Kapitel 39

Der USB-Stick

Thomas betrat den Fahrstuhl um sieben Uhr achtundvierzig, fünf Minuten vor seiner üblichen Ankunftszeit, was in seinem sorgfältig kalibrierten Tagesablauf einer tektonischen Verschiebung gleichkam. Er hatte heute ausnahmsweise den Fahrstuhl gewählt, weil der sechste Stock — der Stock, der nicht existierte, aber eine Taste im Fahrstuhl hatte, wenn man wusste, wo man drücken musste — über die Treppe nur schwer zu erreichen war, da das Treppenhaus im fünften Stock endete, als hätte der Architekt irgendwann das Interesse verloren.

Der Fahrstuhl summte. Thomas drückte die Taste, die kein Etikett trug — jene Stelle zwischen dem fünften Stock und dem Notfallknopf, die er bei seinem letzten Besuch entdeckt hatte. Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Er fuhr nach oben, vorbei am ersten, zweiten, dritten, vierten und fünften Stock, und dann weiter, in eine Region, die im Fahrstuhlschacht nicht vorgesehen war und die dennoch existierte, wie ein Postskriptum in einem Brief, das wichtiger ist als der Brief selbst.

Die Tür öffnete sich. Sechster Stock. Der Flur war, wie Thomas ihn in Erinnerung hatte: lang, schmal, mit Linoleumboden, der eine andere Farbe hatte als in den übrigen Stockwerken — ein dunkleres Grau, als wäre hier eine andere Charge verlegt worden, oder als wäre das Licht hier ein wenig müder als anderswo. Die Neonröhren flackerten nicht. Sie brannten stetig, was Thomas überraschte, denn Neonröhren in Ämtern flackerten grundsätzlich, als wäre das Flackern eine Vorbedingung für ihre Inbetriebnahme.

Zimmer 601. Die Tür war geschlossen, aber nicht abgeschlossen. Thomas trat ein.

Der Raum war unverändert. Schreibtisch, Stuhl, Monitor, Tastatur, Maus. Das Einhorn-Poster an der Wand. Staub. Stille. Die Sorte von Stille, die sich in einem Raum ansammelt, der seit Jahren nicht betreten wird, eine Stille, die sich in den Ecken niederlässt wie Sediment auf einem Flussbett.

Thomas ging zum Schreibtisch. Er legte seine Aktentasche ab und begann systematisch. Schublade eins: leer. Schublade zwei: leer. Schublade drei: Büroklammern. Achtzehn Stück, silbern, in einer Anordnung, die entweder zufällig war oder einem Muster folgte, das Thomas nicht erkannte. Schublade vier: leer.

Kein USB-Stick.

Thomas ging in die Knie und schaute unter den Schreibtisch. Kabel. Staubflocken. Ein Kronkorken, der von einem Getränk stammte, das es nicht mehr gab — Thomas erkannte die Marke, eine Limonade, die in den Neunzigern populär gewesen war und die sein Vater manchmal getrunken hatte. Aber kein USB-Stick.

Er stand auf und betrachtete das Einhorn-Poster. Es hing leicht schief. Thomas hatte es beim letzten Besuch nicht berührt, aber es hing schief, als hätte jemand kürzlich dahinter geschaut und das Poster nicht korrekt zurückgehängt. Thomas hob eine Ecke an. Dahinter: Wand. Weiß gestrichene, leere, ausdruckslose Wand. Kein Geheimfach, kein verstecktes Dokument, kein an die Wand geklebter USB-Stick. Nur Wand.

Thomas ließ das Poster los. Es schwang sanft zurück und hing jetzt noch etwas schiefer als zuvor. Thomas betrachtete es und empfand einen Anflug von Schuld, als hätte er das Einhorn beleidigt.

Er durchsuchte den Rest des Raumes. Hinter dem Monitor: nichts. Unter der Tastatur: nichts. Im Papierkorb — einem kleinen, grauen Papierkorb, der unter dem Schreibtisch stand und der, wie Thomas feststellte, keinen einzigen Gegenstand enthielt, als wäre er seit fünfzehn Jahren nicht benutzt worden, was vermutlich stimmte: nichts.

Thomas setzte sich auf den Stuhl. Es war Schmieds Stuhl, und er quietschte nicht. Thomas registrierte dies mit einer Mischung aus Neid und Verwirrung. Wie konnte ein Bürostuhl, der fünfzehn Jahre unbenutzt in einem verlassenen Zimmer gestanden hatte, weniger quietschen als sein eigener, der regelmäßig von Herrn Pflüger inspiziert wurde?

Er blickte aus dem Fenster. Der Innenhof. Die drei Büsche. Das Alpaka stand dort, wie immer, wie ein Möbelstück, das jemand im Hof vergessen hatte und das sich seither weigerte, wegzugehen. Es kaute. Thomas beobachtete es. Das Alpaka beobachtete ihn nicht, aber Thomas hatte das Gefühl, dass es wusste, dass er dort oben saß, in demselben Zimmer, in dem Schmied vor fünfzehn Jahren ein Foto gemacht hatte, auf dem ein Alpaka zu sehen war.

Thomas gab auf.

Er verließ Zimmer 601, schloss die Tür hinter sich — sie schloss nicht richtig, das hatte sie auch beim letzten Mal nicht getan — und ging zum Fahrstuhl. Er drückte den Knopf. Der Fahrstuhl kam. Er stieg ein und fuhr nach unten, in die Welt der nummerierten Stockwerke, der existierenden Flure und der quietschenden Stühle.

Im dritten Stock stieg er aus und traf auf dem Flur Herrn Pflüger, der einen Werkzeugkasten trug, der größer war als er selbst, und der trotzdem mit einer Geschwindigkeit unterwegs war, die darauf hindeutete, dass er entweder auf dem Weg zu einem Notfall war oder vor einem davonlief.

„Pflüger!", rief Thomas.

Herr Pflüger blieb stehen. Er blieb stehen, wie ein Schiff stoppt: langsam und mit dem Eindruck, dass die Trägheit der Ladung ihn noch einige Schritte vorwärtstrug.

„Ah. Müller-Hinterberg."

„Sie haben neulich im Ausschuss gesagt — ich meine, Sie sind Hausmeister, Sie kennen das Gebäude besser als jeder andere —"

„Was soll die Einleitung? Was brauchen Sie?"

Thomas schätzte die Direktheit. „Haben Sie in letzter Zeit irgendwo einen roten USB-Stick gefunden?"

Herr Pflüger stellte den Werkzeugkasten ab. Er stellte ihn mit der Behutsamkeit eines Mannes ab, der etwas Schweres trägt und jeden Moment der Entlastung genießt. Dann kratzte er sich am Kinn. Es war eine Geste, die Thomas mittlerweile als Pflügers Version von Nachdenken identifiziert hatte.

„Roten USB-Stick", wiederholte Pflüger.

„Ja. Rot. Mit einem Etikett."

„Hm." Pflüger dachte nach. Er dachte sichtbar nach, das heißt, sein Gesicht vollführte eine Reihe von Bewegungen, die den Denkprozess begleiteten wie ein Dirigent ein Orchester. „Da war was. Vor ein paar Wochen. Oben, im — na ja, oben. Wo die Kabel sind."

„Im sechsten Stock?"

Pflüger zuckte die Schultern. „Oben halt. Lag auf dem Boden, im Flur. Hab ihn in die Fundkiste getan."

Thomas’ Herz beschleunigte. Nicht dramatisch — Thomas war kein Mann der dramatischen Herzbeschleunigungen —, aber messbar. „Die Fundkiste?"

„Im Keller. Im alten Archiv. Kennen Sie ja."

Thomas kannte das alte Archiv. Er kannte es besser, als er wollte. Es war ein Ort, den er mit Staub, Dunkelheit und dem vagen Gefühl verband, dass die Zeit dort anders verging als anderswo.

„Danke, Pflüger."

Pflüger hob den Werkzeugkasten wieder auf und setzte seinen Weg fort. Im Gehen rief er über die Schulter: „Nehmen Sie den Fahrstuhl nicht. Der spinnt heute. Zeigt nur UG2 an."

Thomas nahm die Treppe.

Das alte Archiv befand sich im Untergeschoss, hinter einer Tür, die einen Türknauf aus Messing hatte, der so blank poliert war, dass er in diesem Umfeld wirkte wie ein goldener Zahn in einem verfallenen Gebiss. Thomas öffnete die Tür. Der Geruch schlug ihm entgegen — Papier, Staub, und etwas, das entfernt an den Geruch erinnerte, den Bibliotheken haben, wenn sie älter sind als die meisten ihrer Besucher.

Die Fundkiste stand in einer Ecke, zwischen einem Metallregal voller Aktenordner aus den Neunzigern und einem Karton, der mit „Weihnachtsdeko 2007" beschriftet war. Es war eine große Plastikbox, durchsichtig, mit einem Deckel, der nicht richtig schloss. Thomas öffnete sie.

Dreihundertvierzig Gegenstände. Thomas zählte sie nicht — er schätzte, basierend auf dem Volumen der Box und der durchschnittlichen Größe der darin befindlichen Objekte —, aber die Zahl fühlte sich richtig an. Die Fundkiste enthielt: Schlüssel (achtzehn), Brillen (drei), Schals (vier), Handschuhe (sieben, keiner davon gepaart), Kugelschreiber (unzählbar), ein Taschenbuch, dessen Titel Thomas nicht lesen konnte, weil die Sonne — die es in diesem Kellerraum nicht gab — den Umschlag ausgebleicht hatte, ein Paar Ohrringe, ein Ladekabel für ein Mobiltelefon, das seit mindestens zehn Jahren nicht mehr hergestellt wurde, und eine kleine Plastikfigur, die entweder eine Giraffe oder ein schlecht verarbeitetes Pferd darstellte.

Keinen roten USB-Stick.

Thomas durchsuchte die Box systematisch. Er nahm jeden Gegenstand heraus, legte ihn auf den Boden, prüfte, ob darunter etwas lag, und legte ihn zurück. Es war eine Tätigkeit, die an archäologische Feldarbeit erinnerte, nur weniger glamourös und mit mehr Kugelschreibern. Nach zwanzig Minuten war die Box leer. Kein USB-Stick. Rot oder anders.

Thomas setzte sich auf den Boden des alten Archivs, zwischen dreihundertvierzig Fundstücken, die niemandem gehörten, und starrte in die Leere.

Der USB-Stick war nicht hier. Pflüger hatte ihn hierhin gebracht — davon war Thomas überzeugt —, aber jemand hatte ihn vorher herausgenommen. Jemand, der wusste, dass er hier lag. Jemand, der schneller gewesen war als Thomas.

In der Box, ganz unten, fand Thomas noch etwas: einen kleinen Zettel, gefaltet, der unter den letzten Gegenständen gelegen hatte. Er faltete ihn auf. Darauf stand, in vertrauter Handschrift:

„Danke fürs Suchen."

Thomas faltete den Zettel zusammen, steckte ihn in seine Brusttasche und verließ das Archiv. Im Flur vor dem Fahrstuhl leuchtete die Anzeige: „UG2." Nur UG2. Kein EG, kein OG, kein sechster Stock.

Thomas nahm die Treppe.