Kapitel 57

Formular 7b-revised-2

Thomas Müller-Hinterberg hatte im Laufe seiner Karriere schätzungsweise viertausend Formulare ausgefüllt. Er hatte Formulare für Urlaubsanträge ausgefüllt, Formulare für Reisekostenabrechnungen, Formulare für die Bestellung von Formularen und — in einem denkwürdigen Fall — ein Formular, mit dem er die Genehmigung beantragte, ein anderes Formular ausfüllen zu dürfen. Er kannte Formular 7b wie ein Pianist seine Lieblingssonate: jedes Feld, jede Zeile, jede Fußnote. Er hätte es im Schlaf ausfüllen können und tat dies gelegentlich auch, wenn man jene Momente kurz vor dem Einschlafen mitzählte, in denen das Gehirn den Tag rekapituliert und Thomas’ Gehirn bevorzugt Formulare rekapitulierte.

Aber von Formular 7b-revised-2 hatte er noch nie gehört.

Er fand es an einem Donnerstagnachmittag, um 15:42 Uhr, in den Tiefen des AAZ-Intranets, jenem digitalen Labyrinth, das mit der Absicht gestaltet worden war, Informationen bereitzustellen, und mit dem Ergebnis, sie so gründlich zu verbergen, dass ihre Entdeckung jedes Mal den Charakter einer archäologischen Ausgrabung hatte.

Thomas hatte gesucht. Nicht wahllos — er war kein Mann für wahlloses Suchen, er war ein Mann für systematisches, methodisches, nach Aktenlage dokumentiertes Suchen — sondern gezielt. Nach dem Locher-Fund hatte er begriffen, dass Abteilung 6 Spuren hinterlassen hatte. Überall. Man musste nur wissen, wo man graben sollte.

Er hatte im Intranet das Verzeichnis der Formulare aufgerufen. Das offizielle Verzeichnis, das unter „Verwaltung → Formulare → Aktuell gültige Formulare" zu finden war, listete dreihundertzweiundsiebzig Formulare auf, von 1a (Einstellungsantrag) bis 89f (Abmeldung vom Kantinensystem). Formular 7b war dort verzeichnet als „Allgemeines Mehrzweckformular — Version 7b — Letzte Aktualisierung: 1994."

Aber Thomas suchte tiefer. Er klickte auf „Archiv → Historische Formulare → Sonderversionen." Eine Unterseite, die er nie zuvor besucht hatte, weil es keinen Grund gegeben hatte, sie zu besuchen, es sei denn, man war ein Historiker der Bürokratie oder ein Sachbearbeiter auf der Suche nach einem Geist.

Dort, zwischen „Formular 5c-Sonderversion für Linkshänder" und „Formular 9a-Übergangsfassung für metrische Umstellung", fand er es:

Formular 7b-revised-2 — Nur für interne Verwendung durch Abteilung 6 — Klassifizierung: VERTRAULICH — Ersteller: H. Schmied.

Thomas klickte. Sein Herz schlug auf jene Weise, die Kardiologen als „unauffällig" und Dichter als „pochend" bezeichnet hätten. Der Bildschirm lud. Langsam — das Intranet des AAZ lud alles langsam, als wolle es sicherstellen, dass man genug Zeit hatte, seine Entscheidung zu überdenken.

Das Formular erschien.

Es sah aus wie Formular 7b. Dieselbe Grundstruktur: Aktenzeichen, Datum, Name des Sachbearbeiters, Abteilung, Beschreibung des Vorgangs. Aber dann — ab der Mitte des Formulars, dort, wo die Standardversion ein paar leere Zeilen für „Bemerkungen" vorsah — begann die Abweichung.

Neue Felder. Felder, die auf dem normalen 7b nicht existierten. Felder, die auf keinem Formular existierten, das Thomas je gesehen hatte:

Feld 12: Art des besonderen Vorgangs
(Zutreffendes ankreuzen: □ Standard-besonders □ Besonders-besonders □ Außerordentlich besonders □ Nicht kategorisierbar)

Feld 13: Einhorn-Referenznummer
(Wenn vorhanden. Wenn nicht vorhanden: „unbekannt" eintragen. Wenn unklar, ob vorhanden: „möglicherweise" eintragen.)

Feld 14: Alpaka-Betreuungsstatus
(Zutreffendes ankreuzen: □ Lebendig und wohlauf □ Lebendig und unwohl □ Nicht lebendig □ Status unbekannt □ Mehrere Alpakas — Anzahl: ___)

Feld 15: Zustand des Lochers
(Kalibrierung: □ Standard □ Sonderspezifikation Abt. 6 □ Defekt □ Noch nie überprüft)

Feld 16: Bewertung der Dringlichkeit auf der Schmied-Skala
(1 = nicht dringend, 7b = maximale Dringlichkeit)

Thomas starrte auf den Bildschirm. Er starrte lange. Er starrte so lange, dass der Bildschirmschoner — ein digitales Aquarium, das die IT-Abteilung 2009 als „motivierend" installiert hatte und das seither niemand abgestellt hatte — sich aktivierte und ein digitaler Clownfisch durch sein Blickfeld schwamm.

Er bewegte die Maus. Das Formular erschien wieder. Es war noch da. Es war real. Oder zumindest so real, wie etwas sein konnte, das in einem Intranet existierte, das von einem Mann erstellt worden war, der seit fünfzehn Jahren abwesend war.

Thomas drückte auf „Drucken."

In einem anderen Universum, in einer anderen Erzählung, hätte der Drucker nun gestreikt, ein Haiku gedruckt, Feuer gefangen oder sich in ein Einhorn verwandelt. Aber dies war das AAZ, und manchmal — selten, aber manchmal — funktionierten die Dinge einfach. Der Drucker druckte. Zwei Seiten, beidseitig, in jener Qualität, die Thomas als „lesbar, aber nicht schön" bezeichnete.

Er nahm das Formular in die Hand. Er las es noch einmal. Dann holte er seinen Kugelschreiber — einen neuen, nachdem der alte bei dem Locher-Versuch sein Leben gelassen hatte — und begann zu schreiben.

Feld 1: Aktenzeichen. 2847/B.

Feld 2: Datum. Thomas schrieb das heutige Datum. Es war ein Donnerstag. Nicht Dienstag. Thomas bemerkte dies mit einer gewissen Erleichterung.

Feld 3: Name des Sachbearbeiters. Thomas Müller-Hinterberg.

Feld 4: Abteilung. Er zögerte. Seine Abteilung war — nun, er arbeitete in Zimmer 312, dritter Stock, keiner spezifischen Abteilung zugeordnet, da das AAZ die Abteilungszugehörigkeit seiner Mitarbeiter mit der gleichen Sorgfalt pflegte, mit der es seine Gebäudepläne aktualisierte: gar nicht. Er schrieb: „Zimmer 312."

Feld 12: Art des besonderen Vorgangs. Thomas las die Optionen. Standard-besonders? Besonders-besonders? Er kreuzte „Nicht kategorisierbar" an, was ihm als die ehrlichste Antwort erschien.

Feld 13: Einhorn-Referenznummer. „Unbekannt." Obwohl er ein Einhorn auf dem Poster in 601, ein Einhorn-Symbol auf dem Locher und ein Alpaka-Baby namens „Einhorn" kannte, besaß keines davon eine Referenznummer. Oder falls doch, hatte sie ihm niemand mitgeteilt.

Feld 14: Alpaka-Betreuungsstatus. Thomas lächelte. Es war ein seltenes Lächeln, eines, das er für Momente reservierte, in denen die Absurdität des Daseins einen Grad erreichte, der nur noch mit Heiterkeit zu beantworten war. Er kreuzte „Mehrere Alpakas" an und schrieb in das Feld „Anzahl": „4 (ein Erwachsenes, drei Nachwuchs)."

Feld 15: Zustand des Lochers. „Sonderspezifikation Abt. 6."

Feld 16: Bewertung der Dringlichkeit auf der Schmied-Skala. Thomas dachte nach. Die Skala reichte von 1 bis 7b. Was war die Dringlichkeit von Vorgang 2847/B? Er hatte fünfzehn Jahre gewartet. War das dringend? War das das Gegenteil von dringend? Oder war es — und dieser Gedanke kam ihm wie ein Schmetterling, der sich auf einem Schlachtfeld niederlässt — war es genau richtig? Er schrieb: „7b."

Er betrachtete das ausgefüllte Formular. Es war das seltsamste Dokument, das er je verfasst hatte, und er hatte einmal ein Memo über die korrekte Neigungswinkel-Toleranz von Bürostuhlrollen geschrieben.

Das Intranet-Formular hatte, wie Thomas nun bemerkte, am unteren Rand einen Button: „Formular elektronisch einreichen." Er hatte ihn beim Drucken übersehen. Nun klickte er darauf.

Ein Fenster öffnete sich: „Bitte bestätigen Sie die Einreichung von Formular 7b-revised-2. Hinweis: Die Einreichung ist unwiderruflich. Sind Sie sicher?"

Thomas war sich nicht sicher. Thomas war sich seit fünfzehn Jahren nichts mehr sicher. Aber er klickte „Ja."

Der Bildschirm flackerte. Kurz. Ein Wimpernschlag. Dann erschien eine Meldung, weiß auf grün, in einer Schriftart, die Thomas noch nie im System gesehen hatte — einer Schriftart, die entfernt an die Handschrift auf Schmieds Visitenkarte erinnerte:

Formular angenommen.
Willkommen in Abteilung 6.

Thomas starrte auf den Bildschirm.

Der Bildschirmschoner aktivierte sich nicht. Der digitale Clownfisch schwamm nicht vorbei. Die Meldung blieb stehen, leuchtend, still, unwiderruflich.

Willkommen in Abteilung 6.

Thomas versuchte, die Seite zu schließen. Sie ließ sich nicht schließen. Er versuchte, den Browser zu schließen. Der Browser schloss sich, aber als er ihn wieder öffnete, war die Meldung noch da. Willkommen in Abteilung 6. Als hätte sich das Intranet selbst verändert, als sei es nicht mehr dasselbe Intranet, in dem er seit fünfzehn Jahren Urlaubsanträge und Kantinenanmeldungen bearbeitete, sondern ein anderes — eines, das hinter dem ersten lag, wie der doppelte Boden in Schmieds Schreibtischschublade.

Er lehnte sich zurück. Sein Bürostuhl quietschte. Draußen begann es zu regnen. Im Innenhof standen die Alpakas unter dem Vordach des Fahrradunterstands — ein Erwachsenes und drei Junge, die sich aneinander drängten wie eine Familie auf einem Foto, das jemand nicht rechtzeitig aufgehängt hat.

Thomas betrachtete das Formular auf seinem Schreibtisch. Er betrachtete den Bildschirm. Er betrachtete seine Hände, die in fünfzehn Jahren viertausend Formulare ausgefüllt hatten, aber keines wie dieses.

Willkommen in Abteilung 6.

Er war, ohne es zu beabsichtigen und ohne es verhindern zu können, Mitglied einer Abteilung geworden, die nicht existierte. Er war der zweite Sachbearbeiter für besondere Vorgänge. Der Nachfolger eines Mannes, der seit fünfzehn Jahren abwesend war, aber dessen Drucker noch druckte, dessen Telefon noch klingelte und dessen Locher noch lochte.

Das Einzige, was Thomas in diesem Moment mit Sicherheit wusste, war, dass er morgen als Erstes nach 601b sehen musste.

Und dass er das Formular für den Außentermin noch ausfüllen musste. Falls Schmied eine echte Adresse hatte. Falls Frau Behrens-Goldbach die Weihnachtskarte fand.

Falls irgendetwas in diesem Amt noch den Regeln folgte, die Thomas einmal für gültig gehalten hatte.