Kapitel 20

Raum 4

Meeting-Raum 4 war leer.

Das muss mit einer gewissen Betonung festgestellt werden, denn Thomas Müller-Hinterberg hatte, in den dreizehn Minuten zwischen dem Ausdruck des Druckers und dem Öffnen dieser Tür, eine Reihe von Szenarien durchgespielt, die alle eines gemeinsam hatten: Sie waren nicht leer. In Thomas’ Vorstellung hatte der Raum Herrn Schmied enthalten, oder Frau Behrens-Goldbach, oder den alten Mann aus der Kantine, oder möglicherweise alle drei, um einen Tisch sitzend wie eine Kommission, die über Dinge entscheidet, die Thomas nicht verstand. In einem besonders verwegenen Szenario, das Thomas sofort verworfen hatte, weil es selbst für seine gelockerten Standards der Realität zu weit ging, hatte sogar das Alpaka im Raum gestanden.

Stattdessen: ein Tisch. Acht Stühle. Ein Whiteboard.

Der Tisch war oval, aus jenem hellen Holzimitat, das in Besprechungsräumen zum Einsatz kommt und das aussieht wie Holz, wenn man nicht genau hinsieht, und wie Kunststoff, wenn man es tut. Die acht Stühle waren dunkler als Thomas’, neueren Modells, mit beiden Armlehnen. Das Whiteboard hing an der Stirnseite des Raumes und trug, in schwarzem Boardmarker, die Aufschrift: »Bitte Board nach Benutzung wischen — Danke, Ihr Hausmeister«.

Thomas trat ein. Er schloss die Tür hinter sich. Er setzte sich auf den Stuhl, der dem Whiteboard am nächsten stand, weil es der Stuhl war, den er in Besprechungen grundsätzlich wählte — nicht zu zentral, um Aufmerksamkeit zu erregen, nicht zu peripher, um desinteressiert zu wirken, sondern in jener goldenen Mitte der Unauffälligkeit, die Thomas in sieben Jahren Verwaltungslaufbahn perfektioniert hatte.

Er wartete.

14:00 Uhr. Thomas schaute auf seine Casio. Die Ziffern leuchteten grün. 14:00. Er schaute zur Tür. Die Tür blieb geschlossen. Er schaute zum Whiteboard. Das Whiteboard riet ihm, es nach Benutzung zu wischen.

14:05 Uhr. Thomas rückte auf seinem Stuhl. Der Stuhl quietschte nicht. Kein Stuhl in Meeting-Raum 4 quietschte. Es war eine Stille, die Thomas als beinahe vorwurfsvoll empfand, als schämten sich die Stühle für das Betragen seines Bürostuhls in Zimmer 312.

14:10 Uhr. Thomas stand auf. Er ging zum Fenster. Der Blick ging auf die Rückseite des Gebäudes, den Parkplatz, die Büsche, eine Straße. Keine Bewegung. Kein Mensch. Kein Alpaka. Er setzte sich wieder.

14:15 Uhr. Fünfzehn Minuten. Eine Viertelstunde. Im Kontext eines Meetings war eine Viertelstunde die offizielle Wartezeit, nach der man gehen durfte, ohne dass einem Unhöflichkeit vorgeworfen werden konnte — so stand es zwar nirgends geschrieben, aber es gehörte zum ungeschriebenen Kanon der Besprechungskultur, jenem Regelwerk, das jeder kennt und das niemand je kodifiziert hat, weil seine Kodifizierung seine Wirksamkeit zerstören würde, ähnlich einem Witz, den man nicht erklären kann, ohne ihn zu ruinieren.

Thomas stand auf. Er rückte seinen Stuhl zurecht, weil man Stühle nach Benutzung zurechtrückt, auch wenn man allein war und der Stuhl niemandem im Weg stand. Er ging zur Tür. Er legte die Hand auf die Klinke.

Dann sah er es.

Unter dem Tisch. Auf dem Boden, direkt unter der Tischplatte, dort, wo die Beine des Tisches aufeinandertrafen — es war ein Tisch mit einem zentralen Standfuß, nicht mit vier Beinen, was die Sache vereinfachte —, klebte etwas. Gelb. Klein. Ein Post-it.

Thomas ging in die Knie. Er kroch unter den Tisch. Der Teppichboden war grau und roch nach jenem speziellen Reinigungsmittel, das Gebäudereinigungsfirmen verwenden und das den Geruch von Schmutz nicht beseitigt, sondern lediglich durch den Geruch von Reinigung ersetzt, was nicht dasselbe ist. Thomas streckte die Hand aus und löste das Post-it vom Standfuß.

Es war ein gewöhnliches Post-it. Gelb, quadratisch, mit der Klebekante oben. Darauf stand, in Handschrift — in derselben Handschrift, die Thomas auf dem laminierten Zettel aus dem Wassertank erkannt hatte, klein und akkurat und in blauer Tinte —, ein einzelnes Wort:

»Geduld.«

Thomas saß unter dem Tisch und las das Wort. Geduld. Er hatte siebenundvierzig Minuten in einer Telefon-Warteschleife gewartet. Er hatte dreimal zwischen zwei Büros hin- und hergelaufen. Er hatte einen Antrag auf Stuhlersatz gestellt und war abgelehnt worden. Er hatte vierunddreißig Katzenfotos betrachtet. Und jetzt saß er unter einem Tisch in einem leeren Meeting-Raum und wurde aufgefordert, Geduld zu haben.

Er kroch unter dem Tisch hervor. Dabei stieß er mit dem Kopf gegen die Tischkante — nicht hart genug, um Schaden anzurichten, aber hart genug, um kurz zu fluchen, was Thomas in einer Lautstärke tat, die er für angemessen hielt, nämlich unhörbar, weil Fluchen in Diensträumen seiner Auffassung nach unangemessen war, auch wenn man allein war und soeben mit dem Kopf gegen einen Tisch gestoßen war.

Er richtete sich auf. Strich seine Hose glatt. Und bemerkte, dass auf dem Tisch etwas lag, das vorhin nicht dort gelegen hatte — oder das er vorhin nicht bemerkt hatte, was für Thomas an diesem Punkt seiner Ermittlungen keinen wesentlichen Unterschied mehr machte.

Ein Umschlag. Weiß. DIN C6, das kleine Format, wie man es für Einladungen oder Grußkarten verwendet. Kein Name, kein Absender, kein Stempel. Nur ein Umschlag, der auf dem Tisch lag wie eine Sache, die dort schon immer gelegen hatte und die nur darauf gewartet hatte, bemerkt zu werden.

Thomas öffnete den Umschlag. Darin lag ein zweiter Umschlag. Kleiner. Thomas öffnete den zweiten Umschlag. Darin lag das Post-it.

Thomas blinzelte. Er hielt das Post-it in der Hand. Er hatte es soeben vom Standfuß des Tisches gelöst. Und jetzt lag ein identisches Post-it — oder dasselbe? — in einem Umschlag in einem Umschlag auf dem Tisch. Er verglich: dieselbe Handschrift, dasselbe Wort, dieselbe blaue Tinte. Zwei Post-its. »Geduld« und »Geduld«.

Thomas beschloss, nicht darüber nachzudenken. Er klebte das erste Post-it in sein Notizbuch — ein DIN-A5-Notizbuch mit Hardcover, das er seit fünf Jahren verwendete und das bisher ausschließlich Telefonnummern und gelegentliche Einkaufsnotizen enthalten hatte und das sich nun zu einer Art Beweismappe entwickelte. Das zweite Post-it steckte er zurück in den Umschlag im Umschlag und legte beides in seine Jackentasche.

Er verließ Meeting-Raum 4. Der Flur war still. Jene besondere Stille, die Verwaltungsgebäude am frühen Nachmittag annehmen, wenn die Mittagspause vorbei ist und die Arbeit wieder begonnen hat und alle hinter geschlossenen Türen sitzen und Dinge tun, die von außen nicht wahrnehmbar sind. Thomas’ Schritte hallten auf dem Linoleum.

Er ging in Richtung Treppenhaus. Am Ende des Flurs, vor dem Fenster, das auf den Innenhof hinausging, stand das Alpaka.

Es stand nicht im Flur — das wäre selbst für die Standards des AAZ ungewöhnlich gewesen —, sondern draußen, im Innenhof, direkt vor dem Fenster, so dass sein Kopf auf der Höhe der Fensterbank war und seine Augen, braun und groß und von jener Ausdruckslosigkeit, die bei näherer Betrachtung keine Ausdruckslosigkeit ist, sondern eine sehr konzentrierte Form des Ausdrucks, direkt auf Thomas gerichtet waren.

Thomas blieb stehen. Das Alpaka blieb stehen. Einen Moment lang standen sie sich gegenüber — der Sachbearbeiter und das Tier, getrennt durch eine Fensterscheibe und verbunden durch einen Blick, der nichts erklärte und alles offenließ. Dann kaute das Alpaka. Langsam, gleichmäßig, mit jener majestätischen Gelassenheit, die nur Tiere aufbringen, die nichts zu beweisen und nichts zu befürchten haben.

Geduld, dachte Thomas. Er nickte dem Alpaka zu, was albern war, aber sich richtig anfühlte. Das Alpaka kaute weiter. Thomas ging die Treppe hinauf.

Dritter Stock. Sein Flur. Sein Büro. Zimmer 312. Thomas drückte die Klinke. Die Tür klemmte — wie immer, seit jenem März, als die Hausverwaltung die zeitnahe Bearbeitung seines Anliegens versprochen hatte — und gab dann nach.

Thomas erstarrte.

Auf seinem Bürostuhl saß jemand.

Der Stuhl stand mit dem Rücken zur Tür, zum Fenster gedreht, so dass Thomas nur die Rückenlehne sah und darüber, gerade eben, den oberen Rand eines Kopfes. Graues Haar. Thomas öffnete den Mund, um etwas zu sagen — »Entschuldigung«, oder »Kann ich Ihnen helfen?«, oder jene andere Frage, die man stellt, wenn jemand Fremdes auf dem eigenen Stuhl sitzt und die man nie zuvor hat stellen müssen, weil es eine Situation ist, für die es kein eingeübtes Skript gibt.

Bevor er etwas sagen konnte, bemerkte er etwas anderes. Etwas, das so belanglos war, dass es beinahe unterging, und das doch alles veränderte. Etwas, das in seiner Abwesenheit lauter sprach als jedes Geräusch.

Der Stuhl quietschte nicht.

Der Stuhl, der bei jedem Gedanken an Schmied quietschte, der bei jeder Bewegung und manchmal ohne Bewegung quietschte, der Thomas’ sämtliche Versuche, ihn zum Schweigen zu bringen, mit beleidigtem Quietschen beantwortet hatte — dieser Stuhl war still. Vollkommen, absolut, unnachgiebig still, als habe er auf diesen Moment gewartet. Als sei der Mensch, der jetzt auf ihm saß, der Mensch, für den er gedacht war.

Der Kopf begann sich zu drehen.