Die zweite Botschaft
Thomas Müller-Hinterberg saß an seinem Schreibtisch, die Lupe in der rechten Hand, das Katzenfoto in der linken, und fühlte sich wie ein Detektiv in einem Kriminalroman — mit dem wesentlichen Unterschied, dass Detektive in Kriminalromanen Leichen untersuchen und Fingerabdrücke sichern, während Thomas ein Foto einer Katze untersuchte, die auf einem Formular saß. Aber die Grundstruktur war, fand er, durchaus vergleichbar: Es gab ein Rätsel, es gab Hinweise, und es gab die nagende Gewissheit, dass alles zusammenhing, auf eine Art, die Thomas noch nicht verstand.
Er hielt die Lupe über den Computerbildschirm im Hintergrund des Fotos. Durch die Vergrößerung wurden die Pixel sichtbar — jene kleinen Punkte, aus denen sich digitale Bilder zusammensetzen und die, wenn man sie vergrößert, weniger an Information gewinnen als vielmehr an Körnigkeit, was den Vorgang des Vergrößerns zu einem der wenigen Prozesse macht, bei dem mehr Detail weniger Klarheit bedeutet.
Aber die Lupe war gut. Messing und Glas, nicht Plastik und Acryl. Eine Lupe aus einer Zeit, in der Vergrößerungsgläser noch Handwerksstücke waren und nicht Werbegeschenke von Versicherungen. Thomas konnte den Bildschirm im Hintergrund jetzt deutlicher erkennen. Darauf war ein Fenster geöffnet — ein E-Mail-Fenster, oder etwas, das einem E-Mail-Fenster ähnelte — und darin stand Text.
Thomas kniff die Augen zusammen. Er bewegte die Lupe vor und zurück, suchte den optimalen Abstand. Die Buchstaben auf dem Bildschirm waren winzig, verzerrt durch den Druckprozess und den Winkel, in dem der Bildschirm fotografiert worden war. Aber sie waren da. Thomas konnte sie lesen. Nicht alle — manche Zeichen waren zu unscharf —, aber genug.
»Meeting Raum 4, 14 Uhr«
Thomas legte die Lupe ab. Er lehnte sich zurück. Der Bürostuhl quietschte — laut, deutlich, nachdrücklich, als wolle er sicherstellen, dass Thomas die Bedeutung des Moments nicht unterschätzte.
Meeting Raum 4. 14 Uhr. Eine Einladung. Oder eine Anweisung. Oder eine Nachricht, die jemand auf einem Computerbildschirm hinterlassen hatte, in dem Wissen, dass sie fotografiert werden würde, und in dem weiteren Wissen, dass die Fotografie einer Katze als Transportmedium dienen würde, und in dem noch weiteren Wissen, dass ein Sachbearbeiter namens Thomas Müller-Hinterberg eines Tages diese Fotografie in einem blauen Ordner in einem Archiv finden und mit einer geliehenen Lupe lesen würde.
Der Grad der Vorausplanung, der dafür nötig gewesen wäre, überstieg Thomas’ Vorstellungskraft. Er beschloss, nicht darüber nachzudenken.
Stattdessen dachte er über die praktischen Implikationen nach. Meeting Raum 4. Der befand sich im zweiten Stock, am Ende des Flurs, hinter dem Aufenthaltsraum. Thomas kannte ihn — ein Raum mit einem ovalen Tisch, acht Stühlen und einem Whiteboard, der für Besprechungen reserviert werden konnte, aber selten reserviert wurde, weil die meisten Besprechungen im AAZ entweder in den Büros stattfanden oder per E-Mail, was strenggenommen keine Besprechung war, sondern ein Monolog in Textform.
14 Uhr. Aber welcher Tag? Das Foto trug kein Datum. Die Nachricht auf dem Bildschirm nannte keine Zeitangabe jenseits der Uhrzeit. Hieß das: heute? Morgen? Jeden Tag um 14 Uhr? Thomas schaute auf die Uhr. Es war 10:23 Uhr. Wenn die Nachricht für heute galt, hatte er noch dreieinhalb Stunden.
Er legte das Foto zurück in die Klarsichthülle und die Klarsichthülle in die Schublade der Seltsamkeiten, die inzwischen die Kapazität einer normalen Schublade überschritten hatte und die Thomas bald in eine zweite Schublade würde erweitern müssen, eine »Schublade der Seltsamkeiten II«, was den Vorteil hätte, dass es ein Aktenzeichen suggerierte und damit dem bürokratischen Ordnungssinn Genüge tat.
Die nächsten Stunden vergingen in jenem Zustand konzentrierter Unruhe, den man empfindet, wenn man auf etwas wartet, von dem man nicht weiß, was es ist. Thomas bearbeitete Vorgänge. Er beantwortete E-Mails. Er trank Kaffee, der heute einwandfrei funktionierte, als habe die BüroMatic 3000 beschlossen, ihm einen guten Tag zu bescheren. Um 12:15 ging er in die Kantine, aß ein Schnitzel mit Kartoffelsalat, suchte den alten Mann vom Vortag, fand ihn aber nicht. Um 13:00 war er zurück im Büro. Um 13:30 begann er, unruhig zu werden. Um 13:40 stand er auf. Um 13:42 setzte er sich wieder. Um 13:45 stand er erneut auf.
Um 13:47 hörte er den Drucker.
Der Kyocera FS-4200DN im Flur hatte begonnen zu arbeiten. Das Geräusch war unverkennbar: das Surren des Einzugsmechanismus, das Klicken der Fixiereinheit, das leise Rauschen des Papiers, das durch das Gerät gezogen wird. Thomas ging in den Flur. Der Drucker druckte eine einzelne Seite. Sie glitt langsam aus dem Ausgabefach, wie ein Ticket, das aus einem Automaten kommt, und Thomas nahm sie entgegen mit Händen, die nicht zitterten — er war Sachbearbeiter, und Sachbearbeiter haben ruhige Hände —, die aber eine gewisse Anspannung verrieten, die über das normale Maß einer Papiermanipulation hinausging.
Auf der Seite stand, zentriert, in großer Schrift:
»Meeting Raum 4, 14 Uhr — Dienstag.«
Dienstag. Thomas starrte auf das Wort. Dienstag. Dasselbe Wort, das auf dem leeren Blatt erschienen war. Dienstag. Der Tag, an dem alles begonnen hatte. Dienstag.
Thomas schaute auf den Kalender an seinem Handgelenk. Er trug eine Uhr — eine digitale Casio, nicht aus modischen Gründen, sondern weil analoge Uhren mit jener winzigen Krone, die man zum Stellen drehen musste, eine feinmotorische Herausforderung darstellten, der sich Thomas nicht regelmäßig unterziehen wollte. Die Uhr zeigte: Dienstag.
Es war Dienstag. Es war 13:47 Uhr. Das Meeting war in dreizehn Minuten.
Thomas faltete die Seite zusammen, steckte sie in seine Tasche — die Tasche, die bereits den Fleck in Form Italiens aufwies und die sich langsam zu einem tragbaren Archiv entwickelte — und ging zum Treppenhaus. Er nahm zwei Stufen auf einmal, was für Thomas eine ungewöhnliche Form der Eile darstellte und was er normalerweise als unnötiges Verletzungsrisiko betrachtet hätte, was er heute aber als angemessene Reaktion auf dreizehn Minuten Vorlauf empfand.
Zweiter Stock. Flur. Vorbei am Aufenthaltsraum, aus dem der Geruch von aufgewärmtem Essen drang. Vorbei an den Büros 204, 205, 206. Am Ende des Flurs: Meeting-Raum 4.
Die Tür war geschlossen. Thomas blieb stehen. Er atmete durch. Er schaute auf seine Uhr. 13:52 Uhr. Acht Minuten zu früh. Thomas hatte ein gestörtes Verhältnis zum Zuspätkommen, aber auch zum übermäßigen Zufrühkommen, weil beides Abweichungen von der Norm darstellte, und Thomas war ein Mann, der die Norm schätzte — jedenfalls hatte er sie geschätzt, bevor die Norm begonnen hatte, sich aufzulösen wie ein Aspirin in einem Glas Wasser.
Er wartete. 13:55. 13:58. Er öffnete die Tür.
Der Drucker im Flur des dritten Stocks summte leise, als Thomas’ Schritte auf der Treppe verklungen waren. Das Display zeigte: »BEREIT«. Dann, für einen Moment so kurz, dass niemand es hätte sehen können, selbst wenn jemand hingeschaut hätte: »BEREIT — Schmied, H.« Dann wieder: »BEREIT.«
Es war 13:58 Uhr. Es war Dienstag. Thomas drückte die Klinke.