Die Frist naht
Es gibt wenige Worte in der deutschen Sprache, die einem Sachbearbeiter mehr Angst einjagen als das Wort „Frist." Steuerfrist. Einspruchsfrist. Bewerbungsfrist. Verjährungsfrist. Jede dieser Fristen ist ein kleiner Tod — der Tod einer Möglichkeit, einer Ausrede, einer Aufschiebung. Fristen sind, philosophisch betrachtet, der Versuch der Bürokratie, die Unendlichkeit zu zähmen, und sie scheitern daran mit der gleichen Zuverlässigkeit, mit der Bürodrucker an Montagen den Dienst verweigern.
Thomas Müller-Hinterberg öffnete am Dienstagmorgen — natürlich am Dienstagmorgen — seinen Posteingang und fand dort eine E-Mail, die sein vegetatives Nervensystem in einen Zustand versetzte, den Mediziner als „Kampf-oder-Flucht-Reaktion" bezeichnen und den Thomas als „Ich-muss-sofort-Kaffee-trinken-Reaktion" kannte.
Absender: Fristenverwaltung AAZ (automatisch)
Betreff: Erinnerung: Frist für Vorgang 2847/B endet am Dienstag
Inhalt: Hiermit wird daran erinnert, dass die Bearbeitungsfrist für Vorgang 2847/B am Dienstag endet. Bei Fristversäumnis tritt die automatische Eskalationsstufe 4 in Kraft (siehe Verfahrensordnung, Anlage 7, Absatz 12). Bitte stellen Sie die fristgerechte Bearbeitung sicher.
Thomas las die E-Mail dreimal. Nach dem dritten Mal war er nicht klüger, dafür aber deutlich unruhiger.
Die Frist endete am Dienstag.
Welcher Dienstag?
Thomas suchte nach einem Datum in der E-Mail. Es gab keines. Nur „Dienstag." Als sei „Dienstag" keine Angabe eines Wochentages, sondern ein Zustand, eine Konstante, ein kosmisches Prinzip. Heute war Dienstag. War heute gemeint? Oder der nächste Dienstag? Oder ein Dienstag, der in der Zukunft lag und dessen Abstand zur Gegenwart nicht in Tagen, sondern in Graden der Verzweiflung gemessen wurde?
Thomas lehnte sich auf seinem Konferenzstuhl zurück — dem unbequemen Ersatzstuhl, der nicht quietschte, nicht nachgab und nicht das geringste Anzeichen von Empathie zeigte — und versuchte, das Wort „Dienstag" in den Kontext der letzten Wochen zu setzen.
Das leere Blatt Papier, das er in einem der ersten Umschläge gefunden hatte, ganz am Anfang, als alles begonnen hatte: Darauf hatte ein einziges Wort gestanden. „Dienstag." Keine Erklärung, kein Datum, kein Kontext. Nur „Dienstag", zentriert auf einer leeren Seite, als sei es ein Mantra oder ein Fluch oder beides.
Die Haikus des Druckers: „Dienstag endet nie." „Doch es bleibt Dienstag."
Und jetzt die Fristen-E-Mail. „Die Frist endet am Dienstag."
Thomas griff zu seinem Notizbuch und blätterte zu einer leeren Seite. Er schrieb:
DIENSTAG — Vorkommen:
1. Leeres Blatt (Umschlag, Kap. 7): „Dienstag"
2. Drucker-Haiku Nr. 1: „Dienstag endet nie"
3. Drucker-Haiku Nr. 15: „Doch es bleibt Dienstag"
4. Fristen-E-Mail: „Frist endet am Dienstag"
5. Jede wichtige Entwicklung im Vorgang passierte an einem Dienstag
Thomas unterstrich den letzten Punkt zweimal. Es stimmte. Die erste E-Mail war an einem Dienstag gekommen. Die leeren Umschläge — Dienstag. Zimmer 601 — Dienstag. Der Ausschuss wurde an einem Dienstag einberufen. Es war, als hätte der Vorgang 2847/B einen eigenen Kalender, und dieser Kalender kannte nur einen einzigen Wochentag.
Er stand auf und ging zum Fenster. Das Fenster zeigte, wie stets, nicht den Parkplatz, sondern die unmögliche Landschaft — den Bergsee, den einsamen Baum, das stille Wasser. Heute schien die Sonne auf den See, und das Licht brach sich in einer Weise, die Thomas an die Oberfläche einer CD erinnerte, wenn man sie im richtigen Winkel gegen das Licht hielt. Es war schön. Es war unmöglich. Es war Dienstag.
Thomas drehte sich vom Fenster weg und kehrte an seinen Schreibtisch zurück. Er öffnete seinen Kalender. Der nächste Dienstag war in sieben Tagen. Dieser Dienstag — heute — war jetzt. Die Frist endete „am Dienstag." Wenn heute gemeint war, hatte er keine Zeit mehr. Wenn nächste Woche gemeint war, hatte er sieben Tage. Wenn ein abstrakter, philosophischer Dienstag gemeint war, hatte er möglicherweise die Ewigkeit, was im Kontext einer Frist paradoxerweise das schlimmste Szenario war, denn eine Frist ohne Ende war keine Frist, sondern eine Existenz.
Thomas beschloss — mit jener Mischung aus Pragmatismus und Verzweiflung, die Sachbearbeiter auszeichnet, wenn sie vor Problemen stehen, die keine Lösung haben, aber eine Frist —, dass „Dienstag" den nächsten Dienstag meinte. In sieben Tagen. Er hatte eine Woche. Eine Woche, um den Vorgang 2847/B zu bearbeiten, abzuschließen und die Eskalationsstufe 4 abzuwenden, von der er nicht wusste, was sie bedeutete, die aber allein durch ihre Nummerierung — Stufe 4, was die Existenz der Stufen 1, 2 und 3 implizierte, die offenbar bereits überschritten worden waren, ohne dass Thomas davon erfahren hatte — Unheil verhieß.
Was hieß „bearbeiten"? Thomas kannte den Vorgang inzwischen besser als jeder andere Mensch im AAZ — besser vermutlich als jeder andere Mensch auf der Welt, mit der möglichen Ausnahme von Schmied selbst. Er kannte die E-Mail, den Anhang, die Umschläge, das leere Blatt, die Kaffeemaschine mit Fehlercode E-2847, die Visitenkarte, Zimmer 601 mit Einhorn-Poster und altem Computer, Formular 7b, den roten USB-Stick mit Passwort, den schwarzen USB-Stick mit Haikus, den Locher-Antrag 2847/A, das Alpaka-Poster im Keller und das Foto seines Schreibtischs aus der Vogelperspektive. Er kannte die Teile. Er kannte sie alle. Was er nicht kannte, war das Ganze. Es war, als hätte man ihm die Einzelteile einer Uhr gegeben, ohne ihm zu sagen, was eine Uhr war.
Was sollte er tun? Was konnte er tun?
Er konnte den roten USB-Stick öffnen — er hatte noch zwei Versuche. Aber was, wenn er falsch riet und der Stick sich sperrte?
Er konnte den schwarzen USB-Stick erneut in den Drucker stecken — aber der hatte bereits sein gesamtes poetisches Repertoire entladen, und Thomas bezweifelte, dass ein zweiter Durchgang neue Erkenntnisse bringen würde.
Er konnte in den sechsten Stock gehen, zu Zimmer 601, und nach weiteren Hinweisen suchen — aber der alte Computer hatte beim letzten Besuch eine leere E-Mail an das gesamte Amt gesendet, und Thomas hatte keine Lust, eine weitere IT-Sicherheitswarnung zu provozieren.
Er konnte den Ausschuss informieren — aber der nächste reguläre Sitzungstermin war Donnerstag, und bis dahin war die Hälfte seiner Frist bereits verstrichen.
Er konnte Frau Behrens-Goldbach fragen — aber sie hatte gesagt, es gehe sie nichts an, und ihre neuen Kugelschreiber hatten Thomas mehr beunruhigt als beruhigt.
Thomas saß in seinem Büro und spürte das Gewicht des Dienstags auf seinen Schultern wie einen unsichtbaren Aktenordner, der mit jeder Minute schwerer wurde. Die Uhr an der Wand — eine runde Wanduhr mit dem Logo des AAZ, die seit drei Monaten zwei Minuten nachging, was Thomas als Metapher empfand, die er nicht weiter ausführen wollte — zeigte halb elf.
Er öffnete sein Notizbuch erneut und schrieb:
Aktionsplan — Vorgang 2847/B
Frist: Dienstag (nächste Woche)
Ziel: ???
Methode: ???
Ressourcen: 2 Passwortversuche, 17 Haikus, 4 Umschläge, 1 Foto, 1 Locher-Antrag (unvollständig), 1 Alpaka-Poster, 1 Ausschuss (Budget: 0,01€)
Er betrachtete den Plan. Es war, objektiv gesehen, der schlechteste Aktionsplan, den er je erstellt hatte, und Thomas hatte in seiner Karriere Aktionspläne erstellt, deren einziger Punkt „Abwarten" gewesen war. Aber es war ein Plan. Und im AAZ war ein Plan — selbst ein schlechter — besser als kein Plan, weil ein Plan die Illusion von Kontrolle erzeugte, und im AAZ lebte man von Illusionen wie andere Institutionen von Steuergeldern.
Thomas schloss sein Notizbuch. Er schaute aus dem unmöglichen Fenster auf den unmöglichen See, der im Licht des Dienstags glitzerte. Der Baum am Ufer warf einen Schatten, der aussah wie ein Uhrzeiger.
Es war Dienstag. Die Frist lief.
Und morgen — Thomas rechnete nach, obwohl die Rechnung trivial war — morgen war Mittwoch. In sechs Tagen war Montag. In sieben Tagen war Dienstag.
Es war Montag. Es war — Thomas stutzte. Er schaute auf seinen Kalender. Dann auf die Wanduhr. Dann auf seinen Computer. Auf dem Bildschirm stand das Datum. Heute war nicht Dienstag. Heute war Montag.
Die E-Mail war am Montag gekommen. Die Frist endete am Dienstag. Morgen.
Thomas’ Magen vollführte eine Bewegung, die man bei einem Schiff als Kentern bezeichnen würde. Er hatte eine Woche angenommen. Er hatte einen Tag.
Es war Montag. Und morgen war Dienstag.
Draußen, am unmöglichen Bergsee, bewegte sich der Schatten des Baumes, als ticke er.