Kapitel 17

Der Bürostuhl

Thomas Müller-Hinterbergs Bürostuhl war ein Modell der Marke Interstuhl, Typ Bürodrehstuhl Economy, Baujahr unbekannt, Farbe: ein Anthrazit, das einmal Schwarz gewesen sein mochte. Er verfügte über fünf Rollen, eine höhenverstellbare Sitzfläche, eine neigbare Rückenlehne und eine Armlehne, die fehlte, weil sie irgendwann zwischen 2019 und 2021 abgefallen war, ohne dass jemand den Zeitpunkt hätte benennen können, ähnlich dem Verschwinden von Abteilung 6.

Seit einigen Tagen hatte der Stuhl begonnen, ein Eigenleben zu entwickeln.

Es begann mit dem Quietschen. Thomas hatte zunächst angenommen, es handele sich um gewöhnlichen Verschleiß — ein trockenes Lager, eine lockere Schraube, jene Art von mechanischer Ermüdung, die Bürostühle ab einem gewissen Alter befällt wie Rheuma den Menschen. Aber das Quietschen gehorchte keiner mechanischen Logik. Es trat nicht auf, wenn Thomas sich bewegte, und es trat auf, wenn Thomas stillsaß. Es korrelierte, soweit Thomas dies einzuschätzen wagte, mit seinen Gedanken. Dachte er an Vorgang 2847/B, quietschte der Stuhl. Dachte er an die Änderung der Postfachzuordnung für Zimmer 217, schwieg er. Dachte er an Herrn Schmied, quietschte er zweimal.

Thomas war sich bewusst, dass diese Beobachtung irrational war. Bürostühle nehmen keine Gedanken wahr. Sie verfügen weder über Sensoren noch über eine Intelligenz, weder über eine künstliche noch über eine natürliche, und wenn ein Stuhl quietscht, dann liegt das an der Mechanik und nicht an der Metaphysik. Thomas sagte sich das mehrmals am Tag. Der Stuhl quietschte trotzdem.

Am Donnerstagmorgen beschloss Thomas, das Problem auf dem vorgesehenen Dienstweg zu lösen. Er öffnete das Intranet, navigierte zum Bereich »Hausverwaltung — Formulare — Mobiliar« und lud das Formular HV-23 herunter: »Antrag auf Ersatzbeschaffung — Büromöbel und Zubehör«.

Das Formular umfasste vier Seiten. Seite eins verlangte die persönlichen Angaben des Antragstellers, die Zimmernummer und die Bezeichnung des zu ersetzenden Möbelstücks. Thomas füllte aus: »Müller-Hinterberg, Thomas. Zimmer 312. Bürodrehstuhl, Interstuhl Economy, Inventarnummer…«

Die Inventarnummer. Thomas bückte sich und suchte an der Unterseite des Stuhls nach dem Aufkleber. Er lag auf dem Rücken, den Kopf unter der Sitzfläche, und versuchte, im Halbdunkel eine Nummer zu entziffern, die einmal lesbar gewesen sein mochte, bevor sieben Jahre Abrieb, Staub und die gelegentliche Berührung durch Reinigungskräfte sie zu einem archäologischen Artefakt gemacht hatten. Er entzifferte: »INV-…3…7…« Der Rest war unleserlich. Thomas trug ein: »INV-37-[Rest unleserlich]«, was das Formular vermutlich nicht akzeptieren würde, was Thomas aber im Moment nicht kümmerte, weil er auf dem Rücken lag und der Stuhl auf ihn herabquietschte, als finde er die Situation komisch.

Seite zwei des Formulars verlangte die »Begründung der Ersatzbeschaffung«. Zur Auswahl standen: »Defekt«, »Abnutzung«, »Ergonomische Notwendigkeit (ärztliches Attest beifügen)« und »Sonstiges«. Thomas kreuzte »Abnutzung« an. Unter »Abnutzung« stand: »Bitte geben Sie den geschätzten Abnutzungsgrad in Prozent an.«

Thomas betrachtete den Stuhl. Er betrachtete die verschlissene Polsterung, die fehlende Armlehne, die Rollen, von denen eine leicht eierte, die Rückenlehne, die ein Geräusch machte, das an die Kommunikation eines Wals erinnerte. Er schätzte: dreiundsiebzig Prozent.

Er trug dreiundsiebzig ein und schickte das Formular per Hauspost an die Hausverwaltung. Die Hauspost war jenes System, bei dem man Formulare in einen Umschlag steckte, den Umschlag in ein Fach legte und dann zwischen einem und vierzehn Tagen wartete, bis der Umschlag sein Ziel erreichte, wobei die Zustelldauer weniger von der Entfernung als von der Laune des Postverteilungssystems abhing.

Die Antwort kam noch am selben Tag, was Thomas als Zeichen deutete, dass die Hausverwaltung heute entweder besonders effizient oder besonders gelangweilt war. Sie lag in seinem Postfach, einem braunen Umschlag mit dem Stempel »Hausverwaltung — Liegenschaftsmanagement — Mobiliar«, und enthielt sein Formular, das an mehreren Stellen mit rotem Kugelschreiber annotiert worden war.

Neben seinem geschätzten Abnutzungsgrad von dreiundsiebzig Prozent stand, in roter Schrift: »Abgelehnt. Bürostühle werden ab einem Abnutzungsgrad von 80 % ersetzt. Geschätzter Abnutzungsgrad liegt unter Schwellenwert. Bitte verwenden Sie den bestehenden Stuhl weiterhin oder beantragen Sie eine ergonomische Begutachtung (Formular HV-23b, ärztliches Attest erforderlich).«

Thomas las die Ablehnung mit jener Mischung aus Resignation und dunkler Bewunderung, die man für ein System empfindet, das in seiner Konsequenz unerschütterlich ist. Sieben Prozent. Ihm fehlten sieben Prozent. Wäre er großzügiger gewesen bei seiner Schätzung — hätte er achtzig statt dreiundsiebzig geschrieben —, wäre der Antrag möglicherweise genehmigt worden. Aber Thomas Müller-Hinterberg war ein Mann der Genauigkeit, und dreiundsiebzig war seine ehrliche Einschätzung, und Ehrlichkeit, so musste er feststellen, wurde im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten nicht belohnt, sondern lediglich zur Kenntnis genommen und abgelegt.

Er betrachtete den Stuhl. Der Stuhl stand da, als wisse er, dass er gewonnen hatte. Thomas überlegte, ob er den Abnutzungsgrad künstlich erhöhen konnte. Ob man einen Bürostuhl von dreiundsiebzig auf achtzig Prozent beschleunigt altern lassen konnte. Er probierte verschiedene Ansätze: Er setzte sich schwerer hin als nötig. Er drehte sich abrupt. Er ließ den Stuhl mehrmals ruckartig hoch- und runterfahren. Der Stuhl quietschte bei jedem Versuch, und Thomas hatte den Eindruck — einen irrationalen, einen absurden, einen Eindruck, den er niemals in einem Formular hätte angeben können —, dass das Quietschen beleidigt klang. Als sei der Stuhl nicht nur ein Möbelstück, sondern ein Wesen, das Misshandlung erkannte und missbilligte.

Er hörte auf. Er lehnte sich zurück. Der Stuhl schwieg. Thomas seufzte.

Es war, als hätte der Stuhl beschlossen, in Würde zu altern, und als sei jeder Versuch, diesen Prozess zu beschleunigen, ein Affront gegen die natürliche Ordnung der Dinge, zu der offenbar auch die natürliche Ordnung der Bürostühle gehörte.

Thomas rutschte auf dem Sitz hin und her, nicht um den Stuhl weiter zu strapazieren, sondern weil ihm etwas unter dem Sitzkissen aufgefallen war — ein Widerstand, eine leichte Erhebung, die er bei seinen sieben Jahren auf diesem Stuhl nie bemerkt hatte, möglicherweise weil er nie Anlass gehabt hatte, aufmerksam auf seinem Stuhl zu sitzen, anstatt einfach nur auf ihm zu sitzen.

Er stand auf und hob das Sitzkissen an. Es ließ sich abnehmen, was Thomas überraschte, weil er immer angenommen hatte, Sitzkissen seien integrale Bestandteile von Bürostühlen, fest verbaut und untrennbar, wie Räder an einem Auto. Unter dem Kissen lag, auf der Metallplatte der Sitzschale, eine Visitenkarte.

Sie war leicht vergilbt, aber gut erhalten. Die Ecken waren nicht abgestoßen. Die Schrift war klar und in jenem Schriftbild gedruckt, das man in den achtziger Jahren für seriös hielt — eine Serifenschrift, vermutlich Times New Roman, in Dunkelblau auf cremefarbenem Karton.

Thomas las:

»H. Schmied
Sachbearbeiter für besondere Vorgänge
Abteilung 6
Amt für Allgemeine Zuständigkeiten
Zimmer 601«

In der unteren rechten Ecke, kleiner gedruckt, eine Telefonnummer mit einer Vorwahl, die Thomas nicht kannte, und eine Durchwahl: -2847.

Thomas drehte die Karte um. Die Rückseite war leer.

Er legte die Karte in die Schublade der Seltsamkeiten, die jetzt eine Visitenkarte, einen laminierten Zettel, ein Personalverzeichnis, eine Tabelle mit unverständlichen Zahlen und ein leeres Blatt Papier mit der Aufschrift »Dienstag« enthielt. Es war, fand Thomas, eine Sammlung, die in keinem Museum der Welt ausgestellt werden würde und die dennoch, in ihrer Gesamtheit, eine Geschichte erzählte — eine Geschichte, die Thomas noch nicht lesen konnte, deren Buchstaben er aber, Zeichen für Zeichen, zusammenzutragen begann.

Der Bürostuhl quietschte einmal, kurz und leise. Es klang beinahe zufrieden.