Kapitel 35

Das Budget

Es stellte sich heraus, dass ein Untersuchungsausschuss, selbst einer, der bislang lediglich beschlossen hatte, einen Termin für seine nächste Sitzung zu finden, ein Budget benötigte. Thomas erfuhr dies am Montag durch eine E-Mail von Herrn Kettner, die mit der Betreffzeile „DRINGEND: Budget UA-2847/B-1" begann, was Thomas an die ursprüngliche E-Mail erinnerte, die alles ausgelöst hatte, und ihn für einen Moment in eine existenzielle Spirale stürzte, aus der er sich nur durch einen beherzten Schluck Kaffee befreien konnte.

Das Budget, erklärte Kettner in seiner E-Mail, die mit zwölf Absätzen deutlich umfangreicher war als der gesamte bisherige Sachstandsbericht zum Vorgang 2847/B, sei für die „materielle Ausstattung des Untersuchungsausschusses" vorgesehen. Was die materielle Ausstattung umfasste? Ordner. Post-its. Kugelschreiber. Möglicherweise einen Locher, falls der vorhandene Locher nicht den Anforderungen entsprach, was Kettner für wahrscheinlich hielt, da der Locher im Besprechungsraum 7 nur zwei Löcher stanzte, die Ordner des Untersuchungsausschusses aber vier Löcher erforderten. Die Beschaffung eines Vierlochlochers sei — und hier zitierte Kettner die Beschaffungsrichtlinie des AAZ — „als Neuanschaffung über den regulären Budgetprozess zu beantragen."

Der Budgetantrag erforderte ein Formular.

Thomas wusste, bevor er weiterlesen musste, welches Formular es war. Er wusste es mit der Gewissheit eines Mannes, der zu oft gegen dieselbe Glastür gelaufen ist, um sie noch übersehen zu können. Und er hatte recht.

Formular 7b.

Thomas’ Verhältnis zu Formular 7b hatte sich in den vergangenen Wochen von professioneller Gleichgültigkeit über widerwilligen Respekt zu etwas entwickelt, das man am besten als „emotional belastet" beschreiben konnte. Er hatte das Formular mittlerweile sechsmal ausgefüllt — dreimal für Frau Dr. Winterkorn, einmal für seinen eigenen Bericht, einmal versehentlich und einmal im Traum, wobei er im Traum an Feld 14b gescheitert war und weinend aufgewacht war, ein Detail, das er Frau Möbius und Herrn Brinkmann anvertraut hatte, die ihm die Anteilnahme zweier Wesen entgegenbrachten, die nicht wussten, was ein Formular war, und genau deshalb in der Lage waren, echtes Mitgefühl zu zeigen.

Er druckte Formular 7b aus. Es war wie das Wiedersehen mit einem alten Feind, einem Feind, den man nicht hasste, sondern fürchtete, nicht wegen seiner Stärke, sondern wegen seiner unerschütterlichen Beharrlichkeit. Das Formular lag vor ihm auf dem Schreibtisch. Elf Seiten. Zweihundertdreizehn Felder. Eine Fußnote, die auf eine andere Fußnote verwies, die auf eine Anlage verwies, die es nicht gab.

Thomas begann auszufüllen. Feld 1: Name des Antragstellers. Feld 2: Dienstbezeichnung. Feld 3: Organisationseinheit. Felder 4 bis 13: diverse administrative Angaben, die Thomas mittlerweile auswendig kannte wie ein Pianist seine Etüden. Dann Feld 14a: „Zweck des Antrags." Thomas schrieb: „Beschaffung von Büromaterial für den Untersuchungsausschuss UA-2847/B-1."

Dann Feld 14b.

Feld 14b. Das Feld, das Thomas verfolgte. Das Feld, das in seinen Träumen auftauchte. Das Feld, das fragte: „Gegenstandswert des zu untersuchenden Vorgangs."

Thomas betrachtete das Feld. Das Feld betrachtete Thomas. Zwischen ihnen lag die Stille zweier Kontrahenten, die einander seit langem kannten.

Was war der Gegenstandswert des Vorgangs 2847/B? Thomas hatte keine Ahnung. Der Vorgang bestand aus einer E-Mail ohne Absender, einem Anhang, der sich nicht öffnen ließ, einer Reihe kryptischer Hinweise und der Entdeckung, dass ein pensionierter Sachbearbeiter möglicherweise nicht pensioniert war. Was war der monetäre Wert einer solchen Kette von Nichterereignissen? Konnte man Verwirrung in Euro beziffern? Gab es einen Wechselkurs für existenzielle Verunsicherung?

Thomas schrieb: „Unbekannt."

Er reichte das Formular ein. Einreichung bedeutete im AAZ: ausdrucken, unterschreiben, scannen, per E-Mail senden und das Original in den Ausgangskorb legen, von wo es auf dem Postweg an die Haushaltsabteilung gelangte, die es prüfte, stempelte und zurücksandte. Der Prozess dauerte normalerweise drei bis fünf Werktage. Die Antwort kam nach vier Stunden. Kettner musste die Sache als dringend markiert haben, was im AAZ normalerweise bedeutete, dass etwas innerhalb eines Monats statt innerhalb eines Quartals bearbeitet wurde, in diesem Fall aber offenbar eine beschleunigende Wirkung entfaltet hatte, die Thomas an ein Wunder grenzen sah.

Die Antwort lautete: „Abgelehnt. Begründung: ‚Unbekannt’ ist kein Betrag."

Thomas starrte auf die Ablehnung. Sie war auf dem offiziellen Briefkopf der Haushaltsabteilung verfasst, unterschrieben von Frau Kleist, deren Unterschrift aussah wie ein EKG-Befund, und mit dem Stempel „Nicht genehmigungsfähig" versehen, einem Stempel, der in der Haushaltsabteilung vermutlich häufiger zum Einsatz kam als die Kaffeemaschine.

Thomas nahm ein neues Formular. Er füllte die Felder 1 bis 14a identisch aus. Bei Feld 14b schrieb er: „0,00 Euro."

Er reichte das Formular ein.

Die Antwort kam nach drei Stunden. „Abgelehnt. Begründung: Nullbeträge sind nicht budgetfähig. Ein Budgetantrag setzt einen positiven Budgetbedarf voraus. Bei einem Gegenstandswert von null Euro entfällt die Notwendigkeit einer Budgetierung."

Thomas lehnte sich zurück. Sein Stuhl quietschte. Es klang mitfühlend.

Die Logik war — und das war das Verstörende daran — einwandfrei. Wenn etwas nichts wert war, brauchte man kein Budget, um es zu untersuchen. Dass man dennoch Ordner, Post-its und einen Vierlochlocher brauchte, um nichts zu untersuchen, fiel durch das Raster der bürokratischen Logik wie Wasser durch ein Sieb, das nur für Öl konstruiert worden war.

Thomas nahm ein drittes Formular. Er füllte die Felder 1 bis 14a aus, wobei seine Handschrift bei jedem Durchgang etwas weniger sorgfältig wurde, als wolle seine Hand gegen die Wiederholung protestieren. Bei Feld 14b hielt er inne.

Null war zu wenig. Unbekannt war kein Betrag. Was lag dazwischen? Was war der kleinstmögliche Betrag, der gleichzeitig positiv und realistisch war und dennoch die Tatsache widerspiegelte, dass der Gegenstandswert des Vorgangs 2847/B in etwa so greifbar war wie der Duft einer Erinnerung an einen Traum?

Thomas schrieb: „0,01 Euro."

Ein Cent. Der kleinste Betrag, der im deutschen Währungssystem existierte. Ein Betrag, der zu gering war, um ihn vom Boden aufzuheben, der aber — und darauf kam es an — positiv war. Positiv und budgetfähig.

Er reichte das Formular ein.

Die Minuten vergingen. Thomas arbeitete. Er bearbeitete Vorgang 2846/A, der die Neuordnung der Büromaterialbestellung betraf und der, wie Thomas mit bitterer Ironie feststellte, genau das Büromaterial betraf, das er gerade per Formular 7b zu beschaffen versuchte. Er trank Kaffee. Er schaute aus dem Fenster. Das Alpaka stand im Innenhof und kaute. Es kaute mit jener meditativen Gelassenheit, die Thomas in diesem Moment als erstrebenswert empfand.

Die Antwort kam kurz vor Feierabend. Thomas öffnete die E-Mail. Er las sie einmal. Dann las er sie noch einmal, langsamer, als müsse er jeden Buchstaben einzeln identifizieren, um sicherzugehen, dass sein Gehirn ihm keinen Streich spielte.

„Genehmigt. Budget für UA-2847/B-1: 0,01 Euro. Bitte beachten Sie, dass Ausgaben den genehmigten Rahmen nicht überschreiten dürfen. Rechnungen sind unter Angabe des Aktenzeichens bei der Haushaltsabteilung einzureichen."

Thomas lehnte sich zurück. Sein Budget betrug einen Cent. Einen einzigen, einsamen, mutigen Cent. Davon konnte er keinen Ordner kaufen. Keinen Kugelschreiber. Kein Post-it. Und schon gar keinen Vierlochlocher. Er konnte sich davon, wenn er sehr genau rechnete, ein einziges Blatt Papier aus dem Recyclingpapierspender im Flur leisten, dessen Nutzung eigentlich kostenlos war.

Aber das Budget war genehmigt. Es existierte. Der Untersuchungsausschuss UA-2847/B-1 war, mit einem Budget von einem Cent, offiziell und formell die am geringsten finanzierte Untersuchung in der Geschichte des deutschen öffentlichen Dienstes.

Thomas schaltete seinen Computer aus. Er stand auf. Sein Stuhl quietschte.

Im Flur traf er Frau Behrens-Goldbach, die auf dem Weg nach Hause war.

„Wie viel?", fragte sie, ohne weitere Erklärung.

„Ein Cent", sagte Thomas.

Frau Behrens-Goldbach nickte, als hätte sie nichts anderes erwartet.

„Schmied hatte damals", sagte sie beiläufig, während sie ihren Mantel zuknöpfte, „übrigens ein Budget von null. Und hat trotzdem einen Ordner bestellt."

Thomas blieb stehen. „Wie?"

Aber Frau Behrens-Goldbach war bereits im Treppenhaus verschwunden, und die einzige Antwort war das Echo ihrer Schritte auf den Stufen, das sich anhörte wie ein Metronom, das die verbleibende Zeit bis zur nächsten Unmöglichkeit zählte.