Kapitel 47

Der Drucker rächt sich

Thomas Müller-Hinterberg hatte in seinem Leben viele fragwürdige Entscheidungen getroffen. Er hatte Betriebswirtschaft studiert und war Sachbearbeiter geworden. Er hatte einen USB-Stick in einen amtlichen Computer gesteckt, ohne Formular 19c ausgefüllt zu haben. Er hatte einen Bürostuhl mit 73 Prozent Abnutzung in ein Meeting mitgebracht. Aber die Entscheidung, einen USB-Stick in den Drucker zu stecken, sollte sich als jene herausstellen, die am nachhaltigsten seine Vorstellung von der Berechenbarkeit technischer Geräte erschütterte.

Der Drucker im zweiten Stock — ein Gerät der Marke und des Modells, das Thomas nie hatte entziffern können, weil das Typenschild unter einer Schicht aus Toner, Staub und den Überresten eines Post-it-Zettels begraben lag — verfügte über einen USB-Anschluss. Dieser Anschluss war, soweit Thomas wusste, für den Direktdruck gedacht: Man steckte einen USB-Stick ein, der Drucker las die Dateien, und man konnte drucken, ohne den Umweg über einen Computer nehmen zu müssen. Es war, in der Theorie, ein Akt der Effizienz. In der Praxis hatte Thomas nie jemanden gesehen, der den USB-Anschluss des Druckers benutzte, was entweder bedeutete, dass niemand davon wusste, oder dass alle davon wussten und die Erfahrung gemacht hatten, dass man es besser nicht tat.

Thomas steckte den schwarzen USB-Stick in den Drucker.

Er tat dies nicht leichtfertig. Er tat es nach reiflicher Überlegung, die folgendermaßen verlaufen war: Er konnte den Stick nicht in seinen Computer stecken, weil die IT-Abteilung bereits eine Warnung wegen des roten Sticks geschickt hatte. Er konnte den Stick nicht im Ausschuss vorlegen, weil Dr. Winterkorn ihn sofort asservieren lassen würde. Er konnte den Stick nicht Frau Behrens-Goldbach geben, weil sie gesagt hatte, es ginge sie nichts an, was Thomas als die höfliche Version von „Halten Sie mich da raus" interpretierte. Was blieb, war der Drucker. Der Drucker hatte keinen Benutzernamen. Der Drucker sendete keine Warnungen an die IT-Abteilung. Der Drucker war, in Thomas’ Kalkül, ein neutrales Territorium.

Der Drucker machte ein Geräusch. Es war nicht das übliche Summen, das Drucker von sich geben, wenn sie aus dem Schlafmodus erwachen — jenes Geräusch, das an einen alten Mann erinnert, der sich räuspert, bevor er eine Anekdote erzählt, die niemand hören will. Es war ein anderes Geräusch. Melodischer. Fast feierlich. Als würde der Drucker sich für etwas vorbereiten.

Das Display des Druckers, das normalerweise „Bereit" anzeigte — eine Behauptung, die Thomas stets als übertrieben optimistisch empfunden hatte —, zeigte jetzt: „USB erkannt. Verarbeitung läuft."

Thomas wartete. Der Drucker verarbeitete. Das Wort „Verarbeitung" pulsierte auf dem Display in einem Rhythmus, der an einen Herzschlag erinnerte, was Thomas als beunruhigend empfand, da Drucker nach seinem Verständnis keine Herzschläge haben sollten.

Dann begann der Drucker zu drucken.

Thomas hatte erwartet, dass — falls der Stick nicht passwortgeschützt war — Dokumente erscheinen würden. Tabellen vielleicht. Oder Formulare. Oder, in seinem kühnsten Szenario, eine Art Abschiedsbrief von Schmied. Was der Drucker tatsächlich ausspuckte, fiel in keine dieser Kategorien.

Es war ein einzelnes Blatt Papier. In der Mitte des Blattes, zentriert, in einer Schriftart, die Thomas als Courier New identifizierte, stand:

Papier fließt wie Fluss
Toner schwindet, Seite bleibt
Dienstag endet nie

Thomas starrte das Blatt an. Es war ein Haiku. Der Drucker hatte ein Haiku gedruckt. Ein Haiku über — Thomas zählte die Silben — ja, ein korrektes Haiku, fünf-sieben-fünf, über Papier, Toner und den Dienstag.

Bevor Thomas diese Information verarbeiten konnte, spuckte der Drucker ein zweites Blatt aus.

Aktenordner ruht
Staub bedeckt vergessne Pflicht
Niemand liest Seite drei

Und ein drittes:

Bürostuhl quietscht leis
Unter Neonlicht verblasst
der letzte Antrag

Thomas stand vor dem Drucker und sammelte die Blätter ein, wie ein Mann, der im Park Herbstlaub sammelt, wobei die Blätter in diesem Fall nicht von Bäumen fielen, sondern aus einem Drucker kamen, der offenbar beschlossen hatte, ein Dichter zu werden.

Der Drucker druckte weiter. Blatt für Blatt. Haiku für Haiku. Thomas las sie, wie sie kamen:

Stempel trifft Papier
Ein roter Kreis, amtlich, rund
Bedeutung: unklar

Kaffee wird kalt, ach
Die Besprechung dauert lang
Keks ist auch schon weg

Formular 7b
Sieben Felder, alle leer
Perfektion erreicht

Thomas sortierte die Blätter auf dem kleinen Tisch neben dem Drucker. Der Drucker zeigte keine Anzeichen, aufhören zu wollen. Er druckte mit der Gelassenheit eines Geräts, das seine Berufung gefunden hatte.

Treppenhaus riecht still
Nach Reiniger und Pflicht
Kein Fenster geht auf

Das Faxgerät schweigt
Seit Jahren wartet es schon
Auf ein letztes Fax

Alpaka kaut ruhig
Im Hof, wo kein Bescheid gilt
Weisheit braucht kein Amt

Thomas hielt bei diesem inne. Das Alpaka. Der Drucker schrieb über das Alpaka. Thomas wusste nicht, ob er sich darüber freuen oder sorgen sollte. Konnte ein Drucker ein Alpaka kennen? Konnte ein USB-Stick ein Alpaka kennen? Konnte irgendetwas in diesem Gebäude irgendetwas anderes kennen, ohne dass es ein Formular dafür gab?

Bildschirmschoner kreist
Endlose Spirale dreht
Wie das Amtsjahr selbst

Locher sucht sein Loch
Zwei Kreise, perfekt gestanzt
Akte bleibt trotzdem

Thomas blieb beim Locher-Haiku hängen. Der Locher. Vorgang 2847/A. Ein 47-seitiger Antrag auf Beschaffung eines Lochers, dessen letzte Seite fehlte. Und jetzt schrieb der Drucker — oder der USB-Stick, oder wer auch immer die Urheberschaft dieser Poesie für sich beanspruchte — ein Haiku über einen Locher, der sein Loch sucht. Thomas war sich nicht sicher, ob dies ein Hinweis war oder eine Koinzidenz, aber im AAZ war die Grenze zwischen beidem so dünn wie die letzte Seite eines Antrags, die jemand entfernt hatte.

Der Drucker ratterte. Noch mehr Blätter:

Pflüger geht den Gang
Entlang mit Schlüsselbund schwer
Jede Tür gehorcht

Mittwoch wäre schön
Denkt der Donnerstag im Stillen
Doch es bleibt Dienstag

Passwort: sieben Mal
Falsch geraten, Zugang bleibt
Versiegelt wie Grab

Thomas spürte bei diesem Haiku einen Stich. Sieben Versuche. Der rote USB-Stick hatte sieben Versuche. Er hatte fünf verbraucht. Zwei blieben. War dies ein Hinweis? Oder eine Mahnung?

Umschlag birgt Umschlag
Birgt Umschlag, birgt leeres Blatt
Wahrheit ist aus Luft

Der Drucker druckte ein letztes Blatt. Das Display zeigte „Verarbeitung abgeschlossen." Das Summen hörte auf. Der Drucker kehrte zu seinem Ruhezustand zurück, als sei nichts gewesen, mit der Nonchalance eines Geräts, das gerade siebzehn Haikus über den Büroalltag produziert hatte und dies offenbar als Routinevorgang betrachtete.

Thomas hob das letzte Blatt auf. Er las es. Dann las er es noch einmal. Dann setzte er sich auf den Boden, weil seine Beine beschlossen hatten, dass Stehen in diesem Moment keine angemessene Haltung war.

Das letzte Haiku lautete:

Schmied wartet geduldig
Im sechsten Stock brennt kein Licht
Formular vergiss nicht

Thomas saß auf dem Boden vor dem Drucker, umgeben von siebzehn Haikus, und versuchte, die Informationen zu ordnen, die sein Verstand wie Puzzleteile in einen Rahmen zu pressen versuchte, der offensichtlich für ein anderes Puzzle bestimmt war. Schmied wartete. Im sechsten Stock. Formular. Vergiss nicht. Was sollte er nicht vergessen? Formular 7b? Den Locher-Antrag? Seite 47?

Er sammelte alle siebzehn Haikus ein, legte sie in eine Klarsichtfolie — Thomas besaß stets Klarsichtfolien, es war das bürokratische Äquivalent eines Schweizer Taschenmessers — und beschriftete die Folie mit „Drucker-Haikus / schwarzer USB / Datum" und dem heutigen Datum.

Dann zog er den schwarzen USB-Stick aus dem Drucker und steckte ihn in die Innentasche seines Jacketts, wo er neben seinem Kugelschreiber und dem letzten Rest seines Glaubens an eine rationale Welt lag.

Der Drucker zeigte wieder „Bereit" an. Thomas glaubte ihm diesmal noch weniger als sonst.