Kapitel 18

Die Katzenfotos

Die Visitenkarte veränderte alles, ohne irgendetwas zu verändern.

Thomas Müller-Hinterberg wusste jetzt, dass ein Mann namens H. Schmied einmal in Abteilung 6 des Amtes für Allgemeine Zuständigkeiten gearbeitet hatte, in Zimmer 601, als »Sachbearbeiter für besondere Vorgänge«, mit einer Durchwahl, die die Nummer 2847 enthielt. Das waren fünf Fakten, und jeder einzelne davon führte zu einer Tür, die verschlossen war, oder zu einem Flur, der im Dunkeln endete, oder zu einer Abteilung, die es nicht gab, was im Grunde dasselbe war, nur räumlich unterschiedlich formuliert.

Thomas beschloss, im Archiv nach »besonderen Vorgängen« zu suchen. Nicht im alten Archiv in UG3 — dort hatte er bereits alles abgesucht, was sich absuchen ließ —, sondern im regulären Archiv in UG2, dem modernen, mit den grauen Regalen und den Neonröhren und dem Geruch nach Kunststoff und klimatisierter Luft.

Er nahm die Treppe. Der Fahrstuhl war ihm seit seinem letzten Erlebnis suspekt, und obwohl er wusste, dass ein Fahrstuhl kein Wesen mit Absichten war — ebenso wenig wie ein Bürostuhl ein Wesen mit Meinungen —, zog er die Treppe vor, aus jenem Instinkt heraus, der besagt, dass man Geräten, die sich unvorhersehbar verhalten, am besten aus dem Weg geht.

Das Archiv in UG2 war sortiert nach Kategorien: Personalakten, Haushaltsakten, Verwaltungsvorschriften, Dienstanweisungen, und — ganz am Ende, hinter einem Regal mit der Aufschrift »Diverse (unsortiert)« — ein Bereich, der kein Schild trug und der im Verzeichnis als »Sonderakten« geführt wurde.

Thomas hatte den Bereich »Sonderakten« nie betreten, weil er in sieben Jahren am AAZ nie einen Anlass gehabt hatte, Sonderakten zu konsultieren. Seine Arbeit bestand aus dem Regulären, dem Normalen, dem Wiederkehrenden — Postfachzuordnungen, Locher-Ersatzbeschaffungen, Änderungen der Büromaterialbestellliste. Sonderakten waren das Terrain anderer Leute. Welcher Leute genau, wusste Thomas nicht, aber er stellte sich vor, dass es Leute waren, die Aktentaschen trugen und in Besprechungen saßen und gelegentlich »vertraulich« auf Umschläge stempelten.

Der Bereich »Sonderakten« bestand aus drei Regalen. Das erste enthielt Ordner mit der Aufschrift »Sondervorgänge A-L«. Das zweite: »Sondervorgänge M-Z«. Das dritte war leer, bis auf einen einzelnen Ordner, der ganz links stand, am Rand des Regals, so als habe ihn jemand dort abgestellt und vergessen, oder so als habe er dort immer gestanden und alle anderen Ordner seien um ihn herum verschwunden.

Der Ordner war blau. Nicht grau wie die anderen, nicht braun wie die im alten Archiv, sondern blau — ein tiefes, sattes Blau, das in der Welt der Aktenordner so selten war, dass es fast schon als Aussage galt. Auf dem Rücken stand, in weißer Schrift: »Besondere Vorgänge — Abt. 6«.

Thomas zog den Ordner heraus. Er war schwerer, als er erwartet hatte. Er legte ihn auf den Arbeitstisch, der in der Mitte des Archivgangs stand — ein Tisch, der dort für das Studium von Akten bereitstand und auf dem noch die Ringe einer Kaffeetasse zu sehen waren, die jemand vor unbestimmter Zeit dort abgestellt hatte. Thomas öffnete den Ordner.

Katzenfotos.

Vierunddreißig Katzenfotos, um genau zu sein. Ausgedruckt auf normalem Kopierpapier, im Hochformat, jedes einzelne sorgfältig in eine Klarsichthülle gesteckt. Verschiedene Katzen: eine graue Katze auf einem Fensterbrett, eine orange getigerte Katze auf einem Sofa, eine schwarze Katze vor einem Bücherregal, eine dreifarbige Katze auf einem — war das ein Aktenordner? Thomas schaute genauer hin. Ja, eine dreifarbige Katze, die auf einem Aktenordner lag, und zwar auf einem blauen Aktenordner, der dem in Thomas’ Händen bemerkenswert ähnelte.

Keine Beschriftung. Kein Datum. Kein Hinweis darauf, wer diese Fotos gemacht hatte, wann, wo, oder warum sie in einem Ordner mit der Aufschrift »Besondere Vorgänge — Abt. 6« aufbewahrt wurden. Es waren einfach nur Katzenfotos. Gute Katzenfotos, das musste Thomas einräumen — die Katzen waren scharf abgebildet, gut beleuchtet, und ihre Posen hatten jene gleichzeitig elegante und lächerliche Qualität, die nur Katzen zustande bringen.

Thomas dachte an seine eigenen Katzen. Frau Möbius und Herr Brinkmann warteten zu Hause in seiner Zweizimmerwohnung, wo Frau Möbius vermutlich auf der Fensterbank lag und Herrn Brinkmann ignorierte, während Herr Brinkmann vermutlich vor dem leeren Futternapf saß und so tat, als sei er seit Tagen nicht gefüttert worden, obwohl Thomas ihn erst vor drei Stunden gefüttert hatte. Katzen waren, fand Thomas, die einzigen Wesen, die das Prinzip der Bürokratie intuitiv verstanden: Sie verlangten Dinge, die bereits erledigt waren, ignorierten Dinge, die dringend waren, und schliefen den Rest der Zeit.

Aber was hatten Katzenfotos in einem Ordner über besondere Vorgänge verloren? War das ein Code? Thomas hatte gelesen — wo, wusste er nicht mehr, möglicherweise in einem dieser Artikel, die man nachts um halb eins auf dem Telefon liest, wenn man eigentlich schlafen sollte —, dass Geheimdienste während des Kalten Krieges Nachrichten in Bildern versteckt hatten. Steganografie. Unsichtbare Botschaften in den Pixeln eines Fotos. War das hier so etwas? War das Amt für Allgemeine Zuständigkeiten in eine Geheimdienstoperation verwickelt, die auf Katzenfotos basierte?

Thomas verwarf den Gedanken. Er verwarf ihn nicht, weil er unmöglich war — nach den Ereignissen der letzten Tage hielt Thomas nichts mehr für unmöglich, einschließlich der Möglichkeit, dass sein Bürostuhl Gedanken lesen konnte —, sondern weil er unproduktiv war. Selbst wenn die Fotos codierte Botschaften enthielten, hatte Thomas nicht die Mittel, sie zu entschlüsseln. Was er konnte, war: die Fotos betrachten. Und das tat er.

Er betrachtete sie einzeln, systematisch, wie man Akten liest, von der ersten bis zur letzten. Foto eins: graue Katze, Fensterbrett, Hintergrund unscharf. Foto zwei: orange Katze, Sofa, Kissen mit Blumenmuster. Foto drei: schwarze Katze, Bücherregal, im Hintergrund ein Titel, den Thomas nicht lesen konnte. Weiter. Foto zehn: weiße Katze, Schreibtisch, neben einem Telefon. Foto zwanzig: gefleckte Katze, Garten, im Gras. Foto dreißig: braune Katze, Fenster, dahinter Regen.

Foto dreiunddreißig.

Thomas hielt inne.

Foto dreiunddreißig zeigte eine Katze — eine graue, leicht zerzauste Katze mit grünen Augen —, die auf einem Blatt Papier saß. Das Blatt Papier lag auf einem Schreibtisch. Die Katze saß mittig auf dem Blatt, in jener Pose, die Katzen einnehmen, wenn sie demonstrieren wollen, dass alles, worauf sie sitzen, ihnen gehört. Das Blatt unter der Katze war teilweise sichtbar. Thomas konnte am oberen Rand eine Überschrift erkennen.

Er hielt das Foto näher an die Neonröhre. Die Überschrift war klein, aber lesbar:

»Formular 7b«

Formular 7b. Thomas’ Herz — ein Organ, das in den letzten Tagen häufiger als üblich auf sich aufmerksam gemacht hatte — beschleunigte seinen Takt. Formular 7b. Die Dateiendung der mysteriösen E-Mail. Vorgang_2847B.7b. Und hier, unter einer Katze, ein physisches Formular 7b.

Thomas betrachtete das Foto genauer. Im Hintergrund, hinter der Katze und dem Schreibtisch, war ein Computerbildschirm zu sehen. Der Bildschirm zeigte etwas — Text, einen Satz, vielleicht zwei —, aber die Auflösung des Ausdrucks reichte nicht aus, um es zu lesen. Thomas brauchte eine Lupe.

Er klappte den Ordner zu, nahm Foto dreiunddreißig heraus und stieg die Treppe hinauf in den dritten Stock. Eine Lupe. Wer hatte eine Lupe? Thomas besaß keine. Die Schubladen seines Schreibtisches enthielten Kugelschreiber, Tesafilm, Büroklammern und einen Radiergummi unbekannter Herkunft, aber keine Lupe. Lupen waren Instrumente einer anderen Zeit, einer Zeit, in der man Dinge noch vergrößern musste, anstatt sie auf einem Bildschirm zu zoomen.

Frau Behrens-Goldbach hatte eine Lupe. Thomas wusste das, weil er sie einmal gesehen hatte — eine messingfarbene Lupe mit Holzgriff, die auf ihrem Schreibtisch gelegen hatte wie ein Requisit aus einem Sherlock-Holmes-Film.

Er klopfte an Zimmer 314. Zwei kurze Schläge, Pause, ein dritter — nein, das war ihr Rhythmus. Thomas klopfte dreimal normal. Die Tür öffnete sich.

Frau Behrens-Goldbach stand im Türrahmen. Sie trug heute einen Schal in einem Farbton, den Thomas als »aubergine« hätte beschreiben können, wenn er ein Mann gewesen wäre, der Farben als Gemüse bezeichnet. In ihrer Hand hielt sie — und an dieser Stelle muss festgehalten werden, dass Thomas nicht überrascht war, was ihn wiederum überraschte — die Lupe.

»Ich wusste, dass Sie die bald brauchen würden«, sagte sie und reichte sie ihm.

Thomas nahm die Lupe. Er hatte Fragen. Er hatte so viele Fragen, dass sie sich gegenseitig blockierten wie Akten in einem überfüllten Ausgabefach, und keine einzelne kam durch.

»Danke«, sagte er.

Frau Behrens-Goldbach lächelte. Es war ein Lächeln, das wenig über Freude verriet, aber viel über Wissen. Dann schloss sie die Tür.