Kapitel 40

Der Keller

Thomas Müller-Hinterberg war kein Mann, der aufgab. Er war auch kein Mann, der nicht aufgab — er war, genau genommen, ein Mann, der aufgeben wollte, es aber nicht über sich brachte, weil sein Pflichtgefühl stärker war als sein Selbsterhaltungstrieb und weil er insgeheim fürchtete, dass das Aufgeben ein Formular erforderte, das er nicht kannte.

Die leere Fundkiste, der Zettel mit der Aufschrift „Danke fürs Suchen" — all das hätte ein vernünftiger Mensch als Zeichen gedeutet, dass es Zeit war, den Vorgang 2847/B ruhen zu lassen, die Aktenmappe zu schließen, den Untersuchungsausschuss seinen natürlichen Tod sterben zu lassen und das Leben eines normalen Sachbearbeiters wiederaufzunehmen, eines Lebens, in dem die größte tägliche Herausforderung die Kaffeemaschine war und nicht die Frage, ob ein pensionierter Kollege tatsächlich pensioniert war.

Aber Thomas war kein vernünftiger Mensch. Er war ein gründlicher Mensch. Und gründliche Menschen verließen Keller nicht, ohne sie vollständig durchsucht zu haben.

Er stand also im alten Archiv, umgeben von den dreihundertvierzig Gegenständen der Fundkiste, die er sorgfältig zurückgelegt hatte, und beschloss, den Keller zu erkunden. Nicht den Teil des Kellers, den er kannte — das alte Archiv, den Gang zum Heizungsraum, die Tür zur Tiefgarage —, sondern den Teil, den er nicht kannte, den Teil, der hinter den Regalen lag, wo das Neonlicht nicht mehr hinreichte und wo der Linoleumboden einem nackten Betonboden wich, als hätte die Zivilisation an einer bestimmten Linie aufgehört und dahinter das Unbekannte begonnen.

Thomas ging den Gang entlang, der vom alten Archiv in die Tiefe des Kellers führte. Die Neonröhren wurden seltener. Zuerst eine alle drei Meter, dann eine alle fünf, dann eine alle zehn. Sie summten. Es war nicht das Summen des Fahrstuhls — jenes wespische, aufdringliche Summen —, sondern ein tieferes, gleichmäßigeres Summen, das Summen von Maschinen, die seit Jahrzehnten liefen und die niemand abgeschaltet hatte, weil niemand wusste, dass sie liefen, oder weil die Abschaltung ein Formular erforderte.

Der Gang machte einen Knick nach links. Dann nach rechts. Dann abermals nach links, was Thomas an ein Labyrinth erinnerte, obwohl es kein Labyrinth war, sondern lediglich die Konsequenz einer Bauplanung, die offenbar von verschiedenen Architekten in verschiedenen Jahrzehnten durchgeführt worden war, ohne dass diese miteinander kommuniziert hätten.

An der hintersten Ecke, dort, wo der Gang eine Sackgasse zu sein schien, entdeckte Thomas eine Tür.

Er hatte diese Tür beim letzten Mal nicht gesehen. Das war möglich, weil er beim letzten Mal nicht so weit vorgedrungen war, oder weil die Tür beim letzten Mal nicht dagewesen war, was unwahrscheinlich, aber in einem Gebäude, das einen nicht existierenden sechsten Stock besaß, nicht gänzlich auszuschließen war.

Die Tür war aus Metall. Grau. Sie trug ein Schild, das in jener Schriftart beschriftet war, die die Verwaltung für alle Schilder verwendete — der mutlosen Arial:

SERVERRAUM — ZUTRITT NUR FÜR BEFUGTES PERSONAL

Thomas war nicht befugt. Er war Sachbearbeiter der Besoldungsgruppe A9, und sein Befugnisbereich umfasste das Ausfüllen von Formularen, die Bearbeitung von Vorgängen und gelegentlich das Leeren des Papierkorbs in seinem Büro, wenn die Reinigungskraft krank war. Der Zutritt zu Serverräumen fiel nicht in seinen Zuständigkeitsbereich. Er fiel, streng genommen, in niemandes Zuständigkeitsbereich, denn das AAZ hatte keine IT-Abteilung, sondern einen externen Dienstleister, der einmal im Quartal vorbeikam und Dinge tat, die niemand verstand, und danach wieder ging, wobei er eine Rechnung hinterließ, die ebenfalls niemand verstand.

Die Tür war offen.

Nicht angelehnt, nicht einen Spaltbreit geöffnet, sondern offen. Offen wie eine Einladung, die man nicht ausgesprochen hat, die aber im Raum steht wie ein Geruch, den man nicht ignorieren kann.

Thomas trat ein.

Der Serverraum war kühler als der Gang. Eine Klimaanlage — Thomas konnte sie hören, ein stetiges Rauschen, das an Meeresrauschen erinnerte, wenn man sich die Wellen als Daten und den Strand als einen Kellerraum vorstellte — hielt die Temperatur konstant. An den Wänden standen Racks, Metallgestelle voller Server, die blinkten. Grüne Lichter, rote Lichter, gelegentlich ein blaues, das aufleuchtete und erlosch wie ein Glühwürmchen in einem Stahlwald. Die Server summten. Es war ein anderes Summen als das der Neonröhren — voller, dichter, das Summen von Maschinen, die arbeiteten, die rechneten, die Daten verarbeiteten, die seit — Thomas rechnete — fünfzehn Jahren liefen, ohne dass jemand sie beachtet hatte.

Fünfzehn Jahre. Seit Schmieds „Ruhestand". Seit Schmieds „Versetzung". Diese Server liefen seit fünfzehn Jahren, in einem Keller, in einem Serverraum, den Thomas nie gesehen hatte, dessen Tür offen stand und den offenbar niemand betreute.

In der Mitte des Raumes — nicht ganz in der Mitte, etwas nach links versetzt, als hätte jemand ihn mit Absicht asymmetrisch platziert, um der geometrischen Perfektion eine menschliche Note zu verleihen — stand ein Schreibtisch. Er war kleiner als die Schreibtische in den Büros, eher ein Tisch als ein Schreibtisch, die Art von Möbelstück, das man in Nebenräume stellt, wenn man es aus einem Hauptraum entfernt hat. Auf dem Tisch stand ein Monitor, der ausgeschaltet war, und daneben lag — Thomas’ Blick blieb hängen wie eine Angel an einem Stein am Grund eines Flusses — ein USB-Stick.

Ein roter USB-Stick.

Thomas ging zum Tisch. Seine Schritte hallten auf dem Beton, und die Server summten, als kommentierten sie seinen Annäherungsversuch. Er blieb vor dem Tisch stehen und betrachtete den USB-Stick. Er war rot. Er hatte ein Etikett. Auf dem Etikett stand etwas.

Thomas beugte sich vor.

„2847B — FINAL."

Nicht „BACKUP." „FINAL."

Thomas’ Hand schwebte über dem USB-Stick. Er zögerte. Es war ein Zögern, das nichts mit Angst zu tun hatte — Thomas hatte keine Angst vor USB-Sticks, nicht einmal vor roten — und auch nichts mit Unsicherheit. Es war das Zögern eines Menschen, der spürt, dass der nächste Schritt ihn über eine Schwelle bringen wird, hinter der die Dinge anders sind als davor. Es war das Zögern vor dem Öffnen eines Briefes, von dem man weiß, dass er entweder sehr gute oder sehr schlechte Nachrichten enthält, und die Ungewissheit in diesem Moment erträglicher ist als jede Gewissheit.

Dann nahm er den USB-Stick. Er war leicht. Leichter, als Thomas erwartet hatte, obwohl er nicht hätte sagen können, was er erwartet hatte. Er steckte ihn in seine Hosentasche, neben das Bonbon, das er dort seit einer Woche trug und das langsam mit dem Stoff verwuchs.

Er drehte sich um.

Der Serverraum summte. Die Lichter blinkten. Alles war wie zuvor, und doch hatte sich etwas verschoben, etwas Unsichtbares, wie ein Möbelstück, das jemand zwei Zentimeter verrückt hat — man bemerkt den Unterschied nicht sofort, aber man stolpert.

Thomas verließ den Serverraum. Er ging den Gang zurück, vorbei an den seltener werdenden Neonröhren, vorbei am alten Archiv, zum Fahrstuhl. Die Anzeige leuchtete: „UG2." Nur UG2. Thomas drückte den Knopf. Nichts geschah. Er drückte erneut. Die Anzeige blinkte, als überlegte der Fahrstuhl, ob er kooperieren sollte, und entschied sich dagegen.

Thomas nahm die Treppe.

Er stieg die Stufen hinauf, eine nach der anderen, und jede Stufe brachte ihn näher an die Welt der Formulare, der Meetings und der quietschenden Stühle, weiter weg von der Welt der blinkenden Server und der offenen Türen. In seiner Hosentasche lag der USB-Stick, und er wog fast nichts, und doch spürte Thomas sein Gewicht mit jedem Schritt.

Im dritten Stock angekommen, ging er in sein Büro. Er setzte sich. Der Stuhl quietschte. Er schaltete den Computer ein. Er wartete die vier Minuten und zwölf Sekunden, die das Hochfahren dauerte. Dann holte er den USB-Stick aus der Tasche und betrachtete ihn.

„2847B — FINAL."

Nicht „BACKUP." Das Foto auf der alten Festplatte hatte einen USB-Stick mit der Aufschrift „BACKUP" gezeigt. Dieser hier sagte „FINAL." Es war ein anderer USB-Stick. Oder derselbe, umbenannt. Oder ein neuer, der den alten ersetzte. Oder etwas völlig anderes, das Thomas noch nicht verstand und möglicherweise nie verstehen würde.

Thomas steckte den USB-Stick nicht in den Computer. Noch nicht. Er legte ihn auf den Schreibtisch, neben seine Tastatur, und betrachtete ihn, wie man ein Rätsel betrachtet, das man nicht lösen kann und das man deshalb erst einmal in Ruhe anschaut, in der Hoffnung, dass es sich von selbst löst.

Draußen, im Innenhof, stand das Alpaka und kaute.

Die Server im Keller summten.

Und auf Thomas’ Schreibtisch lag ein roter USB-Stick, der „FINAL" versprach und damit mehr versprach, als Thomas zu hoffen wagte — denn „FINAL" bedeutete ein Ende, und Enden waren im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten die seltenste aller Erscheinungen.