Der Absender
Es gibt Momente im Leben eines Sachbearbeiters, in denen sich die gesamte berufliche Existenz auf eine einzige Erkenntnis verdichtet — einen Moment kristalliner Klarheit, in dem die Nebel der Bürokratie sich lichten und den Blick freigeben auf etwas, das man nur als Wahrheit bezeichnen kann. Für Thomas Müller-Hinterberg trat dieser Moment an einem Dienstagmorgen um 9:47 Uhr ein, als er feststellte, dass er in fünfzehn Jahren der Ermittlung zu Vorgang 2847/B noch nie versucht hatte, auf die ursprüngliche E-Mail zu antworten.
Die Erkenntnis traf ihn mit der Wucht eines mittelgroßen Ordners, der von einem mittelhohen Regal fällt. Was, um ehrlich zu sein, im AAZ statistisch gesehen alle vierzehn Minuten geschah.
„schmied@aaz.de", murmelte Thomas und starrte auf seinen Bildschirm, auf dem die E-Mail — jene legendäre, jene schicksalhafte E-Mail mit dem Betreff, der mittlerweile die Stufen DRINGEND, SEHR DRINGEND, EXTREM DRINGEND und ALLERLETZTE DRINGLICHKEIT durchlaufen hatte — noch immer unbeantwortet in seinem Posteingang lag. Fünfzehn Jahre. Viertausenddreihundertneunundsiebzig Arbeitstage, wenn man Feiertage, Brückentage und jenen denkwürdigen Mittwoch abzog, an dem die gesamte IT-Infrastruktur des AAZ ausgefallen war, weil jemand den Serverraum mit der Besenkammer verwechselt hatte.
Er hatte USB-Sticks entschlüsselt. Er hatte geheime Stockwerke entdeckt. Er hatte Haikus vom Drucker empfangen und Vierfach-Umschläge geöffnet. Aber antworten — das hatte er nie getan.
Thomas öffnete ein neues E-Mail-Fenster. Seine Finger schwebten über der Tastatur wie Kolibris über einer Blüte, die sich als Plastikblume entpuppt. Er begann zu tippen:
Sehr geehrter Herr Schmied,
bezugnehmend auf Ihre E-Mail vom 14. März 2011 (Aktenzeichen: 2847/B, Dringlichkeitsstufe: ALLERLETZTE DRINGLICHKEIT), erlaube ich mir, nach nunmehr fünfzehn Jahren auf Ihr Schreiben zurückzukommen.
Er hielt inne. War das zu informell? Er löschte „erlaube ich mir" und ersetzte es durch „gestatte ich mir die Anfrage." Dann löschte er das wieder und schrieb „nehme ich höflichst Bezug." Er löschte noch einmal. „Bitte ich um Rückmeldung zum weiteren Vorgehen."
Er las den Satz dreimal. Er war perfekt. Er war bürokratisch. Er war nichts.
Thomas drückte auf „Senden."
Die nächsten drei Minuten verbrachte er damit, seinen Posteingang zu aktualisieren. Einmal. Zweimal. Dreiundzwanzigmal. Er aktualisierte mit der Besessenheit eines Menschen, der zum ersten Mal in seinem Leben etwas Spontanes getan hatte und nun die Konsequenzen fürchtete wie ein Eichhörnchen den Winter — also mit einer Mischung aus Instinkt und existenzieller Panik.
Um 9:50 Uhr, also exakt drei Minuten und vierzehn Sekunden nach dem Absenden, erschien eine neue Nachricht in seinem Posteingang. Thomas’ Herz vollführte einen kleinen Hüpfer, den sein Arzt als „unauffällig" und sein Therapeut als „vielversprechend" bezeichnet hätte.
Betreff: Automatische Antwort: RE: ALLERLETZTE DRINGLICHKEIT — Vorgang 2847/B
Vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich bin derzeit nicht im Büro. Für dringende Angelegenheiten wenden Sie sich bitte an Abteilung 6. Für nicht dringende Angelegenheiten wenden Sie sich ebenfalls an Abteilung 6. Für Angelegenheiten, von denen Sie nicht wissen, ob sie dringend sind oder nicht: Abteilung 6.
Voraussichtliche Rückkehr: [DATUM FOLGT]
Mit freundlichen Grüßen,
H. Schmied
Sachbearbeiter für besondere Vorgänge
Abteilung 6
Thomas starrte auf die Auto-Reply wie ein Archäologe, der in einem ägyptischen Grab eine Dose Ravioli findet. Eine automatische Abwesenheitsnotiz. Seit fünfzehn Jahren aktiv. Seit fünfzehn Jahren antwortete diese Maschine jedem, der Schmied schrieb, mit dem höflichen Hinweis, man möge sich an Abteilung 6 wenden — jene Abteilung, die offiziell nicht existierte, inoffiziell im sechsten Stock residierte und deren einziger bekannter Mitarbeiter der Verfasser ebendieser Auto-Reply war.
Es war ein perfekter bürokratischer Zirkelschluss. Schmied verwies an seine eigene Abteilung, die nur aus ihm bestand, der nicht da war.
„Voraussichtliche Rückkehr: Datum folgt", las Thomas laut vor. Er wiederholte den Satz, als könne er durch Wiederholung Bedeutung gewinnen. Das Datum folgte seit fünfzehn Jahren. Es folgte und folgte und kam nie an, wie ein Paket der Deutschen Post, das „in Zustellung" ist.
Er wollte den Bildschirm bereits schließen, als sein Blick auf etwas fiel, das er beim ersten Lesen übersehen hatte. Unterhalb der Signatur, in einer Schriftgröße, die man nur mit zusammengekniffenen Augen und der Lupe aus dem Erste-Hilfe-Kasten entziffern konnte, stand eine Zeile:
Telefonische Rückfragen: Durchwahl 6-0-1-7-B
Thomas blinzelte. Er blinzelte erneut. Dann griff er nach seinem Telefon — dem Festnetzapparat, einem cremefarbenen Ungetüm aus den späten Achtzigern, das aussah, als sei es aus einem einzigen Stück Melancholie gegossen worden — und wählte.
6-0-1-7-B.
Die Amtsleitung klickte. Es rauschte kurz, als würde der Anruf durch sämtliche Stockwerke des AAZ geleitet, einschließlich derjenigen, die nicht existierten. Dann begann es zu klingeln.
Ein Klingeln. Zwei. Fünf. Zehn.
Thomas saß sehr aufrecht in seinem Bürostuhl — seinem neuen Bürostuhl, der genauso unbequem war wie der alte, nur auf andere, innovativere Weise — und lauschte. Zwanzig Klingeltöne. Dreißig.
Frau Behrens-Goldbach erschien in der Tür von Zimmer 312, angezogen von dem Geräusch eines Kollegen, der telefonierte, was in Zimmer 312 ungefähr so häufig vorkam wie Sonnenfinsternisse.
„Wen rufen Sie an?", fragte sie.
„Schmied", sagte Thomas.
„Oh", sagte Frau Behrens-Goldbach und lehnte sich an den Türrahmen, als bereite sie sich auf eine längere Vorstellung vor.
Siebenunddreißig. Einundvierzig. Fünfundvierzig.
Bei siebenundvierzig hörte das Klingeln auf.
Was folgte, war — nun, es war schwer zu beschreiben. Es war kein Freizeichen und kein Besetztzeichen. Es war ein Klicken, gefolgt von einem Rauschen, gefolgt von etwas, das man am ehesten als die akustische Entsprechung einer leeren Seite bezeichnen könnte. Stille. Aber nicht die Stille eines nicht verbundenen Telefons. Die Stille eines Raumes, in dem jemand sehr bewusst nichts sagt.
„Hallo?", sagte Thomas. Seine Stimme klang dünner, als er es beabsichtigt hatte, als spreche er nicht in ein Telefon, sondern in einen Brunnen.
Die Stille hielt an.
Dann, ganz leise, ganz am Rand der Hörbarkeit: ein Geräusch.
Thomas lauschte.
Es klang wie… Kauen.
Langsames, rhythmisches, meditatives Kauen.
Wie ein Alpaka.
Thomas legte auf. Seine Hand zitterte nicht — Sachbearbeiter zittern nicht, sie vibrieren allenfalls im Rahmen der dienstlichen Toleranzgrenzen — aber sein Gesichtsausdruck hätte einen unbeteiligten Beobachter zu der Schlussfolgerung veranlasst, dass hier ein Mann soeben etwas gehört hatte, das er nicht einzuordnen wusste.
„Und?", fragte Frau Behrens-Goldbach.
„Es hat jemand — oder etwas — gekaut", sagte Thomas.
„Aha", sagte Frau Behrens-Goldbach mit jener vollkommenen Gelassenheit, die nur Menschen aufbringen, die seit Jahrzehnten im öffentlichen Dienst arbeiten und denen buchstäblich nichts mehr die Laune verderben kann.
Thomas notierte die Durchwahl. 6-0-1-7-B. Die Nummer gehörte zu Apparat 601. Zimmer 601. Schmieds Büro im sechsten Stock. Thomas war dort gewesen — er erinnerte sich an das Einhorn-Poster, an den Schreibtisch, an den Staub, der wie ein stummer Zeuge der Abwesenheit auf allen Oberflächen lag. Aber an ein Telefon? Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern.
Er musste nochmal hin.
Aber zunächst — weil Thomas Müller-Hinterberg ein Mann der Gründlichkeit war, ein Mann, der den Dienstweg nicht aus Pflichtgefühl einhielt, sondern aus einer tiefen, fast spirituellen Überzeugung, dass Ordnung die einzige verlässliche Kraft im Universum darstellte — zunächst versuchte er, Schmieds aktuelle Adresse über die Personalabteilung zu ermitteln.
Die Personalabteilung, erreichbar unter Durchwahl 2-2-0, war besetzt mit Frau Gundlach, einer Frau, die Datenschutz nicht als Pflicht, sondern als Berufung verstand. Sie empfing Thomas’ Anfrage mit der Warmherzigkeit eines Tiefkühlfachs.
„Schmied, H.", wiederholte sie und tippte den Namen in ihr System. „Ah. Ja. Da haben wir etwas." Sie drehte den Bildschirm zu Thomas.
Thomas sah eine Personalakte. Name: Schmied, Herbert. Abteilung: 6. Status: Dauerhaft abwesend. Und unter dem Feld „Privatanschrift" stand: ██████████████████████.
Nicht digital geschwärzt. Nicht aus Datenschutzgründen ausgeblendet. Jemand hatte die Adresse ausgedruckt und dann mit einem schwarzen Edding überstrichen. Dann die geschwärzte Version wieder eingescannt. Dann den Scan als Bild in die Datenbank eingefügt.
„Ist das…?", begann Thomas.
„Wir nennen das analoge Anonymisierung", sagte Frau Gundlach. „Sehr sicher. Kein Hacker der Welt kommt durch Edding."
Thomas kehrte in sein Büro zurück. Er setzte sich. Er starrte an die Wand. Irgendwo in diesem Amt — in dieser Stadt — in dieser Wirklichkeit — existierte ein Mann namens Herbert Schmied, der seit fünfzehn Jahren abwesend war, dessen Auto-Reply noch immer funktionierte, dessen Telefon noch immer klingelte, und an dessen Apparat offenbar etwas kaute.
Frau Behrens-Goldbach stand noch immer im Türrahmen. Sie hatte sich in der Zwischenzeit einen Kaffee geholt und trank ihn mit kleinen, bedächtigen Schlucken.
„Ich glaube", sagte sie, und Thomas drehte sich um, weil Frau Behrens-Goldbach selten Sätze begann, die mit „Ich glaube" anfingen, „ich weiß, wo er wohnt."
Thomas’ Herz — oder was davon übrig war nach fünfzehn Jahren Sachbearbeitung — schlug schneller.
„Oder", fuhr Frau Behrens-Goldbach fort, und ihr Blick wurde nachdenklich, wie der eines Menschen, der versucht, sich an den Namen eines Schauspielers zu erinnern, der in jenem Film mitspielte, dessen Titel man auch vergessen hat, „ich kannte jemanden, der es wusste."
Sie nahm einen weiteren Schluck Kaffee.
Thomas wartete.
Frau Behrens-Goldbach trank ihren Kaffee aus.
Thomas wartete weiter.
„Ich muss darüber nachdenken", sagte sie schließlich und verschwand in Zimmer 314.
Thomas saß allein in Zimmer 312. Auf seinem Bildschirm leuchtete noch immer die Auto-Reply. „Ich bin derzeit nicht im Büro." Seit fünfzehn Jahren. Seit fünftausendfünfhundertsiebzig Tagen. Seit ungefähr hundertvierunddreißigtausend Stunden.
Irgendwo in diesem Gebäude klingelte ein Telefon, das niemand abnahm.
Und irgendwo in dieser Stadt lebte ein Mann, dessen Adresse mit Edding überstrichen war.