Das Einhorn
Thomas Müller-Hinterberg war kein Mann, der an Einhörner glaubte. Er glaubte an Formulare, an Aktenzeichen und an die segensreiche Wirkung von Trennblättern in Leitz-Ordnern. Er glaubte daran, dass Kugelschreiber blau oder schwarz zu sein hatten — niemals grün, denn grün war für Korrekturen reserviert, und Korrekturen waren die Domäne der Vorgesetzten. Er glaubte daran, dass ein Schreibtisch am Ende des Arbeitstages aufgeräumt zu sein hatte und dass der Bildschirmschoner nach genau zehn Minuten Inaktivität einsetzen sollte, nicht nach neun und nicht nach elf.
An Einhörner glaubte er nicht.
Und doch hielt er eines in der Hand. Zwar nur als Wasserzeichen auf einer Kopie einer Kopie, die eigentlich keine Kopie sein sollte, sondern das Original, das aber selbst schon eine Korrektur war — aber dennoch. Ein Einhorn.
Am Morgen nach der Kopierer-Episode — es war ein Mittwoch, was Thomas als den verlässlichsten Wochentag betrachtete: weit genug vom Montag entfernt, um die Hoffnungslosigkeit des Wochenbeginns abgeschüttelt zu haben, und noch weit genug vom Freitag, um keine voreilige Entspannung aufkommen zu lassen — begann er seine Recherche.
Thomas recherchierte, wie Thomas alles tat: systematisch.
Schritt eins: das Handbuch des Kopierers. Er hatte es im Materialschrank gefunden, zwischen einem vergilbten Telefonverzeichnis von 2009 und einer Bedienungsanleitung für eine Kaffeemaschine, die das Amt längst nicht mehr besaß. Das Handbuch des OfficePro X7400 umfasste dreihundertzweiundzwanzig Seiten, und Thomas las jede einzelne. Kapitel 1: Aufstellung und Inbetriebnahme. Kapitel 2: Grundfunktionen. Kapitel 3: Erweiterte Funktionen. Kapitel 4: Fehlerbehebung. Kapitel 5: Technische Daten. Anhang A: Treiber. Anhang B: Garantiebedingungen. Anhang C: Index.
Kein Wort über Wasserzeichen.
Der OfficePro X7400 konnte scannen, faxen, drucken, heften, lochen, sortieren, auf Briefumschläge drucken, Duplex-Druck ausführen, sich selbst diagnostizieren und — laut einer Fußnote auf Seite 217 — bei Bedarf „sekundäre Medien verarbeiten", was immer das bedeuten mochte. Aber er konnte keine Wasserzeichen erzeugen. Es gab keine Funktion dafür, keinen Menüpunkt, keine versteckte Einstellung.
Schritt zwei: das Internet. Thomas tippte in die Suchmaschine: „Einhorn Wasserzeichen Amt." Die Ergebnisse waren nicht hilfreich. Er erhielt Verweise auf eine Brauerei in Thüringen, deren Logo ein Einhorn zeigte, auf einen Etsy-Shop für handgeschöpftes Briefpapier mit Fantasiemotiven, und auf einen Forumsbeitrag aus dem Jahr 2014, in dem jemand fragte, ob Wasserzeichen auf Geldscheinen ein Zeichen der Illuminaten seien. Thomas schloss den Browser.
Schritt drei: Kollegenbefragung. Thomas war kein geselliger Mensch. Gespräche mit Kollegen erforderten eine Anstrengung, die er normalerweise für die Steuererklärung reservierte. Aber die Umstände verlangten es.
Er begann bei Herrn Winkler aus Zimmer 310. Herr Winkler war zuständig für Posteingänge und besaß das bemerkenswerte Talent, jedes Gespräch innerhalb von dreißig Sekunden auf seinen Bandscheibenvorfall zu lenken. Thomas zeigte ihm die Kopie mit dem Wasserzeichen.
„Sieht aus wie ein Pferd", sagte Herr Winkler. „Mit einem Ding auf dem Kopf. Wussten Sie, dass ich seit meinem Bandscheibenvorfall nicht mehr reiten kann? Nicht dass ich je geritten wäre, aber die Option ist jetzt definitiv —"
„Danke, Herr Winkler."
Frau Petersen aus der Registratur betrachtete das Blatt lange und sagte schließlich: „Hübsch." Thomas fragte, ob sie jemals ein Einhorn im Zusammenhang mit dem Amt gesehen habe. „Ein Einhorn? Im Amt? Nein." Sie machte eine Pause. „Obwohl — nein. Nein, definitiv nicht." Die Art, wie sie „definitiv" betonte, ließ Thomas vermuten, dass irgendwo zwischen dem ersten und dem zweiten Nein ein Ja gelauert hatte, das sich im letzten Moment anders entschieden hatte.
Herr Lohmann aus der IT-Abteilung — einem Raum im Keller, der nach altem Kaffee und Verzweiflung roch — sah das Wasserzeichen an und sagte: „Das ist ein Druckfehler." Thomas fragte, wie ein Druckfehler die Form eines anatomisch korrekten Einhorns annehmen könne. Herr Lohmann zuckte die Schultern. „Bits und Bytes, Herr Müller-Hinterberg. Bits und Bytes." Er wandte sich wieder seinen drei Bildschirmen zu, auf denen Dinge geschahen, die Thomas nicht verstand und die vermutlich auch Herr Lohmann nur teilweise verstand.
Dann ging Thomas zu Frau Behrens-Goldbach.
Frau Behrens-Goldbach saß in Zimmer 314, das von Thomas’ Büro durch einen Raum getrennt war, der offiziell als „Materialausgabe" firmierte, tatsächlich aber seit Jahren als Abstellkammer für defekte Bürostühle diente. Frau Behrens-Goldbach war eine Frau unbestimmten Alters — irgendwo zwischen fünfundvierzig und der Ewigkeit —, die stets einen leicht amüsierten Gesichtsausdruck trug, als wüsste sie über die Pointe eines Witzes Bescheid, den alle anderen noch nicht gehört hatten.
Thomas legte die Kopie auf ihren Schreibtisch. „Haben Sie so etwas schon einmal gesehen?"
Frau Behrens-Goldbach betrachtete das Wasserzeichen. Sie trug ihre Lesebrille, die an einer Kette um ihren Hals hing und deren Gläser so dick waren, dass Thomas vermutete, sie könnte damit die Ringe des Saturn zählen. Sie betrachtete das Einhorn lange. Sehr lange. Dann nahm sie die Brille ab und sah Thomas an.
„Ach, das Einhorn", sagte sie. „Ja, das gibt es schon länger."
Thomas setzte sich. Er hatte sich nicht setzen wollen — er hatte vorgehabt, stehend zu fragen und stehend zu gehen, eine effiziente Interaktion, rein informativ —, aber sein Körper hatte anders entschieden. Er saß auf dem Besucherstuhl in Zimmer 314, und er würde dort sitzen bleiben, bis er eine Antwort hatte.
„Was meinen Sie damit, das gibt es schon länger?"
Frau Behrens-Goldbach faltete die Hände. „Ich meine damit, dass es das Einhorn schon länger gibt."
„Seit wann?"
„Seit länger."
Thomas spürte, wie sich in seiner Brust etwas zusammenzog, das er als professionelle Frustration identifizierte. Frau Behrens-Goldbach hatte die Gabe, auf jede Frage so zu antworten, dass die Antwort technisch korrekt war, aber keinerlei zusätzliche Information enthielt. Es war, als würde man einen Spiegel befragen: Man bekam immer etwas zurück, aber es war stets nur das, was man selbst hineingetragen hatte.
„Frau Behrens-Goldbach", sagte Thomas und bemühte sich um einen Ton, der Dringlichkeit signalisierte, ohne unhöflich zu werden, „wissen Sie, was es mit dem Einhorn auf sich hat?"
Frau Behrens-Goldbach lächelte. Es war ein Lächeln, das Bände sprach, allerdings in einer Sprache, die Thomas nicht beherrschte.
„Manche Dinge im Amt", sagte sie, „sind einfach da. Man muss nicht alles verstehen, Herr Müller-Hinterberg. Manchmal reicht es, sie zur Kenntnis zu nehmen."
Thomas nahm die Kopie zurück und verließ Zimmer 314. Er war nicht zufriedener als zuvor, aber er war auf eine Weise unzufrieden, die immerhin eine Richtung hatte. Das Einhorn gab es „schon länger." Es war „einfach da." Das waren keine Antworten. Aber es waren Antworten, die implizierten, dass es Antworten gab.
Am Nachmittag desselben Tages — Thomas hatte die Mittagspause damit verbracht, sein Butterbrot zu essen und das Einhorn-Wasserzeichen von verschiedenen Winkeln zu betrachten, ohne neue Erkenntnisse zu gewinnen — fiel ihm etwas ein.
Schmieds Büro.
Das Büro, das laut Hausverwaltung offiziell nicht existierte, das aber dennoch eine Tür hatte, ein Türschild und einen Raum dahinter. Thomas war schon einmal dort gewesen, damals, als er den Ordner mit den Katzenfotos gefunden hatte. Das Büro war leer gewesen. Kein Mobiliar. Keine Akten. Nur Staub und das Gefühl, dass der Raum auf etwas wartete.
Aber war da nicht auch ein Computer gewesen?
Thomas ging. Drittes Obergeschoss, Ostflügel, am Ende des Flurs, wo die Beleuchtung von „funktional" zu „atmosphärisch" wechselte, weil zwei von drei Deckenlampen ausgefallen waren und niemand zuständig war, sie zu ersetzen. Die Tür zu Schmieds ehemaligem Büro war nicht beschriftet — das Schild war irgendwann entfernt worden, und nur die zwei kleinen Löcher in der Tür zeugten davon, dass hier einmal jemand gearbeitet hatte.
Thomas öffnete die Tür.
Der Raum war wie zuvor: leer. Kein Schreibtisch, kein Stuhl, kein Aktenschrank. Die Wände waren kahl, der Boden staubig, das Fenster blind vor Schmutz. Aber in der Ecke, auf einem kleinen Beistelltisch, den Thomas beim letzten Mal übersehen haben musste — oder der beim letzten Mal nicht dort gestanden hatte, was die beunruhigendere Möglichkeit war —, stand ein Computer.
Es war ein alter Computer. Ein sehr alter Computer. Ein beigefarbener Desktop-Tower mit einem Röhrenmonitor, der aussah wie ein Fernseher aus einer Zeit, als Fernseher noch Möbelstücke waren. Der Computer war eingeschaltet. Das wusste Thomas, weil der Monitor nicht schwarz war.
Er zeigte einen Bildschirmschoner.
Ein Einhorn. Weiß, leuchtend, mit silberner Mähne. Es galoppierte von links nach rechts über eine endlose grüne Wiese, unter einem Himmel, der so blau war, dass es wehtat. Es galoppierte und galoppierte, und wenn es den rechten Bildschirmrand erreichte, erschien es am linken wieder, als wäre die Welt eine Schleife, als gäbe es kein Ankommen und kein Ende, nur das ewige Galoppieren eines Einhorns auf einer Wiese in einem Bildschirm in einem leeren Büro in einem Amt, in dem niemand wusste, warum irgendetwas so war, wie es war.
Thomas stand vor dem Bildschirm und sah zu. Das Einhorn galoppierte. Die Wiese leuchtete. Der Staub tanzte im Licht, das durch das schmutzige Fenster fiel.
Es war das gleiche Einhorn. Dasselbe Profil, derselbe erhobene Huf, dasselbe sanft gedrehte Horn. Das Einhorn vom Wasserzeichen. Das Einhorn vom Kopierer. Das Einhorn aus Schmieds Büro.
Thomas berührte die Maus. Der Bildschirmschoner verschwand. Darunter: ein Desktop. Leer. Keine Dateien, keine Ordner. Nur ein Papierkorb-Symbol und ein Hintergrundbild in Firmenblau.
Thomas rührte nichts weiter an. Er ließ die Maus los, und nach genau zehn Sekunden kehrte das Einhorn zurück, galoppierend, leuchtend, unendlich.
Er verließ das Büro und schloss die Tür hinter sich. Auf dem Rückweg zu Zimmer 312 blieb er kurz stehen und blickte aus dem Flurfenster. Im Innenhof, drei Stockwerke tiefer, stand das Alpaka und kaute. Es sah zu ihm hoch.
Thomas hätte schwören können, dass es nickte.