Der Vorgesetzte
Es gibt eine Kunstform, die in keiner Galerie hängt, in keinem Museum ausgestellt wird und für die kein Preis verliehen wird, die aber dennoch zu den raffiniertesten Ausdrucksformen menschlicher Kreativität zählt: der bürokratische Statusbericht.
Ein guter Statusbericht sagt mit vielen Worten wenig. Ein sehr guter Statusbericht sagt mit vielen Worten nichts. Ein Meisterwerk aber — und Thomas Müller-Hinterberg war, ohne es je angestrebt zu haben, ein Meister dieses Fachs — sagt mit vielen Worten weniger als nichts: Es entzieht dem Leser Informationen, die dieser vorher besaß.
Thomas begann am Freitagmorgen um 08:03 Uhr mit dem Verfassen des Statusberichts zu Vorgang 2847/B. Herr Kettner hatte ihn angefordert, und Herr Kettner war ein Mann, dem man Dinge nicht verweigerte — nicht weil er drohte oder schrie, sondern weil er eine Aura stiller Erwartung ausstrahlte, die wirksamer war als jeder Befehl. Kettner erwartete, und die Welt lieferte. So war das. So war das immer gewesen.
Das Problem war, dass Thomas nichts zu berichten hatte. Nicht im Sinne von „wenig" oder „noch nicht viel", sondern im Sinne von: nichts. Er wusste nicht, was Vorgang 2847/B enthielt. Er wusste nicht, welche Abteilung zuständig war. Er wusste nicht, ob es sich um eine Beschwerde handelte, einen Antrag, eine Anfrage, eine Weiterleitung, eine Kenntnisnahme oder eine jener amtlichen Mitteilungen, die keiner der genannten Kategorien angehörten und die man im AAZ als „Sonstiges, Komma, nicht näher bezeichnet" führte. Er wusste, dass es ein Formular 7b gab, das er nicht kopieren konnte. Er wusste, dass eine Frist existierte, die entweder abgelaufen oder noch nicht geboren war. Und er wusste, dass ein Mann namens Schmied vor fünfzehn Jahren möglicherweise an diesem Vorgang gearbeitet hatte und dann — ja, was? Verschwunden war? Versetzt? In Rente gegangen? Vom Erdboden verschluckt? Von der Bürokratie absorbiert wie ein Tropfen Wasser von einem besonders saugfähigen Löschblatt?
Thomas wusste nichts. Aber er musste etwas schreiben.
Er begann:
Statusbericht zum Vorgang 2847/B
Erstellt von: Thomas Müller-Hinterberg, Sachbearbeiter, Zimmer 312
Datum: 16.03.
1. Zusammenfassung
Der Vorgang 2847/B befindet sich derzeit in der Phase der inhaltlichen Erfassung und strukturellen Zuordnung. Die bisherigen Maßnahmen umfassen die Sichtung der vorhandenen Unterlagen sowie die Kontaktaufnahme mit den zuständigen Stellen zwecks Klärung des Verfahrensstatus. Eine abschließende Bewertung steht zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch aus.
Thomas las den Absatz. Er enthielt keinen einzigen falschen Satz. Jedes Wort war technisch korrekt. Und doch sagte der gesamte Absatz absolut gar nichts. Es war das textliche Äquivalent einer leeren Schachtel, die in Geschenkpapier gewickelt war.
Ermutigt fuhr er fort:
2. Bisherige Maßnahmen
2.1 Es wurde eine Bestandsaufnahme der zum Vorgang gehörigen Korrespondenz durchgeführt. Die Ergebnisse werden derzeit ausgewertet.
Was in Wirklichkeit bedeutete: Thomas hatte eine E-Mail erhalten, deren Anhang er nicht öffnen konnte.
2.2 Die Beschaffung der erforderlichen Formulare (Formular 7b, dreifache Ausfertigung) wurde eingeleitet und befindet sich in einem fortgeschrittenen Stadium der Bearbeitung.
Was in Wirklichkeit bedeutete: Der Kopierer hatte neunundvierzig Mal Seite 2 ausgedruckt.
2.3 Es wurden Gespräche mit Fachkollegen geführt, um etwaige Vorkenntnisse zum Vorgang zu eruieren.
Was in Wirklichkeit bedeutete: Herr Winkler hatte über seinen Bandscheibenvorfall gesprochen, und Frau Behrens-Goldbach hatte kryptisch gelächelt.
2.4 Eine Überprüfung der Fristenlage wurde veranlasst, wobei die exakte terminliche Einordnung noch Gegenstand weiterer Abstimmungen ist.
Was in Wirklichkeit bedeutete: Niemand wusste, wann die Frist ablief, einschließlich des Fristenmanagements.
3. Nächste Schritte
Die Bearbeitung wird planmäßig fortgesetzt. Eine vertiefte Analyse der Sachlage ist vorgesehen. Über Fortschritte wird in angemessenen Intervallen berichtet.
Thomas speicherte das Dokument, druckte es aus — der Drucker tat diesmal, was er sollte, was Thomas als kleines Wunder verbuchte —, legte es in eine Klarsichthülle und ging zu Herrn Kettners Büro.
Herr Kettners Büro lag im vierten Stock und war das genaue Gegenteil von Thomas’ Büro: groß, aufgeräumt in einer Weise, die nicht an Ordnung erinnerte, sondern an Leere, und mit einem Fenster, das einen Blick auf die Straße bot, was im AAZ als Statussymbol galt. Thomas’ Fenster zeigte auf den Innenhof, was kein Statussymbol war, sondern eine Strafe, die irgendwann in ferner Vergangenheit von jemandem verhängt worden war, der längst nicht mehr hier arbeitete.
Thomas klopfte.
„Herein."
Herr Kettner saß hinter seinem Schreibtisch wie ein General hinter einer Festungsmauer. Der Schreibtisch war leer bis auf einen Laptop, ein Glas Wasser und einen einzelnen Kugelschreiber, der parallel zur Schreibtischkante lag. Thomas erkannte einen Geistesverwandten, zumindest was die Kugelschreiberausrichtung betraf.
„Der Statusbericht, Herr Kettner." Thomas reichte die Klarsichthülle.
Kettner nahm sie entgegen, zog das Blatt heraus und las. Er las langsam, was bei einem Dokument von einer Dreiviertelseite bemerkenswert war. Seine Augen bewegten sich über die Zeilen wie ein Traktor über ein Feld — gleichmäßig, gründlich, und mit dem vagen Versprechen, dass am Ende etwas Nützliches dabei herauskommen würde.
Thomas stand vor dem Schreibtisch und wartete. Er betrachtete das Wasserglas. Es war exakt halbvoll. Oder halbleer. Thomas war ein Halbvoll-Mensch, was ihn im AAZ zu einer Minderheit machte.
Kettner legte das Blatt ab. Er nickte.
„Gut", sagte er. „Weiter so."
Thomas blinzelte. „Sie sind … zufrieden?"
„Der Bericht ist klar strukturiert und gibt einen angemessenen Überblick über den aktuellen Stand." Kettner sprach, wie man eine Laudatio vorträgt — feierlich, gemessen, und mit der unterschwelligen Botschaft, dass er jedes Wort auch genau andersherum hätte sagen können.
Thomas sah seine Chance. „Herr Kettner, darf ich fragen — wissen Sie, worum es bei Vorgang 2847/B eigentlich geht?"
Kettner faltete die Hände. Es war eine Geste, die Thomas an Frau Behrens-Goldbach erinnerte, und er fragte sich flüchtig, ob es im AAZ einen geheimen Kurs gab, in dem man lernte, die Hände auf eine Weise zu falten, die gleichzeitig Autorität und Unzugänglichkeit signalisierte.
„Natürlich", sagte Kettner. „Es ist der Vorgang 2847/B."
Thomas wartete auf mehr. Es kam nichts.
„Ja, aber … was beinhaltet er?"
„Den Inhalt des Vorgangs 2847/B."
Es war Zirkellogik in ihrer reinsten Form. Thomas befand sich in einer Tautologie, einem geschlossenen System, in dem jede Frage die Antwort bereits enthielt und jede Antwort lediglich die Frage reformulierte. Vorgang 2847/B war Vorgang 2847/B, so wie ein Meter ein Meter war und ein Formular ein Formular. Die Sache war sich selbst genug. Sie brauchte keine Erklärung, keinen Kontext, keinen Sinn. Sie war.
Thomas versuchte es ein letztes Mal. „Und die Dringlichkeit? Warum ist dieser Vorgang gerade jetzt —"
„Die Dringlichkeit ergibt sich aus der Fristenlage", sagte Kettner, als rezitiere er aus einem Lehrbuch, das nur er besaß. „Und ich möchte Sie darauf hinweisen, dass der Ausschuss sich in Kürze mit der Angelegenheit befassen wird."
„Der Ausschuss?"
„Der zuständige Ausschuss, ja."
„Welcher Ausschuss?"
Kettner sah Thomas an, als hätte dieser gerade gefragt, ob Wasser nass sei. „Der Ausschuss für besondere Vorgänge, selbstverständlich."
Thomas hatte in sieben Jahren im AAZ nie von einem Ausschuss für besondere Vorgänge gehört. Er kannte den Personalausschuss, den Beschaffungsausschuss, den Ausschuss für Arbeitssicherheit und den Ausschuss für die Weihnachtsfeierplanung, der erstaunlicherweise ganzjährig tagte. Aber einen Ausschuss für besondere Vorgänge — nein.
„Wann tagt dieser Ausschuss?", fragte Thomas.
„In Kürze." Kettner stand auf, was im Kettner’schen Kommunikationsprotokoll bedeutete, dass das Gespräch beendet war. „Halten Sie mich auf dem Laufenden, Müller-Hinterberg. Und vergessen Sie das Formular 7b nicht. Dreifach."
Thomas verließ das Büro. Auf dem Weg zurück in den dritten Stock — er nahm die Treppe, weil der Aufzug ein surrendes Geräusch von sich gab, dem er heute nicht gewachsen war — dachte er über zwei Dinge nach.
Erstens: Kettner hatte nach dem Formular 7b gefragt. In dreifacher Ausfertigung. Genau wie das Post-it. Woher wusste Kettner davon? Thomas hatte es niemandem erzählt. Das Post-it hatte in einem leeren Konferenzraum an der Wand geklebt. Hatte Kettner es dort hinterlassen? Oder kannte er dessen Inhalt auf andere Weise?
Zweitens: Es gab einen Ausschuss. Ein Gremium, das sich mit Vorgang 2847/B befassen würde. Das bedeutete, dass der Vorgang nicht nur in Thomas’ Universum existierte — er war Teil des Systems, eingebettet in Strukturen, die über Thomas’ Schreibtisch hinausreichten. Das war entweder beruhigend oder beängstigend, je nachdem, ob man dem System vertraute.
Thomas vertraute dem System. Er hatte sein ganzes Berufsleben dem System vertraut. Das System hatte Regeln, Formulare und Fristen. Das System war berechenbar.
Aber in letzter Zeit schien das System Dinge zu tun, die nicht in seinen eigenen Regeln standen.
Thomas erreichte sein Büro, setzte sich auf seinen quietschenden Stuhl und starrte auf den Zettel an seinem Monitor: Frist 2847/B: Entweder gestern, vor 3-15 Jahren, oder in ca. 27 Jahren.
Er nahm seinen Kugelschreiber und fügte hinzu: Der Ausschuss kommt. In Kürze.
Dann unterstrich er „In Kürze" zweimal, weil es genau so viel bedeutete wie alles andere in dieser Geschichte: nämlich gar nichts, und gleichzeitig alles.