Die Frist
Am Donnerstagmorgen um 08:14 Uhr — Thomas war wie stets um 07:58 Uhr eingetroffen, hatte seinen Computer hochgefahren, seinen Bildschirm mit einem Mikrofasertuch gereinigt und seinen Kugelschreiber auf die exakte Mitte der rechten Schreibtischhälfte gelegt — erschien in seinem Posteingang eine E-Mail, die sein geordnetes Weltbild mit der Präzision einer Abrissbirne erschütterte.
Absender: fristenverwaltung@aaz.de
Betreff: Erinnerung — Fristablauf Vorgang 2847/B
Priorität: Hoch
Thomas klickte. Der Inhalt war kurz:
Sehr geehrter Herr Müller-Hinterberg,
hiermit erinnern wir Sie, dass die Bearbeitungsfrist für Vorgang 2847/B am 14.03. endet. Bitte stellen Sie die fristgerechte Erledigung sicher.
Mit freundlichen Grüßen,
Automatisches Fristenmanagement
AAZ — Abteilung 3, Referat Termine und Fristen
Thomas las die E-Mail drei Mal. Beim ersten Mal konzentrierte er sich auf den Inhalt. Beim zweiten Mal auf die Form. Beim dritten Mal auf das Datum.
14.03.
Nur: 14.03. wovon?
Thomas betrachtete das Datum genauer. Auf seinem Bildschirm, in der Standardschrift des E-Mail-Programms, sah die Zahl eindeutig aus: 14.03. Aber als er die E-Mail heranzoomte — er drückte dreimal Strg+Plus, bis die Buchstaben die Größe von Überschriften hatten —, wurde die Sache komplizierter. Die Null in „03" hatte einen winzigen Punkt in der Mitte. War es eine Null oder ein O? Und die 3 — war es eine 3 oder eine verkrüppelte 8? Oder, wenn man den Kopf leicht schräg legte und die Augen zusammenkniff, eine 0?
14.03. Oder 14.O3. Oder 14.08. Oder 14.00. Oder — und diese Möglichkeit nagte am meisten an Thomas — 14.30.
14.30 war kein Datum. 14.30 war eine Uhrzeit. Oder ein Preis. Oder eine Seitenzahl. Es war vieles, aber kein Monat.
Und dann war da die Frage des Jahres. Die E-Mail erwähnte kein Jahr. Das Fristenmanagement des AAZ arbeitete, soweit Thomas wusste, mit einem System, das Jahreszahlen für überflüssig hielt, weil — so die offizielle Begründung in einem Rundschreiben von 2011 — „Fristen grundsätzlich im laufenden Kalenderjahr zu verstehen sind, sofern nicht ausdrücklich anders vermerkt." Was im laufenden Kalenderjahr bedeutete, war klar. Weniger klar war, ob diese E-Mail im laufenden Kalenderjahr verfasst worden war. Die Metadaten zeigten als Absendedatum „01.01.1970 00:00:00" an, was Thomas als das Standarddatum erkannte, das Computer verwendeten, wenn sie kein tatsächliches Datum hatten — der Unix-Nullpunkt, die informatische Stunde Null, der Urknall der digitalen Zeitrechnung.
Thomas beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Er rief die Fristenverwaltung an.
Das Telefon klingelte siebzehn Mal. Dann nahm jemand ab.
„Fristenverwaltung, Krüger."
„Müller-Hinterberg, Zimmer 312. Ich habe eine Frage zu einer Frist."
„Dafür sind Sie bei der Registratur besser aufgehoben."
„Es geht um eine E-Mail Ihrer Abteilung."
„Wir versenden keine E-Mails."
Thomas blinzelte. „Ich habe aber eine erhalten. Von fristenverwaltung@aaz.de."
„Ja, das ist die automatische Fristenerinnerung. Die versendet das System."
„Und wer betreut das System?"
„Die IT."
„Aber die Fristen selbst —"
„Werden von der Registratur verwaltet."
„Die Registratur hat mich aber an Sie verwiesen."
Es entstand eine Pause, die so lang und so tief war, dass man ein Möbelstück darin hätte versenken können.
„Worum geht es denn konkret?", fragte Herr Krüger mit der Begeisterung eines Menschen, der gerade erfahren hat, dass sein Urlaub gestrichen wurde.
„Vorgang 2847/B. Die Frist endet am 14.03. Aber ich weiß nicht, welches Jahr."
„Das steht im System."
„Und was steht im System?"
Tippgeräusche. Langsame Tippgeräusche, als würde Herr Krüger jede Taste einzeln suchen und sich persönlich von ihr verabschieden, bevor er sie drückte.
„2847/B … 2847/B … Ah. Hier. Fristende: 14.03."
„Welches Jahr?"
„Steht hier nicht. Fristen sind grundsätzlich im laufenden —"
„Kalenderjahr zu verstehen, ja. Aber die E-Mail hat kein Sendedatum. Beziehungsweise das Sendedatum ist der 1. Januar 1970."
Erneute Pause. „Das ist ungewöhnlich."
„In der Tat."
„Da müssen Sie sich an die IT wenden."
Thomas legte auf. Er rief die Registratur an. Die Registratur verwies ihn an die Fristenverwaltung. Er rief die Fristenverwaltung erneut an. Herr Krüger war in der Mittagspause. Er versuchte die IT. Herr Lohmann war „im Einsatz", was bedeuten konnte, dass er einen Server reparierte oder dass er auf dem Dach stand und rauchte.
Um 14:17 Uhr — Thomas hatte inzwischen seinen dritten Kaffee getrunken, was für ihn ein Zeichen extremer Belastung war, da er normalerweise bei zwei Tassen aufhörte — saß er vor seinem Bildschirm und versuchte, das Problem logisch zu lösen.
Wenn die Frist am 14.03. des laufenden Jahres endete, dann war sie entweder in der Zukunft oder in der Vergangenheit. Es war derzeit März. Ob vor oder nach dem 14. hing davon ab, welches heute war — Thomas sah auf den Kalender: Donnerstag, der 15. März.
Die Frist war gestern abgelaufen.
Thomas spürte etwas, das in der Umgangssprache als „kalter Schauer" bezeichnet wird und das sich anfühlt, als würde jemand einen Eiswürfel den Rücken hinuntergleiten lassen, der sich vorher in der eigenen Zukunftsangst gewälzt hat. Gestern. Die Frist war gestern abgelaufen. Für einen Vorgang, den er nicht verstand, zu einem Formular, das er nicht kopieren konnte, in einer Angelegenheit, die möglicherweise seit fünfzehn Jahren ruhte.
Aber — und hier klammerte sich Thomas an den letzten Strohhalm rationalen Denkens — wenn die Jahreszahl fehlte, dann konnte „14.03." auch den 14. März vor drei Jahren meinen. Oder vor fünfzehn Jahren. In diesem Fall war die Frist nicht gestern abgelaufen, sondern vor sehr, sehr langer Zeit, was paradoxerweise beruhigender war, denn eine Frist, die seit fünfzehn Jahren abgelaufen war, hatte offensichtlich keine unmittelbaren Konsequenzen gehabt.
Oder, dritte Möglichkeit: Wenn man die 03 als 30 las — was typographisch nicht ausgeschlossen war —, dann endete die Frist am 14.30., was als Monat nicht existierte, aber als futuristisches Konzept einer 30-Monats-Kalenderreform durchaus denkbar wäre, und in diesem Fall lag die Frist in einer Zukunft, die so fern war, dass sie Thomas’ Ruhestand um mehrere Dimensionen überschritt.
Thomas notierte auf einem Zettel:
Frist 2847/B: Entweder gestern, vor 3-15 Jahren, oder in ca. 27 Jahren. Handlungsbedarf: unklar.
Er klebte den Zettel an seinen Monitor, neben den bereits vorhandenen Zettel mit der Nummer der Hausverwaltung und den Post-it mit der Aufschrift „Formular 7b — dreifach."
In diesem Moment klopfte es an seiner Tür. Dreimal, kurz und bestimmt, das Klopfen eines Mannes, der die Welt in Prozesse einteilte und jedes Klopfen als den Beginn eines neuen Prozesses betrachtete.
Herr Kettner.
Thomas’ Vorgesetzter stand im Türrahmen. Er trug einen Anzug, der aussah, als wäre er nicht angezogen, sondern installiert worden — jede Falte saß, jeder Knopf glänzte, die Krawatte hing in einem Winkel, der vermutlich in einer DIN-Norm festgelegt war. Herr Kettner lächelte nicht. Herr Kettner lächelte nie. Er hatte stattdessen einen Gesichtsausdruck, der „professionelle Neutralität" signalisierte und der sich von seinem Gesichtsausdruck bei Wut, Freude und Verdauungsbeschwerden nur durch die Position seiner linken Augenbraue unterschied.
„Müller-Hinterberg", sagte Herr Kettner.
„Herr Kettner."
„Wie steht’s mit 2847/B?"
Thomas’ Blick wanderte unwillkürlich zu dem Zettel an seinem Monitor. Entweder gestern, vor 3-15 Jahren, oder in ca. 27 Jahren. Er drehte den Zettel unauffällig um.
„Ich bin dran, Herr Kettner."
Kettner nickte. „Gut. Die Frist drängt."
Er sagte es, als wäre es eine feststehende Tatsache, wie die Schwerkraft oder die Tatsache, dass die Kantine am Freitag immer Fisch servierte. Die Frist drängt. Nicht „die Frist läuft ab" oder „die Frist endet bald" — nein, die Frist drängt. Als wäre die Frist ein lebendiges Wesen, das Thomas durch die Gänge des AAZ verfolgte, schwer atmend, mit zusammengekniffenen Augen.
„Wann genau —", begann Thomas.
Aber Herr Kettner war bereits gegangen. Er ging, wie er kam: prozessoptimiert, ohne überflüssige Schritte, ohne Abschiedsformel. Ein Klopfen, eine Anweisung, ein Verschwinden. Effizienz in ihrer reinsten und zugleich nutzlosesten Form.
Thomas saß allein in seinem Büro. Der Stuhl quietschte leise, als er sich zurücklehnte. Auf seinem Bildschirm leuchtete noch immer die E-Mail der Fristenverwaltung. 14.03. Und im Betreff — Thomas stutzte.
Der Betreff. Er hatte ihn vorhin gelesen, ganz sicher. „Erinnerung — Fristablauf Vorgang 2847/B." So hatte es dort gestanden. Er war sich absolut sicher.
Jetzt stand dort: „LETZTE Erinnerung — Fristablauf Vorgang 2847/B."
Das Wort LETZTE war neu. Thomas hatte die E-Mail nicht aktualisiert. E-Mails aktualisierten sich nicht von selbst. Das war kein RSS-Feed, kein Live-Ticker. Es war eine E-Mail. Statisch. Unveränderlich. So unveränderlich wie Stein, wie Marmor, wie die Geschäftsordnung des AAZ.
Und doch: LETZTE.
Thomas starrte auf das Wort und fragte sich, ob es eine Drohung war oder ein Versprechen.