Kapitel 60

Die Ermittlungstafel

Thomas Müller-Hinterberg begann den Dienstag — und es war natürlich ein Dienstag, es war immer ein Dienstag, wenn die Dinge sich fügten oder weigerten sich zu fügen, als folge das Universum jenem Wochenplan, den nur Sachbearbeiter und Alpakas zu verstehen schienen — damit, seine Ermittlungstafel zu rekonstruieren.

Die Aufgabe glich dem Versuch, eine Suppe zu entmischen. Die Katzen hatten nicht einfach die Tafel umgeworfen — sie hatten, mit der kreativen Zerstörungskraft, die nur Katzen und Naturkatastrophen gemeinsam ist, eine neue Ordnung geschaffen. Oder, genauer gesagt, eine neue Unordnung, die sich von der alten Unordnung, die vor Thomas’ Ordnung existiert hatte, dadurch unterschied, dass sie von einer höheren Intelligenz stammte. Oder zumindest von einer Intelligenz, die über Krallen verfügte.

Thomas begann systematisch. Er sammelte die Fotos vom Boden: das Foto des roten USB-Sticks (leicht verkratzt, Pfotenabdruck in der Ecke), das Foto des Einhorn-Posters (mit einem einzelnen Katzenhaar dekoriert, das im Licht schimmerte wie ein goldener Faden), das Foto von Schmieds Büro in Zimmer 601 (angeknabbert, aber erkennbar), das Foto seines eigenen Schreibtischs, das einst in einem Vierfach-Umschlag gelegen hatte.

Dann die Notizen: Die Transkription der siebzehn Haikus. Die Kopie der Auto-Reply. Die Adresse — Dienstagstraße 7b. Der Zettel „Sie kommen." Die Kopie des Abschiedsbriefs. Das ausgedruckte Formular 7b-revised-2, noch immer mit seinen handschriftlichen Eintragungen. Die Locher-Dokumentation. Die Protokolle der Ausschusssitzungen, einschließlich der vier Seiten über Ordnerfarben.

Und die roten Fäden.

Die roten Fäden waren das Problem. Thomas hatte sie über Wochen hinweg gespannt — von Foto zu Foto, von Hinweis zu Hinweis — und dabei ein Netz geschaffen, das die Zusammenhänge seiner Ermittlung sichtbar machte. Oder das zumindest den Anschein von Zusammenhängen erzeugte, was in der Ermittlungsarbeit oft auf dasselbe hinauslief.

Nun lagen die Fäden in einem Gewirr auf dem Boden, durchsetzt mit Katzenhaaren und dem, was Thomas als „Zerstörungskunstwerk von Frau Möbius und Herrn Brinkmann" bezeichnete. Die Fäden hatten sich um Stuhlbeine gewickelt, an Teppichfransen verfangen und jene Knoten gebildet, die nur entstehen, wenn man ein Wollknäuel unbeaufsichtigt in der Nähe eines Katers lässt.

Thomas entknotete. Er ordnete. Er versuchte, sich zu erinnern, welches Foto mit welchem verbunden gewesen war. Der rote USB-Stick mit dem schwarzen USB-Stick? Oder der rote USB-Stick mit der E-Mail? Oder die E-Mail mit dem Formular? Oder alles mit allem?

Er arbeitete drei Stunden. Er trank vier Tassen Kaffee. Er wurde von Herrn Brinkmann dreimal angestupst und von Frau Möbius einmal auf den Schoß gesprungen, was die Rekonstruktion um zwanzig Minuten verzögerte, da Frau Möbius sich exakt auf jene Notizen setzte, die Thomas gerade ordnen wollte, und mit dem ausdruckslosen Blick einer Katze, die weiß, dass sie im Recht ist, sitzen blieb.

Um 11 Uhr hatte Thomas eine neue Tafel aufgebaut. Provisorisch — die alte Pinnwand war von den Katzen so beschädigt worden, dass sie eher einer abstrakten Skulptur glich als einem Ermittlungswerkzeug, und Thomas hatte stattdessen die Rückwand seines Bücherregals verwendet, was den Nachteil hatte, dass man die Bücher nicht mehr herausnehmen konnte, und den Vorteil, dass Thomas seit seiner Einstellung im AAZ ohnehin kein Buch mehr gelesen hatte, das kein Formular war.

Er trat zurück und betrachtete sein Werk.

Die Fotos hingen. Die Notizen klebten. Die roten Fäden spannten sich von Punkt zu Punkt. Aber etwas stimmte nicht. Die Reihenfolge. Die Anordnung. Die Katzen hatten die Fotos nicht einfach verteilt — sie hatten sie in einer bestimmten Reihenfolge auf dem Boden liegen lassen. Oder vielmehr: Thomas hatte sie in einer bestimmten Reihenfolge aufgehoben, und diese Reihenfolge war nicht die, die er gewählt hätte.

Das Foto des roten USB-Sticks lag neben der Locher-Dokumentation. Das Katzenfoto — eines jener Fotos, die Herr Brinkmann versehentlich ausgelöst hatte, als er über Thomas’ Handy gelaufen war — klebte auf dem USB-Stick-Foto, als gehörte es dorthin. Die Haikus lagen neben dem Abschiedsbrief. Die Auto-Reply neben der Adresse.

Thomas versuchte, diese Reihenfolge als Ordnung zu lesen. Er legte die Fotos und Notizen so aus, wie die Katzen sie hinterlassen hatten — nicht an der Tafel, sondern auf dem Esstisch, in einer Reihe, von links nach rechts.

Er trat zurück. Er betrachtete die Reihe.

Es ergab — und Thomas war gezwungen, dies anzuerkennen, obwohl es seinem Bedürfnis nach Bedeutung widersprach — nichts. Die Katzenschrift, wenn man sie so nennen wollte, enthielt keine versteckte Botschaft. Die Reihenfolge war zufällig. Die Anordnung war willkürlich. Katzen waren keine Ermittler. Katzen waren Katzen.

Thomas seufzte.

Herr Brinkmann, der den Seufzer als Einladung interpretierte, sprang auf den Tisch und legte sich auf die Mitte der ausgelegten Dokumente. Sein Fell bedeckte die Haikus, den Abschiedsbrief und einen Teil des Formulars 7b-revised-2.

„Herr Brinkmann", sagte Thomas. „Das ist eine Ermittlung."

Herr Brinkmann schnurrte. Das Schnurren eines Katers, der auf einer Ermittlung liegt, hat eine besondere Qualität — es vibriert durch das Papier, durch die Tinte, durch die Gedanken, die in den Worten stecken, und vermischt sie zu einem Brei aus Wärme und Gleichgültigkeit.

Thomas hob Herrn Brinkmann hoch. Der Kater protestierte mit jenem gutturalen Laut, den Katzenbesitzer als „Brummen" und Nicht-Katzenbesitzer als „bedrohlich" empfinden. Thomas setzte ihn auf den Boden. Herr Brinkmann trollte sich, beleidigt, in Richtung Futternapf.

Thomas wandte sich wieder den Dokumenten zu. Er begann, sie an die Tafel zu pinnen — diesmal in seiner Reihenfolge, nicht in der der Katzen. Chronologisch. Logisch. Von der E-Mail über die Umschläge, die USB-Sticks, die Haikus, das Zimmer 601, den Ausschuss, den Locher, das Formular, die Alpaka-Babies bis zur Adresse.

Er zog die roten Fäden. E-Mail zu Schmied. Schmied zu Abteilung 6. Abteilung 6 zu Zimmer 601. Zimmer 601 zu Formular 7b. Formular 7b zu Locher. Locher zu 2847/A. Alles verband sich. Alles führte zu Schmied.

Thomas pinnte die letzte Notiz an: „Dienstagstraße 7b." Er trat zurück.

Dann hob er die letzte Notiz auf, die noch auf dem Boden lag. Es war ein kleines, quadratisches Stück Papier, das zwischen die Dielenritzen gerutscht war und das er beim ersten Aufräumen übersehen hatte. Er hatte es noch nie gesehen — er konnte sich nicht erinnern, es an die Tafel geheftet zu haben.

Er drehte es um.

Auf der Vorderseite: nichts. Leer.

Auf der Rückseite: eine Telefonnummer. Handgeschrieben. Nicht in Schmieds Handschrift — in einer anderen Handschrift, enger, aufrechter, pragmatischer. Eine Handschrift, die Thomas nicht kannte.

Es war keine Amtsnummer. Keine Durchwahl. Keine alphanumerische Kennung. Es war eine Handynummer. Zehn Ziffern, mit einer Vorwahl, die Thomas sofort erkannte, weil es die Vorwahl dieser Stadt war, dieser Stadt, in der er lebte, arbeitete, Formulare ausfüllte und in der irgendwo, am Stadtrand, in der Dienstagstraße 7b, ein Mann wohnte, der seit fünfzehn Jahren abwesend war.

Thomas betrachtete die Nummer. Woher kam sie? Sie war nicht Teil seiner Ermittlungsdokumente. Sie war nicht auf der Tafel gewesen. Sie lag auf dem Boden, zwischen den Trümmern — aber Thomas war ein ordentlicher Mensch, ein pedantischer Mensch, ein Mensch, der seine Notizen nummerierte und seine Büroklammern nach Größe sortierte. Dieses Stück Papier gehörte nicht zu seinen Unterlagen.

Es sei denn, es war schon vorher da gewesen. Zwischen den Dielenritzen. Vielleicht seit Jahren. Vielleicht schon, als Thomas eingezogen war. Vielleicht lag es dort, als er die Ermittlungstafel zum ersten Mal aufstellte, und die Katzen hatten es, durch ihre Zerstörung, ans Licht gebracht — wie Archäologen, die durch das Abtragen einer Schicht die darunter liegende freilegen.

Oder vielleicht hatte es jemand dort hingelegt. Jemand, der wusste, dass die Katzen die Tafel umwerfen würden. Jemand, der wusste, dass Thomas den Boden absuchen würde. Jemand, der eine Telefonnummer hinterlassen wollte, ohne sie offiziell zu hinterlassen.

Thomas setzte sich. Er legte die Nummer neben sein eigenes Telefon. Sein Handy. Nicht das cremefarbene Amtstelefon, sondern sein privates Mobiltelefon, das er nur für Anrufe beim Pizzadienst und gelegentliche Nachrichten von seiner Schwester verwendete, die in Bremen lebte und ihn jedes Weihnachten fragte, ob er „endlich mal rauskommt."

Die Nummer. Eine Handynummer. Aus dieser Stadt. Nicht die von Zimmer 601. Nicht die von der Auto-Reply. Eine neue Nummer. Ein neuer Faden.

Thomas wählte nicht. Noch nicht. Er war ein Sachbearbeiter. Sachbearbeiter handeln nicht überstürzt. Sachbearbeiter dokumentieren zuerst und handeln dann, und zwischen dem Dokumentieren und dem Handeln liegt in der Regel genug Zeit, dass das Problem sich von selbst löst oder der zuständige Sachbearbeiter in Rente geht, je nachdem, was zuerst eintritt.

Aber Thomas wusste, dass er wählen würde. Nicht heute. Nicht jetzt. Aber bald. Vielleicht morgen. Vielleicht nach dem Besuch in der Dienstagstraße. Vielleicht nachdem er durch die Wand von Zimmer 601 in den Raum 601b geklettert war. Vielleicht nachdem alles vorbei war — oder nachdem alles erst angefangen hatte, was, wie Thomas mittlerweile ahnte, wahrscheinlicher war.

Er pinnte die Telefonnummer an die Tafel. Ganz rechts. Am Ende aller Fäden. Oder am Anfang eines neuen.

Herr Brinkmann sprang auf den Tisch und betrachtete die Tafel mit der Aufmerksamkeit eines Kritikers, der ein Kunstwerk begutachtet, das er nicht versteht, aber respektiert.

Thomas legte die Hand auf den Kopf des Katers. „Du hast sie gefunden", sagte er. „Die Nummer. Unter den Dielen."

Herr Brinkmann schnurrte.

Thomas betrachtete seine Ermittlungstafel. Sie war vollständiger als je zuvor und doch unvollständiger denn je. Jede Antwort hatte drei neue Fragen aufgeworfen. Jeder Faden führte zu einem weiteren Faden. Jeder Umschlag enthielt einen weiteren Umschlag. Und am Ende — oder am Anfang — stand eine Handynummer, geschrieben von einer unbekannten Hand, gefunden zwischen Dielenritzen, ans Licht gebracht durch den Vandalismus zweier Katzen.

Thomas lächelte. Es war ein müdes Lächeln, das Lächeln eines Mannes, der fünfzehn Jahre lang einer Spur gefolgt war, die sich weigerte, irgendwohin zu führen, und der trotzdem — oder gerade deshalb — nicht aufhören konnte zu folgen.

Morgen. Die Dienstagstraße. Der sechste Stock. Die Wand. Die Nummer.

Aber heute: Kaffee. Katzen. Und die stille, hartnäckige, unwiderlegbare Gewissheit, dass Herbert Schmied dort draußen war. Irgendwo. Am Stadtrand. In einem Haus mit einem Alpaka im Garten. Mit einem Füllfederhalter voller Pelikan 4001 Königsblau. Wartend.

Seit fünfzehn Jahren wartend.

Wie Thomas.