Kapitel 48

Drei Umschläge

Die Umschläge kehrten zurück.

Thomas Müller-Hinterberg fand sie an einem Montagmorgen in seinem Postfach. Das Postfach — ein Holzfach an der Wand neben der Poststelle, beschriftet mit „312 — Müller-Hinterberg, T." in einer Schrift, die seit seiner Einstellung dort klebte und deren Buchstaben sich langsam von ihrem Untergrund lösten, als wollten sie fliehen — enthielt normalerweise die Hauspost. Rundschreiben, die niemand las. Kopien von Formularen, die niemand brauchte. Gelegentlich einen Flyer der Kantine, der das Mittagessen der kommenden Woche ankündigte, als sei es ein kulturelles Ereignis.

Heute enthielt es drei Umschläge.

Thomas nahm sie heraus. Drei braune Umschläge, DIN C5, ohne Absender, ohne Briefmarke, ohne jegliche Markierung außer der handschriftlichen Aufschrift „Zimmer 312" auf dem ersten Umschlag. Die Handschrift war die von Schmied. Thomas erkannte sie sofort — dieselbe Handschrift wie auf der Visitenkarte unter dem alten Bürostuhl, dieselbe wie auf dem gelben Aufkleber im Locher-Antrag. Eine Handschrift, die aussah, als hätte ihr Besitzer sie einmal gelernt und dann nie wieder verändert, wie eine Uhr, die man einmal stellt und die dann weitertickt, unbeeindruckt von Sommerzeit, Winterzeit und dem allgemeinen Verfall der Pünktlichkeit.

Thomas ging in sein Büro. Er schloss die Tür. Er setzte sich auf den Konferenzstuhl, der den verstorbenen Bürostuhl ersetzt hatte und der so bequem war wie eine theologische Disputation. Er legte die drei Umschläge vor sich auf den Schreibtisch.

Der erste Umschlag war der dickste. Thomas öffnete ihn.

Im Inneren befand sich ein zweiter Umschlag. Etwas kleiner. DIN C6. Ebenfalls braun. Ebenfalls ohne Absender. Auf diesem stand nichts.

Thomas öffnete den zweiten Umschlag.

Darin lag ein dritter Umschlag. Noch kleiner. Weiß diesmal. Von der Sorte, die man für Grußkarten verwendet, oder für Mitteilungen, die man nicht per E-Mail schicken will, weil sie zu wichtig sind, oder zu unwichtig, oder weil man grundsätzlich der Ansicht ist, dass die Digitalisierung ein Fehler war.

Thomas öffnete den dritten Umschlag.

Im dritten Umschlag befand sich — Thomas holte tief Luft — ein vierter Umschlag.

Vier Ebenen.

Thomas legte den vierten Umschlag auf den Schreibtisch und betrachtete ihn. Der Umschlag war winzig, kaum größer als eine Visitenkarte. Cremefarben. Von jener Papierqualität, die man im AAZ nicht fand, weil das AAZ seine Umschläge in Großpackungen zu dreitausend Stück bestellte und dabei auf Eigenschaften wie „Papierqualität" ungefähr so viel Wert legte wie auf die Frage, ob der Umschlag „eine gute Ausstrahlung" hatte.

Beim ersten Mal — vor Wochen, die sich wie Monate anfühlten — waren es zwei Umschläge gewesen. Ein Umschlag in einem Umschlag. Dann drei. Jetzt vier. Die Verschachtelung eskalierte, genau wie die Betreffzeile, genau wie die Formulare, genau wie alles in diesem Vorgang, der sich wie ein Stein verhielt, der einen Hang hinunterrollte: langsam, berechenbar und mit einer Zielstrebigkeit, die darauf hindeutete, dass am Ende des Hangs etwas wartete, das man nicht sehen konnte und vermutlich nicht sehen wollte.

Thomas öffnete den vierten Umschlag.

Darin lag kein fünfter Umschlag. Thomas gestattete sich einen kurzen Moment der Erleichterung, der ungefähr so lange anhielt, wie es dauert, bis ein Tropfen Tinte auf Papier trocknet.

Im Umschlag lag ein Foto.

Es war ein Farbfoto, ausgedruckt auf Fotopapier, das die leicht glänzende Oberfläche hatte, die Thomas an die Fotos erinnerte, die man früher in Drogerien entwickeln ließ, bevor die Welt digital wurde und Fotos aufhörten, physische Gegenstände zu sein, und stattdessen zu Dateien wurden, die man auf Festplatten speicherte und nie wieder ansah.

Das Foto zeigte einen Schreibtisch. Thomas’ Schreibtisch. Aufgenommen von oben, aus einem Winkel, der nahe legte, dass der Fotograf sich direkt über dem Schreibtisch befunden hatte. An der Decke. Oder zumindest sehr hoch oben.

Thomas erkannte die Gegenstände auf dem Schreibtisch: seinen Laptop, sein Notizbuch, den Stapel Aktenordner, der sich in der linken Ecke türmte, das Foto von Frau Möbius und Herrn Brinkmann, seinen Katzen, das Diagramm der Betreff-Eskalation, das er an die Pinnwand geheftet hatte und das im Foto am oberen Rand sichtbar war. Und dort, auf der rechten Seite des Schreibtischs, neben der Tastatur, lag der rote USB-Stick.

Thomas griff instinktiv in die Innentasche seines Mantels, der über der Stuhllehne hing. Der rote USB-Stick war dort, wo er ihn hingelegt hatte — in der Manteltasche, nicht auf dem Schreibtisch. Er hatte den Stick vor Tagen von der Schublade in die Manteltasche verlegt, nach der IT-Warnung, als ihm klar wurde, dass die Schublade kein ausreichend sicherer Ort war.

Aber auf dem Foto lag der Stick auf dem Schreibtisch. Was bedeutete, dass das Foto aufgenommen worden war, bevor Thomas den Stick in die Manteltasche gelegt hatte. Oder — und dieser Gedanke war wie ein Eiszapfen, der langsam einen Rücken hinunterglitt — es bedeutete, dass jemand den Stick aus der Manteltasche genommen, auf den Schreibtisch gelegt, fotografiert und dann zurückgelegt hatte.

Thomas schaute zur Decke.

Die Decke seines Büros war von jener Sorte, die in Bürogebäuden der Siebziger- und Achtzigerjahre verbaut wurde: abgehängte Deckenplatten aus einem Material, das einmal weiß gewesen war und inzwischen die Farbe von altem Elfenbein hatte. Keine Kamera. Kein Loch. Kein Hinweis darauf, dass jemand von oben fotografiert hatte. Nur Decke. Unbeteiligte, gleichgültige, beigefarbene Decke.

Thomas drehte das Foto um.

Auf der Rückseite stand, in Schmieds Handschrift, in jener ruhigen, gleichmäßigen Schrift, die Thomas inzwischen so vertraut war wie sein eigener Name:

Sie sind nah dran. — S.

Thomas legte das Foto auf den Schreibtisch. Er legte es genau an die Stelle, an der auf dem Foto der rote USB-Stick lag, weil sein Verstand in Momenten der Überforderung zu symmetrischen Handlungen neigte, als könnte Ordnung im Kleinen das Chaos im Großen kompensieren.

Nah dran. Nah dran woran? An der Lösung des Vorgangs 2847/B? An der Entdeckung, was auf den USB-Sticks war? An dem, was Schmied hinterlassen hatte? Oder nah dran an etwas anderem — nah dran an einer Grenze, die man nicht überschreiten sollte, nah dran an einer Wahrheit, die besser verborgen blieb, nah dran an dem Punkt, an dem ein Sachbearbeiter aufhörte, ein Sachbearbeiter zu sein, und etwas anderes wurde, etwas, wofür es kein Formular gab?

S. Schmied. Seit fünfzehn Jahren „dauerhaft abwesend." Seit fünfzehn Jahren eine Legende, ein Gerücht, ein Name auf einer Visitenkarte unter einem Bürostuhl. Und doch: Fotos. Nachrichten. USB-Sticks. Verweise. Als sei er nicht abwesend, sondern lediglich unsichtbar, wie jene Akten, die im System als „vorhanden" geführt wurden, die aber niemand finden konnte, weil sie irgendwo zwischen Archiv und Schredder in einem Zustand existierten, den Physiker als „Überlagerung" bezeichnen würden.

Thomas sammelte die vier Umschläge ein, legte sie ineinander — den vierten in den dritten, den dritten in den zweiten, den zweiten in den ersten, wie eine Matrjoschka aus Papier — und verstaute sie in seinem Aktenschrank. Er beschriftete die Akte mit „Umschläge (4-fach) / Foto / S." und stellte sie neben die Klarsichtfolie mit den Drucker-Haikus und den Ordner mit dem Ausschuss-Protokoll.

Sein Aktenschrank sah inzwischen aus wie das Beweismittelarchiv einer Polizeistation, die sich auf Verbrechen spezialisiert hatte, die keine Verbrechen waren — lediglich eine Abfolge von Ereignissen, die einzeln harmlos und zusammen unerklärlich waren.

Thomas setzte sich auf seinen unbequemen Konferenzstuhl und sah aus dem Fenster. Das Fenster in Zimmer 312 zeigte, wie Thomas seit Wochen wusste und trotzdem nie ganz akzeptieren konnte, nicht den Parkplatz, den es hätte zeigen sollen, sondern einen Bergsee, der in der Morgensonne glitzerte und an dessen Ufer ein einzelner Baum stand, dessen Art Thomas nicht identifizieren konnte. Es war eine Aussicht, die unmöglich war, und die Thomas inzwischen akzeptiert hatte, so wie man akzeptiert, dass der Kaffee in der Kantine immer lauwarm ist — nicht weil man es versteht, sondern weil die Alternative wäre, darüber nachzudenken, und Nachdenken im AAZ selten zu Ergebnissen führte, die einem gefielen.

Sie sind nah dran.

Thomas fragte sich, ob das eine Ermutigung war oder eine Warnung. Im AAZ, überlegte er, war der Unterschied vermutlich geringer, als man hoffen durfte.