Kapitel 43

Die wöchentliche Sitzung

Der Untersuchungsausschuss UA-2847/B-1 hatte sich, wie es das Wesen von Ausschüssen ist, verselbstständigt. Was als einmalige Zusammenkunft begonnen hatte, war zunächst zu einer regelmäßigen, dann zu einer wöchentlichen und schließlich zu einer Institution geworden, die ihren eigenen Besprechungsraum, ihren eigenen Tagesordnungspunkt in Herrn Kettners Kalender und — am beunruhigendsten — ihr eigenes Aktenzeichen hatte. Der Ausschuss war, um eine biologische Metapher zu bemühen, von einem einzelligen Organismus zu einem Wesen herangewachsen, das Meetings abhielt, Protokolle produzierte und nach Budget verlangte.

Die dritte wöchentliche Sitzung fand an einem Donnerstagvormittag statt, in Besprechungsraum B-07, einem Raum von jener trostlosen Funktionalität, die entsteht, wenn man einen Architekten bittet, einen Raum zu gestalten, in dem Menschen möglichst wenig denken sollen. Die Wände waren in einem Beigeton gestrichen, der in keinem Farbfächer der Welt einen Namen hatte, aber in jedem Amt der Welt als Standardfarbe galt. Ein Flipchart stand in der Ecke, auf dem noch die Überreste der letzten Besprechung zu sehen waren — ein Diagramm, das entweder einen Projektplan oder eine Wegbeschreibung zu einem Möbelhaus darstellte.

Thomas hatte seinen Bürostuhl mitgebracht. Dies war keine exzentrische Marotte, sondern ein Akt der Selbsterhaltung: Die Konferenzstühle in B-07 waren von einer Härte, die an mittelalterliche Foltermethoden erinnerte, und Thomas’ Rücken hatte nach der letzten Sitzung zwei Tage gebraucht, um ihm zu verzeihen. Sein eigener Stuhl — trotz des chronischen Quietschens und der Neigung, bei ruckartigen Bewegungen beunruhigende Geräusche von sich zu geben — war zumindest ein bekanntes Übel.

Frau Dr. Winterkorn war als Erste erschienen, was Thomas nicht überraschte. Dr. Winterkorn war immer als Erste da. Sie saß bereits an der Stirnseite des Tisches — obwohl der Vorsitzende Kettner war — und hatte drei Aktenordner, einen Laptop und einen Kugelschreiber vor sich aufgebaut, der die Farbe eines Richterhammers hatte und vermutlich auch so gemeint war.

Kettner kam als Zweiter, vier Minuten zu spät, was im AAZ als pünktlich galt. Frau Behrens-Goldbach kam als Dritte, mit einer Thermoskanne Kaffee, die sie mit niemandem teilte. Herr Pflüger kam als Vierter, setzte sich, zog einen Apfel aus der Tasche und biss hinein.

Thomas, der seinen Stuhl den Gang entlang und durch die Tür gerollt hatte, kam als Letzter. Er positionierte seinen Stuhl am Tisch und setzte sich. Der Stuhl quietschte. Dr. Winterkorn sah kurz auf, notierte etwas und sah wieder in ihre Akte.

„Dann eröffne ich die Sitzung", sagte Kettner. Er sagte es in einem Ton, der vermuten ließ, dass das Eröffnen einer Sitzung zu den Dingen gehörte, die er in einer früheren Existenz gern getan hatte, deren Reiz sich jedoch inzwischen erschöpft hatte. „Tagesordnungspunkt eins: Bericht des Sachverhaltsträgers."

Thomas räusperte sich. „Es gibt eine Entwicklung bezüglich des USB-Sticks."

Das Wort „USB-Stick" erzeugte im Raum eine Aufmerksamkeit, die Thomas an die Reaktion einer Hundemeute auf das Rascheln einer Leckerli-Tüte erinnerte.

„Im Kellerserverraum wurde, wie bekannt, ein roter USB-Stick mit der Beschriftung ‚FINAL’ sichergestellt", fuhr Thomas fort. Er verwendete bewusst das Wort „sichergestellt" statt „mitgenommen", weil „sichergestellt" nach Polizeiarbeit klang und „mitgenommen" nach etwas, das ein Formular erforderte, das er nicht hatte. „Der Stick ist passwortgeschützt. Fünf von sieben Passwortversuchen wurden aufgebraucht."

„Von wem?", fragte Dr. Winterkorn.

Thomas schwieg einen Moment zu lang.

„Von mir", sagte er.

Dr. Winterkorn notierte etwas. Die Art, wie sie den Kugelschreiber führte, vermittelte den Eindruck, dass sie nicht ein Wort aufschrieb, sondern ein Urteil fällte.

„Wo befindet sich der Stick gegenwärtig?", fragte sie.

„An einem sicheren Ort."

„Was für ein sicherer Ort?"

Thomas überlegte, ob „die zweite Schublade meines Schreibtischs, zwischen einem ausgetrockneten Textmarker und einem Garantieschein für einen Tacker, den ich nie besessen habe" als „sicherer Ort" qualifizierte. Er entschied, dass es nicht nötig war, ins Detail zu gehen. „Ein sicherer Ort."

Dr. Winterkorn legte ihren Kugelschreiber ab. Es war jene Art, einen Kugelschreiber abzulegen, die signalisierte, dass die nächsten Worte bedeutsam sein würden. „Der Stick muss beweissicher asserviert werden."

„Asserviert?", fragte Kettner.

„Asserviert. Gemäß Verfahrensordnung UA Paragraph 14, Absatz 3: Beweismittel sind in geeigneter Weise sicherzustellen und zu dokumentieren."

Kettner nickte langsam. „Gibt es dafür ein Formular?"

Thomas schloss die Augen. Nicht lange genug, um als Einschlafen interpretiert zu werden, aber lange genug, um innerlich einen Seufzer zu unterdrücken, der die strukturelle Integrität des Besprechungsraums gefährdet hätte.

„Formular 7b-Sonderausführung", sagte Dr. Winterkorn, ohne zu zögern. „Für die Asservierung von Datenträgern."

„Es gibt eine Sonderausführung von Formular 7b?", fragte Thomas.

„Es gibt sieben Sonderausführungen von Formular 7b", erwiderte Dr. Winterkorn mit einem Ton, der nahelegte, dass Thomas’ Unkenntnis ein persönliches Versagen darstellte. „7b-S1 für Schriftstücke. 7b-S2 für Gegenstände. 7b-S3 für Datenträger. 7b-S4 für biologische Proben. 7b-S5 für —"

„Biologische Proben?", unterbrach Pflüger, zum ersten Mal am Gespräch teilnehmend.

„Das ist nicht unser Thema", sagte Kettner.

„Ich möchte festhalten", sagte Dr. Winterkorn, und wenn Dr. Winterkorn sagte, sie möchte etwas festhalten, dann wurde es festgehalten, ob man wollte oder nicht, „dass die Frage der Asservierung Vorrang hat."

„Vorrang wovor?", fragte Thomas.

„Vor dem Öffnen."

„Der Stick ist bereits geöffnet worden. Also — es wurde versucht, ihn zu öffnen."

„Ohne vorherige Asservierung?"

„Die Asservierung war zum Zeitpunkt des Öffnungsversuchs noch nicht angeordnet."

„Weil der Ausschuss noch nicht davon wusste."

„Weil der Ausschuss noch nicht davon wusste."

Dr. Winterkorn notierte etwas, das vermutlich länger war als alles, was Thomas in der letzten Woche geschrieben hatte.

Es folgte eine Diskussion. Sie dauerte vierzig Minuten. Vierzig Minuten, in denen fünf erwachsene Menschen — vier wache und ein schlafender, denn Pflüger hatte irgendwann zwischen Minute sieben und Minute neun den Apfel zu Ende gegessen und die Augen geschlossen — die Frage erörterten, ob ein USB-Stick, der bereits teilweise geöffnet worden war, noch asserviert werden konnte, oder ob die Asservierung eines teilweise geöffneten Datenträgers ein anderes Formular erforderte als die Asservierung eines ungeöffneten Datenträgers.

Dr. Winterkorn vertrat die Position, dass die Asservierung unabhängig vom Zustand des Sticks zu erfolgen habe. Kettner vertrat die Position, dass zunächst geklärt werden müsse, ob die Asservierung eine eigene Genehmigung erfordere. Frau Behrens-Goldbach vertrat keine Position, trank aber Kaffee in einer Weise, die andeutete, dass sie eine Position hatte, die sie für sich behielt. Thomas vertrat die Position, dass er gern nach Hause gehen würde.

In Minute achtunddreißig wachte Pflüger auf und sagte: „Man könnte auch einfach reinschauen."

Die Stille, die folgte, hatte die Qualität jener Stille, die entsteht, wenn jemand in einem Raum voller komplizierter Gedanken einen einfachen ausspricht. Es war die Stille des offensichtlich Vernünftigen, die in einem bürokratischen Kontext wirkt wie ein Fremdkörper in einem Uhrwerk — man sieht es, man erkennt es, man nimmt es zur Kenntnis, und dann ignoriert man es und dreht weiter an den Zahnrädern.

„Das Protokoll wird die Anmerkung von Herrn Pflüger vermerken", sagte Kettner diplomatisch.

Die Sitzung endete ohne Ergebnis, was — und dies war das eigentlich Bemerkenswerte — von niemandem als Problem empfunden wurde. Ein Ausschuss, der Ergebnisse produzierte, war im AAZ etwa so verbreitet wie ein Drucker, der ohne Papierstau funktionierte: theoretisch möglich, aber niemals beobachtet.

Thomas rollte seinen Stuhl zurück in sein Büro. Im Türrahmen drehte er sich um. Dr. Winterkorn stand noch am Tisch und ordnete ihre Akten. Sie sah auf und begegnete seinem Blick mit jenem Ausdruck, den Thomas nur als „staatsanwaltlich" beschreiben konnte.

„Herr Müller-Hinterberg", sagte sie. Ihre Stimme war leise genug, um vertraulich zu klingen, und fest genug, um unmissverständlich zu sein. „Ich möchte festhalten, dass jemand in diesem Raum mehr weiß, als er zugibt."

Thomas öffnete den Mund, schloss ihn wieder und rollte seinen quietschenden Stuhl wortlos den Flur hinunter.

Der Stuhl quietschte in einer Tonlage, die Thomas als Warnung interpretierte.