Kapitel 44

Der veränderte Betreff

Es gibt Dinge, die sich verändern, und Dinge, die sich nicht verändern. Die Steuergesetzgebung verändert sich. Die Farbe der Wände im AAZ verändert sich nicht. Das Wetter verändert sich. Die Qualität des Kantinenkaffees verändert sich nicht. Der Betreff einer E-Mail, so dachte Thomas Müller-Hinterberg bislang mit der ruhigen Gewissheit eines Mannes, der an die Grundpfeiler der digitalen Ordnung glaubte, verändert sich nicht.

Thomas saß vor seinem Computer und betrachtete die E-Mail, mit der alles begonnen hatte. Sie lag in seinem Posteingang wie ein archäologisches Artefakt — unbewegt, unveränderlich, ein digitales Fossil aus einer Zeit, die zwar erst wenige Wochen zurücklag, Thomas aber wie Äonen vorkam. Er hatte die E-Mail geöffnet, um einen Punkt in seinem Bericht für den Ausschuss zu verifizieren, eine Routinehandlung, vergleichbar mit dem Blick auf eine Uhr, um sich zu vergewissern, dass es tatsächlich die Uhrzeit war, die man vermutete.

Der Betreff lautete:

EXTREM DRINGEND: Vorgang 2847/B — Sofortige Bearbeitung UNBEDINGT erforderlich

Thomas las den Betreff. Dann las er ihn noch einmal. Dann lehnte er sich zurück — sein Stuhl quietschte, diesmal in C-Dur — und versuchte, das Gefühl zu benennen, das sich in seinem Magen breitmachte. Es war nicht ganz Angst. Es war nicht ganz Verwirrung. Es war jene spezifische Empfindung, die entsteht, wenn man bemerkt, dass die Realität sich diskret verändert hat, ohne einen darüber zu informieren, etwa so, wie man eines Morgens bemerkt, dass der Nachbar sein Haus blau gestrichen hat, und nicht weiß, ob das gestern passiert ist oder ob man seit Jahren an einem blauen Haus vorbeigeht, ohne es bemerkt zu haben.

„EXTREM DRINGEND" stand da. Thomas war sich sicher — so sicher, wie ein Mensch sich sein kann, der seit Wochen in einem Strudel aus Umschlägen, Formularen und einem Alpaka lebt —, dass der Betreff ursprünglich nur „DRINGEND" gelautet hatte. Einfach „DRINGEND", ohne Modifikatoren, ohne Superlative, ohne den Zusatz „UNBEDINGT", der dem Ganzen eine Dringlichkeit verlieh, die an die letzten Minuten einer Steuererklärungsfrist erinnerte.

Er öffnete sein Notizbuch. Thomas führte Notizbücher mit einer Gewissenhaftigkeit, die an mittelalterliche Mönche erinnerte, die heilige Texte kopierten — nicht weil er glaubte, dass seine Notizen heilig waren, sondern weil er in einer Welt, in der sich E-Mail-Betreffe offenbar von selbst veränderten, wenigstens einen verlässlichen Anker brauchte.

Auf Seite 14, datiert auf den Tag, an dem alles begonnen hatte, stand:

E-Mail erhalten. Betreff: „DRINGEND: Vorgang 2847/B". Absender unklar. Anhang: .7b-Datei.

Thomas blätterte weiter. Seite 31, einige Wochen später:

Betreff der Original-E-Mail überprüft. Lautet jetzt: „SEHR DRINGEND: Vorgang 2847/B". War vorher nur „DRINGEND"? Bin mir nicht sicher. Vielleicht falsch erinnert.

Er hatte es sich also bereits damals gefragt. Er hatte es bemerkt, hatte gezweifelt und hatte sich dann — wie es die menschliche Natur verlangt, wenn die Alternative bedeuten würde, dass die Welt nicht so funktioniert, wie man glaubt — eingeredet, dass er sich geirrt haben musste.

Aber jetzt war es „EXTREM DRINGEND." Nicht „DRINGEND." Nicht „SEHR DRINGEND." „EXTREM DRINGEND." Mit dem Zusatz „Sofortige Bearbeitung UNBEDINGT erforderlich", der beim ersten Mal definitiv nicht dagestanden hatte.

Thomas griff zu einem Blatt Papier. Wenn die Welt verrückt wurde, half es, eine Liste zu machen. Listen waren die Ultima Ratio des Sachbearbeiters, die letzte Bastion der Ordnung in einer Welt des Chaos.

Er schrieb:

Betreff-Chronologie:
1. „DRINGEND: Vorgang 2847/B" — Tag 1
2. „SEHR DRINGEND: Vorgang 2847/B" — ca. Woche 3
3. „EXTREM DRINGEND: Vorgang 2847/B — Sofortige Bearbeitung UNBEDINGT erforderlich" — heute

Thomas betrachtete die Liste. Die Liste betrachtete Thomas. Zwischen den beiden herrschte jene Art von wortloser Kommunikation, die zwischen einem Mann und seiner sorgfältig erstellten Dokumentation entstehen kann.

Es gab ein Muster. Das Muster war Eskalation. Die E-Mail eskalierte. Von allein. Wie ein Feuer, das niemand gelegt hatte und das trotzdem brannte, oder wie ein Formular, das sich von selbst ausfüllte, was — Thomas stockte bei diesem Gedanken — möglicherweise das beunruhigendste Szenario war, das er sich vorstellen konnte.

Er beschloss, die Eskalation zu visualisieren. Thomas war kein visueller Mensch — er bevorzugte Worte, Zahlen und das beruhigende Klopfgeräusch einer Tastatur —, aber manche Dinge wurden erst durch ihre graphische Darstellung verständlich. Er öffnete ein Tabellenkalkulationsprogramm und erstellte ein Diagramm.

Die X-Achse zeigte die Zeit. Die Y-Achse zeigte den Dringlichkeitsgrad, den Thomas nach einem selbst entwickelten Schlüssel quantifiziert hatte: „DRINGEND" = 1, „SEHR DRINGEND" = 2, „EXTREM DRINGEND" = 3. Die resultierende Kurve war eine Gerade, die nach rechts oben zeigte, mit der Unerbittlichkeit eines Steuerbescheids.

Thomas extrapolierte. Wenn die Eskalation sich fortsetzte — und warum sollte sie es nicht tun, das AAZ war schließlich ein Ort, an dem sich Dinge stets fortsetzen, nie aufhören und nur sehr selten beginnen —, dann wäre die nächste Stufe „ULTIMATIV DRINGEND." Danach möglicherweise „ABSOLUT ULTIMATIV DRINGEND." Und irgendwann, in fernerer Zukunft, würde der Betreff den Punkt erreichen, an dem die deutsche Sprache keine Steigerungsformen mehr hergab und der Betreff in pures Schreien überging, dargestellt durch Großbuchstaben und Ausrufezeichen.

Thomas druckte das Diagramm aus. Der Drucker — der seit dem Vorfall mit den Haikus einen gewissen Ruf genoss — druckte das Diagramm ohne Zwischenfälle, was Thomas als gutes Zeichen wertete, aber auch als Zeichen dafür, dass der Drucker möglicherweise seine Kräfte sammelte.

Er heftete das Diagramm an die Pinnwand neben seinem Schreibtisch, zwischen den Dienstplan und ein Foto von Frau Möbius und Herrn Brinkmann, seinen Katzen, die auf dem Foto jenen Ausdruck konzentrierter Gleichgültigkeit zeigten, der Thomas immer an Herrn Kettner erinnerte.

Thomas wandte sich wieder seinem Computer zu. Er wollte die E-Mail-Eigenschaften überprüfen — das Sendedatum, die Metadaten, irgendetwas, das ihm verriet, ob der Betreff tatsächlich geändert worden war oder ob er sich in einer Art E-Mail-Gaslighting befand, einer Verschwörung seines eigenen Posteingangs gegen seine Erinnerung.

Er klickte auf „Eigenschaften." Das Sendedatum war dasselbe wie am ersten Tag. Die Absenderadresse war noch immer jene kryptische Zeichenfolge, die keiner Abteilung zugeordnet werden konnte. Die Nachrichtengröße: 0 Bytes. Null. Die E-Mail hatte keinen Inhalt. Sie hatte nie einen Inhalt gehabt. Sie hatte nur einen Betreff und einen Anhang, und der Betreff veränderte sich, und der Anhang war ein .7b-Format, das es nicht gab, und Thomas saß in seinem Büro und starrte auf einen Bildschirm und fragte sich, ob er den Verstand verlor oder gerade im Begriff war, ihn zu finden.

Sein Posteingang machte ein Geräusch.

Neue E-Mail. Ganz oben. In einer Schriftgröße, die Thomas’ E-Mail-Programm eigentlich nicht unterstützen sollte:

Absender: [keine Angabe]
Betreff: ALLERLETZTE DRINGLICHKEIT: Vorgang 2847/B
Inhalt: [leer]

Thomas starrte die E-Mail an. Die E-Mail starrte zurück, soweit E-Mails starren können, und in diesem speziellen Fall schien sie über beträchtliche Starrfähigkeiten zu verfügen.

„ALLERLETZTE DRINGLICHKEIT." Das war ein Wort, das es nicht gab. Kein Wörterbuch der deutschen Sprache verzeichnete „ALLERLETZTE DRINGLICHKEIT." Es war ein Wort, das jemand — oder etwas — erfunden hatte, um eine Stufe der Dringlichkeit auszudrücken, für die die Sprache nicht geschaffen war, so wie es keinen Begriff gibt für die Farbe, die man sieht, wenn man zu lange in die Sonne schaut, oder für das Geräusch, das ein Bürostuhl macht, wenn sein Besitzer langsam den Verstand verliert.

Thomas aktualisierte sein Diagramm. Die Kurve stieg steiler an, als er erwartet hatte. Er beschriftete den neuen Datenpunkt mit „ALLERLETZTE DRINGLICHKEIT = 4" und betrachtete die Extrapolation.

Wenn die Eskalation sich linear fortsetzte, würde der Betreff in drei Wochen eine Dringlichkeitsstufe erreichen, für die es im Deutschen keinen Ausdruck gab. Wenn sie sich exponentiell fortsetzte, würde der Betreff bis Freitag die Kapazität seines E-Mail-Programms sprengen.

Thomas beschloss, dass er diese Information dem Ausschuss vorlegen würde. In der nächsten wöchentlichen Sitzung. Am Donnerstag. Falls der Betreff bis dahin nicht das Stadium erreicht hatte, in dem er physische Form annahm und aus dem Bildschirm kletterte.

Er speicherte das Diagramm unter „Betreff-Eskalation_Analyse_v1.xlsx" und stellte mit der Resignation eines Mannes, der wusste, dass eine v2 folgen würde, fest, dass er das Wort „FINAL" in Dateinamen nie wieder verwenden konnte, ohne an einen roten USB-Stick zu denken.