Der Abschiedsbrief
Es gibt Dinge, die um 3:17 Uhr morgens geschehen, und es gibt Dinge, die um jeder anderen Uhrzeit geschehen, und zwischen diesen beiden Kategorien liegt ein Abgrund, den die Menschheit seit Jahrtausenden mit Aberglauben, Literatur und Nachtportieren zu überbrücken versucht.
Der Nachtportier des AAZ hieß Herr Griesbach, ein Mann von beeindruckender Unerschütterlichkeit, der seine Nächte damit verbrachte, Kreuzworträtsel zu lösen, die er selbst verfasst hatte, weil ihm die in der Zeitung „zu vorhersehbar" waren. Herr Griesbach hatte in seinen dreiundzwanzig Dienstjahren als Nachtportier exakt drei Meldungen verfasst: eine über einen Wasserrohrbruch (2003), eine über ein Eichhörnchen im Serverraum (2011), und — am heutigen Morgen — eine über den Drucker.
Die Meldung, die Thomas bei seiner Ankunft um 8:14 Uhr auf dem Schreibtisch fand, war in jener Handschrift verfasst, die man im AAZ als „dienstlich leserlich" bezeichnete, was bedeutete, dass man ungefähr die Hälfte der Buchstaben entziffern konnte und den Rest durch kontextuelle Intuition ergänzte:
„3:17 Uhr. Drucker Etage 3 (Modell HP LaserJet Pro, Seriennummer E-2847) hat ohne erkennbaren Anlass Druckauftrag ausgeführt. Kein PC eingeschaltet. Kein Druckauftrag in Warteschlange. 1 (ein) Blatt gedruckt. Blatt lag im Ausgabefach. Habe es nicht gelesen (Datenschutz). Habe es in Umschlag gelegt und versiegelt. Umschlag liegt bei. Griesbach."
Der Umschlag lag tatsächlich bei. Er war mit Tesafilm versiegelt, und zwar so gründlich, dass Thomas drei Minuten und einen Brieföffner benötigte, um ihn zu öffnen, wobei er den Brieföffner zum ersten Mal seit seiner Einstellung tatsächlich für seinen vorgesehenen Zweck verwendete und nicht als Lesezeichen, Rührstäbchen oder provisorischen Schraubenzieher.
Das Blatt darin war — anders als jenes legendäre Blatt, auf dem nur „Dienstag" gestanden hatte — vollständig bedruckt. Die Schriftart war Times New Roman, Größe 12, was an sich nichts Ungewöhnliches war, wenn man davon absah, dass der Drucker des dritten Stocks seit einer Softwareaktualisierung im Jahr 2019 nur noch in Courier New druckte und jeder Versuch, dies zu ändern, mit der Fehlermeldung „Schriftart nicht autorisiert" scheiterte.
Thomas las:
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
nach vielen Jahren im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten verlasse ich das AAZ. Dieser Schritt fällt mir nicht leicht, aber er ist notwendig. Manche Entscheidungen müssen getroffen werden, bevor sie einen selbst treffen.
Ich hinterlasse Ihnen Vorgang 2847/B. Bitte bearbeiten Sie ihn. Es ist wichtig. Ich kann nicht sagen, warum. Ich kann nicht einmal sagen, ob es einen „Warum" gibt in dem Sinne, wie wir üblicherweise „Warum" verwenden — also als Frage, die eine Antwort erwartet. Manche Vorgänge sind wichtig, weil sie existieren, nicht weil sie einen Zweck haben.
Vertrauen Sie dem Formular. Formular 7b enthält alles, was Sie brauchen. Wenn es Ihnen nicht ausreicht: es gibt eine überarbeitete Version. Sie werden sie finden, wenn die Zeit reif ist, oder wenn Sie im Intranet unter der richtigen Rubrik suchen, was im AAZ erfahrungsgemäß auf dasselbe hinausläuft.
Ich habe meine Jahre hier nicht bereut. Zimmer 601 war ein gutes Büro. Das Einhorn an der Wand hat mir Gesellschaft geleistet in Momenten, in denen die Aktenordner schwiegen und die Locher schwiegen und die Stille so laut war, dass man die Heizungsrohre atmen hörte.
Kümmern Sie sich um das Alpaka. Es versteht mehr, als Sie denken.
Mit kollegialen Grüßen,
Herbert Schmied
Sachbearbeiter für besondere Vorgänge
Abteilung 6
PS: Der Locher in Zimmer 601 ist korrekt kalibriert. Es ist der einzige im gesamten Gebäude.
Thomas las den Brief dreimal. Beim ersten Mal mit den Augen eines Sachbearbeiters, der nach verwertbaren Informationen suchte. Beim zweiten Mal mit den Augen eines Mannes, der in jedem Satz den Widerhall einer Abwesenheit spürte, die größer war als ein leeres Büro. Beim dritten Mal mit den Augen von jemandem, der bemerkt hatte, dass der Brief datiert war.
Das Datum stand in der rechten oberen Ecke, wie es die Formatvorlage des AAZ verlangte (Dokument FV-3, Absatz 2.1: „Datum rechtsbündig, Format TT.MM.JJJJ, keine Abkürzungen"). Der 14. März 2011. Vor fünfzehn Jahren. Dasselbe Datum wie die E-Mail.
Thomas legte den Brief auf seinen Schreibtisch. Er betrachtete ihn. Dann beugte er sich vor und berührte die Unterschrift mit der Fingerspitze.
Die Tinte war feucht.
Er hob den Finger. An der Kuppe klebte ein winziger blauer Fleck. Er betrachtete ihn, wie ein Naturwissenschaftler ein unmögliches Phänomen betrachtet — mit einer Mischung aus Faszination und dem dringenden Wunsch, eine rationale Erklärung zu finden, die das Unmögliche in etwas Langweiliges verwandelte.
Die Tinte war feucht. Ein Brief, datiert vor fünfzehn Jahren, gedruckt um 3:17 Uhr morgens von einem Drucker, der keinen Druckauftrag erhalten hatte, in einer Schriftart, die er nicht verwenden konnte — und die Unterschrift war feucht. Nicht gedruckt. Unterschrieben. Von Hand. In blauer Tinte. Und die Tinte war noch feucht.
Thomas’ Verstand, der in fünfzehn Jahren Sachbearbeitung eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt hatte, das Unerklärliche als Verwaltungsvorfall einzuordnen, bot ihm mehrere Erklärungen an:
Erstens: Kondenswasser. Es war Herbst. Die Heizung lief. Feuchtigkeit konnte sich auf Papier niederschlagen. Allerdings selektiv nur auf der Unterschrift? Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.
Zweitens: Eine besonders langlebige Tinte. Es gab, wie Thomas wusste, Spezialtinten für archivalische Zwecke, die über Jahre hinweg trocknungsresistent blieben. Ob solche Tinten im AAZ verwendet wurden, war ihm nicht bekannt, aber in einem Amt, das Locher einer Sonderserie aus dem Jahr 1987 besaß, war nichts auszuschließen.
Drittens: Jemand hatte den Brief heute Nacht unterschrieben. Jemand war um 3:17 Uhr im Gebäude gewesen, hatte den Drucker — auf eine Weise, die der Nachtportier nicht bemerkt hatte — einen fünfzehn Jahre alten Abschiedsbrief drucken lassen und diesen dann von Hand unterschrieben.
Thomas bevorzugte Erklärung eins. Sein Instinkt schrie Erklärung drei.
Er ging zu Frau Behrens-Goldbach. Sie saß in Zimmer 314, umgeben von einem Halbkreis aus Kartons, die alle mit der Aufschrift „Weihnachten" und einer Jahreszahl versehen waren. Sie sortierte Karten mit der Sorgfalt einer Archäologin, die Scherben einer minoischen Vase zusammensetzt.
„Frau Behrens-Goldbach", sagte Thomas und hielt ihr den Brief hin. „Der Drucker hat heute Nacht gedruckt."
Sie nahm den Brief. Sie las ihn. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich nicht — Frau Behrens-Goldbach besaß die mimische Bandbreite eines buddhistischen Mönchs in tiefer Meditation — aber ihre Augenbraue, die linke, hob sich um ungefähr zwei Millimeter, was in ihrer persönlichen Ausdrucksskala dem Äquivalent eines Schreis entsprach.
„Kümmern Sie sich um das Alpaka", zitierte sie. „Er hatte das Alpaka gern."
„Die Unterschrift", sagte Thomas. „Berühren Sie die Unterschrift."
Frau Behrens-Goldbach berührte die Unterschrift. Sie betrachtete ihren Finger. Der blaue Fleck.
„Hm", sagte sie.
„Hm?"
„Das ist seine Tinte. Er hat immer blaue Tinte benutzt. Pelikan 4001 Königsblau. Ich erinnere mich, weil er die einzige Person im gesamten AAZ war, die noch einen Füllfederhalter benutzte. Alle anderen hatten Kugelschreiber. Oder diese Gelroller, die immer auslaufen."
Thomas setzte sich auf den einzigen freien Stuhl in Zimmer 314 — einen Stuhl, der unter dem Gewicht der Weihnachtskartenkartons ächzte wie eine Brücke unter einem Panzer — und versuchte, seine Gedanken zu ordnen.
Schmied war seit fünfzehn Jahren abwesend. Aber sein Drucker druckte. Sein Telefon klingelte. Sein Abschiedsbrief trug eine frische Unterschrift in seiner Lieblingstinte. Das Amt für Allgemeine Zuständigkeiten war nicht groß genug für solche Geheimnisse, aber es war, wie sich herausstellte, tief genug.
„Ich muss nach Zimmer 601", sagte Thomas.
„Natürlich müssen Sie das", sagte Frau Behrens-Goldbach, ohne aufzusehen. Sie hielt eine Weihnachtskarte mit einem Rentier-Motiv in der Hand und betrachtete sie mit einer Intensität, die vermuten ließ, dass sie entweder das Rentier oder den Absender wiedererkannte.
Thomas nahm den Brief und ging zurück in Zimmer 312. Er legte ihn in eine Klarsichthülle. Er legte die Klarsichthülle in einen Ordner. Er beschriftete den Ordner: „Vorgang 2847/B — Abschiedsbrief — FEUCHT."
Dann öffnete er seine Schreibtischschublade und betrachtete den Schlüssel. 601b. Klein, messingfarben, mit einem handgeschriebenen Etikett. Pflüger hatte gesagt, 601b sei die Abstellkammer neben 601. „Da kommt man durch die Wand."
Thomas steckte den Schlüssel in seine Jackentasche. Er spürte dessen Gewicht — minimal, aber vorhanden, wie ein Versprechen, das man noch nicht eingelöst hat.
Auf seinem Schreibtisch lag der Brief. Die Unterschrift — Herbert Schmied, in Pelikan 4001 Königsblau — trocknete langsam. Aber sie trocknete. Was bedeutete, dass sie vor kurzem aufgetragen worden war. Was bedeutete, dass Schmied — oder jemand mit seinem Füller — hier gewesen war. Um 3:17 Uhr morgens. In einem Gebäude mit Nachtportier, Sicherheitsschleusen und einer Alarmanlage, die allerdings seit 2008 nur noch im „Simulationsmodus" lief, weil niemand das Passwort kannte, um sie scharf zu schalten.
Thomas blickte aus dem Fenster. Im Innenhof stand das Alpaka und kaute. Es kaute immer. Es kaute mit jener zeitlosen Gelassenheit, die nur Tiere aufbringen, die nie einen Vorgang bearbeiten mussten.
„Kümmern Sie sich um das Alpaka", hatte Schmied geschrieben.
„Es versteht mehr, als Sie denken."
Thomas sah dem Alpaka zu. Das Alpaka sah zurück. Für einen Moment — einen kurzen, irrationalen, vollkommen unwissenschaftlichen Moment — hatte Thomas das Gefühl, dass es nickte.
Dann wandte es sich ab und kaute weiter.