Der Locher
Es gibt Gegenstände, denen man im Laufe eines Berufslebens keine Aufmerksamkeit schenkt, weil sie so selbstverständlich sind wie Schwerkraft oder Dienstagsdienst — und dann gibt es Gegenstände, die sich eines Tages als Schlüssel zu allem herausstellen, was man jemals nicht verstanden hat. Für Thomas Müller-Hinterberg war dieser Gegenstand ein Locher.
Genauer gesagt: der Locher in Zimmer 312, ein Gerät der Marke „LEITZ", Modell „Präzisionslocher LX-40", in jenem stumpfen Grau gehalten, das Bürogeräte tragen, wenn sie sich in ihr Schicksal ergeben haben. Thomas benutzte ihn seit fünfzehn Jahren, und seit fünfzehn Jahren erzeugte er Löcher, die — wie soll man es sagen — nicht ganz dort saßen, wo sie hätten sitzen sollen.
Zwei Millimeter zu weit rechts.
Zwei Millimeter. In der Welt der Ingenieure ein Nichts. In der Welt der genormten Aktenordner eine Katastrophe. Denn ein Blatt, dessen Löcher zwei Millimeter zu weit rechts sitzen, passt in keinen Standard-Ordner, ohne dass der rechte Rand eine leichte Wölbung bildet — eine Wölbung, die beim Blättern ein charakteristisches Rascheln erzeugt und die jeden ordnungsliebenden Sachbearbeiter in jenen Zustand stummen Leidens versetzt, den man im AAZ als „Locherfrustration" kannte und der im Katalog der Berufskrankheiten bedauerlicherweise nicht verzeichnet war.
Thomas hatte diese Abweichung fünfzehn Jahre lang als persönliches Schicksal akzeptiert. Man lokalisierte den Locher. Man lochte. Man heftete ab. Man ignorierte das Rascheln. So war das Leben.
Aber heute — heute war anders. Heute musste Thomas die Ermittlungsakten zu Vorgang 2847/B in den neu beschafften grauen Ordnern abheften, und die grauen Ordner waren, wie Herr Pflüger festgestellt hatte, von einer besonders unversöhnlichen Bauart, bei der selbst ein Millimeter Abweichung dazu führte, dass die Ringmechanik klemmte.
Thomas lochte die erste Seite. Er heftete sie ein. Die Ringmechanik klemmte.
Er lochte die zweite Seite. Er versuchte, sie leicht nach links zu verschieben. Die Ringmechanik klemmte auf andere Weise.
Er lochte die dritte Seite. Er versuchte, die Löcher mit einem Kugelschreiber zu weiten. Der Kugelschreiber brach ab. Die blaue Tinte verteilte sich auf dem Papier in einem Muster, das entfernt an das Einhorn-Poster erinnerte, wenn man sehr wohlwollend war und die Augen zusammenkniff.
Thomas stand auf. Er ging auf den Flur. Neben dem Kopierer — jenem Gerät, das Thomas einmal als „den Drucker, der sich in einen Kopierer verkleidet hat" beschrieben hatte — stand ein zweiter Locher. Modell LX-40. Dasselbe Grau. Thomas lochte ein Testblatt.
Zwei Millimeter zu weit rechts.
Er ging in die nächste Etage. Dritter Locher. LX-40. Zwei Millimeter zu weit rechts.
Vierte Etage. Fünfte Etage. Überall dasselbe Modell. Überall dieselbe Abweichung. Thomas lochte insgesamt elf Testblätter auf fünf Stockwerken und stellte fest, dass sämtliche Locher im gesamten AAZ identisch falsch lochten.
Dies war, und das muss man betonen, kein Zufall. Zufälle erzeugten zufällige Abweichungen — mal links, mal rechts, mal mehr, mal weniger. Aber zwei Millimeter, konstant, über alle Geräte hinweg, das war System. Das war Design. Das war — und dieser Gedanke traf Thomas mit der Wucht einer Erkenntnis, die man fünfzehn Jahre lang verdrängt hat — Absicht.
Jemand hatte dem gesamten AAZ Locher geliefert, die systematisch falsch lochten.
Thomas kehrte in sein Büro zurück. Er drehte den Locher um. Auf der Unterseite, eingeprägt in das Metall, standen die Seriennummer und eine Bestellnummer: BV-1987/2847-A.
Thomas starrte auf die Nummer. 2847. Er kannte diese Zahl. Er kannte sie sehr gut. 2847/B war sein Vorgang. Der Vorgang. Die E-Mail. Schmied. Alles.
2847/A.
Es gab einen Vorgang 2847/A. Und dieser Vorgang hatte mit Lochern zu tun.
Thomas setzte sich an seinen Computer und suchte im Archiv des AAZ. Die Suchfunktion des Archivs war, wie alles im AAZ, technisch funktional und praktisch nutzlos — sie fand entweder nichts oder alles, wobei „alles" in der Regel dreitausendzweihundert Ergebnisse bedeutete, von denen das relevanteste auf Seite siebenundvierzig erschien. Aber diesmal hatte Thomas einen genauen Suchbegriff: BV-1987/2847-A.
Ein Ergebnis.
Beschaffungsvorgang 2847/A
Datum: 12. Oktober 1987
Gegenstand: Beschaffung von Lochgeräten (Modell LX-40) für das gesamte AAZ
Stückzahl: 347
Lieferant: Bürobedarf Mertens GmbH
Zuständige Abteilung: 6
Sachbearbeiter: H. Schmied
Status: Abgeschlossen
Vermerk: Kalibrierung gemäß Sonderspezifikation Abt. 6. Siehe Anlage 7b.
Thomas las den Eintrag dreimal. Dann ein viertes Mal, wobei er jedes Wort mit der Aufmerksamkeit eines Archäologen betrachtete, der eine Inschrift entziffert, die alles verändern könnte — oder nichts, was im AAZ oft auf dasselbe hinauslief.
Schmied hatte die Locher bestellt. Im Jahr 1987. Dreihundertsiebenundvierzig Stück. Für das gesamte Amt. Und er hatte sie — das war der entscheidende Punkt — nach einer „Sonderspezifikation" der Abteilung 6 kalibrieren lassen. Die Locher waren nicht defekt. Sie waren absichtlich so eingestellt, dass sie zwei Millimeter zu weit rechts lochten.
Warum?
Thomas lehnte sich zurück. Sein Stuhl quietschte. Er ignorierte es.
Warum würde jemand dreihundertsiebenundvierzig Locher so kalibrieren, dass sie systematisch falsch lochen? Was war der Sinn? Was war der Plan? Thomas war kein Mann für Verschwörungstheorien — er hielt Verschwörungstheorien für das, was passierte, wenn Menschen zu viel Zeit und zu wenig Formulare hatten — aber hier, in diesem Moment, in Zimmer 312, mit elf falsch gelochten Testblättern auf dem Schreibtisch, konnte er nicht anders, als das Muster zu sehen.
Vorgang 2847/A: Die Locher. 1987.
Vorgang 2847/B: Die E-Mail. 2011.
Derselbe Sachbearbeiter. Dieselbe Abteilung. Dieselbe Nummer — nur A und B. Wie Kapitel eines Buches. Wie Teile eines Plans.
Thomas griff nach dem Locher und drehte ihn noch einmal um. Die Unterseite war nicht nur mit der Bestellnummer versehen. In der Ecke, kaum sichtbar, war eine weitere Prägung: ein kleines Symbol. Thomas brauchte die Lupe aus dem Erste-Hilfe-Kasten, um es zu erkennen.
Ein Einhorn.
Auf einem Locher. Ein Einhorn.
Thomas lachte. Es war kein fröhliches Lachen und kein trauriges Lachen. Es war das Lachen eines Mannes, der fünfzehn Jahre lang Akten mit einem Gerät gelocht hat, auf dem ein Einhorn prangt, ohne es je bemerkt zu haben. Es war das Lachen der Erkenntnis, dass Abteilung 6 nicht nur ein Büro im sechsten Stock war, sondern ein System — ein stilles, geduldiges, allgegenwärtiges System, das sich in den Grundfesten des AAZ eingenistet hatte wie Schimmel in einer feuchten Wand, nur eleganter und mit besserem Branding.
Er beschloss, die Gebrauchsanweisung des Lochers zu suchen. Im AAZ hatte jeder Gegenstand eine Gebrauchsanweisung, selbst der Flaschenöffner in der Teeküche (Dokument GA-78, drei Seiten, mit Sicherheitshinweis). Ein Locher von der Komplexität des LX-40 musste eine umfangreiche Dokumentation haben.
Er fand sie im Intranet, unter „Arbeitsmittel → Lochgeräte → Modell LX-40 → Gebrauchsanweisung." Siebenundvierzig Seiten.
Siebenundvierzig Seiten für einen Locher.
Thomas begann zu lesen. Die ersten dreißig Seiten waren Standard: Sicherheitshinweise (nicht in Steckdose stecken — der Locher war manuell), Reinigungsanleitung (feuchtes Tuch), Garantiebedingungen (abgelaufen 1989). Dann, ab Seite einunddreißig, unter der Überschrift „Anhang: Sonderspezifikation für Abteilung 6 — Vertraulich", wurde es interessant.
„Die Kalibrierung des Modells LX-40 wurde gemäß den Anforderungen der Abteilung 6 modifiziert. Die Standard-Lochposition wurde um 2mm nach rechts versetzt. Diese Modifikation dient der Identifikation von Dokumenten, die im AAZ erstellt wurden, und ermöglicht die eindeutige Zuordnung gelochter Unterlagen zum Amt für Allgemeine Zuständigkeiten."
Thomas las den Absatz dreimal. Die Locher waren absichtlich falsch kalibriert — als Wasserzeichen. Nicht auf dem Papier, sondern durch das Papier. Jedes Blatt, das im AAZ gelocht wurde, trug die unsichtbare Signatur der Abteilung 6: zwei Millimeter zu weit rechts.
Es war genial. Es war wahnsinnig. Es war exakt das, was man von einem Mann erwarten würde, der sein Büro mit einem Einhorn-Poster dekorierte und sein Telefon nach einem Formular benannte.
Thomas blätterte weiter. Seite siebenundvierzig, die letzte Seite, enthielt nur einen kurzen Vermerk:
Erstellt und genehmigt von: H. Schmied, Sachbearbeiter für besondere Vorgänge, Abteilung 6.
Darunter, in kleiner Schrift: Für Rückfragen: Formular 7b verwenden.
Thomas schloss die Gebrauchsanweisung. Er betrachtete den Locher. Dieses graue, unscheinbare Gerät, das er fünfzehn Jahre lang für ein fehlerhaftes Bürogerät gehalten hatte, war in Wirklichkeit ein Instrument — ein Werkzeug, das jedes Blatt im AAZ mit einem Fingerabdruck versah, den nur jemand erkennen konnte, der wusste, wonach er suchte.
Alles begann mit einem Locher.
Und alles führte zurück zu Herbert Schmied.