Kapitel 38

Das Protokoll

Die zweite Sitzung des Untersuchungsausschusses UA-2847/B-1 fand an einem Dienstag statt, was Thomas insofern erstaunte, als das Doodle — jenes Doodle mit siebenundvierzig Zeitfenstern, von denen keines allen Beteiligten passte — eigentlich auf einen Mittwoch hinausgelaufen war, dann auf einen Donnerstag korrigiert wurde, dann auf den darauffolgenden Montag verschoben und schließlich, durch eine Kette von E-Mails, Gegenmails, Rückfragen und einer Abwesenheitsnotiz von Herrn Pflüger, die lediglich aus dem Satz „Bin am Dach" bestand, auf den heutigen Dienstag gelegt wurde. Thomas hatte den Überblick über die Terminverschiebungen am dritten Tag verloren und war schlicht jeden Morgen in Besprechungsraum 7 gegangen, um zu prüfen, ob jemand dort saß. Heute saß jemand dort.

Frau Dr. Winterkorn war bereits anwesend, als Thomas den Raum betrat. Sie saß am selben Platz wie beim letzten Mal — am nicht existierenden Kopfende des ovalen Tisches — und hatte ihren Aktenordner vor sich aufgeschlagen. Die farbigen Reiter leuchteten unter der Neonbeleuchtung wie kleine, wohlorganisierte Warnsignale. Neben dem Aktenordner lag das Protokoll der ersten Sitzung, ausgedruckt und mit handschriftlichen Anmerkungen versehen, die in roter Tinte verfasst waren, was Thomas als juristisches Kriegsrecht deutete.

Kettner kam pünktlich. Er trug dieselbe Mappe wie beim letzten Mal, die nun noch dicker war, was Thomas’ Theorie vom leeren Papier zunehmend infrage stellte. Frau Behrens-Goldbach erschien eine Minute nach vierzehn Uhr und setzte sich schweigend auf ihren Platz. Herr Pflüger kam sieben Minuten zu spät, was offenbar sein Standard war, und trug erneut Blaumann. Auf seinem linken Ärmel befand sich ein Fleck, der entweder Farbe oder Rost oder etwas Drittes war, das Thomas nicht identifizieren wollte.

„Punkt 1: Eröffnung der Sitzung", sagte Kettner. „Die Sitzung ist eröffnet."

„Punkt 2: Feststellung der Anwesenheit." Er verlas die Namen. Alle antworteten. Herr Pflüger antwortete: „Leider ja."

„Punkt 3: Besprechung des Protokolls der ersten Sitzung."

Frau Dr. Winterkorn schob ihre Brille zurecht. Es war dieselbe minimale Geste wie beim letzten Mal, und Thomas bereitete sich innerlich auf das vor, was kommen würde, so wie man sich auf einen Zahnarzttermin vorbereitet: mit der Gewissheit, dass es unangenehm werden würde, und der schwachen Hoffnung, dass es schnell ginge.

„Im Protokoll", sagte Frau Dr. Winterkorn, „steht auf Seite eins, Absatz drei, Satz zwei: ‚Die erste Sitzung des Untersuchungsausschusses fand am Donnerstag, dem —’" — sie nannte das Datum — „‘statt.’"

Kettner nickte. „Korrekt."

„Es war kein Donnerstag."

Stille.

Kettner konsultierte seinen Kalender. Er konsultierte ihn lange. Er konsultierte ihn so lange, dass Thomas den Verdacht hegte, Kettner lese nicht den Kalender, sondern suche in dessen Tiefen nach einer Realität, in der es tatsächlich ein Donnerstag gewesen war.

„Es war ein Donnerstag", sagte Kettner. „Ich habe den Raum für Donnerstag gebucht."

„Die Buchung", sagte Frau Dr. Winterkorn und zog ein Blatt aus ihrem Aktenordner — grüner Reiter, dritter von links —, „wurde am Mittwoch vorgenommen, für denselben Tag. Sie haben den Raum am Mittwoch für Mittwoch gebucht. Die Sitzung fand am Mittwoch statt."

Thomas meldete sich zu Wort. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Donnerstag war. Ich habe am Vorabend den Bericht fertiggestellt, und das war ein Mittwochabend."

Frau Behrens-Goldbach schwieg. Sie schwieg auf jene Art, die anzeigte, dass sie eine Meinung hatte, diese aber für den richtigen Moment aufsparte, wie ein Trumpf, den man erst spielt, wenn er die größtmögliche Wirkung entfaltet.

„Es war Freitag", sagte Kettner plötzlich. Er sagte es mit der Überzeugung eines Mannes, der soeben eine neue Wahrheit entdeckt hat und noch nicht bemerkt hat, dass sie mit den beiden vorherigen Wahrheiten kollidiert. „Ich erinnere mich jetzt. Freitag. Weil ich danach direkt in die Kantine ging und es Freitags-Fischstäbchen gab."

„Die Kantine serviert donnerstags Fischstäbchen", sagte Thomas.

„Seit wann?"

„Seit ich denken kann."

Kettner und Thomas sahen einander an. Es war einer jener Momente, in denen zwei Menschen feststellen, dass ihre jeweiligen Erinnerungen an die Wirklichkeit in einem zentralen Punkt auseinandergehen und dass es keine höhere Instanz gibt, die den Konflikt auflösen könnte — denn die Kantine hatte keinen Speiseplan, der weiter als eine Woche zurückreichte, und selbst der aktuelle Speiseplan war, was die Wochentage betraf, eher als Richtlinie denn als Gesetz zu verstehen.

Frau Dr. Winterkorn machte eine Notiz. Die rote Tinte kratzte über das Papier. Es klang wie eine Anklage.

„Können wir uns darauf einigen", sagte sie, „dass die erste Sitzung an einem Werktag stattfand?"

Kettner dachte nach. Thomas dachte nach. Herr Pflüger, der die gesamte Diskussion mit der Miene eines Mannes verfolgt hatte, der bei einer Zaubershow in der ersten Reihe sitzt und sich fragt, wann endlich der Hase kommt, sagte: „Es war auf jeden Fall kein Samstag."

„Gut", sagte Frau Dr. Winterkorn. „Ich protokolliere: ‚Es wird festgehalten, dass die erste Sitzung an einem Werktag stattfand.’ Können wir fortfahren?"

Es konnte fortgefahren werden. Allerdings nicht weit, denn auf Seite zwei des Protokolls hatte Frau Dr. Winterkorn eine weitere Unstimmigkeit entdeckt — die Schreibweise von Thomas’ Doppelname enthielt einen Bindestrich, der im Verzeichnis des AAZ als Halbgeviertstrich geführt wurde, im Protokoll jedoch als einfacher Bindestrich erschien, was, wie Frau Dr. Winterkorn erklärte, „in einem offiziellen Dokument nicht akzeptabel" sei. Es folgte eine zwölfminütige Diskussion über Bindestriche, Halbgeviertstriche und Geviertstriche, an deren Ende Thomas Dinge über Typografie wusste, die er nie hatte wissen wollen.

Dann, nach siebenunddreißig Minuten, wurde Punkt 4 der Tagesordnung aufgerufen: „Sachstandsbericht."

Kettner blickte zu Thomas. Thomas blickte auf seine Unterlagen. Er hatte den Bericht erweitert. Er umfasste nun drei Absätze. Er trug sie vor. Als er fertig war, herrschte jene Art von Stille, die eintritt, wenn ein Publikum nicht sicher ist, ob das Stück zu Ende ist oder ob gerade eine besonders lange Kunstpause stattfindet.

„Das war’s?", fragte Kettner.

„Das sind die gesicherten Fakten."

Frau Dr. Winterkorn machte eine Notiz. Dann blickte sie auf.

„Herr Pflüger", sagte sie. „Ich habe eine Frage an Sie."

Herr Pflüger, der gerade einen Fleck auf seinem Ärmel untersuchte, sah auf. „Ja?"

„Sie sind Mitglied dieses Ausschusses."

„Das sagen alle. Ich verstehe immer noch nicht, warum."

„Sie sind Zeuge."

„Wovon?"

Frau Dr. Winterkorn lächelte. Es war dasselbe Lächeln wie beim letzten Mal, das Lächeln einer Schachspielerin, und Thomas fragte sich, wie viele Züge sie vorausberechnet hatte. Fünf? Zehn? Alle?

„Das wird sich zeigen", sagte sie.

Herr Pflüger öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, dann schloss er ihn wieder. Es war, als hätte er beschlossen, dass Widerspruch gegen Frau Dr. Winterkorn eine Tätigkeit war, für die er nicht bezahlt wurde.

Punkt 5: Verschiedenes. Kettner fragte, ob jemand etwas unter „Verschiedenes" vorzubringen habe. Frau Behrens-Goldbach hob die Hand.

„Ich habe in den Personalakten recherchiert", sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, sachlich, die Stimme einer Frau, die einen Satz einleitete, als berichte sie über das Wetter, obwohl der Satz die Schwere eines Gewitters trug. „Herr Schmied wird in den Akten nicht als ‚im Ruhestand’ geführt."

Kettner runzelte die Stirn. „Sondern?"

„Dauerhaft abwesend."

Eine Pause. Sie war lang genug, dass Thomas das Summen der Neonröhre hören konnte, ein dünnes, beharrliches Summen, das an die Grenze zwischen hörbar und eingebildet grenzte.

„Das ist doch dasselbe", sagte Kettner.

„Nein", sagte Frau Dr. Winterkorn, und ihre Stimme hatte die Schärfe eines Skalpells. „Das ist es nicht. ‚Im Ruhestand’ ist ein personalrechtlicher Status. ‚Dauerhaft abwesend’ ist eine Aufenthaltsbeschreibung. Das eine beendet ein Dienstverhältnis. Das andere lässt es offen."

Kettner klappte seine Mappe zu. Es war eine Geste der Ratlosigkeit, verkleidet als Geste der Entschiedenheit.

„Punkt 6: Die Sitzung ist geschlossen", sagte er, obwohl er Punkt 5 nicht förmlich abgeschlossen hatte und Punkt 6 eigentlich die Schließung war und nicht die Ankündigung derselben, aber die Formulierung kam aus einem Reflex, und Reflexe waren — so Thomas’ Erfahrung — die ehrlichsten aller menschlichen Handlungen.

Die Anwesenden standen auf. Thomas packte seine drei Absätze ein. Herr Pflüger murmelte etwas über Heizkörper. Frau Behrens-Goldbach verließ den Raum, ohne sich umzusehen.

Dauerhaft abwesend.

Nicht im Ruhestand.

Thomas ging den Flur entlang, und die Neonröhren über ihm summten, als wüssten auch sie etwas, das sie nicht sagen konnten.