Schmieds Büro
Thomas Müller-Hinterberg war ein Mann, der Anweisungen befolgte. Es war seine Kernkompetenz, sein Lebensprinzip, seine Daseinsberechtigung. Wenn auf einem Schild „Rasen nicht betreten" stand, betrat Thomas den Rasen nicht. Wenn auf einer Verpackung „Vor dem Öffnen schütteln" stand, schüttelte Thomas. Wenn auf einem Formular „In Druckbuchstaben ausfüllen" stand, dann schrieb Thomas in Druckbuchstaben, die so akkurat waren, dass sie aussahen, als hätte eine Maschine sie gesetzt.
Auf dem Bildschirm stand: „NICHT_ÖFFNEN.txt".
Thomas öffnete die Datei.
Es war kein Akt der Rebellion. Es war auch kein Akt des Mutes. Es war, wenn Thomas ehrlich mit sich war — und Thomas war stets ehrlich mit sich, denn Unehrlichkeit sich selbst gegenüber hätte bedeutet, ein Formular falsch auszufüllen, und das war undenkbar —, ein Akt der Notwendigkeit. Er befand sich in Zimmer 601, einem Raum, der in keinem Gebäudeplan existierte. Er hatte ein ausgefülltes Formular 7b gefunden, unterschrieben von einem Mann, der vor fünfzehn Jahren verschwunden war. Er hatte einen Computer eingeschaltet, dessen Bildschirmschoner ein Einhorn zeigte. Die Anweisung „NICHT ÖFFNEN" war, im Kontext all dieser Unmöglichkeiten, eine fast rührend konventionelle Grenze, und Thomas überschritt sie mit der Entschlossenheit eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hatte — außer vielleicht seiner Mittagspause.
Der Texteditor öffnete sich. Die Datei enthielt einen einzigen Satz.
Ich habe Sie gewarnt.
Thomas las den Satz. Er las ihn noch einmal. Er las ihn ein drittes Mal, langsamer, als könnte die Geschwindigkeit des Lesens den Inhalt verändern. Konnte es nicht. Der Satz blieb, was er war: fünf Worte, ein Punkt, und die gesamte Unhilfe eines Menschen, der eine Warnung ausgesprochen hatte und damit seine Pflicht erfüllt sah.
Ich habe Sie gewarnt.
Gewarnt wovor? Vor dem Öffnen der Datei? Vor dem Betreten des Büros? Vor dem ganzen Vorgang 2847/B? Vor der Bürokratie im Allgemeinen? Es war eine Warnung von derselben Qualität wie die Frist und das Formular und der verschwundene Sachbearbeiter: spezifisch genug, um ernst gemeint zu sein, und vage genug, um völlig nutzlos zu sein.
Thomas schloss die Datei. Er hatte sie geöffnet. Er war gewarnt worden. Das Leben ging weiter. Sofern man das, was in Zimmer 601 geschah, als „Leben" bezeichnen wollte — es war eher eine Art administrativer Ausnahmezustand, ein bürokratisches Zwielicht, in dem die üblichen Regeln nicht galten oder zumindest anders galten als gewohnt.
Er klickte auf die zweite Datei. „Zwischenstand_2847B.xlsx".
Die Tabelle öffnete sich in einem Programm, das so veraltet war, dass es seine Zellen wie durch ein Milchglas zeigte. Thomas wartete, bis sich der Inhalt stabilisiert hatte. Es war eine Tabelle. Und es war — Thomas erkannte es sofort, mit der Gewissheit eines Mannes, der einen alten Bekannten auf der Straße trifft — dieselbe Tabelle.
Dieselbe Tabelle, die der Drucker vor Wochen ungefragt ausgedruckt hatte. Dieselbe Anordnung von Spalten und Zeilen, dieselben kryptischen Abkürzungen, dieselbe Zeile, die in der Spalte „Vorg." den Eintrag „2847/B" trug und in der Spalte „Status" das Wort „Zwischenstand." Dieselbe Tabelle, die Thomas seitdem in seiner Schreibtischschublade aufbewahrte, zwischen einem Vorrat an Büroklammern und einem Bonbon, das er dort vergessen hatte.
Der Drucker hatte diese Tabelle gedruckt. Aus dem Nichts, ohne Druckauftrag, als hätte er beschlossen, Thomas eine Nachricht zukommen zu lassen. Und hier war die Originaldatei, auf Schmieds Computer, in Schmieds Büro, fünfzehn Jahre alt.
Thomas verglich die Tabelle auf dem Bildschirm mit seiner Erinnerung an den Ausdruck. Identisch. Jede Zeile, jede Spalte, jedes Kürzel. Der Drucker hatte nicht improvisiert — er hatte kopiert. Aber von wo? Hatte er Zugang zu diesem Computer? Über das Netzwerk? Über das WLAN, das im AAZ so zuverlässig war wie ein Sonnenschirm im Sturm? Oder über einen anderen Weg, einen Weg, der nicht in den IT-Handbüchern stand?
Thomas schloss die Tabelle und öffnete die dritte Datei. „Entwurf_E-Mail.doc".
Sein Atem — sein tatsächlicher, physischer Atem, nicht der metaphorische — setzte für einen Moment aus. Nicht lange, nicht dramatisch, aber lang genug, dass Thomas es bemerkte und sich fragte, ob die Luft in Zimmer 601 dünner war als in den unteren Stockwerken, was bei einem nicht existierenden Stockwerk durchaus denkbar war.
Es war ein E-Mail-Entwurf. Formatiert wie eine E-Mail, mit Feldern für Absender, Empfänger, Betreff und Text.
Von: schmied@aaz.de
An: alle@aaz.de
Betreff: DRINGEND: Vorgang 2847/B — Sofortige Bearbeitung erforderlich
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
hiermit weise ich auf die Notwendigkeit der sofortigen Bearbeitung des oben genannten Vorgangs hin. Die zeitliche Komponente erfordert unverzügliches Handeln. Die erforderlichen Unterlagen (Formular 7b, dreifache Ausfertigung) sind beigefügt. Für Rückfragen stehe ich in Zimmer 601 zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen,
H. Schmied
Sachbearbeiter für besondere Vorgänge
Abteilung 6
Thomas las den Entwurf und spürte, wie sich die Puzzleteile nicht zusammenfügten — nicht im Sinne von „sie passten nicht", sondern im Sinne von „sie fügten sich zu einem Bild, das mehr Fragen aufwarf als ein leeres Puzzle." Die E-Mail. Die E-Mail, die Thomas vor Wochen erhalten hatte. Die E-Mail, mit der alles begonnen hatte — „DRINGEND: Vorgang 2847/B" —, die in seinem Posteingang aufgetaucht war wie ein Geist in einem Korridor. Schmied hatte sie geschrieben. Hier, in diesem Büro, an diesem Computer.
Aber der Entwurf war fünfzehn Jahre alt. Die Datei zeigte als Erstellungsdatum denselben 14. März wie das Formular auf dem Schreibtisch. Vor fünfzehn Jahren.
Wie konnte eine E-Mail, die vor fünfzehn Jahren verfasst worden war, erst vor wenigen Wochen in Thomas’ Posteingang ankommen? E-Mail-Server hatten keine Warteschlange, die fünfzehn Jahre umfasste. Das Internet vergaß vieles, aber es verzögerte nichts um anderthalb Jahrzehnte. Selbst die Deutsche Post — bekannt für ihre kreative Interpretation von Lieferzeiten — schaffte selten mehr als drei Wochen.
Thomas lehnte sich in dem Stuhl zurück. Es war der Stuhl aus Zimmer 601, der Stuhl hinter Schmieds Schreibtisch, und er — Thomas bemerkte es mit einer Mischung aus Überraschung und irrationaler Erleichterung — quietschte nicht. Er war still. Er war so still, wie ein Stuhl sein sollte und wie Thomas’ eigener Stuhl nie gewesen war. Es war ein Stuhl, der seinen Job verstand und ihn schweigend erledigte. Ein professioneller Stuhl. Ein Stuhl der Abteilung 6.
Thomas saß eine Weile in der Stille. Er betrachtete das Einhorn-Poster an der Wand. Er betrachtete das Formular auf dem Schreibtisch. Er betrachtete den Bildschirm, auf dem der E-Mail-Entwurf noch geöffnet war. Er betrachtete die tote Pflanze, die vielleicht doch nur schlief.
Dann fiel sein Blick auf etwas, das er bisher übersehen hatte. Neben dem Computer, halb verdeckt von der Tastatur, lag ein kleines Buch. Nicht groß — eher ein Notizbuch, gebunden in dunkles Leder, abgegriffen an den Rändern. Thomas zog es hervor und schlug es auf.
Die erste Seite war leer. Die zweite ebenfalls. Auf der dritten Seite stand, in Schmieds Handschrift:
Die Bearbeitung des Vorgangs wird fortgesetzt. Es braucht nur den Richtigen.
Thomas schlug weiter. Die restlichen Seiten waren leer.
Er klappte das Notizbuch zu. Er legte es zurück neben die Tastatur. Er fuhr den Computer herunter — ordnungsgemäß, über das Startmenü, denn Thomas fuhr Computer nicht einfach aus, Thomas beendete Sitzungen — und stand auf.
Der Stuhl schwieg.
Thomas verließ Zimmer 601, ging die knarrende Holztreppe hinunter, durchschritt die Tür mit der Aufschrift „Kein Zutritt — Haustechnik", stieg die Betontreppe hinab — fünf Stockwerke, nicht sechs, denn hinter der Tür zur Haustechnik hörte die offizielle Zählung auf — und betrat den dritten Stock.
Sein Büro. Sein Stuhl. Sein quietschender, normaler, verlässlich defekter Stuhl.
Thomas setzte sich. Der Stuhl quietschte. Er öffnete seinen Posteingang.
Eine neue E-Mail.
Absender: schmied@aaz.de
Betreff: RE: DRINGEND: Vorgang 2847/B
Kein Inhalt. Kein Text, kein Anhang, keine Signatur. Nur der Betreff, das „RE:", und die Leere.
Thomas sah auf die Uhrzeit der E-Mail. Sie war vor drei Minuten gesendet worden.
Von einem Computer, der seit fünfzehn Jahren ausgeschaltet gewesen war.
Von einem Computer, den Thomas gerade eingeschaltet — und wieder heruntergefahren hatte.