Kapitel 21

Der Besucher

Die Person auf Thomas Müller-Hinterbergs Bürostuhl war weder ein Geheimagent noch ein Whistleblower. Es war auch kein mysteriöser Fremder mit Aktenkoffer und dunkler Sonnenbrille. Es war Herr Pflüger.

Herr Pflüger war der Hausmeister des Amtes für Allgemeine Zuständigkeiten, und er saß auf Thomas’ Stuhl, weil er ihn reparieren wollte. Genauer gesagt: Er saß auf dem Stuhl und drehte sich langsam im Kreis, wobei er konzentriert auf ein Quietschen lauschte, das bei jeder halben Umdrehung ertönte — ein dünnes, anklagendes Geräusch, als würde ein Meerschweinchen in einer Gasleitung feststecken.

„Ah", sagte Herr Pflüger.

„Oh", sagte Thomas.

Sie betrachteten einander einen Moment lang. Thomas spürte, wie die Anspannung der letzten Stunde — das leere Meeting in Raum 4, das Post-it mit der Aufschrift „Geduld", der ganze Komplex aus Vorgang 2847/B — aus ihm herausströmte wie Luft aus einem Fahrradreifen, der über einen besonders spitzen Doppelpunkt gefahren war.

„Quietscht", erklärte Herr Pflüger und deutete nach unten, als befände sich das Quietschen in einer spezifischen Region des Stuhls, die man mit dem bloßen Finger lokalisieren konnte.

„Ja", sagte Thomas. „Das weiß ich."

„Seit wann?"

Thomas überlegte. Der Stuhl quietschte, seit er dieses Büro bezogen hatte. Das war vor sieben Jahren gewesen. Er hatte es einmal gemeldet, per Formular, und daraufhin die Rückmeldung erhalten, dass Büromöbelreparaturen über die Abteilung für Ausstattung und Inventar zu beantragen seien, welche ihm wiederum mitteilte, dass Stühle mit Quietschgeräuschen unterhalb von 40 Dezibel nicht als reparaturbedürftig gälten. Thomas hatte daraufhin versucht, die Lautstärke des Quietschens zu messen, war aber an der Frage gescheitert, ob ein Dezibelmessgerät ebenfalls über die Abteilung für Ausstattung und Inventar zu beantragen sei.

„Eine Weile", sagte Thomas diplomatisch.

Herr Pflüger nickte. Er griff unter den Stuhl, drehte an etwas, stand auf, setzte sich wieder hin und drehte sich erneut. Der Stuhl quietschte. Es klang möglicherweise etwas anders — ein Halbton tiefer vielleicht, von einem anklagenden Meerschweinchen zu einem resignierten —, aber er quietschte.

„Hm", sagte Herr Pflüger. „Braucht WD-40."

„Haben Sie welches dabei?"

„Nein."

Herr Pflüger stand auf und klopfte sich die Hände an der Hose ab, als hätte er soeben eine körperlich anstrengende Tätigkeit verrichtet. Thomas nahm seinen Stuhl wieder in Besitz. Er quietschte.

„Wissen Sie", sagte Herr Pflüger, bereits an der Tür, „den gleichen Stuhl hatten sie oben im Sechsten auch. Hab ich auch mal repariert. Gleicher Stuhl, gleiches Quietschen."

Thomas’ Finger, die gerade dabei gewesen waren, seine Tastatur in die korrekte Position zu rücken — parallel zur Schreibtischkante, vier Zentimeter Abstand —, hielten inne.

„Im sechsten Stock?"

Herr Pflüger kratzte sich am Kinn. „Na, Stockwerk sechs. Oder war’s fünfeinhalb? Da oben ist das alles etwas … unklar." Er lachte, als hätte er einen Witz gemacht, und verschwand im Flur.

Thomas saß still. Das Gebäude hatte fünf Stockwerke. Er war sich dessen sehr sicher. Er hatte die Stockwerke nie gezählt — wer zählt die Stockwerke seines Arbeitsplatzes? —, aber es gab fünf Knöpfe im Aufzug, und Thomas vertraute Aufzugknöpfen. Sie waren verlässlich. Sie leuchteten, wenn man sie drückte. Mehr konnte man von der Welt nicht erwarten.

Fünfeinhalb.

Thomas beschloss, diesen Gedanken vorerst in die mentale Schublade zu legen, die er für Dinge reserviert hatte, über die nachzudenken sich nicht lohnte. Die Schublade war in letzter Zeit etwas voll geworden.

Er wandte sich seinem Bildschirm zu. Sein Posteingang enthielt dreiundzwanzig ungelesene E-Mails, von denen zweiundzwanzig Newsletter waren, die er nie abonniert hatte und nicht abbestellen konnte, und eine von der Kantinenverwaltung, die mitteilte, dass die Salatbar am Donnerstag geschlossen bliebe. Es gab keine neue Nachricht zu Vorgang 2847/B. Thomas war sich nicht sicher, ob ihn das beruhigte oder beunruhigte.

Er starrte auf den Bildschirm. Der Bildschirm starrte zurück. Es war eine Pattsituation.

Dann erinnerte er sich an Raum 4.

Er war vorhin dort gewesen — vor kaum einer Stunde, obwohl es sich anfühlte wie ein anderer Lebensabschnitt — und hatte nichts gefunden außer einem leeren Raum und einem Post-it an der Wand. „Geduld." Das war alles. Ein einzelnes Wort, das gleichzeitig alles und nichts bedeutete, wie ein Horoskop oder eine Betriebsanweisung.

Aber hatte er wirklich alles gesehen?

Thomas stand auf. Sein Stuhl quietschte zum Abschied. Er nahm seinen Schlüsselbund — sieben Schlüssel, von denen er die Funktion von dreien kannte —, verließ Zimmer 312 und ging den Flur entlang.

Raum 4 war nicht abgeschlossen. Das war er nie. Konferenzräume im AAZ standen grundsätzlich offen, was weniger mit einer Philosophie der Transparenz zu tun hatte als vielmehr damit, dass niemand wusste, wo die Schlüssel waren.

Thomas betrat den Raum. Alles war wie zuvor: der ovale Tisch, die zwölf Stühle (keiner davon quietschte, was Thomas als persönliche Ungerechtigkeit empfand), die Wanduhr, die seit mindestens einem Jahr auf 14:07 stand, das Flipchart mit einer Zeichnung, die entweder ein Organigramm oder ein Stammbaum war. Und das Post-it.

„Geduld."

Thomas näherte sich der Wand. Er hatte das Post-it beim letzten Mal von vorne betrachtet, wie man ein Post-it üblicherweise betrachtet. Aber Post-its hatten auch eine Rückseite. Und unter einem Post-it war eine Wand. Und an einer Wand konnten weitere Post-its kleben.

Er löste das gelbe Quadrat vorsichtig von der Wand. Darunter klebte ein zweites.

Thomas’ Atem stockte. Nicht wirklich, natürlich — er war ein Sachbearbeiter, kein Tiefseetaucher, sein Atem hatte keinen Grund zu stocken —, aber er empfand ein Stocken, ein metaphorisches Innehalten des Zwerchfells, das in einem Roman vermutlich als „Sein Atem stockte" beschrieben werden würde.

Das zweite Post-it war grün. Die Handschrift war klein und präzise, die Handschrift eines Menschen, der Formulare als Kunstform betrachtete.

„Formular 7b — dreifach."

Thomas las den Satz drei Mal. Er war kurz genug, um beim ersten Mal verstanden zu werden, aber verwirrend genug, um beim dritten Mal noch verwirrender zu sein. Formular 7b. Das Formular aus dem Katzenordner. Das Formular, das auf dem Foto unter der Katze gelegen hatte. Das Formular, dessen Bezeichnung auf der rätselhaften Tabelle aufgetaucht war. Und jetzt: dreifach.

Dreifach.

Thomas faltete beide Post-its sorgfältig zusammen und steckte sie in seine Brusttasche, neben seinen Kugelschreiber und ein Bonbon, das seit mindestens einem Quartal dort residierte. Er verließ Raum 4, zog die Tür hinter sich zu — sie schloss nicht, aber die Geste zählte — und ging zurück in sein Büro.

Er hatte jetzt ein Ziel. Er brauchte Formular 7b. In dreifacher Ausfertigung.

Der Stuhl quietschte, als er sich setzte, als wollte er sagen: Viel Glück damit.