Kapitel 52

Der Anruf

Thomas Müller-Hinterberg war kein Mann, der Dinge unversucht ließ. Er war allerdings ein Mann, der Dinge sehr langsam versuchte, mit ausreichend Bedenkzeit zwischen den einzelnen Versuchen, sodass ein außenstehender Beobachter zu dem Schluss hätte kommen können, er versuche überhaupt nichts. Dies war, wie Thomas gelegentlich anmerkte, die höchste Form der Gründlichkeit.

Am Mittwochmorgen — es war immer Mittwoch, wenn im AAZ etwas geschah, das die übliche Ereignislosigkeit durchbrach, was möglicherweise daran lag, dass der Mittwoch der unauffälligste aller Wochentage war und sich daher am besten für das Unauffällige eignete — wählte Thomas erneut die Nummer 6-0-1-7-B.

Er hatte sich vorbereitet. Auf seinem Schreibtisch lagen: ein Notizblock (liniert, DIN A5, mit dem Aufdruck „Amt für Allgemeine Zuständigkeiten — Ihr Partner für alles und nichts"), ein angespitzter Bleistift (HB, da Thomas Extremitäten in jeder Form misstraute, auch bei Härtegraden), und eine Stoppuhr, die er aus dem Erste-Hilfe-Kasten im Flur entwendet hatte, wo sie neben dem Verbandszeug lag, als gehörte die exakte Zeitmessung zur medizinischen Grundversorgung.

Er drückte die Tasten. Die Amtsleitung klickte. Und das Klingeln begann.

Thomas startete die Stoppuhr.

Eins. Zwei. Drei.

Beim fünften Klingeln stellte Thomas fest, dass der Klingelton von Apparat 601 einen Halbton tiefer lag als der Standard-Klingelton des AAZ, was entweder auf eine technische Anomalie hinwies oder darauf, dass auch Telefone mit der Zeit melancholisch werden.

Zehn. Fünfzehn. Zwanzig.

Er begann zu notieren. „Klingelintervall: ca. 4 Sekunden. Tonhöhe: leicht unter Standard. Keine Unterbrechung."

Dreißig. Fünfunddreißig. Vierzig.

Bei siebenundvierzig — es war wieder siebenundvierzig, Thomas notierte dies mit dem wachsenden Unbehagen eines Mannes, der Zufälle für eine Erfindung unordentlicher Menschen hielt — hörte das Klingeln auf.

Klicken.

Rauschen.

Stille.

Aber diesmal war Thomas vorbereitet. Er presste den Hörer ans Ohr und lauschte mit einer Intensität, die er sonst nur für das Korrekturlesen von Formularen aufbrachte.

„Hallo?", sagte er. Seine Stimme war ruhig, professionell, die Stimme eines Mannes, der dienstliche Telefonate führte und nicht etwa in den Abgrund einer fünfzehnjährigen Abwesenheit hineinsprach.

Stille.

Dann — das Kauen. Langsam. Rhythmisch. Meditativ. Es klang, als mahle jemand mit großer Sorgfalt und wenig Eile etwas Faseriges zwischen breiten, flachen Zähnen. Es klang, um ganz präzise zu sein, exakt wie das Alpaka im Innenhof, wenn es an jenem Busch kaute, der — nach Einschätzung von Herrn Pflüger — „wahrscheinlich giftig, aber dem Vieh schmeckt’s" war.

„Herr Schmied?", versuchte Thomas. „Hier spricht Müller-Hinterberg, Zimmer 312. Sachbearbeiter. Bezugnehmend auf Vorgang 2847/B."

Das Kauen hielt inne. Für einen Moment — einen winzigen, atemlosen Moment — war absolute Stille. Dann setzte das Kauen wieder ein. Aber war es Einbildung, oder kaute es jetzt… nachdenklicher?

Thomas sprach weiter, weil er nicht wusste, was man in einer solchen Situation sonst tun sollte. „Ich habe Ihre E-Mail erhalten. Beziehungsweise, ich habe sie vor fünfzehn Jahren erhalten und gestern beantwortet. Ihre Auto-Reply verweist auf Abteilung 6. Ich war in Zimmer 601. Ich habe Ihr Einhorn-Poster gesehen."

Das Kauen stoppte.

Thomas hielt den Atem an.

Drei Sekunden. Fünf.

Dann: ein Geräusch, das kein Kauen war. Ein leises, fast unmerkliches… Summen? Brummen? Es klang wie — nein. Es klang wie nichts, das Thomas je gehört hatte. Es klang wie die akustische Version eines Lächelns.

Dann: Klicken. Freizeichen.

Aufgelegt.

Thomas saß in Zimmer 312 und betrachtete die Stoppuhr. Vier Minuten und dreiundzwanzig Sekunden. Er notierte alles. Klingelzahl. Kaudauer. Kaupausen. Summen. Er erstellte, weil er Thomas Müller-Hinterberg war, ein kleines Diagramm.

Dann drehte er sich zu seinem Computer und begann zu recherchieren.

Die Durchwahl 6-0-1-7-B war nicht im regulären Telefonverzeichnis des AAZ eingetragen. Das reguläre Telefonverzeichnis, ein PDF-Dokument von zweihundertdreizehn Seiten, das zum letzten Mal 2014 aktualisiert worden war und daher noch die Durchwahl der mittlerweile aufgelösten „Abteilung für vorauseilenden Gehorsam" enthielt, kannte keine Nummer mit dem Suffix „B." Telefonnummern im AAZ bestanden aus Ziffern. Das war eine der wenigen Regeln, auf die man sich verlassen konnte.

Thomas suchte im Intranet. Er suchte im Archiv. Er suchte in der Anlage zur Telefonordnung (Dokument TO-7, Absatz 3.2.4: „Vergabe von Durchwahlen für Sonderabteilungen"). Dort fand er einen Eintrag:

„Abteilung 6 — Sonderdurchwahlen mit alphanumerischer Kennung. Zuständiger Sachbearbeiter: H. Schmied. Genehmigt: [Datum geschwärzt]. Siehe Anlage 6b."

Anlage 6b existierte nicht. Beziehungsweise: der Link zu Anlage 6b führte auf eine Seite, die lediglich den Text „Diese Seite ist absichtlich leer gelassen" enthielt, was Thomas als die ehrlichste Aussage empfand, die ihm das AAZ je gemacht hatte.

Aber die Zuordnung war klar: 6-0-1 stand für Zimmer 601. 7-B — Thomas brauchte einen Moment. 7b. Wie Formular 7b. Die Durchwahl war eine Formular-Referenz. Schmied hatte sein Telefon nach einem Formular benannt.

Thomas lehnte sich zurück. Sein Bürostuhl — der neue, der laut Bestellformular „ergonomisch optimiert" war und laut Thomas’ Rücken „ein anderes Wort für Folter" — quietschte protestierend.

Er musste zurück nach Zimmer 601. Er musste dieses Telefon finden. Beim letzten Besuch hatte er es nicht bemerkt — aber beim letzten Besuch hatte er auch den Schlüsselhaken, das Messingschild und den doppelten Boden der Schreibtischschublade übersehen. Zimmer 601 war, so schien es, ein Raum, der seine Geheimnisse portionsweise preisgab, wie ein Dosiergerät für Wahrheiten.

Aber zuerst: die Personalabteilung. Die mit Edding geschwärzte Adresse. Es musste doch einen anderen Weg geben, Schmieds Aufenthaltsort zu ermitteln.

Thomas ging in die Personalabteilung. Frau Gundlach empfing ihn mit einem Gesichtsausdruck, der deutlich machte, dass sein gestriger Besuch die Kapazitäten ihrer Toleranz für das laufende Quartal bereits erschöpft hatte.

„Herr Schmied", sagte Thomas. „Es muss doch noch andere Unterlagen geben. Gehaltsabrechnungen? Sozialversicherung? Steuermeldungen?"

Frau Gundlach tippte. Ihr Gesicht blieb so ausdruckslos wie eine unausgefüllte Seite des Formulars 7b.

„Herr Schmied", sagte sie schließlich, „befindet sich im Status ‚dauerhaft abwesend.’ Das ist weder gekündigt noch pensioniert noch beurlaubt. Es ist ein Zustand, für den es in der Gehaltsabrechnung keine Kategorie gibt."

„Also bekommt er kein Gehalt?"

„Er bekommt eine monatliche Zuwendung unter dem Titel ‚Aufwandsentschädigung für besondere Vorgänge.’ Empfängeradresse…"

Sie drehte den Bildschirm. Thomas sah: ██████████████████████.

Derselbe Edding. Dieselbe Handschrift. Jemand hatte systematisch jede Spur von Schmieds Aufenthaltsort in den Akten des AAZ mit analoger Gründlichkeit vernichtet.

„Wer hat das geschwärzt?", fragte Thomas.

Frau Gundlach sah ihn an. „Gezeichnet", sagte sie und deutete auf eine Paraphe am unteren Rand des geschwärzten Dokuments. Die Paraphe war ebenfalls geschwärzt. Aber unter der Schwärzung, gerade noch erkennbar — eine Initiale: H.S.

Schmied hatte sich selbst geschwärzt.

Thomas kehrte in sein Büro zurück. Er war erschöpft auf eine Weise, die nur Menschen kennen, die einen ganzen Vormittag damit verbracht haben, Informationen zu suchen, die aktiv vor ihnen versteckt werden. Er setzte sich hin. Er trank einen Kaffee. Er starrte die Wand an.

Um 14:23 Uhr erschien Frau Behrens-Goldbach in seiner Tür. Sie trug einen Karton, der aussah, als stamme er aus einer Zeit, in der Kartons noch aus richtigem Karton bestanden und nicht aus jenem dünnen Material, das beim ersten Regentropfen die Konsistenz von Butterbrotpapier annahm.

„Ich habe nachgedacht", sagte sie.

Thomas setzte sich aufrecht hin. Wenn Frau Behrens-Goldbach nachgedacht hatte, war das ein Ereignis von der Tragweite einer Sonnenfinsternis — nicht weil sie selten dachte, sondern weil sie ihre Gedanken so selten teilte, dass jede Mitteilung den Charakter einer Offenbarung hatte.

„Und?"

„Ich glaube, ich weiß, wo er wohnt."

Thomas’ Herz hämmerte. Beziehungsweise: es klopfte mit der Intensität einer dienstlichen Anfrage der Dringlichkeitsstufe 2.

Frau Behrens-Goldbach stellte den Karton auf seinen Schreibtisch. „Das sind meine alten Weihnachtskarten. Ich hebe alle auf. Seit 1989."

Thomas öffnete den Mund, aber Frau Behrens-Goldbach hob die Hand.

„Nicht jetzt. Ich muss sie erst durchsehen. Es waren einige Hundert."

„Einige Hundert?"

„Ich war sehr beliebt. In den Neunzigern."

Sie nahm den Karton und verschwand.

Thomas saß allein in Zimmer 312. Draußen dämmerte es. Im Innenhof kaute das Alpaka. Am Telefon kaute etwas anderes. Und irgendwo in einem Karton voller Weihnachtskarten aus den Neunzigern lag vielleicht — vielleicht — die Antwort auf eine Frage, die Thomas seit fünfzehn Jahren stellte und die das AAZ seit fünfzehn Jahren mit Edding, Auto-Replys und alphanumerischen Durchwahlen beantwortete:

Wo ist Herbert Schmied?

Und: Warum kaut sein Telefon?