Kapitel 61

Die Vorbereitung

Es gibt Entscheidungen, die ein Mensch trifft, und Entscheidungen, die einen Menschen treffen. Thomas Müller-Hinterberg hatte in seinen fünfzehn Jahren als Sachbearbeiter im Amt für Allgemeine Zuständigkeiten exakt eine Entscheidung der zweiten Kategorie erlebt: die Anschaffung des ergonomischen Bürostuhls, der sich später als Tresor für einen schwarzen USB-Stick entpuppt hatte. Alle anderen Entscheidungen — die Wahl des Mittagessens (Dienstag: Schnitzel, Mittwoch: Auflauf, Donnerstag: Reue), die Reihenfolge der Aktenbearbeitung, die Frage, ob man den Flur links oder rechts entlangging — all diese Entscheidungen hatte Thomas getroffen, mit der ruhigen Souveränität eines Mannes, der wusste, dass keine davon je Konsequenzen haben würde.

Bis jetzt.

Thomas saß an seinem Schreibtisch in Zimmer 312 und betrachtete die Notiz, auf der Frau Behrens-Goldbachs akkurate Handschrift eine Adresse vermerkt hatte: Dienstagstraße 7b. Die Adresse von Schmied. Dem Mann, der seit fünfzehn Jahren „dauerhaft abwesend" war. Dem Mann, der Formular 7b perfekt ausgefüllt, Haikus an den Drucker gesendet, Einhorn-Poster aufgehängt und 73 Bände über einen Vorgang verfasst hatte, der — wenn Thomas Schmieds eigene Worte richtig interpretierte — von nichts handelte.

Thomas musste dorthin.

Die Erkenntnis war klar, einfach und unwiderlegbar. Sie war auch, und das war das eigentliche Problem, ein dienstlicher Außentermin.

Im AAZ gab es für alles ein Formular. Für die Beantragung eines Formulars gab es ein Formular. Für die Beantragung des Formulars zur Beantragung eines Formulars gab es, seit einer Verwaltungsreform im Jahr 2004, eine mündliche Anfrage, die allerdings schriftlich bestätigt werden musste — auf einem Formular. Für einen dienstlichen Außentermin jedoch — also das physische Verlassen des Gebäudes zu beruflichen Zwecken — gab es nicht nur ein Formular. Es gab ein Ökosystem.

Formular 12c: Antrag auf dienstlichen Außentermin.

Thomas holte das Dokument aus der Schublade, in der er es seit 2014 aufbewahrte, für den Fall, dass er eines Tages das Gebäude verlassen müsste. Das Papier hatte die Farbe von vergilbtem Elfenbein angenommen und roch leicht nach Lavendel, was Thomas sich nicht erklären konnte, da er niemals Lavendel in seine Schubladen legte. Möglicherweise tat es jemand anderes. Möglicherweise wuchs Lavendel in Schubladen, die lange genug geschlossen blieben. Thomas beschloss, dieser Frage nicht nachzugehen.

Das Formular war vier Seiten lang. Seite eins: Persönliche Angaben. Name, Abteilung, Zimmernummer, Dienstgrad (Thomas wusste nicht, dass er einen hatte, trug aber sicherheitshalber „Sachbearbeiter, Stufe unbekannt" ein). Seite zwei: Angaben zum Außentermin. Ziel, Datum, geschätzte Dauer, Transportmittel, Rückkehrzeitpunkt, Vertretungsregelung. Seite drei: Begründung. Seite vier: Unterschriften.

Seite drei war das Problem.

Feld 3.1: „Zweck des Außentermins (bitte konkret)."

Thomas schrieb: „Klärung von Vorgang 2847/B."

Er legte das Formular in das Ausgangsfach. Zwanzig Minuten später lag es im Eingangsfach. Darauf klebte ein gelbes Post-it: „Bitte konkretisieren. — Kettner."

Thomas konkretisierte: „Klärung der Natur von Vorgang 2847/B."

Vierzehn Minuten später, Eingangsfach. Post-it: „Was ist die Natur? — Kettner."

Thomas schrieb: „Unbekannt. Deshalb der Termin."

Elf Minuten. Post-it: „Kann ein Termin genehmigt werden, dessen Zweck unbekannt ist? Bitte prüfen. — Kettner."

Thomas prüfte. Es gab, selbstverständlich, ein Formular dafür: Formular 12c-Anlage-7, „Ergänzende Begründung bei unklarem Terminzweck." Das Formular enthielt ein einziges Feld: „Bitte begründen Sie, warum der Zweck unklar ist." Thomas schrieb: „Der Vorgang 2847/B entzieht sich seit 1987 jeder Klassifizierung. Eine Klärung ist nur durch persönliche Rücksprache mit dem ursprünglichen Sachbearbeiter möglich, der seit fünfzehn Jahren als ‚dauerhaft abwesend’ geführt wird."

Er fügte hinzu: „Siehe auch: Bürolegende 6a."

Diesmal dauerte es eine Stunde. Thomas nutzte die Zeit, um Formular 9a auszufüllen: Antrag auf Fahrtkosten-Vorschuss. Bus 47, Einzelfahrt, geschätzte Kosten: 3,20 Euro. Das Formular verlangte eine dreifache Ausfertigung und den Nachweis, dass kein Dienstfahrzeug verfügbar war. Thomas fügte einen Vermerk hinzu: „Das Dienstfahrrad hat seit 2003 einen platten Reifen. Ein Dienstfahrzeug existiert meines Wissens nicht."

Er druckte alles in dreifacher Ausfertigung. Der Drucker — jener Drucker, der ihm einst Haikus und Schmieds Abschiedsbrief geliefert hatte — tat seinen Dienst ohne Protest. Thomas empfand etwas, das in der Nähe von Dankbarkeit lag, aber möglicherweise auch nur Gewohnheit war.

Um 14:37 Uhr erschien Herr Kettner persönlich in Zimmer 312. Dies war ein Ereignis von solcher Seltenheit, dass Thomas einen Moment brauchte, um seinen Vorgesetzten zu erkennen. Kettner trug das gleiche Sakko wie immer — ein Kleidungsstück, das die Farbe „grau" nicht trug, sondern verkörperte — und hielt Formular 12c in der Hand wie ein Archäologe ein besonders fragiles Fundstück.

„Müller-Hinterberg", sagte Kettner.

„Herr Kettner", sagte Thomas.

„Sie wollen das Gebäude verlassen."

Es war keine Frage. Es war eine Feststellung, vorgetragen mit dem Tonfall eines Mannes, der gerade erfahren hat, dass die Erde flach ist und die Schildkröten recht hatten.

„Ja", sagte Thomas.

Kettner legte das Formular auf Thomas’ Schreibtisch. In Feld 4.2 — Genehmigung des Vorgesetzten — stand ein Häkchen. Daneben, in Kettners mikroskopischer Handschrift, ein Vermerk: „Auf eigenes Risiko."

Thomas starrte auf das Häkchen. Es war, nach allem, was er wusste, das erste Häkchen, das Kettner in diesem Jahrzehnt gesetzt hatte. Kettners übliche Kommunikationsform bestand aus Fragezeichen, Ausrufezeichen und gelegentlich einem Strich, der entweder „abgelehnt" oder „zur Kenntnis genommen" bedeutete, je nachdem, wie man den Strich interpretierte.

„Danke", sagte Thomas.

Kettner nickte. Er wandte sich zur Tür. Dann hielt er inne.

„Müller-Hinterberg."

„Ja?"

„Wenn Sie Schmied finden…" Kettner zögerte. Es war das erste Mal, dass Thomas seinen Vorgesetzten zögern sah. „Fragen Sie ihn, wo er den guten Kaffee versteckt hat. Die Maschine in der Küche macht seit 2009 nur noch heißes Wasser mit Enttäuschungsaroma."

Kettner ging. Die Tür schloss sich mit dem leisen Klicken eines Formulars, das genehmigt wird.

Thomas betrachtete das genehmigte Formular 12c. Er betrachtete das genehmigte Formular 9a (Fahrtkosten: bewilligt, mit dem Vermerk „Quittung erforderlich"). Er betrachtete die dreifache Ausfertigung der ergänzenden Begründung. Er hatte alles. Er hatte die Genehmigung, die Begründung, den Fahrtkosten-Vorschuss und den Vermerk „Auf eigenes Risiko", der klang, als würde Thomas nicht einen ehemaligen Kollegen besuchen, sondern eine Expedition in den Dschungel unternehmen.

In gewisser Weise, dachte Thomas, war das vielleicht gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.

Er legte alle Formulare in eine Klarsichtmappe, die Klarsichtmappe in einen Schnellhefter, den Schnellhefter in seine Aktentasche. Dann öffnete er eine neue Datei auf seinem Computer und tippte:

To-Do-Liste: Besuch bei Schmied.

Er schrieb „1." und hielt inne.

Die Liste, die in den nächsten Stunden entstehen würde, sollte in die Annalen des AAZ eingehen — sofern das AAZ Annalen führte, was, wie Thomas dunkel ahnte, ebenfalls ein Formular erfordert hätte.