verzeichnet war, und sich von einem Tier trösten ließ, dessen Anwesenheit ebenfalls niemand erklären konnte.

Er wandte sich wieder dem Kreuzregister zu und blätterte wahllos. Zwischen den Seiten, lose eingelegt, fand er ein einzelnes Blatt Papier. Es war neuer als alles andere hier — weißes Kopierpapier, nicht vergilbt, nicht verstaubt. Darauf stand, maschinengeschrieben:

»Abteilung 6 — Personalverzeichnis (Stand: unbekannt)«

Darunter, als einziger Eintrag:

»Schmied, H. — Sachbearbeiter für besondere Vorgänge — Zimmer 601«

Zimmer 601. Thomas las es zweimal. Dreimal. Das Gebäude hatte fünf Stockwerke. Es gab ein Zimmer 101 und ein Zimmer 501, aber ein Zimmer 601 hätte sich im sechsten Stock befinden müssen, und einen sechsten Stock gab es nicht. Ebenso wenig wie es ein UG3 gab, und doch saß Thomas gerade in einem.

Er steckte das Blatt in seine Tasche, die bereits den laminierten Zettel und den feuchten Fleck in Form Italiens enthielt. Dann hielt er inne.

Über ihm, von der steinernen Treppe, die er herabgestiegen war, drangen Schritte. Langsame, gleichmäßige Schritte. Jemand kam herunter.